Chasing the Sun

23. Februar 2012

Den längsten Sonnenuntergang erlebt, wer kurz vor unser Zentralgestirn hinter dem Horizont verschwindet startet und westwärts fliegt. Der optimale Flug für dieses Erlebnis ist unser Kurs nach Boston, der um 17:25 Uhr abhebt. Hier einige Impressionen vom Sunset über den Wolken des Nordatlantiks:

Nach dieser „Lightshow“ mussten wir kurz absinken um ein Wolkenband zu unterfliegen, in dem uns von voraus fliegenden Kollegen  schwere Turbulenzen gemeldet wurden.

Nach dem Passieren dieser Zone erkannte ich beim hinausspähen über dem Kondensstreifen einer höher fliegenden Lufthansa A340 die silberne Sichel des nur gerade 22 Stunden alten Mondes. Ein persönlicher Rekord für mich, den ich wohl nicht so schnell verbessern werde.

Die beleuchtete Fläche betrug nur 0.9% des gesamten Mondes. Noch während ich mich über meine Entdeckung freute, bemerkte ich links neben dem Mond den Planeten Merkur, ein ebenfalls nicht oft sichtbarer Gast.

Gleichzeitig funkelten weiter oben die Venus und Jupiter um die Wette. Wer findet die vier Himmelskörper im folgenden Foto?

Sushi statt Alligatoren

18. Februar 2012

„Grüezi Herr skypointer. Sagt ihnen A340 Recency etwas?“

Juhui, ich bin Telefonjoker in „Wer wird Millonär?“…

„Spricht da Herr Jauch?“ „Nein das Crew Reassigment“

Scheisse!

„Aha, `tschuldigung. Mit der A340 Recency habe ich aber kein Problem!“ „Wir müssen ihnen einen neuen Flug geben.“ „Wegen meiner A340 Recency? Damit habe ich, wie erwähnt, kein Problem.“ „Bei ihnen im Einsatz steht aber A340 Recency und deshalb gibt es einen neuen Flug.“ „Das kapier ich jetzt nicht, aber was gibt es denn für einen Flug?“ „Narita statt Miami“

Scheisse im Quadrat!

„Das sind aber beides A340 Flüge. Was hat das Ganze mit A340 Recency zu tun?“ „Da muss ich nachfragen.“

Pause. Leise Hoffnung keimt.

„Lack of staff“ „Ooookey. Und inwiefern hilft es, wenn ich nach Narita statt Miami fliege?“ „Moment bitte!“

Pause. Noch leisere Hoffnung keimt.

„Uns fehlen Cruise Enlarger.“ „Also hat es nichts mit meiner Recency zu tun!?!“ „Nein aber das steht in ihrem Einsatz“ „Schön. Stimmt aber nicht! Und jetzt muss ich umpacken. Trotzdem en schöne Abig no!“

T-Shirt, Shorts, Baseball Cap und Strandlatschen raus. Rollkragenpulli, Winterjacke, Schal und Mütze rein. Scheisse hoch Amerika! Oder vielleicht eher Japan. Wie auch immer. Noch kurz den Mietwagen abbestellen und drei oder vier Mal heftig fluchen. Langsam verabschiede ich mich geistig von den versprochenen 26°C, von den Florida Keys und dem versprochenen Vectoring durch das TWR Mädel bei meiner Rückkehr. Oh ja bei ihr muss ich mich auch noch abmelden. Nicht dass sie mit dem falschen Piloten flirtet…

Auf dem Hinflug wurden wir von einem Nordlicht verwöhnt. Nein der First Class Steward war nicht aus Hamburg, obwohl auch der uns verwöhnte. Das Nordlicht irrlichtete am Himmel über Sibirien.

 

Danach erkläre ich meinem Copi Kollegen und Tokyo Neuling, dass Narita eine total coole Destination ist. Hoppla. Ich kann Lügen ohne rot anzulaufen. Nach kurzem Nachschlafen geht es gemeinsam zu Fuss in den Starbucks in der Aeon Shoppingmall. Ein Grande Latte, der mit zwei Stunden Fussmarsch verdient wird. Ich liebe Japan!

Statt Lorelei Sunset Bar heisst es am Abend dann Barge Inn. Bier gibt es zum Glück auch hier. Girls und Aussicht aber fehlen. Dieses Manko kann nur mit mehr Bier kompensiert werden. Nach dem vierten Bier fällt der Entschluss anderntags in die Stadt zu fahren.

„Morgen skypointer. Hast Du das Erdbeben am Morgen um halb drei gespürt?“ „Hä? Erdbeben? Du hast gestern wohl zu viel gesoffen und dein Bett hat den Kreisel gemacht! Das hat aber nichts mit Erdbeben zu tun…“ Wie sich später rausstellen sollte, war das Beben aber real und mein Schlaf etwas zu (bier)seelig.

Das Sightseeing ging dann ohne grössere Erschütterungen vonstatten. Zugfahrt nach Ueno, Fussmarsch nach Asakusa, Tempel, Bootsfahrt zum Hinode Pier, Tempel, Tokyo Tower, Nudelsuppe, rechtzeitige Fahrt zurück um nicht das Nachtessen mit der Crew zu verpassen.

 

  

Mein persönliches Highlight auf diesem Trip war die Plakette auf der Aussichtsplattform des Tokyo Tower, die in Blindenschrift die Aussicht erklärte. Auch wer, wie ich, keine Ahnung von Blindenschrift hat, erkennt darauf problemlos Mt. Fuji.

 

Zudem konnte ich dem Kollegen Tokyo ein bisschen näher bringen, so dass er vielleicht nicht ganz so frustriert ist, wenn es einmal heissen sollte „Sie fliegen neu nach NRT statt nach MIA“…

Nachtrag:

Kaum wieder zu Hause schaltete ich am Abend den Fernseher ein. Das Schweizer Fernsehen zeigte „SF Unterwegs“ mit dem Thema Florida. Kurz stieg der Frust wieder in mir hoch, doch dann genoss ich die Sendung. Die Reise führte übrigens von Miami Beach nach Key West…

 

Der Anflug – Nachtrag

4. Februar 2012

Mein vorletzter Post handelte vom Anflug am frühen Morgen auf die Piste 34 in Zürich.

TWR Mädel hat bekanntlich auf ihrem Blog gezeigt, wie dieser Morgen aus ihrer Warte aussah.

Das wäre natürlich noch kein Grund die alte Geschichte nochmals aufzuwärmen. Mittlerweile hat mir aber ein frierender Fotograf namens Silvan Widler freundlicherweise einige Fotos zur Verfügung gestellt, die unseren Anflug aus seiner Sicht zeigen. Mit seiner Erlaubnis möchte ich Euch diese genialen Bilder nicht vorenthalten:

Wer noch mehr von Silvans fotographischer Arbeit, die auch sensationell schöne Naturaufnahmen umfasst, sehen möchte, dem kann ich seine Homepage www.widipix.ch und sein Flickr Account http://www.flickr.com/photos/68657767@N02/ wärmstens empfeheln!


				

Schoggi Connection

20. Januar 2012

Es nimmt kein Ende. Wer hoffte nach dem Rücktritt von Philipp Hildebrand würde alles etwas ruhiger, der sieht sich arg enttäuscht. Schon schwelt der nächste Brandherd:

Offenbar soll, gemäss Aussage eines Hilfsmechanikers des Pneuhaus Adam Touring, die Ehefrau des SF Chefmeteorlogen Thomas Bucheli, genau einen Tag vor dem ersten Schneefall bis ins Flachland, neue Winterreifen gekauft haben.

SRG Genraldirektor Roger de Weck wurde zwar informiert – man munkelt Jörg Kachelmann hätte den „Briefträger“ gespielt – entschied aber die Affäre unter den Teppich zu kehren. Deshalb wurde die Weltwoche involviert (für den Blick war die Geschichte zu unseriös). Man darf also gespannt sein mit welchen Märchen die Investigativ-Journallie die Glosse zum Skandal aufköppelt aufpäppelt.

Im Schatten dieses im Entstehen begriffenen Sturmes im Wasserglas, blieb ein weiterer Skandal bisher völlig unbemerkt. Weil die rechtsbürgerliche Qualitätspresse sich ausser Stande sieht, zwei Lügengebäude gleichzeitig aufzubauen und da die Affäre Hildebrand noch nicht ausgereizt ist (schliesslich ist Frau Widmer-Schlumpf noch immer im Amt), wurde die höchst anrüchige Angelegenheit an mich herangetragen. Hier also exklusiv der übernächste Schweizer Wirtschaftsskandal:

Die anonym bleiben wollende Raumpflegekraft E.T.* (*Name dem Blogger bekannt) bemerkte während einer Bildschirmreinigung in der SWISS Einsatzplanung für Piloten zufällig (!) einige ihr unverständliche Daten. Sie machte deshalb mit ihrem iPhone einen sogenannten Screenshot und postete diesen umgehend auf Facebook und Twitter. Leider interessierte sich keine Sau für diese langweiligen Posts. Frustriert wollte E.T. deshalb nach Hause telefonieren, vertippte sich aber mit ihrem grossen Zeigefinger auf dem kleinen Bildschirm ihres iPhones und landete so bei ihrem alten Schulfreund R.M.** (**Name geändert – R.M. steht für Reinhard Lei May), der bei der Ferienplanung der Fluglotsen die Türklinken poliert.

Da sie R.M. nun schon am Draht hatte, diskutierte E.T. ihr Problem mit ihm und schickte ihm die Screenshots. R.M. druckte diese auf dem erstbesten herumliegenden Blatt Papier aus. Es war die Ferienplanung einer bloggenden Fluglotsin Namens T.M. Nun fiel es R.M. wie Schuppen von den Augen: Hier war etwas ganz Grosses im Gange.

E.T.s Screenshots zeigten die Flugwünsche von drei Piloten. Captain D. und die SF/O G! und S.P. hatten ihre Flugwünsche so platziert, dass sie zeitlich genau mit dem Ferienstart und -ende von T.M. zusammenfielen. Konnte dies Zufall sein?

R.M. kontaktierte in der Folge den befreundeten, freigestellten IT Berater einer Schweizer Privatbank R.T., welcher das Computervirus Stussnet so umprogrammierte, dass er damit die privaten Computer der verdächtigen Piloten und der ATC Controllerin ausspionieren konnte.

Diese verdeckte Ermittlung förderte einen regen email Verkehr zwischen den vier verdächtigen Protagonisten zu Tage, der beweist, dass im Vorfeld der Flugwünsche massiv geheime Absprachen getätigt wurden und dass T.M. wenige Tage vor Eingabe der verdächtigen Flugwünsche auf den entsprechenden SWISS Flügen einen Sitzplatz gebucht hatte. Zudem zeigte sich, dass nebst T.M. auch die drei verdächtigen Piloten zur Blogger Gemeinde gehören und dass sie, zusammen mit einem vierten, unter dem Pseudonym nff agierenden Pilotenblogger, vor Weihnachten von T.M. mit Weihnachtsguetsli beliefert wurden. Zumindest Captain D. kann im Gegenzug die Bestechung der Fluglotsin T.M. mit Schokolade zweifelsfrei nachgewiesen werden. Schliesslich hatten sowohl die Piloten auf ihren Dienstreisen, als auch T.M, anlässlich einer angeblich privaten New York Reise im Dezember, Devisengeschäfte in der Höhe von mehreren hundert Dollar getätigt!

Ausgerüstet mit diesen brisanten Informationen, konfrontierte E.T. nun den SWISS Chief Operating Officer R. Hiltebrand, welcher die ganze Angelegenheit mit der Bemerkung, es sei völlig undenkbar, dass ein Pilot freiwillig Arbeit wünsche, zurückwies.

Nach dieser rüden Abfuhr kontaktierte E.T. den selbsternannten Aviatik Experten Depp Loser, der sie darüber aufklärte, dass die SWISS Langstrecke völlig überdimensioniert und somit nicht überlebensfähig sei. Deshalb stehe der Konkurs der SWISS unmittelbar bevor und T.M. werde unmöglich mit SWISS und den verschwörerischen Piloten in die Ferien fliegen können. Danach redete sich Depp Loser mit weiterem wirrem Zeug so in Rage, dass E.T. den psychiatrischen Notfall alarmierte, welchem es erst nach mehreren Stunden gelang Herrn Loser zu sedieren.

Mittlerweile völlig verzweifelt und juristische Konsequenzen fürchtend, wandte sich E.T. an den Milieuanwalt Valentino Compatriota, der zu äusserster Diskretion riet und sich sofort um Interviews mit Blick, Weltwoche, Glückspost, Tele Züri und National Enquirer bemühte. Zeitgleich wurden mir die oben publizierten, brisanten Unterlagen von einem unbekannten Briefträger zugetragen.

Angesichts dieser schockierenden Tatsachen stellen sich nun die folgenden Fragen:

- Haben sich die vier Aviatik Blogger zu einer verschwörerischen Gemeinschaft, der sogenannten Schoggi Connection, zusammengeschlossen?

- In welchem Zusammenhang stehen die Dollargeschäfte der Schoggi Connection mit jenen von Frau Hildebrand?

- Versucht der SWISS COO Hiltebrand mit einer durchsichtigen „dt-Rochade“ seine Verwandtschaft mit dem zurückgetretenen Schweizer Nationalbankpräsidenten zu vertuschen?

- Hat das SWISS Management bei der berüchtigten “Brettli”-Aktion aus Rücksicht auf die Schoggi Connection Edelschokolade statt Käse verschickt?

- Kann Captain D. seine Schoggikosten als Berufsausgaben von den Steuern absetzen?

- Wird Thomas Bucheli für die Ferienflüge von T.M. schönes Wetter organisieren und erhält er dafür als Gegenleistung nächstes Jahr auch Weihnachtsguetsli?

- Gilt das Erteilen eines Verteidigungsmandates an Herrn Compatriota als Schuldeingeständnis?

- Würde G! Herrn Compatriota bei einem allfälligen Entzug seines Anwaltspatentes verteidigen?

- Warum veröffentlicht Copilot S.P. diese abstruse Geschichte auf seinem eigenen Blog?

- Welche Rolle spielt der vierte Pilotenblogger nff in diesem verworrenen Spiel? War er der mysteriöse Briefträger und warum hat er sich ins Engadin abgesetzt?

- Haben Sie sich wirklich die Zeit genommen diesen Stuss bis zum bitteren Ende durchzulesen und was hält Ihr Chef davon?

Der Anflug

16. Januar 2012

Heute versinkt vieles im Einheitsbrei. So sieht etwa auf der ganzen Welt das Frühstück im Hotel gleich aus. Auch die Flughäfen gleichen sich, trotz ihrer oft hochgelobten, futuristischen Architektur, wie ein Ei dem anderen. Shopping scheint allerorts die Fliegerei als Hauptzweck zu verdrängen.

Selbst die Anflüge warten heute kaum mehr mit Überraschungen auf. Eine RNAV Transition mündet in einen ILS Anflug, den der Pilot von heute auf dem standardisierten 3° Winkel „hinunterrutscht“ um schliesslich auf einem gut 3 Kilometer langen, 45 bis 60 Meter breiten und möglichst flachen Betonstreifen aufzusetzen.

Für den noch nicht ganz zum abgestumpften Cockpitmanager mutierten, fluggeilen Luftkutscher bildet ein Canarsie Approach in New York JFK, ein Saleya Approach in Nizza, ein RNAV/visual Approach in Tel Aviv oder ein reiner Sichtanflug in Genf jeweils das einsame Highlight in oft monatelanger Monotonie. Sollten zufälligerweise zwei Flugomanen zusammen fliegen, so reissen sich natürlich beide um einen solchen Anflug. Der Copilot setzt dann für gewöhnlich den treuherzig bettelnden Hundeblick auf, während der Kapitän gnadenlos auf seine Befehlsgewalt verweist. Das latent vorhandene Konfliktpotential lässt sich zum Glück normalerweise durch intensives Crew Resource Management entschärfen – sprich der am meisten Bier bietende, darf am Ende den Anflug fliegen…

Andere Anflüge zeichnen sich weniger durch die fliegerische Herausforderung, als durch ihre Schönheit aus. Ein solcher Anflug ist zum Beispiel jener in San Francisco, den ich an dieser Stelle schon vorgestellt habe.

Dann gibt es noch den berühmt-berüchtigten, politisch kontroversen, dank seines 3.2° Anflugwinkels fliegerisch nicht ganz trivialen und bei klarem Wetter fantastisch schönen Südanflug nach Zürich. Wahrscheinlich werde ich dafür von gewissen Kreisen wieder einmal gekreuzigt, aber trotzdem bin ich der Meinung, dass der ILS Anflug auf die Piste 34 in Zürich zu den schönsten Anflügen unseres Streckennetzes zählt. Eine echte Bereicherung im ach so tristen Pilotenalltag.

Während die Neobloggerin TWR Mädel tags darauf ihre Morgengrüsse vom Tower aus erteilte, durfte ich am Sonntag den Südanflug in klarem Winterwetter, kurz vor Sonnenaufgang fliegen. Die dabei entstandenen Bilder möchte ich, auch als kleine Wiedergutmachung für all jene, die durch den Anflug aus ihren süssen Träumen gerissen wurden, hier zeigen:

 

Endlich schön

12. Januar 2012

In letzter Zeit war ich wahrlich nicht mit Wetterglück gesegnet. Deshalb war ich heilfroh, dass es nun einmal anders war. Zwar warf mich mein Wecker zu einer Uhrzeit Unzeit, die für verweichlichte Langstreckenpiloten noch als mitten in der Nacht gilt, aus den Federn. Dieses Problem wurde allerdings mit vier Tassen Kaffee elegant aus der Welt gespült.

Während der Anfahrt versperrten mir unzählige bleichgesichtige und rotäugige Bürogummis die zur normalen, christlicheren Zeit gewohnt freie Bahn. Auch das Wetter erweckte keinen besonders freundlichen Eindruck. Zum Glück war es aber nur harmloser Hochnebel der mir den Blick auf die Sonne verwehrte. Der Wetterbericht bestätigte meine Einschätzung. Problemloses Wetter und über dem Hochnebel sogar ein freier Blick auf die Alpen war angesagt. Auch an unserer Destination sollte Chefpilotenwetter herrschen.

Im Gegensatz zur Strasse war, dank der frühen Stunde, vor der Piste keine Kolonne. Deshalb konnten wir ohne Verzögerung starten. Nach dem Wolkendurchstoss musste ich zuerst die Sonnenbrille zwischen den gleissenden Sonnenschein und meine noch immer müden Augen schieben, bevor ich den Ausblick auf die frisch verschneiten Alpen geniessen konnte.

Etwa eine Stunde nach dem Top of Climb verspürte ich wieder akuten Koffeinmangel. Sofort bestellte ich einen ersten Espresso. Es würde nicht der letzte bleiben. Kaffeeschlürfend sinnierte ich über die bemitleidenswerten Bürolisten, welche, einen Tisch pilotierend, tief unter mir in der grauen Suppe festsassen.

Langsam tat das Koffein seine Wirkung. Meine Lebensgeister erwachten immer mehr und mein Horizont erweiterte sich entsprechend. Als ich mich, mittlerweile hellwach, umsah, musterte ich den Kapitän neben mir. Auch er hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt und schien die Aussicht zu geniessen. Vor ihm, auf seinem Tischchen stand eine Flasche. Aber was war den das? Völlig perplex bemerkte ich, dass mein Kollege nicht etwa an einem Kaffee, sondern an einem Glas Weisswein nippte!

„Aber hallo Martin. Alkohol im Dienst? Was fällt Dir eigentlich ein?“ rief ich den Kapitän zur Ordnung. „Zieh zuerst einmal Deine Sonnenbrille aus, damit ich Dich richtig sehen kann!“ schnauzte der Kapitän zurück. Als ich seiner Aufforderung Folge leistete meinte er: „Aha der Skypointer. Dacht ich mir doch!“ „Was denn?“ fragte ich. „Na es kann ja nur ein Instruktor sein, der den Unterschied zwischen Cockpit und Skihütte nicht kennt…“

Riding Andrea

5. Januar 2012

Bei knackigen -18°C ist jedes Mittel recht um sich warm zu halten. Besonders wenn dank dem Wind Chill Faktor die gefühlte Temperatur -35°C beträgt. Deshalb half selbst der Steward beim Kofferausladen. Die ganze Crew wollte möglichst schnell ins wärmere Gefilde des Flughafengebäudes. Der Wunsch nach wärmerem Wetter sollte allerdings schneller in Erfüllung gehen als uns lieb war.

Schon während der Cockpitvorbereitung erreichte eine Warmfront Montreal und die Temperatur stieg innert einer Stunde um knapp zehn Grad. Natürlich geht so etwas nicht ohne Schneefall vonstatten und so war bald klar, dass wir nicht um eine Enteisung herum kommen würden. Zum Glück wissen die Kanadier genau, wie man bei solchen Wetterverhältnissen reagiert und da zudem der Flugverkehr in der Provinz von Québec deutlich dünner ist als in der Weltmetropole Zürich, ging das ganze Procedere ohne Chaos über die Bühne.

Trotzdem hoben wir erst mit einer guten Stunde Verspätung Richtung Zürich ab. Allerdings war niemand wirklich unglücklich über die Verzögerung, denn die Flugzeit betrug trotz möglichst ökonomischer, sprich äusserst langsamer, Reisegeschwindigkeit nur 6 Stunden 15 Minuten. Verantwortlich dafür war ein durchschnittlicher Rückenwind von 180 km/h. Selbst ohne Enteisung hätten wir deshalb nicht früher starten können, da wir sonst in Zürich, wegen den Anflugbeschränkungen aus Lärmschutzgründen, nicht hätten landen dürfen.

Natürlich bewirkt so viel Wind meist auch unruhige Luft und so waren wir nicht überrascht, dass gemäss unseren Wetterkarten mehrere Zonen mit starken Turbulenzen auf unserer Route lagen. Bereits vor dem Abflug forderten wir deshalb die Cabin Crew auf den Service möglichst schnell abzuschliessen, da das grosse Geschüttel spätestens nach eineinhalb Stunden einsetzen würde.

Es kam wie es kommen musste: Der Service wurde im Eiltempo beendet, alle Küchen waren gesichert und das Anschnallzeichen eingeschaltet, die Cabin Crew sass angeschnallt auf ihren Sitzen und die ängstlicheren unter den Passagiere klammerten sich präventiv an ihre Kotztüten – nur die Turbulenzen blieben aus und 230 Passagiere fragten sich ob die Luftkutscher denn gar keine Ahnung von Meteorologie hätten…

Trotzdem ging es im Eilzugtempo Richtung Zürich. Bis 620 Knoten stieg unsere relative Geschwindigkeit gegenüber dem Boden. Auf unserem Ausweichflugplatz Dublin fegte der Sturm mit 80 km/h über den Platz während wir knapp 12‘000 Meter höher immer noch mit doppelt so viel Wind Richtung Feierabend geblasen wurden.

Auch in London und Paris war das Wetter nicht besser – und leider auch nicht in Zürich. Regen und Wind aus Südwest mit Böenspitzen von 70 km/h und Scherwinden im Anflug wurden angedroht. Bei solchen Verhältnissen entstehen in Zürich, bedingt durch das Terrain und die Gebäude südlich der Piste 28, heimtücksche Rotoren, welche den Anflug richtig unangenehm gestalten. Deshalb besprachen wir während der Anflugvorbereitung alle Eventualitäten, wie die Vor- und Nachteile der möglichen Landekonfigurationen, die Reaktion auf eine eventuelle Windshear Warnung, das normale Durchstartmanöver und vieles mehr, bis ins Detail.

Der Anflug gestaltete sich dann wie erwartet als Kampf gegen die wütenden Elemente. Der Flugweg führte zwischen grünen, gelben und violetten Farben des Wetterradars durch. Auf 1500 Meter über Grund wurden wir mit 100 km/h Wind und einem Driftwinkel von 30° auf den ILS Leitstrahl gespült. Im Endanflug fanden diesmal die Turbulenzen, Böen und Rotoren wirklich statt. Die dadurch hervorgerufene Querlage des Flugzeugs musste mehrmals mit Steuerausschlägen bis zum mechanischen Anschlag korrigiert werden. Trotzdem setzten wir schliesslich sanft und pünktlich in Zürich auf.

Beim Verlassen der Piste löste sich bei mir die Anspannung und ich gratulierte meinen Kollegen zum gelungenen Anflug und der schönen Landung. Trotzdem war ich heilfroh wieder am Boden zu sein, denn nichts ist für mich unangenehmer als bei schwierigen Wetterverhältnissen hilflos auf dem dritten Sitz im Cockpit zu sitzen und als Instruktor zuzuschauen wie die Kollegen, in diesem Fall der Kapitän und ein von mir betreuter „Baby-Kopilot“, gegen die Elemente kämpfen, ohne dass ich dabei irgendwie helfen kann…

2011 in review

1. Januar 2012

Die WordPress.com Statistikelfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2011 an. Es ist für mich immer wieder erstaunlich wie viel meine Texte gelesen werden. Besten Dank an die treue Leserschaft und vor Allem auch an die fleissigen Kommentatoren!

Hier ist eine Zusammenfassung:

Das Sydney Opera House bietet Platz für 2.700 Konzertbesucher. Dieses Blog wurde in 2011 etwa 51.000 mal besucht. Das entspräche etwa 19 ausverkauften Konzertveranstaltungen im Sydney Opera House.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Happy New Year

31. Dezember 2011

Dieses Jahr darf ich Neujahr zu Hause feiern. Ich werde deshalb bei einer Gedenkminute auf die weniger glücklichen, arbeitenden Kollegen anstossen.

Meinen treuen Lesern und allen Kolleginnen und Kollegen, egal wo auf der Welt sie sich gerade befinden, einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Unruly

28. Dezember 2011

Irgendwie ist der Crewbunk heute gar nicht einmal so unbequem. Ungewöhnlich ist auch, dass es für einmal keine Turbulenzen hat während ich meine Ruhephase habe. Zufrieden döse ich im Halbschlaf vor mich hin. Während ich in einem entfernten Winkel meines schlaftrunkenen Hirns meinen San Francisco Aufenthalt plane, dringt ein Lärm von der anderen Seite der Tür immer deutlicher in mein Bewusstsein.

Können die nicht etwas ruhiger sein? Schliesslich versuche ich hier zu schlafen! Unwirsch drehe ich mich in meiner Koje um und knalle mit Schwung meinen Kopf gegen die Wand. Scheissbunk! Herrgott nochmal ich will doch nur schlafen…

Draussen steigert sich der Lärm langsam zum Tumult. Brauchen die etwa meine Hilfe? Zum Glück ist die Cabin Crew, im Gegensatz zu uns Piloten, für solche Situationen ausgebildet. Also halte ich mich da besser raus. Ich ziehe mein Kissen über den Kopf und versuche weiterzuschlafen. Zum Einschlafen versuche mich an die Definition von „Unruly Passengers“ in unserem Betriebshandbuch zu erinnern. Ich kriege es nicht ganz auf die Reihe, aber so oder ähnlich muss diese lauten:

Unruly passengers are passengers

  • failing to observe relevant instructions;
  • causing discomfort to others;
  • jeopardising the safety and security by disruptive behaviour.

Generally, unruly passengers can be classified into the following main categories:

  • those who behave abusively in general;
  • those who refuse to follow regulations;
  • those who repeatedly disregard instructions

Draussen geht es noch immer hoch her. Plötzlich höre ich wie mein Name gerufen wird. „Wach endlich auf Skypointer. Wir brauchen hier Deine Hilfe!“ Sofort hellwach stürze ich, ohne Rücksicht auf Verluste, im Pyjama vor die Tür. Ein einziger Blick reicht um die Situation zu erfassen:

Rechter Hand beschwert sich ein Herr mit hochrotem Kopf lauthals darüber, dass sein Essen noch immer nicht bereit sei. Noch während ich mich frage ob dies wirklich ein Grund sei sich so aufzuregen, bemerke ich wie zu meiner Linken die kleine Zicke, die schon vor meiner Ruhepause ein Riesentheater veranstaltete, kurzerhand auf den Boden pisst. Mittlerweile hat sich der Choleriker rechts von mir in einen wahren Schreikrampf gesteigert. Seine Stimme überschlägt sich schrill und mit schmerzenden Ohren wende ich mich wieder nach links wo ich gerade noch sehe wie die junge Dame auf den Tisch kackt. Was für ein Chaos!

„Was soll ich…?“ „Na was wohl? Schnapp Dir Marco und gib ihm endlich seinen Schoppen, während ich Stella wickle und die Schweinerei hier wegwische.” fällt mir meine Frau ins Wort. „Oder willst Du das übernehmen?“

Ich will mich nicht vordrängen. Also schnappe ich mir schreienden Junior und beginne mit der Fütterung des Raubtiers, während ich zum ersten Mal im Leben den Crewbunk vermisse…


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