Archive for April 2010

Temporary Grounding

27. April 2010

Mit dem Titel meine ich nicht das von der Vulkanasche verursachte Chaos. Dieses hat sich ja mittlerweile wieder gelegt und auch die Aschewolke hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Allerdings würde heute auch ohne diese Auflösungserscheinungen wieder geflogen, da sich mit der Aschewolke auch die Sicherheitsbestimmungen aufgelöst haben. So hat die britische Flugsicherheitsbehörde beschlossen, dass unter zwei Mikrogramm Asche pro Kubikmeter Luft keine Gefahr für die Fliegerei besteht. Deshalb würden heute, unter denselben Bedingungen wie vor einer Woche, keine Lufträume mehr gesperrt. Kommerzieller Druck wegen dem drohenden Konkurs der halben Europäischen Airline Industrie hat bei diesem Entscheid natürlich keine Rolle gespielt…

Vorbei sind also die Tage, an denen eine Hälfte der Besatzungen Vulkanfrei hatte, während die restlichen Crews endlich einmal in den Genuss eines vernünftig langen Aufenthaltes an ihren Destinationen kamen.

Einzig die Juristen und Buchhalter beschäftigen sich heute noch mit den Folgen der Aschewolke. Verluste werden eruiert und Schuldige gesucht. Eigentlich sollten die Isländer für den angerichteten Schaden aufkommen – aber die sind leider bereits Bankrott! Wer könnte also sonst noch zur Kasse gebeten werden? Die Versicherungen? Die bezahlen eh nie. Die Transportminister, denen die Luftämter unterstellt sind? Kaum. Schliesslich hat noch nie ein Politiker wirklich Verantwortung übernommen.

Am Ende wird der Verlust also an den Airlines hängen bleiben. Doch damit ist die Sache natürlich noch nicht gegessen. Zwar wäre eine Flurbereinigung bei den Europäischen Fluggesellschaften überfällig und wer die Risiken seines Geschäfts – und dazu gehört die Luftraumsperrung der letzten Woche – nicht selber tragen kann, hat keine Existenzberechtigung. Da aber kaum ein Staat seine National Airline eingehen lässt, werden die Steuerzahler die Zeche am Schluss bezahlen müssen. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht schon all ihr Geld in Griechenland versenkt wurde…

Aber zurück zum temporären Grounding – meinem Grounding. Was dramatisch tönt, hat einen banalen Hintergrund. Das Planungsroulette meint es zurzeit besonders gut mit mir und schickt mich praktisch ausschliesslich in die Instruktion. In den Simulator also. Das hat den Vorteil, dass der Einsatzplan nicht durch Vulkanfrei durcheinander gebracht werden kann. Keine zusätzlichen Freitage, an denen die unerwartete Freizeit plötzlich mit sinnvollen Beschäftigungen gefüllt werden muss. Keine langen Aufenthalte im Ausland mit Ausflügen und Sightseeing.  

Überhaupt bringt ein solcher Bodeneinsatz entscheidende Vorteile mit sich. Mangels durchgearbeiteter Nächte bemerkt man verwundert, dass die Matschbirne doch nicht selbstverständlich ist. Auch die Nackenverspannungen sind dank Crewbunk Entzug plötzlich wie weggeblasen. Zudem fallen all die Entscheidungsfindungen weg. Alles wird viel einfacher. Das Nachtessen gibt’s zu Hause und den Apéro aus dem Kühlschrank. Shopping heisst Einkaufen und findet im Coop statt.

Beim genaueren Hinsehen überwiegen jedoch die Nachteile. Die automatische Fütterung alle 20 Minuten entfällt. Zu Hause gibt’s keinen Nespresso und der Kaffee aus dem Automat im Schulhaus ist schrecklich. Die Mundtrockenheit nach vier Stunden Briefing und zweieinhalb Stunden Simulator übertrifft sogar jene nach dreizehn Stunden Nachtflug.

Entscheidend ist aber, dass synthetische Fliegerei, in einer auf Hydraulikstützen montierten Kiste, nach kurzer Zeit schlicht keinen Spass mehr macht. Auch Kollegen quälen wird, wenn man einmal alle möglichen Fehler gesehen hat, langweilig.  Deshalb fand ich es überhaupt nicht lustig als ich meinen Mai Einsatz aus dem elektronischen Postfach zog und bemerkte, dass ausser einem Hong Kong Flug wieder ausschliesslich Simulator geplant war.

Herrgott ich bin doch Pilot und nicht Simulant! Darum lasst mich wenigstens im Juni wieder fliegen, denn selbst mit Matschbirne und Nackenverspannungen gilt:

Nur fliegen ist schöner…

Volcanic Ash

16. April 2010

Zurzeit ist Vulkanasche in aller Munde. Halb Europa steht am Boden, weil in Island der Vulkan mit unaussprechlichem Namen Eyjafjallajokull ausgebrochen ist.

Dem aviatischen Laien ist wahrscheinlich nicht klar weshalb ein simpler Aschenauswurf eine so drastische Massnahme wie die Schliessung des halben europäischen Luftraumes nötig macht. Die Antwort ist aber relativ einfach:

Vulkanasche und Flugzeuge sind inkompatibel!

Die Partikel in einer Aschewolke sind ca. 100 Mikrometer klein, extrem scharfkantig und statisch stark geladen. Da sie keine Feuchtigkeit enthalten, sind sie zudem auf dem Wetterradar unsichtbar.

 

Flugzeuge nehmen beim Durchfliegen von Aschewolken auf verschiedene Arten starken Schaden:

  • Die kleinen, scharfkantigen Partikel wirken wie ein Sandstrahlgebläse und dringen in alle Flugzeugsysteme ein. Scheiben werden zu Milchglas, völlig undurchsichtig. Zudem werden praktisch alle Flugzeugsysteme, wie Treibstoff, Öl, Hydraulik und Zapfluft, kontaminiert.
  • Die Asche verstopft die Sensoren. Geschwindigkeitsanzeigen fallen aus. Höhenanzeige und Druckmessung zur Triebwerksteuerung sind ungenau.
  • Die Asche schmilzt in den Triebwerken und lagert sich an der Turbine wieder an. Die Strömungsverhältnisse in den Triebwerken werden dadurch massiv verändert, was zu Schubverlust oder Triebwerksausfall führen kann.
  • Der Treibstoff wird statisch aufgeladen und lagert sich an den Wänden der Brennkammer an. Dadurch ist das Kerosin-Luft Gemisch nicht mehr zündfähig und die Triebwerke löschen ab.
  • Das gesamte Flugzeug wird statisch aufgeladen. Dadurch wird die elektromagnetische Strahlung abgeschirmt und der Funk hat eine massiv kürzere Reichweite oder fällt total aus.

Falls ein Flugzeug in eine Aschewolke gerät, ist die einzige Rettung eine unmittelbare 180° Kurve. Nur ausserhalb der Wolke besteht Hoffnung, dass die Triebwerke wieder gestartet werden können. Da die Ausmasse der Wolke den Piloten nicht bekannt ist, garantiert nur eine Umkehrkurve, dass das Flugzeug in nützlicher Frist wieder in klare Luft kommt.

Mir sind zwei Fälle bekannt, in denen Maschinen, die in Aschewolken einflogen, einen Totalausfall der Triebwerke erlitten:

1989 flog eine 3 Monate alte Boeing B747 der KLM in die Aschewolke des Mt. Redoubt in Alaska. Alle Triebwerke fielen zeitweise aus. Das 120 Mio. US$ teure Flugzeug wurde für 80 Mio. US$ repariert.

Im Juni 1982 flog eine British-Airways-Maschine auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Perth in die Aschewolke des indonesischen Vulkans Mount Galunggung (tragen eigentlich alle Vulkane unaussprechbare Namen?). Dabei traten so ziemlich alle oben erwähnten Effekte auf. Wer sich für diesen Flug interessiert (und des Englischen mächtig ist), dem empfehle ich den in einer Publikation der englischen Pilotenvereinigung erschienenen Bericht wärmstens:

Down to a sunless sea

Security Measures

14. April 2010

Wer heute, egal ob als Passagier oder als Crew, durch die Welt jettet, ist sich bizarre Sicherheitsmassnahmen gewohnt. Computer werden mit winzigen Läppchen abgestaubt, Schuhe müssen, ohne Rücksicht auf Fussschweiss und Löcher in den Socken, ausgezogen und geröntgt werden, Nacktscanner suchen nach Sprengstoff in den Unterhosen, Weichkäse gilt als Flüssigsprengstoff und Pässe werden lieber dreifach als nur doppelt kontrolliert.

Die amerikanische Heimatschutzbehörde ist besonders erfinderisch im Einführen neuer, hirnrissiger Massnahmen zur Schikane von Flugreisenden. Das hat zur Folge, dass heute zwei Passagiere, welche gleichzeitig vor einer Bordtoilette darauf warten ihre Notdurft zu verrichten, bereits als terrorverdächtig gelten.

Wie durchdacht gewisse Vorschriften sind erkennt man daran, dass über den USA aktuelle Position und Flugroute problemlos auf den Bildschirmen angezeigt werden können, während wir Piloten am Public Address nicht erwähnen dürfen wo wir durchfliegen.

All dies war mir vor meinem Flug nach Boston bestens bekannt und deshalb erwartete ich auch keine grösseren Überraschungen. Umso erstaunter waren wir, als uns die Vorfeldkontrolle, nachdem wir pünktlich zurückgestossen hatten, auf dem Weg zur Startbahn anwies zu unserem Standplatz zurückzukehren.

Natürlich wollten wir den Grund für diese äusserst ungewöhnliche Forderung erfahren. Doch der Kontroller verwies uns lediglich an unsere Station und diese meinte es gebe ein Problem mit einem Passagier und wir würden nach unserer Rückkehr zum Gate näher informiert.

Mangels Informationen versuchten wir uns selbst einen Reim auf die Angelegenheit zu machen. Schnell waren wir uns einig, dass der mysteriöse Passagier Anlass zu Sicherheitsbedenken geben musste. War etwa ein flüchtiger Verbrecher an Bord? War dieser sogar gefährlich? Hatte sich ein Terrorist an Bord geschlichen? Osama, Geronimo oder Wilhelm Tell? Hatte jemand im Handgepäck Drogen, hinterzogene Steuergelder oder ein Flasche flüssiges Wasser an Bord geschmuggelt? Ein mulmiges Gefühl beschlich uns.

Während dem Zurückrollen mussten wir natürlich die Passagiere informieren und mangels genauerer Informationen gaben wir „ein Problem mit einem Passagier“ als Grund für unsere verfrühte Rückkehr an.

Am Gate angelangt, wurde uns erklärt die Amerikaner hätten, mangels vernünftigen Ideen, was sie mit den ihnen stapelweise zugesendeten Passagierlisten tun könnten, kürzlich damit begonnen daraus zufällig (!) einige Namen auszuwählen und von den Airlines zu verlangen bei diesen Passagieren einen ausgedehnten Sicherheitscheck durchzuführen. Leider wurde dies von unserer Station bei einem Transitpassagier aus Frankfurt vergessen und deshalb wurden wir – wohl aus Angst wir würden, mit einer derart gefährlichen, in Frankfurt und Zürich nur zweimal kontrollierten Person an Bord, beim Einflug in die USA von Abfangjägern abgeschossen – kurz vor dem Start wieder zurückbeordert.

So erfuhr ein äusserst freundlicher deutscher Geschäftsmann, zu seiner Überraschung, dass er der gefährliche Problemfall sei und sich, zusätzlich zu den beiden bereits in Frankfurt und Zürich absolvierten Checks, nochmals einer intensiven Sicherheitskontrolle zu unterziehen habe. Während der Wartezeit erklärte der Kapitän den übrigen Passagieren die skurrile Sachlage und versicherte mehrmals, dass die betroffene Person keine Schuld trage und auch keine Gefahr darstelle.

Der Passagier liess das Ganze mit bewundernswerter Ruhe über sich ergehen und durfte, nachdem seine Ungefährlichkeit zum dritten Mal festgestellt wurde, als Dank für seine Kooperation in der Business Class Richtung Land der unbegrenzten (Kontroll)Möglichkeiten fliegen.

Wir aber versuchten, während wir uns bemühten die knappe Stunde Verspätung wieder wettzumachen, zu verstehen warum die Leute immer noch freiwillig in die USA fliegen. Eine Antwort darauf fand ich allerdings erst heute Mittag, als ich mich beim Verzehr eines New England Clam Chowder und einer Wasserkakerlake mit der amerikanischen Kultur aussöhnte…

 

Toter sollte im Rollstuhl ins Flugzeug

7. April 2010

Folgende Newsmeldung geisterte in den letzten Tagen durch den Blätterwald:

Zwei Frauen haben versucht, die Leiche eines 91-Jährigen in einem Rollstuhl per Flugzeug von Liverpool nach Berlin zu bringen. Sie schoben den alten Mann, dessen Augen von einer Sonnenbrille verdeckt waren, am Samstag mit dem Rollstuhl zum Check-In.

Die beiden Deutschen wurden festgenommen, nachdem Mitarbeiter am Flughafen Verdacht geschöpft hatten, teilte die britische Polizei am Dienstag mit. Einem Bericht des Senders BBC zufolge handelte es sich bei den Frauen um die 66 Jahre alte Witwe des Mannes und die 41 Jahre alte Stieftochter.

Beide sollen aus Deutschland stammen, aber in England leben. Sie behaupten, der alte Herr habe noch gelebt, als sie sich auf die Reise gemacht hätten. „Er hat sich bewegt, er hat geatmet“, sagte die Stieftochter der BBC. Sie habe geglaubt, er sei eingeschlafen.

Die Deutschen wurden zunächst auf Kaution wieder freigelassen. Möglicherweise wollten die Frauen die Kosten für eine professionelle Leichenüberführung sparen, berichteten britische Medien.

Offensichtlich hatten die beiden Damen keinen blassen Schimmer von der modernen Fliegerei! Als Scheintoter – egal ob wegen Übermüdung oder hohem Alter – schafft es nämlich nur in ein Flugzeug, wer eine Pilotenuniform trägt…

😉 oder wohl eher 😦

Im Zickzack durch Asien (Take the long way home 2)

1. April 2010

Lange Nachtflüge bin ich ja gewohnt. Dennoch wartete der Heimflug von Hong Kong mit einer unangenehmen Überraschung auf. Trotz erhöhter Geschwindigkeit übertraf die Flugzeit mit 13:15 Stunden, die geplante Blockzeit – die Summe aus Flugzeit plus Rollzeit – um ganze 20 Minuten. Da mit durchschnittlich 30 Knoten der vorhergesagte Gegenwind im normalen Bereich lag, stellten wir uns natürlich die Frage, weshalb die Flugzeit ins Endlose ausartete.

Da es nicht am Wind lag, musste es an der Route liegen und tatsächlich entsprach diese ganz und gar nicht der Luftlinie, die im Englischen poetisch „as the crow flies“ genannt wird. In unserem Fall müsste diese Krähe schon ziemlich besoffen sein. Im Zickzack durch Asien schien das Motto unseres Fluges zu lauten:

 

Dass wir den Himalaya umfliegen mussten, war noch normal. Die direkte Route ist nicht möglich, da im Falle eines Kabinendruckabfalles der Sauerstoff nicht ausreichen würde. Was aber nach Urumqi geplant war, liess uns kurz am Verstand unserer Dispatcher zweifeln. Statt auf dem kürzesten Weg über Astana, Ufa und Kiew, sollte unsere Reise weit südlich über den Aralsee und das Kaspische Meer Richtung Baku führen, um danach abrupt nach Norden umzuschwenken und via Schwarzes Meer und Rumänien schliesslich doch noch in Zürich zu enden. Das Resultat: Eine gute halbe Stunde Umweg, was gut zwei Tonnen mehr Treibstoffverbrauch bedeutet. Um trotz der langen Flugzeit in Zürich möglichst keine Anschlüsse zu verpassen, wurde schneller geflogen, was nochmals etwa zwei Tonnen Mehrverbrauch verursachte. Wegen den zusätzlichen 4 Tonnen Treibstoff, mussten wir zudem Fracht stehen lassen, da wir sonst das maximale Stargewicht überschritten hätten.

Die Begründung für diesen ökonomischen und ökologischen Wahnsinn fand sich in unseren Planungsunterlagen:

28MAR10 Overflight permission not approved by Russia

Flight has to be planned outside Russian Airspace, due to missing Permission by FANA. (URRC FIR is ok over Black Sea)

Väterchen Russland wollte uns also nicht!  Dass uns Libyen den Überflug untersagt, leuchtet mir ein. Wahrscheinlich zittert der furchtlose Qadhafi vor Angst Herr Skypointer könnte ihm im Vorbeiflug, in Reagan-Manier, ein paar Tonnen Stahl auf seinen schönen Palast werfen. Aber Russland und Wladimir Wladimirowitsch Putin haben keinen Anlass meinen Zorn zu fürchten und so müssen andere Gründe für das Überflugverbot bestehen.

Natürlich geht es um das liebe Geld. In schöner Regelmässigkeit hat Russland nämlich in den letzten Jahren, auf jede Flugplanperiode hin, die Überfluggebühren erhöht, bis die Swiss beim letzten Preisaufschlag, per 28. März, nicht mehr bereit war zu bezahlen. Deshalb darf der Hong Kong Flug zurzeit den russischen Luftraum nicht mehr durchqueren.

Natürlich spart Swiss dadurch nichts. Im Gegenteil. Der Mehrverbrauch an Kerosin und die Einnahmeausfälle wegen verminderter Zuladung verursachen, bei zwei täglichen Flügen, mit der Zeit erhebliche Kosten. Aber offenbar stärkt es unsere Verhandlungsposition, wenn wir, statt unser Geld den Russen für Überflugrechte, den Arabern fürs Öl nachwerfen. Die Scheichs können daraus, als Nebeneffekt, ein paar schöne Geschenke für den Gastgeber des Gipfels der Arabischen Liga und selbsternannten Führer aller Araber kaufen.

Qadhafi wird’s freuen…