Archive for September 2009

Gekochte Eier und Sushi

28. September 2009

Ganz ohne PowerPoint ging es auch bei meinem zweiten Tokyo Aufenthalt in Folge nicht, aber wenigstens blieb mir dieses mal genügend Zeit für einen Ausflug. Da der Fuji Mitte September schon geschlossen ist, entschied ich mich, meine beiden Cockpit Kollegen zu einer heissen Quelle zu begleiten.

 

So quälte ich mich um halb neun am Morgen, also um halb zwei Körper- und Schweizerzeit, nach zu viel Karaoke und zu wenig Schlaf, aus den Federn und versuchte mit Kaffee meine Lebensgeister wenigstens einigermassen zu wecken.

 

Eigentlich war geplant den Weg nach Yamato No Yu mit dem Fahrrad zurückzulegen. Da aber im Hotel, statt wie gewohnt drei, aus unerfindlichen Gründen nur zwei Leihfahrräder zur Verfügung standen, mussten wir auf den Zug ausweichen. Kurz vor Mittag sassen wir dann im 42° heissen Jodwasser und hofften, dass unser Familienglück durch die Hitzeattacke keine bleibenden Schäden davontragen würde. Als wir von der rotbraunen Brühe genug hatten, nahmen wir die direkt daneben befindlichen Holzbottiche in Beschlag, in denen das Wasser zwar nicht minder heiss, dafür aber kristallklar war.

 

Vom Thermalwasser umspült liess sich hervorragend philosophieren und politisieren, was mit der Zeit aber zu roten Köpfen führte. Ob dies an der hitzigen Diskussion, der Wassertemperatur oder einer Kombination aus beidem lag, konnten wir nicht abschliessend eruieren, aber wir beschlossen auf den bereitstehenden Liegen Körper und Geist eine Abkühlung zu gönnen.

 

Danach stellten wir gemeinsam fest, dass die Lust auf eine erneute Hitzeattacke im Jodwasser eher gering war und so machten wir uns, zwecks etwas sportlicher Betätigung, diesmal zu Fuss auf den Rückweg. Mittels einer eher kümmerlichen Wegskizze schlugen wir uns in zwei Stunden, während denen oft nur klar war, dass das überqueren der Eisenbahn ins weglose Verderben führen würde, Richtung Hotel durch. Dort blieb gerade genug Zeit für eine Dusche, bevor der Hunger uns in die Sushi Bar trieb…

Von Sisyphos, Orpheus und Konsorten

17. September 2009

Kaum aus den Ferien zurück, liest der gewissenhafte Pilot, vorzugsweise noch bevor er den Koffer auspackt, die Firmenmails. So musste ich meinen ersten Schreck schon wenige Minuten nach dem Eintreffen im trauten Heim verarbeiten.

 

Da stand doch schwarz auf blütenweissem Bildschirm, dass ich umsonst die elektronische Hölle durchlitten hätte, weil die mühsam erdachte und an schönen Sommertagen, vom armen Typen von der Maintenance programmierte Verfahrenstrainer Lektion, einer Programmänderung zum Opfer fiel und nicht mehr benötigt würde. Liebe Grüsse von Sisyphos.

 

Als kleiner Trost sollte aber das zur Vorbereitung auf die Lektion erstellte Briefing erhalten bleiben und gemäss meinem Lieblingsmotto, ins neue Schulungsprogramm aufgenommen werden. Genau gleich, nur ganz anders. Und übrigens, der Abgabetermin wurde um gut zwei Wochen vorverlegt…

 

Das Gute am Ganzen war, dass sich so mein Dilemma, ob ich diese Woche in Tokyo den Fuji besteigen, in aller Herrgottsfrühe den Fischmarkt besuchen oder meinen Hinterteil im Schwefelwasser einer heissen Quelle verbrühen sollte, von alleine löste. Statt dessen war nun klar, dass ich, in trauter Zweisamkeit mit meinem Laptop, mein Briefing von Grund auf überarbeiten würde und als ich im Anflug auf Narita den Fujisan erblickte, legte ich eine Gedenkminute für Tantalos ein.

 

Nach sieben Stunden PowerPoint im Hotelzimmer knurrte mein Magen beträchtlich. Das Sushi schmeckte nun aber um so besser und anschliessend wurden im Barge Inn die Nieren mit Bier shamponiert. Die im Hotel wartende Arbeit veranlasste mich danach, zusammen mit dem harten Kern meiner Besatzung, zur Flucht in die Karaoke Bar „The Cage“. Leider waren dort die Sänger noch schlechter als im folgenden YouToube Filmli:

 

 

Zu bereits recht vorgerückter Stunde entschlossen sich dann ein paar Jünger des Orpheus – oder vielleicht waren es auch Anhänger von Dionysos – einen Chor zu bilden. Die Gesangsqualität hätte selbst Hades aus der Unterwelt vertrieben. So schien mir das halbfertige Briefing plötzlich das kleinere Übel zu sein und ich machte mich auf den Rückweg ins Hotel.

 

Die Bilanz meiner Tokyoratation: Exakt 24 Stunden Flugzeit, eine Landung, zwei Bier (oder waren es drei?), 8 Arten Sushi, während 9 Stunden hinter dem Laptop 87 PowerPoint Folien erstellt und mir somit etwas Freizeit für meine Tokyo Rotation nächste Woche erarbeitet…

 

…falls nicht eine weitere Programmänderung dazwischen kommt.

Zurück im Alltag

8. September 2009

Zurück aus den Ferien, zurück im Alltag. Schön war’s, fein war’s, heiss war’s, aber vor allem war’s zu kurz. Wir haben viel gesehen, viel gelernt und zu viel gegessen. Italien hat unsere hohen Erwartungen mehr als erfüllt. Geschichte, Kultur und Kulinarisches satt. Nur das erwartete Verkehrschaos blieb aus. Nicht, dass wir es vermisst hätten, aber es stellt sich die Frage, ob die südländischen Strassenmachos endgültig gezähmt wurden oder ob nur mein Fahrstil so verwildert ist, dass ich mich selbst auf den italienischen Strassen wohl fühle…

 

Eigentlich waren ja drei Wochen Ferien vorgesehen. Da ich es aber einfach nicht lassen kann, befand ich mich bereits zu Beginn der dritten Ferienwoche wieder im Wetterbriefing und beschäftigte mich mit der Routenplanung. Während die Verpflegung beladen und im Galley verstaut wurde, überprüfte ich die Ausrüstung gemäss Checkliste und dann wurde der Navigationsrechner programmiert. Als wir danach starteten, habe ich nur assistiert, denn schliesslich braucht auch der erfahrenste Pilot etwas Zeit zur Angewöhnung. Kurz darauf durfte ich aber selbst das Steuer übernehmen.

 

Anfangs kämpfte ich noch etwas mit der Trägheit der Steuerung, aber bald hatte ich auch diese im Griff. Dank günstigen Winden kamen wir recht flott voran und als sich durch eine Windböe unsere Querlage markant erhöhte, konnte ich mir einen kleinen Jauchzer nicht verklemmen. Nur fliegen ist schöner!

 

Einige unangenehme Einrichtungen ändern sich allerdings nie. Kurz bevor ich meinem müden Körper etwas Schlaf gönnen konnte, meldete sich meine Verdauung und als ich deshalb die Toilette aufsuchte, stellte ich fest, dass diese noch enger als in meiner Erinnerung war. Irgendwie gelang es mir aber meine Beine zwischen Waschbecken, Türe und Toilettenschüssel zu zwängen und dabei mein Hinterteil in Reichweite letzterer zu behalten…

 

Auch die Schlafkoje war gewohnt eng, stickig und wie immer zu kurz. Da Herr Murphy offenbar ebenfalls an Bord war, stellten sich zudem, genau als mein Kopf das Kissen berührte, so starke Turbulenzen ein, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war.

 

Ziemlich zerknittert versuchte ich deshalb am nächsten Morgen im Galley den fehlenden Schlaf durch Kaffee zu ersetzen und fragte mich warum ich einwilligte meine letzte Ferienwoche statt am Strand auf einer Segeljacht zu verbringen!

 

Als ich danach allerdings meinen Kopf durch die Luke streckte und die einsame Inselwelt rund um unseren Ankerplatz sah, war die Welt wieder in Ordnung…