Archive for November 2008

Miami zum Zweiten

26. November 2008

Die Frau Holle hat es gut gemeint mit uns und im Verlauf der Nacht auf den Montag die Schweiz zwar unter einer weissen Daunenschicht begraben, sich aber ab Mittag eine wohlverdiente Pause gegönnt und so konnten wir, als auch die beiden letzten Passagiere es noch auf unseren Flug geschafft hatten, trotz der weissen Pracht noch einigermassen pünktlich Zürich verlassen. Mit einer sanften Linkskurve steuerte ich den A340 nach dem Start auf der Piste 16 Richtung meiner Wunschdestination Bangkok, um dann im weiten Bogen zurück über den uniquen Fluglatz zu drehen und anschliessend Kurs auf Frankreich und dahinter den Atlantik zu nehmen. Das Flugziel hiess, wie könnte es anders sein, wieder einmal Miami.

 

Nicht dass ich diese Destination gewünscht hätte – dafür ist der Flug in der zwei Mann Besatzung einfach zu lang – aber unser Planungsroulette scheint beschlossen zu haben, dass ich ein USA Fan bin. Eigentlich steht in meinem Wunschfile Bangkok und Hong Kong, aber das scheint den Rechner nicht zu interessieren und so fliege ich eben wieder einmal über den grossen Teich ins zukünftige Obama Land.

 

Dank einigermassen guten Winden können wir mit einer pünktlichen Ankunftszeit in Miami rechnen und auch die Atlantiküberquerung verläuft, abgesehen von einigen Turbulenzen wegen einer atlantischen Gewitterfront und einer durch diese bedingten Panikattacke eines Economy Class Passagiers, ruhig. Da Herr Bush es nicht schätzt wenn wir im Cockpit Besuch empfangen, müssen wir den verängstigten Passagier mittels Bordtelefon beruhigen.

 

Meine meteorologische Abhandlung und der Vortrag über Atmosphärenphysik scheinen den Herrn allerdings nicht sonderlich zu interessieren, so dass er, wohl um sich meinen Erläuterungen zu entziehen, schliesslich behauptet sich etwas besser zu fühlen.

 

Der Anflug beginnt über den Bahamas, führt uns dann Richtung Fort Lauderdale und weiter der Küste entlang über Miami Beach auf die Piste 12. Wie hier üblich, können wir verkehrsbedingt nicht wie gewünscht absinken und so sind wir bald recht hoch im Anflug. Als sich dann der ATC Kontroller noch verrechnet und wir uns deshalb etwas nahe am vorderen Flugzeug befinden, müssen wir noch eine Zusatzschlaufe drehen. Zu hoch sind wir nun nicht mehr, aber leider verrechnet sich der Fluglotse erneut und so stimmt nun zwar der Abstand zum Vordermann, aber dafür sind wir jetzt ziemlich weit weg von der Pistenachse. Der Radarist scheint nun mit seinem Latein am Ende zu sein und fragt uns, ob wir die Piste bereits sehen können. Als wir dies bejahen, weist er uns an, seien verkorksten Anflug nach Sicht zu einem guten Ende zu bringen, was wir dann auch machen.

 

Gerne würde ich nun wieder über die butterweiche Landung berichten, aber diesmal machte mir die Konstruktion des A340 und wohl auch meine Müdigkeit einen Strich durch die Rechnung. Während ich nämlich die ersten Räder des Hauptfahrwerks noch schön fein auf die Piste zirkle, knallt kurz darauf das Centergear gehörig auf den Boden. Dies ist eine bekannte Charakteristik des A340, da Airbus bei den Stossdämpfern des Mittelfahrwerks offenbar 1 Mikrometer Hub als ausreichend erachtet. Ich habe in der Umschulung endlose Abhandlungen darüber gehört wie man den unkomfortablen Aufschlag des Centergears vermeidet, aber ich muss zugeben, dass die Umsetzung und der Erfolg all der guten Ratschläge noch immer zu einem rechten Teil vom Zufall abhängt. Heute hat es jedenfalls wieder mal nicht geklappt und deshalb bin ich froh, dass der Passagier mit dem Bandscheibenvorfall auf meinem letzten Flug war, da ich mich sonst wohl vor typisch amerikanischen Schadenersatz und Schmerzensgeld Forderungen fürchten müsste…

 
 

 

Verrechnet

20. November 2008

Wenn man sich verrechnet, dann gibt es meist Probleme. Der Schüler wird mit schlechten Noten eingedeckt und die Banken mit Milliarden. Andere wiederum suchen, weil sie in Guantanamo nicht mehr willkommen sind, in der Schweiz Asyl und haben sich mit diesem Plan ebenfalls verrechnet, obwohl der auf dem kubanischen Stützpunkt wohl bald reichlich zur Verfügung stehende Platz dem kreativen Denker eigentlich noch mehr solchen für unorthodoxe Lösungen bieten sollte. So könnte man doch verlangen, dass dort im Vorgarten von Freund Fidel, im Austausch für ein paar offenbar doch nicht ganz so gefährliche beinah Terroristen, eine geschlossene Anstalt für durch Bonusrückzahlungen verarmte oder sich vor Bonusrückzahlungen drückende aktive und ehemalige Spitzenbanker eingerichtet wird. Diese könnten dann die modischen, orangen Overalls überstreifen und sich von den amerikanischen Steuerbehörden mit den neuesten Verhörmethoden zu natürlich nie getätigter Beihilfe zur Steuerflucht befragen lassen. Viel Sonne, freie Kost und Logie, gratis Kleidung und gegen die Langeweile die Modesportart Waterboarding. Die privaten Fernsehsender könnten mit der neuen Reality Soap „Das Banker Camp – ich bin Ospel, holt mich hier raus!“ nie da gewesene Erfolge feiern und unser heiss geliebtes, von uns Gebührenzahlern subventioniertes Staatsfernsehen würde mit der zwei Jahre später folgenden, abgekupferten Eigenproduktion wieder einmal total floppen.

 

Aber verrechnen kann man sich auch einfacher. Man versuche mal, statt sich mit finanzierten Gaunern und gaunerischen Finanziers zu beschäftigen, mit einigen Bierchen intus, Kopfrechenaufgaben zu lösen. Nichts schwieriges, bloss paar einfache Additionen, Divisionen und Multiplikationen. Was sich nach einer neuen Methode anhört dem leicht angeschwipsten Autofahrer, ohne ihn ins berühmt berüchtigte Röhrchen blasen zu lassen, das Fahren im angetrunkenen Zustand nachzuweisen, ist statt dessen Alltag im Leben eines Copiloten. Natürlich nicht während der fliegerischen Arbeit, sondern während dem wohlverdienten Nightstop. Wenn sich der harte Kern der übernächtigten Besatzung zusammen aufrafft, vor dem endgültigen Kollaps ins weiche Bett, noch einen kleinen Happen zu essen und sich, zwecks Nierenspülung, einen Schlummertrunk zu genehmigen, dann ist das Servierpersonal meist nicht in der Lage die Rechnung auf die einzelnen Crewmembers aufzuteilen. Um nicht als Zechpreller ebenfalls eine gratis Reise ins sonnige Kuba geschenkt zu erhalten, empfiehlt es sich, vor allem in den USA, die Rechnung trotzdem zu begleichen. Die Kabinenbesatzung schaut dann jeweils treuherzig hilflos in Richtung Cockpitbesatzung und der Kapitän meint väterlich er sei schliesslich auch einmal Copilot gewesen, so dass dem bemitleidenswerten ersten Offizier nichts anderes übrig bleibt, als die sich bereits im alkoholisch verstärkten Dämmerschlaf befindlichen Hirnzellen nochmals zu reaktivieren und zu versuchen sich möglichst elegant aus der Affäre zu ziehen. Die einfache Lösung, die Endsumme durch die Anzahl der Konsumierenden zu teilen, scheitert jeweils am Veto eines einzelnen, so dass die Rechnung ad absurdum seziert werden muss, um jeden mit seiner persönlichen Einzelschuld zu konfrontieren. Wer sich von dieser Rechnerei oder vom vernichteten Bier nicht schon vorher schwindlig fühlt, der kapituliert spätestens, wenn auf die Einzelbeträge, wie in den USA üblich, noch 7.63254876% Mehrwertsteuer und 15% Trinkgeld dazu geschlagen werden müssen. Das alles spielt sich natürlich unter mit Argusaugen wachenden Kolleginnen und Kollegen ab, von denen keiner etwas sagt, wenn sich der Copi zu ihren Gunsten verrechnet, die aber Zeter und Mordio schreien, wenn sie einen Cent, Penny oder Centavo zu viel berappen sollen.

 

Man kann sich also meine Erleichterung vorstellen, als sich gestern im Hooters in Miami unser mitfliegender Sicherheitsbeamter aufdrängte, die Rechnerei zu übernehmen. Natürlich ahnte ich nicht, dass es einem Ungeübten, vom Bier Beeinträchtigten und in diesem Fall auch noch von den grossbusigen Servierdamen Abgelenkten, völlig unmöglich war in vernünftiger Frist zu einem für alle akzeptablen Ergebnis zu kommen. Was anfänglich sehr ruhig und strukturiert begann, wurde allmählich immer lauter und turbulenter und drohte schliesslich in einen veritablen Tumult auszuarten. Mein gut gemeintes Angebot die verworrene Berechnung selbst zu übernehmen, wurde vom stolzen Polizisten dabei mehrfach ausgeschlagen und so sah ich mich, um nicht – diesmal wegen Rauferei in der Öffentlichkeit – ins nahe Kuba verfrachtet zu werden, nach etwa 20 Minuten gezwungen, die Rechnung quer über den Tisch blickend und die laute Diskussion um mich herum so gut wie möglich ausblendend, im Eiltempo durchzuführen und die geschuldeten Beträge den Schuldnern mit leicht militärischem Unterton mitzuteilen. Dabei musste ich, um nicht in endlose Streitereien verwickelt zu werden, die Beträge konsequent abrunden und so war ich nicht erstaunt, dass nach Abschluss der Quersumme und Neunerprobe drei Dollar fehlten. Als mein Spendeaufruf mit Knurren und bösen Blicken quittiert wurde, entschloss ich mich dem Spuk ein Ende zu setzten und schmiss leicht genervt selber nochmals drei Dollar auf den Tisch. Diese Geste trug ungemein zur Entspannung der Lage bei und die Situation löste sich in allgemeinem Wohlgefallen auf.

 

Auf dem Heimweg bemerkte ich, dass mich dieser Vorfall mehr belastete als zunächst angenommen, verspürte ich doch ein leichtes kratzen im Hals, welches nur durch ein Bierchen an der Hotelbar gelindert werden konnte. Um nicht nochmals in der gleichen Bredouille zu enden, lud ich den Kapitän, der früher am Abend schon eine Runde spendiert hatten, zu einem Schlummerbecher im kleinen Kreis ein und so schien der Abend noch einen ruhigen Ausklang zu nehmen. Doch ich hatte mich schon wieder verrechnet, denn als ich die beiden Biere bezahlen wollte, bemerkte ich, dass statt der 20$, die sich eigentlich noch in meinem Portemonnaie befinden sollten, sich ein einzelner, lumpiger Dollar darin breit machte. Offenbar hatte ich zuvor im Affekt statt drei Dollar Noten nur deren zwei plus meine 20$ Note auf den Hooters Tisch geknallt und die Kellnerin wird sich gefreut haben, dass die idiotische Runde wenigstens ein anständiges Trinkgeld zurück liess. Ich griff derweil, um mir weitere Peinlichkeiten an diesem Abend zu ersparen, zur Kreditkarte.

 

no change so far

11. November 2008

Da bin ich nun also das erste Mal, seit letzte Woche die ganze Welt in kollektiver Erlösung aufgeatmet hat, zu meinem Lieblingsonkel Sam geflogen. Natürlich bin ich mit grossen Erwartungen nach Los Angeles aufgebrochen, sollte doch gemäss jedem, der gefragt oder ungefragt seine unmassgebliche Meinung dazu kundtat, nun alles besser werden. Den ersten Dämpfer erlitt ich allerdings bereits, als ich beim Warten auf den einen, wie gewöhnlich verspäteten Passagier, vor dem Abflug einen Blick in den Sonntäglichen Blätterwald wagte. Da erfuhr ich, dass unser neuer, vermeintlich linker Präsident in spe offenbar weiter rechts stehen soll, als Noch-Bundespräsident Couchepins Spezialfreund Christoph Mörgeli. Glücklicherweise wurde ich durch eine ausgehängte Türe im Crewbunk davon abgehalten allzu lange darüber zu sinnieren, wie das wäre, wenn der offenbar neuerdings erzlinke Alt-Bundesrat Blocher, wie von ihm und seinen Getreuen erträumt, im Dezember wiedergewählt würde und somit als Neu-Alt-Justizminister von der neuen Obama Administration als linker und netter diffamiert würde. Ein gewisser Frust scheint aber von diesen düsteren Gedanken trotzdem hängen geblieben zu sein, habe ich doch, während dem Versuch die widerspenstige Türe mittels gezielten Handkantenschlägen wieder einzuhängen, die Führungsschiene vollends zerstört. Ob dies auf die Vorstellung eines US Präsidenten Mörgeli und auf den Gedanken an eine mögliche Wiederwahl Blochers zurückzuführen war oder ob die Metallschiene einfach an Altesschwäche litt, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

 

Es blieb mir jedenfalls nichts anderes übrig, als hinter einer lotternden und klappernden Türe, mit dem kläglichen Versuch um 14 Uhr im Crewbunk etwas Schlaf zu finden, noch kläglicher zu scheitern. Nach vier Stunden hin und her wälzen, wurde ich dann endlich durch den Kapitän abgelöst und konnte mich darauf freuen die nächsten acht Stunden Wolken und Eis zu betrachten.

 

Nach einem problemlosen Anflug und einer gewohnt butterfeinen Landung war ich natürlich gespannt, ob ich schon etwas vom versprochenen Wandel im Land der unbegrenzten Überwachungsmöglichkeiten spüren würde. Während ich bei der Passkontrolle noch positiv überrascht von der speditiven Abfertigung Kenntnis nahm, stellte ich jedoch fest, dass der neue Scanner für die Erfassung aller zehn Fingerabdrücke des unter Generalverdacht stehenden, potentiell terroristischen Einreisewilligen, bereits arbeitshungrig unter der Abdeckung des Abfertigungsschalters hervor schaute. An dieser Front ist also keine Entspannung zu erwarten.

 

Beim Anblick der etwa 200 Meter langen Warteschlange vor der Zollabfertigung, wurde mir dann endgültig bewusst, dass es, um Obamas Worte zu bemühen, nur einen Präsidenten geben kann und dass dies zur Zeit eben immer noch der stets bemühte und nicht minder mühsame George W. ist. Offenbar lässt der in seinen letzten Zügen stehende Noch-Präsident nichts unversucht um zu beweisen, dass er, entgegen anders lautender Gerüchte, keine lahme Ente sei. Sein letztes Grossprojekt ist der Versuch seinen Namensvetter George Orwell als verkappten Optimisten zu enttarnen, indem nochmals eine Verschärfung der Grenzkontrollen angeordnet wurde. Jedenfalls wurden unsere Zollformulare vom Beamten an der Passkontrolle kontrolliert und abgestempelt, um dann nach einer halbstündigen Warteschlaufe, ein paar hundert Meter näher am Ausgang und somit näher am wohlverdienten Bier, nochmals auf ihre Richtigkeit kontrolliert zu werden und dann nach weiteren zehn Minuten in einer nur noch fünfzig Meter langen Kolonne, nach abermaliger Kontrolle, achtlos auf einen etwa 50 Zentimeter hohen Stapel von ebenso gründlich kontrollierten Formularen geworfen zu werden. Natürlich lässt kein Terrorist mit einem auch noch so kleinem Rest an Selbstachtung dieses demütigende Prozedere über sich ergehen und so bin ich unendlich dankbar, dass ich mich hier beim lieben Onkel Sam zwei Tage in absoluter Sicherheit wiegen durfte, bevor ich heute Abend wieder zurück ins terrorverseuchte Europa muss.

 

Als ich heute Morgen die vom Hotel freundlicherweise vor die Türe gelegte Zeitung aufschlug, wurde ich allerdings unerfreulich schnell aus meinem, vom Jetlag noch verstärkten, trägen Sicherheitsgefühl aufgeschreckt. Da prangte doch auf der Titelseite ein Artikel über die horrenden Kreditkartenschulden der amerikanischen Haushalte. Sofort erinnerte ich mich an ähnliche Berichte aus der Schweizer Presse, in denen moniert wurde, dass pro amerikanischem Haushalt, im Durchschnitt etwa 10’000 $ ungedeckter Kreditkartenschulden beständen. Bei (von mir) geschätzten 100 Millionen US Haushalten, ergäbe das eine läppische Billion an ausstehenden Zahlungen. Beim Gedanken an die zusätzlichen, schon in Ramschhypotheken versenkten vier Billionen, wurde mir schlagartig bewusst, dass die USA eigentlich keine Terroristen brauchen um sich grössten Schaden zuzufügen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch machte ich mich also ans Lesen des besagten Artikels. Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als ich erfuhr, dass ich mit meiner Einschätzung falsch lag, da die Banken ihre Risiken ausgelagert hätten, indem sie die Kreditkartenschulden in Fonds eingebracht und so das Ausfallrisiko breit abgestützt haben. Das einzige Problem sei, dass die Zinsen für die Schuldner auf 14% – 32% angezogen hätten, weil die Banken, wegen der Auslagerung der Risiken, den Konkurs ihrer Schuldner nicht mehr zu fürchten hätten und somit hohe Profite ohne jegliches Risiko generieren könnten. Cool, warum wurde das nicht schon mit den Hypotheken gemacht?

 

Wie auch immer, am Ende meines ersten Besuches auf der anderen Seite des grossen Teiches nach der Zeitenwende, kann ich nun also beruhigt feststellen: no change so far

Change

6. November 2008

Es ist also vollbracht. Wir haben einen neuen Präsidenten gewählt. Also eigentlich nicht wir, sondern die USA, aber an solchen Details wollen wir uns jetzt nicht stören, nun da der von den meisten so sehnlichst herbeigesehnte Wechsel an der Spitzte des amerikanischen Staates endlich stattfinden wird. Es ist schon erstaunlich welche Euphorie ein einziges Wort in den letzten Monaten in der ganzen Welt hervorgerufen hat. Bis vor kurzem haben noch Worte wie Bonus, Profit und Rendite die Welt verzückt, aber diese sind mittlerweile in Misskredit geraten und wurden durch ein einziges Wort abgelöst:

 

change

 

Mit diesem einfachen Wort kann man also Massen mobilisieren und Wahlkämpfe gewinnen und so werden wohl bald auch bei uns Politiker und Manager mit diesem neudeutschen Wort versuchen sexy zu wirken. Leider sind aber nicht alle Leute in unseren Breiten der Englischen Sprache mächtig, so dass Missverständnisse bereits vorprogrammiert sind.

 

Das Konsultieren des Oxford Dictionary fördert eine verwirrliche Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten dieses, auf den ersten Blick so unscheinbaren Wörtchens hervor und während Bedeutungen wie Wechselgeld, wegen der derzeitigen Unpopularität alles monetären, als eher unproblematisch erachtet werden können, bergen andere Übersetzungen die Gefahr, sich in höchst unerfreulichem Masse auf unseren Alltag auszuwirken.

 

Die offensichtlichste Fehlinterpretation ist die Änderung und bereits heute leiden wir Piloten unter dieser, da in Erwartung, dass der change proklamierende Kandidat auch gewählt würde, schon seit Monaten möglichst viele Änderungen in unseren Monatseinsätzen untergebracht werden. Ebenso werden, mit grossem Eifer, Änderungen in unseren Büchern vorgenommen und danach mittels eines sogenannten Change Bulletin kommuniziert.

 

Auch Wechsel ist nicht was der künftige Präsident der USA im Sinn gehabt hat als er change zu seinem Wahlkampfthema erhob. Selbst wenn nur seine ärgsten Neider behaupten er habe mit dem Wechsel des Namensschildes am weissen Haus sein Hauptziel bereits erreicht, ist die Interpretation von change als Wechsel bis heute äusserst populär. So haben sich mittlerweile ganze Bevölkerungsschichten zu einem Wechsel der Bank hinreissen lassen und auch ich konnte nicht widerstehen und habe vor kurzem zwar nicht die Bank, aber wenigstens die Reifen an meinem fahrbaren Untersatz gewechselt. Selbst die künftige First Lady musste, nach der zugegebenermassen etwas unfairen medialen Kritik an ihren Designerklamotten, einen Wechsel ihrer Garderobe vornehmen und sich, um der Wahlchancen ihres Ehegatten willen, für die Dauer des Wahlkampfes in schlecht sitzende Billigkleider vom Rabatthändler stecken lassen. Davon inspiriert wurde auch in unserer Firma ein Wechsel der Uniformen beschlossen. Zur Zeit wird gerade evaluiert, ob man sich für Designer- oder Billiguniformen entscheiden soll.

 

Ohne den künftigen Leithammel unserer Welt zu bevormunden, kann man sagen, dass er mit change eigentlich Wandel meinte. Leider ist auch diese Bedeutung nicht ohne Gefahr, moniert doch der Oxford Dictionary, in typisch britischer Manier, sofort griesgrämig, dass es sowohl den Wandel zum Guten als auch denjenigen zum Schlechten gibt und es ist selbst mir als eher gelangweiltem Wahlkampfbeobachter aufgefallen, dass sich Barak Obama, obwohl die ganze Welt vom ersten Fall auszugehen scheint, nie wirklich festgelegt hat – es bleibt also spannend.

Büro-Frei

5. November 2008

Ich habe morgen Büro-Frei. Der Traum eines jeden Bürolisten. Büro-Frei – das tönt doch gut! Das Büro für einmal Büro sein lassen und ohne gross ein Büro aufzumachen frei nehmen. Raus aus dem Nebel und in der Höhe die Sonne geniessen. Mit der Sonnenbrille irgendwo auf einem Balkon sitzen, einen Kaffee trinken, die Aussicht bewundern und dabei ein schadenfreudiges Mitleid für die weniger privilegierten Leute dort unten in der grauen, wabernden Suppe verspüren. So müssen sich Piloten fühlen: Die können auch jeden Tag in den Himmel aufsteigen und die Wolken von oben betrachten. Mit der Sonnenbrille sitzen sie dann Kaffee schlürfend in der balkonähnlichen Pilotenkanzel und geniessen die Aussicht, während sie mitleidig über die armen, proletarischen Schreibtischtäter in den Niederungen dieser Erde lächeln. Piloten brauchen kein Büro-Frei, sie sind Bürofrei.

 

Dennoch habe ich morgen aber Büro-Frei und das kam so: Vor ein paar Wochen sass ich an meinem freien Tag im noch nebellosen Garten und versuchte im Tagesanzeiger die richtigen und wichtigen Informationen zwischen den unwichtigen und unrichtigen zu finden, als plötzlich das Telefon klingelte. Zu meinem erstaunen war mein Chefpilot am Draht und fragte mich warum ich zu Hause sei! Nach dem ersten Adrenalinschub – hätte ich heute etwa einen Einsatz gehabt? –  gab ich zur Sicherheit mal vor meinen in Kürze anstehenden Simulator Check vorzubereiten. Mein Chef meinte, dass dies der einzig akzeptable Grund sei bei solch schönem Wetter zu Hause zu sitzen – Glück gehabt! Danach teilte er mir mit, dass ich auserkoren wurde während ein paar Bürotagen einige Instruktionsunterlagen neu zu erarbeiten und dass ich jetzt die Möglichkeit hätte meine Zustimmung dazu zu geben. Konkret konnte ich dazu also noch ja oder ja sagen – Pech gehabt. Mir wurde versprochen, dass die Bürotage von der Einsatzplanung mit dem Novembereinsatz regulär zugeteilt würden und so würde ich halt ein paar Tage einen Schreibtisch pilotieren.

 

Es kam wie es kommen musste und als der Novembereinsatz virtuell in meinen ebenso virtuellen Briefkasten flatterte, waren die besprochenen Bürotage nicht einmal virtuell vorhanden. Freudig kontaktierte ich meinen Chef und fragte, ob sich die Instruktionsunterlagen in der Zwischenzeit von selbst verfasst hätten oder ob ich beim Umschulungskurs zum Schreibtisch First Officer durchgefallen sei. Zu meiner Enttäuschung musste ich aber erfahren, dass statt dessen ganz einfach vergessen wurde meine Bürotage zu planen. Natürlich wurde dieser Lapsus sofort korrigiert und so steht nun in meinem Einsatz während zwei der mir nach meinem Hong Kong Flug zustehenden Freitage „Büro-Frei“. Merke also: Büro-Frei ist wenn der Pilot, an seinem freien Tag im Büro arbeitet! So werde ich also morgen am Schreibtisch sitzen und mir für einmal wünschen ich wäre büro-freier Bürolist oder gar so ein beneidenswerter Pilot und könnte raus aus dem Nebel und in der Höhe die Sonne geniessen. Mit der Sonnenbrille irgendwo auf einem Balkon sitzen, einen Kaffee trinken, die Aussicht bewundern und dabei ein schadenfreudiges Mitleid für die weniger privilegierten Leute dort unten in der grauen, wabernden Suppe verspüren. You get the picture.

 

PS (Persönliches Statement): Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wurde mir zugetragen, dass obiger Artikel statt zu amüsieren, bei einigen Personen einen kleineren Entrüstungssturm ausgelöst hat. Dies ist zweifellos auf meine mangelhaften Fähigkeiten einen Gedanken auf den Punkt zu bringen und die offenbar von der schreibenden Zunft schon geerbte Untugend, Wahrheiten zu Gunsten der künstlerischen Entfaltung ab und zu etwas zu dehen, zurückzuführen. Ich möchte in meinen Beiträgen interessierte mit einem Augenzwinkern unterhalten und begegne dabei weder den erlebten Situationen noch mir selbst mit verbissenen Ernst. Gewisse satirisch überzogene Ausschmückungen muss der Lesende dabei zwar getreu dem Motto „Humor ist wenn man trotzdem lacht“ in Kauf nehmen, es liegt mir aber fern jemanden persönlich anzugreifen und ich möchte festhalten, dass ich, obwohl ich als Pilot zu ständigem jammern neige (vielleicht ein Thema für einen zukünftigen Blog Beitrag?), meinen Beruf und alle damit verbundenen Zusatzaufgaben freiwillig und meist auch gerne erledige. Falls ich einmal ein grösseres Problem mit meinem Einsatz habe, als eine etwas unglückliche, aber meiner unmassgeblichen Ansicht nach witzige Bezeichnung eines Bürotages, werde ich dies ganz sicher nicht hier in meinem Blog breittreten, sondern mich vertrauensvoll an die Crew Disposition, meine Chefs oder meinen Verband wenden. Bis dahin hoffe ich, dass man meinen schriftstellerischen Stilblüten mit einer grosszügigen Portion Humor begegnet und natürlich steht es auch jedem mit differierenden Meinungen frei seine Ansichten in einem Kommentar kundzutun.

Schlaflos mit Windows

4. November 2008

Ich habe schlecht geschlafen, was immer ärgerlich ist, vor einer arbeitsbedingten Freinacht. Der einzige Vorteil am ungemütlichen umher wälzen im Bett war, dass ich herausgefunden habe warum kürzlich alles weiss war. Es gibt schliesslich auch weisse Löcher. In Science Fiction Kreisen sind die Dinger als Wurmlöcher bekannt! Kaum war dieser Gedanke geboren, war wiederum alles klar und ich verbrachte den Rest der Nacht mit Grübeln wo, Wurmloch bedingt, überall der Wurm drin ist. Ich verschone Euch mit den Details. Jedenfalls konnte mich am nächsten Morgen die weisse Umgebung nicht mehr schockieren. Schliesslich hatte ich den Vorplatz mittlerweile frei geschaufelt.

 

Zwar nicht ausgeruht, aber doch beruhigt, konnte ich also mit den Flugvorbereitungen für meinen Hong Kong Flug am Abend beginnen. Das Planungsroulette hatte es ausnahmsweise einmal gut mit mir gemeint und mein, mittlerweile seit einem halben Jahr andauerndes Flehen nach einem Abstecher in die ehemalige britische Kronkolonie erhört. Allerdings bedeutete dies für mich Mehraufwand, da ich, als Langstrecken Greenhorn, für das ich mich nach eben diesem halben Jahr auf dem A340, noch immer halte, noch nie selber ein Flugzeug nach Chek Lap Kok steuern durfte. Wäre der alte Flugplatz Kai Tak noch in Betrieb, so hätte ich wohl schon seit Tagen mit rauchendem Kopf über den IGS Anflugkarten gegrübelt. Da die IGS Zeiten, seit das BAZL den Gekröpften gek(r)öpft hat, aber endgültig vorbei zu sein scheinen, habe ich beschlossen, dass eine kürzere Vorbereitung genügen muss. Ganz nach dem Motto pppppp (proper preflight preparation prevents poor performance), startete ich also meinen Computer und stieg ins Intranet:

 

15 Seiten mit den wichtigsten Flugplätzen für Notlandungen zusammenstellen, die drei illegalen, aber unverzichtbaren Funkkarten bei aircharts.ch herunterladen, eine topographische Studie über die Höhe der Gebirge unter den Flugstrassen in China erstellen, kurz die Doktorarbeit vom Chef über das korrekte Vorgehen im Falle eines Kabinendruckabfalles zwischen Lanzhou und Chengdu lesen und wenigstens ansatzweise zu Verstehen versuchen, die Umrechentabellen für Flughöhen von Fuss in russische Meter und von diesen in chinesische Meter heraussuchen, drei Seiten mit Informationen über das von meinem Brötligeber von mir verlangte Verhalten während des Aufenthaltes in der fremden Stadt aus dem Netz ziehen und schliesslich die ganze, knapp 50-Seitige Dokumentation ausdrucken und neben der Sonnenbrille ins, wegen der Sonnenbrille, wieder ausgegrabene Crewbag verstauen. Meine Druckerpatrone machte zwischenzeitlich schlapp und ich war es mittlerweile ebenfalls.

 

Eigentlich wollte ich deshalb vor dem Abflug noch etwas vorschlafen, aber ich hatte bemerkt, dass noch einige Checklisten revidiert worden sind und beim Versuch den Änderungen, mittels unserer online synchronisierbaren offline Bibliothek, auf den Grund zu gehen, erlitt meine Windose einen Totalabsturz. Zwei Stunden und 50 Microsoft Verwünschungen später funktionierte meine Kiste wieder, aber natürlich nützte jetzt auch schneller schlafen nichts und ich litt auf dem Nachtflug noch etwas mehr als sonst. Als ich bei meinem Cockpit Kollegen während dem gemeinsamen Kampf gegen den Schlaf auf meinem Computer Frust zu sprechen kam, meinte dieser lapidar: „An der 298 Hennessy Road, im ersten Stock, hat es einen Mac Shop.“