Archive for August 2011

Ein Bier zu viel

30. August 2011

Eigentlich habe ich dem Planungsroulette ja mitgeteilt, dass ich gerne nach Miami fliegen möchte. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass ich schon wieder nach San Francisco durfte. Natürlich war ich darüber nicht wirklich unglücklich, den es gibt weiss Gott schlimmere Destinationen.

Nach dem doch recht anstrengenden Ausflug in den Yosemite Nationalpark, anlässlich meines letzten Fluges in die Stadt am Golden Gate, wollte ich es dieses Mal jedoch wesentlich ruhiger angehen. Ein bisschen ausspannen, durch die Stadt bummeln oder irgendwo am Wasser ein Buch lesen. Die Seele baumeln lassen und bloss kein Stress…

Beim Frühstück am Tag nach meiner Ankunft diskutierten wir unsere Freizeitplanung, wobei sich wohl manch ein Kollege oder eine Kollegin über den plan- und ziellosen Copi wunderte. Als sich dann auch die letzten vom Frühstückstisch erhoben, machte auch ich mich auf den Weg. Bei der Fahrradvermietung vor dem Hotel schien es mir plötzlich eine ausgesprochen gute Idee zu radeln statt zu laufen und so gondelte ich schon bald gemütlich Richtung Fisherman‘s Wharf. Schon bald wunderte ich mich allerdings über die ausgesprochen harte Federung meines Fahrrades und als ich mir bei einem Schlagloch beinahe die Wirbelsäule brach, bemerkte ich bei einem Blick auf mein Hinterrad, dass der Reifen platt war…

Wer sein Velo liebt, der schiebt. Doch wohin bloss? Zurück zum Hotel oder weiter zur Fisherman‘s Wharf? Ich entschied mich fürs Zweite da es dort, gemäss meinem Stadtplan, ebenfalls eine Zweigstelle meiner Fahrradvermietung gab. Nach wenigen hundert Metern entdeckte ich aber eine Vermietung eines konkurrierenden Anbieters. Natürlich fragte ich dort, ob man mir eine Pumpe ausleihen könne. “No, we cannot help you“ “But you certainly have an air pump?!?“ “We sure do, but we cannot give it to you – due to insurance reasons.”

Laut über amerikanische Versicherungsjuristen, engstirnige Velovermieter und andere Idioten fluchend schob ich meinen Drahtesel also noch eine halbe Stunde weiter. Mit einem neuen fahrbaren Untersatz, der dank meines Insistierens diesmal sogar mit einem Reparaturset ausgerüstet war, ging es weiter Richtung Golden Gate Brücke. Von dieser war allerdings nur der untere Teil zu sehen. Der Rest verlor sich im Nebel.

 

Trotzdem ging es über die Brücke bis nach Sausalito, wo ich, in einem Anfall von Energie, beschloss noch eine gute Stunde bis nach Tiburon weiter zu radeln. Dort angekommen zog es mich fast magisch ins erstbeste Gartenrestaurant. Kurz darauf rann ein kühles Bier, aus einem perlenden Glas, prickelnd durch meine staubtrockene Kehle. Herrlich!

Ich kramte mein mitgebrachtes Buch hervor, lehnte mich im Stuhl zurück und genoss die Sonne, die Ruhe, die Aussicht und natürlich mein Bier. Da ich keine Lust hatte zweieinhalb Stunden zurückzutreten, fragte ich den Kellner, ob er wisse wann die nächste Fähre zum Pier 41 in San Francisco fahre. Klar konnte er das und das Beste daran war, dass ich noch locker Zeit für ein zweites Bier hatte, bevor ich mich mit 10 Minuten Reserve zum Ferry Pier begab.

Hier musste ich feststellen, dass die Fähre bereits vor 10 Minuten abgefahren war und dass die nächste erst um 19h45 fahren würde… Scheisse also doch 2½ Stunden zurückradeln! Welcher Depp wollte sich in San Francisco einen stressfreien Tag gönnen? Während der Rückfahrt verfluchte ich mindestens 50 Mal die zwei Bier, die mir nun bleischwer in den Beinen lagen.

 

In der Ferne lugte mittlerweile der nördliche Brückenpfeiler aus dem Nebel hervor, aber sobald er den ausgepumpten Copi heranstrampeln sah, verhüllte er sein Haupt sofort wieder schockiert im Nebel. Schliesslich schaffte ich es gerade noch rechtzeitig und völlig ausgenüchtert zum gemeinsamen Nachtessen mit der Crew. Vorher hatte ich sogar noch kurz Zeit für die dringend benötigte Dusche, unter der ich mir hoch und heilig versprach während meinem nächsten San Francisco Aufenthalt einen ruhigen Tag einzuziehen…

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Apple kann es besser

14. August 2011

Den Jüngern von Steve Jobs ist dies schon lange klar. iPhone, iPad und iMac sind einfach überlegen. Hardware- und Softwaremässig spielt Apple im Vergleich zur Konkurrenz in einer anderen Liga, ja sogar in einem anderen Universum. Natürlich gibt es noch immer ein paar Ewiggestrige, die dies bestreiten, aber die kann man nun doch wirklich nicht mehr für voll nehmen. Leider gehörte bis heute auch ich zu diesen uneinsichtigen, aber jetzt wurde ich bekehrt.

Apple hat nämlich kürzlich einen Nachfolger für sein Betriebssystem OS X Leopard lanciert. Wie man etwas so perfektes wie ein Apple OS noch verbessern kann, ist mir zwar ein Rätsel, aber trotzdem ist das OS X Lion seit kurzem auf dem Markt. Natürlich bin ich der falsche um das neue Apfelprodukt zu beurteilen, aber als Hobbyastronomen ist mir das Hintergrundbild mit dem Andromeda Nebel sofort ins Auge gestochen. Schliesslich ziert ein ganz ähnliches Bild meinen eigenen – ich gebe es zu – Windows Desktop.

So schööön. Aber etwas scheint falsch. Fehlt da nicht die Zwerggalaxie M110 unter der Andromeada Galaxie M31? Auch der alles überdeckende, blaue Dunstschleier ist mir so noch nie aufgefallen. Seltsam…

Schaffen wir also Klarheit. Die Andromeda Galaxie sieht folgendermassen aus:

Statt nach den berühmten zehn Unterschieden zu suchen, habe ich die beiden Bilder kurzerhand übereinandergelegt. Schliesslich habe ich damit Seit der Supernova im Whirlpool Erfahrung…

Das Resultat zeigt eindeutig die Genialität von Apple: Die Firma baut nicht nur überirdische Computer, sie kann auch nach Belieben Sterne entstehen und verschwinden lassen! Auch ganze Galaxien sind nicht vor Apple gefeit. M110 ist bei Herrn Jobs offensichtlich in Ungnade gefallen und wurde deshalb kurzerhand ausradiert. Ob dort zu viele Windows User leben?

Hätte Gott vor der Schöpfung Apple konsultiert, dann würden wir heute offensichtlich in einem viel schöneren Universum leben! Aber wahrscheinlich gehört der alte Herr auch zu den Ewiggestrigen…

Vom wissenschaftlichen Standpunkt ist diese Behauptung natürlich unhaltbar. Seth Lloyd, MIT Professor für Mechanical Engineering und Autor des Buches Programming the Universe würde daher eher postulieren, dass das ganze Universum auf dem falschen Betriebssystem laufe und ein Quantenphysiker könnte das ganze dahingehend interpretieren, dass Apple aus einem Paralleluniversum kommen muss.

Wie dem auch sei. Ich bin jedenfalls bekehrt und stimme der Apple Sekte von jetzt an gerne zu, dass ihre Produkte aus einem anderen Universum stammen. Leider stamme ich aber aus dieser Welt und bin ich damit wohl auf ewig inkompatibel mit den Produkten mit dem Apfel drauf…

Filmreif

13. August 2011

Der Zustand der Aviatik gibt zunehmend Anlass zu Sorge. Obwohl die Kerosinpreise kontinuierlich steigen, kostet ein Flugticket bald weniger als die Bahnfahrt an den Flughafen. Die meisten Fluggesellschaften fliegen deshalb in den roten Zahlen und dies vor einem sich schnell eintrübenden Wirtschaftsumfeld. Den Kosten- und Margendruck versuchen viele Airlines über das Volumen zu kompensieren. Deshalb wird Wachstum gebolzt, obwohl viele Lufträume und Airports schon heute an der Belastungsgrenze sind und die Angestellten Überstunden leisten müssen, da weder Rekrutierung noch Ausbildung mit den ehrgeizigen Zielen der Manager mithalten können.

Auch die Militäraviatik befindet sich im Umbruch. Allerdings geht es dort in die andere Richtung: Krebsgang ist angesagt. Da den Staaten überall das Geld ausgeht, werden Luftwaffen verkleinert und Militärbasen geschlossen. In der Schweiz wurden bereits unzählige kleinere Militärflugplätze aufgehoben und zurzeit wird über die Zukunft des einst florierenden Flugplatzes Dübendorf gestritten. Welch tristes Bild solch eine untote Militärbasis aus der Luft abgibt, habe ich kürzlich über Frankreich gesehen: Strassenkreisel und Begrünungsflächen mitten auf der Startbahn – Leichenfledderung vom Übelsten!

So richtig eingefahren ist mir aber ein E-Mail, das ich zwei Tage vor meinem Chicago Flug erhalten habe. Für das SWISS Personalfest sollte ein Film von einem Cabin Briefing gedreht werden und meine Besatzung wurde dafür auserwählt. „Herrgott, wie tief sind wir gesunken, wenn ich der fotogenste Kopilot bin!“ schoss es mir durch den Kopf.

Um wenigstens einen einigermassen akzeptablen Eindruck zu hinterlassen, musste ich zuerst notfallmässig zum Friseur. Zudem tauschte ich meine ausgelatschten, aber bequemen Uniformschuhe gegen ein neues, aber entsprechend unbequemes Paar. So aufgebrezelt begab ich mich schliesslich zur Arbeit. Durch das filmbedingte, unanständig frühe Check-in, fand ich wenigstens einen Parkplatz im chronisch überfüllten Parkhaus…

Im Briefingraum herrschte schon hektische Aktivität. Im grellen Licht von drei riesigen Scheinwerfern wurde an den bereits anwesenden Flight Attendants herumgeschminkt. Foulards wurden ausgetauscht, Uniformen gerichtet und Schweissperlen weggepudert. Zu meiner Erleichterung wollte aber niemand an uns Piloten herumwerkeln. Ob wir schon perfekt geschniegelt waren oder ob bei uns jeder Effort hoffnungslose Zeitverschwendung gewesen wäre, wurde uns nicht mitgeteilt.

Danach folgten die Regieanweisungen. Es gehe darum den Firmen-Teamspirit im normalen Arbeitsumfeld einzufangen. Wir sollten ein ganz normales Cabin Briefing durchführen. Nichts Gekünsteltes sei gefragt, sondern das ganz normale Verhalten im Briefing. Das Filmteam wäre vor Allem an der Interaktion des Teams interessiert…

An dieser Stelle muss ich kurz erklären, wie ein solches Cabin Briefing normalerweise verläuft. Da ich jeweils nur in den 5 Minuten, in denen wir vom Cockpit das Cabin Briefing besuchen, anwesend bin, werde ich mich dabei auf diesen Teil beschränken:

Eine Stunde und 15 Minuten vor dem geplanten Abflug tritt die Cockpitbesatzung ins Briefing Zimmer, wo die Kabinenbesatzung, unter der Leitung des Maître Cabin, in den letzten 15 Minuten ihre Arbeit organisiert hat. Zuerst macht man die Runde und begrüsst die im Kreis herum sitzenden Flight Attendants per Handschlag. „Sali, Ich bin Skypointer“ „Sandra“ „Freut mich“ … „Guten Morgen, ich heisse Skypointer“ „Freut mich, Barbara“ „Gleichfalls“ … „Hallo Skypointer. Ich heisse Julia“ „Hallo und guten Morgen“ … „Hallo Heidi. Schön, dass wir wieder einmal zusammen fliegen…“ „Hallo Skypointer. Ich habe Deinen Namen gar nicht erkannt!“ „Ist ja auch ein 08-15 Namen ;-)“ …

Nachdem man sich nun kennt, gibt der Kapitän normalerweise kurz bekannt, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt und dass sich jedes F/A, das etwas möglicherweise Sicherheitsrelevantes bemerkt, dies sofort dem Cockpit melden soll. Nach dem Hinweis, dass Cockpit Besuche der Cabin Crew  jederzeit hochwillkommen seien, übergibt der Kapitän meist das Wort an den Kopiloten, der kurz die Flugzeit, die Route und das Wetter unterwegs und an der Destination bekannt gibt. Während dieses Frontalunterrichts lackiert Julia jeweils ihre Fingernägel, Barbara liest heimlich das letzte SMS von ihrem neuen Freund, Sandra nervt sich über die Laufmasche in ihren Strümpfen, die sie sich beim Spurt vom überfüllten Parkhaus ins OPS eingefangen hat und Heidi denkt, dass Skypointer noch immer nicht hat gelernt hat sich im Briefing kurz zu fassen, denn das einzige was sie interessiert sind die Flugzeit und ob Turbulenzen zu erwarten sind…

Danach kehrt die Flight Crew in die Flugplanung zurück, während hinter ihr die Cabin Crew aus dem Zimmer Richtung Raucherecke stürzt, um vor der Fahrt zum Flugzeug wenigstens noch eine halbe Zigarette zu inhalieren.

Wie der geneigte Leser nun also weiss, findet die von der Regie gewünschte Interaktion, ausser bei der Begrüssung, nicht statt. Genau darauf machte der Kapitän nun aufmerksam. Konsequenterweise wollte das Filmteam natürlich die Begrüssung filmen. Leider, so wurde uns mitgeteilt, sei es aber filmtechnisch nur schlecht möglich den Handschlag zwischen stehenden und sitzenden Crewmembers auf digitales Zelluloid zu bannen und deshalb sollte die Cabin Crew zur Begrüssung des Cockpits aufstehen. Obwohl in grauer Urzeit, als mir Anstand eingetrichtert wurde, alles andere als äusserst unhöflich galt, fanden unsere Kolleginnen dieses kollektive Erheben sehe allzu sehr nach Strammstehen vor der Flight Crew aus und folglich wurde, nach kurzer Diskussion, auf die gesamte, äusserst interaktive Begrüssungsszene verzichtet…

Als der Kapitän daraufhin seinen Pflichtteil absolvieren wollte, wurde er, noch bevor er den ersten Satz beendet hatte, vom Filmteam unterbrochen. Es gehe natürlich nicht dass wir vom Cockpit unsere Infos im Stehen vermitteln. Vielmehr sollen wir uns dafür doch bitte hinsetzen. Die Bemerkung, dass dies absolut unüblich sei und dass doch ein ganz normales Briefing gefilmt werden sollte, wurde mit weiteren filmtechnischen Argumenten gekontert, so dass wir uns schliesslich zwei Stühle schnappten und uns zum Kreis der Kabinenbesatzung gesellten.

Dann folgte der zweite Anlauf, der ebenso schnell unterbrochen wurde. Es wäre schön wenn die Cabin Crew mischreiben würde. „Mitschreiben?!?“ „Hä, was denn?“ „Warum? Die Flugzeit kann ich mir gerade noch merken und der Rest interessiert eh nicht!“ „Ich habe nichts zum Schreiben dabei.“ „Und ich kein Papier“ …

Der Kapitän beendete die Diskussion mit der Bemerkung, dass erstens ausser dem Maître Cabin nie jemand mitschreibe und zweitens die Zeit langsam knapp werde. Deshalb zog er nun im dritten Anlauf seine Ansprache durch und übergab mir das Wort. So spulte auch ich mein Sprüchlein herunter, was einigermassen Störungsfrei verlief, obwohl ich beim Zuruf ich solle doch zwischendurch meinen Blick auf die leere Ecke der Briefingraums richten, damit der Eindruck entstehe, dass auch dort jemand sitze, ein Auflachen unterdrücken musste.

Danach verabschiedeten wir uns vom Ort des Grauens und nahmen endlich in die Flugplanung in Angriff. Auf dem folgenden neuneinhalbstündigen Flug hatte ich genügend Zeit die ganze Affäre nochmals Revue passieren zu lassen. Dabei kam ich zu folgenden Schlüssen:

  1. Sollte irgendjemand diesen Film an der Staffparty sehen, dann weiss er wie ein Cabin Briefing nicht abläuft.
  2. Die wirklich aussagekräftigen Szenen zum Thema Teambildung spielten sich ab, als die Kamera nicht lief.
  3. Der Anflug in Chicago war wirklich filmreif, aber natürlich hat das Filmteam auch diesen verpasst.
  4. Für die Canon Profilinse auf der Filmkamera wüsste ich definitiv eine bessere Verwendung…