Archive for Januar 2010

Where? There! O’Hare.

31. Januar 2010

Ich habe ja versprochen, dass ich die von Obama angekündigten, neuen Sicherheitsmassnahmen der Amerikaner bei meinem nächsten Flug in die USA etwas genauer unter die Lupe nehmen werde. Natürlich drängte es sich auf, dies anlässlich eines Fluges in die Heimatstadt des Präsidenten zu tun.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich wurde nicht bis auf die Unterhosen ausgezogen und das hübsche, blonde Flight Attendant, welches vor mir die Sicherheitskontrolle passierte, leider auch nicht…

Ausser dem halbnackten Girl auf der Titelseite des Blick, das wegen mangelnder Rigorosität der Sicherheitsleute als Ersatz für das blonde F/A herhalten musste, fiel mir bis Mitte Nordatlantik nichts Besonderes auf. Das Essen aus der ersten Klasse schmeckte wie immer hervorragend und der Nespresso floss reichlich.

Dann aber, als wir auf 30° West die Kontrollzone von Shanwick verliessen und zu Gander wechselten, bemerkten wir wie subtil die Amerikaner vorgehen.

Auf der uns zugewiesenen Kurzwellenfrequenz empfing uns fremdländisches, stakkatoartiges Englisch, das bei genauerem Hinhören Erinnerungen an Curry und Nan heraufbeschwor.

Zuerst vermuteten wir natürlich, dass ein Air India „Palace in the Sky“ versuchte den kanadischen Kontroller zu kontaktieren. Als wir dann aber hörten, dass der Kontroller ebenfalls mit dem seltsamen Akzent sprach und sich zudem noch „Mumbay Control“ nannte, da wussten wir, dass die Sache etwas komplizierter sein musste.

Naheliegend wäre zwar eine Störung in der Ionosphäre gewesen, die den nicht so nahe liegenden Funkverkehr um die halbe Welt transportierte, aber in uns keimte ein anderer Verdacht.

Was, wenn die Amis den Bombay Funkverkehr absichtlich über dem Atlantik ausstrahlen um navigatorisch nicht besonders versierte Terroristen zu verwirren? Die orientierungslosen Bösewichte würden wahrscheinlich denken sie seien in die falsche Richtung geflogen und sofort wenden! Wenn dann über Afghanistan noch ein Kontroller mit New Yorker Akzent den Verkehr leitet, dann wähnen sich die mutmasslichen Attentäter dort am Ziel und sprengen in Tora Bora den Osama statt den Obama in die Luft. Echt genial!

Uns alte Hasen konnte diese Finte natürlich nicht verwirren. Ein kurzer Blick auf den Kompass und ein Nachfragen bei den Passagieren, was der Zielflughafen sei, genügte um bestätigen, dass wir in die korrekte Himmelsrichtung flogen. Deshalb wechselten wir kurzerhand auf unsere Zweitfrequenz und meldeten uns auf dieser beim mit beruhigend kanadischem Akzent sprechenden Lotsen an.

Nun erinnerte ich mich wieder an eine Anweisung in unseren Planungsunterlagen, die ich zu Beginn des Fluges völlig sinnlos fand:

While over U.S. airspace, flight crew may not make any announcements to passengers concerning flight path or position over cities or landmarks.

Im Lichte der neuen, amerikanischen Verwirrtaktik zur Terrorabwehr macht es natürlich Sinn, dass wir das Spiel nicht mit unserer „Public Address“ verraten. Deshalb hielt ich mich bei meiner Ansage vor dem Sinkflug auch peinlichst genau an obiges Verbot:

„Ladies and Gentlemen, due to new regulations from the department of homeland security, I am neither allowed to tell you where we are, nor where we go. Nevertheless we will start our descent shortly and in about 40 minutes, we will be landing there. By the way, in O’Hare the weather…blah, blah…”

State of the World, the Union, Technology and Mind

28. Januar 2010

Gestern hat die Zukunft begonnen. Wirklich! Umwälzendes, weltbewegendes, revolutionäres und historisches hat sich gestern zugetragen.

Unter dem diesjährigen Motto „Improve the State of the World: Rethink, Redesign, Rebuild“ wird seit gestern am World Economic Forum in Davos, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wieder einmal die Welt gerettet. Warum dies nach den durchschlagenden Erfolgen der letzten 22 Veranstaltungen noch immer nötig ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Deshalb wurde ich wohl auch nicht eingeladen. Die Politiker und Wirtschaftsbosse, die Reichen und Mächtigen sind gerne unter sich. Soll mir recht sein! Sonst müsste ich am Seminar Rethinking Systemic Financial Risk noch mit Herrn Grübel darüber streiten, ob nun er oder die Politik seine Bank aus dem selbst verschuldeten Schlamassel retten muss. Danach würde mich der UBS Chef wohl einladen mit ihm den Programmpunkt Rethinking Business Ethics zu besuchen und ich müsste ihn darüber aufklären, dieser Kurs überflüssig wäre, wenn man sich einfach an die Grundregeln des Anstandes halten würde…

InThe Next Global Crisis wird sicher gestellt, dass die Welt auch nächstes Jahr wieder gerettet werden muss und für den Fall, dass dies im 2011 zum ersten Mal nicht gelingen sollte, wird in Life on Other Planets? schon heute nach Alternativen gesucht.

Wer nun aber denkt, das WEF habe bei normal Sterblichen keine spürbaren Auswirkungen, der irrt gewaltig. So ist bereits seit zwei Wochen mein Lieblingsparkgeschoss im Personalparkhaus am Flughafen Zürich für die Limousinen der Weltenretter von Davos gesperrt…

Natürlich ist das WEF nicht der einzige Grund, weshalb der gestrige Tag bei künftigen Generationen als historisch gelten wird. Gestern hat Obama seine State of the Union Address gehalten:

Ich hab sie mir angetan und ich bin beeindruckt. Nicht weil der Friedensnobelpreisträger viel über Krieg gesprochen hat. Auch nicht weil er ein brillanter Redner ist und schon gar nicht wegen der amerikanischen Innenpolitik. Überrascht haben mich Aussagen wie:

 We have gone from a bystander to a leader in the fight against climate change.”

Da muss ich offensichtlich etwas verpasst haben! Wahrscheinlich meint er damit Dinge wie „opening new offshore areas for oil and gas development“.

Gefreut hat mich auch, dass Obama endlich das amerikanische Haushaltsdefizit in den Griff gekriegt hat: „We’ve already identified $20 billion in savings for next year.“ Bei 12 Trillionen Staatsschulden, die jährlich um eine Trillion anwachsen, scheint mir dies allerdings etwas mager. Dies liegt wohl daran, dass ich kein Politiker bin und somit Probleme kriege, wenn ich Geld ausgebe, das ich gar nicht habe…

Besonders beruhigt hat mich aber die Aussage “We are filling unacceptable gaps revealed by the failed Christmas attack, with better airline security”. Mal sehen, ob ich auf meinem nächsten Amerikaflug schon etwas davon bemerke. Vielleicht wird ja in Zukunft das Tragen von Unterhosen verboten. Oder man nimmt neuerdings auch noch Fussabdrücke. Da eh schon jeder die Schuhe ausziehen muss, wäre der Aufwand dafür minimal…

Um die historische Dreifaltigkeit zu komplettieren und um jedermann die Einfältigkeit der Konsumenten vor Augen zu führen, hat der Messias der Elektronikbranche, Steve Jobs, gestern vollmundig das iPad angekündigt. Der neuste Stand der Technologie ist ein aufgeblasenes iPhone ohne USB Anschlüsse, das nicht zum Telefonieren taugt, unfähig ist zwei Programme gleichzeitig auszuführen, keine Webcam hat und Flash Videos nicht anzeigen kann. Apple hat sich wieder einmal selbst übertroffen!

Alles in allem ist das iPad also etwa so nutzlos wie das WEF und so langweilig wie die Rede zur Lage der Nation! Aber das wird dem kommerziellen Erfolg dieses zukünftigen Elektroschrotts natürlich nicht im Wege stehen.

Warum sollten wir beim Konsumieren auch intelligenter sein als beim Wählen?! Allmählich mache ich mir Sorgen über den „State of Mind“ der Welt…

Severe security breach

24. Januar 2010

Die Schlagzeilen über Probleme an Sicherheitskontrollen von Flughäfen wollen in letzter Zeit nicht mehr enden. So konnte der Unterhosen-Bomber von Detroit ungehindert hochexplosiven Sprengstoff auf ein Flugzeug der Delta Airlines schmuggeln. Das beherzte Eingreifen eines Passagiers verhinderte zum Glück, dass die Hot Pants grössere Schäden anrichteten. Ausser am Allerwertesten des Terroristen natürlich…

Kurz danach erdreistete sich ein Reisender in München doch tatsächlich seinen Laptop mit auf seinen Flug zu nehmen. Die dadurch völlig überforderten Sicherheitsleute verpassten es in der Folge nicht nur den mutmasslichen Terroristen festzunehmen und nach Guantanamo zu überstellen, sondern vergassen darüber hinaus auch unverzüglich Bundespolizei, GSG 9, NTSB, Homeland Security, FBI, CIA, Navy SEALs, Fremdenlegion, Ueli Maurer, Barak Obama, Ban Ki Moon und den lieben Gott zu benachrichtigen.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich, von der Öffentlichkeit unbemerkt, gestern am Zürcher Flughafen. Zu meinem Leidwesen musste ich die Folgen dieser Sicherheitslücke am eigenen Leib spüren.

Die Geschichte, die wie ein schlechter Krimi tönt, begann eigentlich völlig unspektakulär mit einem Anruf der Crew Dispo. Mir wurde mein Boston Flug weggenommen und durch Bombay ersetzt. Weil ich also mit +32°C statt -6°C rechnen konnte, zog ich ein fabrikneues Kurzarmhemd zu meiner noch immer fast knitterfreien Uniform an und machte mich auf den Weg zur Arbeit.

Nach Planung, Kabinenbriefing und einem Schwatz mit Kollegen, begaben wir uns zur Sicherheitskontrolle. Da mein Laptop keine Sprengstoffspuren aufwies, in Koffer und Crewbag keine Waffen versteckt waren und ich es bei der Personenkontrolle tunlichst vermied an Metall zu denken, wurde ich ohne Beanstandung aufs Flugzeug gelassen.

Flugvorbereitung und Boarding verliefen zügig, so dass wir schliesslich einige Minuten zu früh starten konnten. Als ich im Steigflug die Winddaten in den Navigationsrechner stöpselte, ertönte der Summer der Cockpittüre. Der Kapitän kontrollierte kurz die Überwachungskamera und öffnete die Panzertüre. Während ich mich darauf konzentrierte nicht den Überblick über meinen Zahlensalat zu verlieren, sah ich am Rande meines Gesichtsfeldes schemenhaft, wie die Türe geöffnet wurde und jemand ins Cockpit trat.

Plötzlich spürte ich, wie sich eine Metallspitze in meine Kehle bohrte. Obwohl der Stich nicht sehr schmerzhaft war, realisierte ich sofort, dass ich mich in höchster Gefahr befand. Jetzt bloss keinen Fehler machen! Ruhig Blut bewahren, den Kopf nicht bewegen, niemanden durch abrupte Bewegungen gefährden und mal hören was die eben eingetretene Person für Forderungen stellt…

„Kann ich Euch einen Kaffee bringen?“ fragte jemand hinter mir. Ja was für ein Terrorist war denn das? Vorsichtig drehte ich den Kopf und erkannte zu meiner Erleichterung unser First Class Flight Attendant hinter mir. Aber wer stach mir denn nach wie vor mit diesem Metallteil in den Hals?

Behutsam löste ich meine Krawatte und tastete meinen Hemdkragen ab. Tatsächlich, da war was! Mit der rechten Hand brachte ich etwas Luft zwischen Metallspitze und Kehle, während ich mit der linken Hand, zitternd, eine Stecknadel aus meinem Kragen zog. Erleichtert sagte ich: „Sehr gerne. Espresso, schwarz und ohne Zucker.“

Danach fragte ich mich zum hundertsten Mal in meinem Leben, warum zum Teufel neue Hemden mit solch lebensgefährlichen Nadeln verpackt werden.

StecknadelAls ich das Corpus Delicti betrachtete, realisierte ich, welch grosser Gefahr wir gerade entronnen waren. Zwar wäre der Kapitän, falls ich am Stich in die Kehle verblutet wäre, zweifellos in der Lage gewesen das Flugzeug alleine zu landen – aber was könnte nicht alles geschehen, wenn eine so gefährliche Waffe in die falschen Hände gerät? Wenn zum Beispiel ein anonymer Selbstdarsteller auf einen dünnhäutigen Zeitgenossen trifft, der keine Sticheleien erträgt…

Natürlich müssen aus solchen Vorfällen Lehren und Konsequenzen gezogen werden. Ich fordere deshalb das unverzügliche Nachrüsten aller Nacktscanner, damit sie in Zukunft jede Stecknadel finden und eine Risikoprämie für Erstflüge in neuen Uniformhemden.

A380 in KLO

20. Januar 2010

Heute ist er in KLO gelandet und Tausende haben ihn begrüsst. Auf dem Parkplatz beim Threshold der Piste 16 herrschte Ausnahmezustand und auch beim offiziellen Publikumsanlass strömten die Massen herbei um den Giganten der Lüfte willkommen zu heissen.

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Jeder versuchte sich in eine optimale Position zu bringen, um den Megajet abzulichten. Ob mit eingeschränktem Blickfeld oder totalem Überblick, alle waren vom Koloss begeistert…

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Nur die geplagten Don Quijotes der Südschneise finden den A380 in KLO fürs Klo und ziehen wagemutig in den Kampf gegen den mit vier grossen Windmühlen ausgerüsteten Leviathan. Zwar haben sie im Vorfeld den grossen Medienrummel völlig verschlafen, aber wer kann es ihnen verdenken, sind doch die modernen Jets mittlerweile so leise…

 

Deshalb haben die Mitglieder des VFSN heute Morgen vorgesorgt und liessen sich pünktlich um 6 Uhr in der Früh von ihrem Radiowecker aus den Träumen reissen, damit sie drei Minuten später auch bereit waren um sich über den unerhörten Lärm der ersten anfliegenden Höllenmaschine zu empören.

 

Danach wurde, während die Kinder noch schliefen und von Flugzeugen träumten, die Zeit genutzt um eine hirnrissige Presseerklärung zu verfassen:

 

Die Fans am Pistenrand mögen entzückt sein. Ein 24 Meter hohes Flugzeug mit einer Spannweite von 80 Metern, 150 Meter über den Dächern von Schwamendingen – Was der Flughafen hier der Bevölkerung erneut zumutet, ist besorgniserregend!

Der VFSN nimmt zur Kenntnis, dass ab März das Grossraumflugzeug A380 der Singapore-Airlines den Flughafen Kloten täglich morgens anfliegen wird. Zu grosser Besorgnis Anlass gibt die Tatsache, dass künftig ein überdimensioniertes, wenig erprobtes Flugzeug zumindest an Wochenenden und Feiertagen im Tiefflug über das am dichtesten besiedelte Gebiet der Schweiz im Süden des Flughafens zur Landung ansetzen wird. Wir erinnern daran, dass sich Flugzeugabstürze am häufigsten bei Landeanflügen ereignen. Die Piloten der Singapore-Airlines haben zudem in der Vergangenheit bei der Bevölkerung im Süden einen zwiespältigen, nicht besonders versierten Eindruck hinterlassen. Regelmässig befanden sie, auch bei absolut besten Bedingungen, abends die Ostpiste als zu kurz und verlangten eine Sondererlaubnis um über den Süden landen zu können. Wir hoffen, dass sie mit dem Handling des neuen Riesenvogels nicht überfordert sind. 

 

Die Experten des Quengelns sind also besorgt, weil die A380 offenbar wenig erprobt ist. Dabei scheint ihnen entgangen, dass der Erstflug dieses Typs am 27. April 2005, also vor fast fünf (!) Jahren stattfand. Seit dem 25. Oktober 2007 werden kommerzielle Passagierflüge durchgeführt, mittlerweile mit 25 Maschinen.

 

Nachfolgend ein Film über die nicht durchgeführte Erprobung:

Gemäss Presseerklärung haben die mutigen Kämpfer gegen Südanflüge zudem Angst davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Dass die A380 heute über Schwamendingen anflog, müssen die Schneiser zwar geträumt haben und worin genau der Unterschied liegt, ob ihnen eine A380 oder eine Boeing 777 aufs Dach fällt, entgeht meiner Logik, dafür habe ich grosses Verständnis für die Forderung allfällige Abstürze sollen in Bülach statt Gockhausen stattfinden. Schliesslich haben die Einwohner im Norden nicht nur weniger Kohle und damit auch weniger Rechte, sondern ihr Leben ist ganz allgemein weniger wichtig…

 

Heiliger St. Florian beschütze unsere Häuser! Zünde lieber andere an.

 

Zudem sind Anflüge im Norden schon deshalb viel sicherer, weil dort keine um die Flugsicherheit besorgte Schneiser Ballone steigen lassen und keine hirnamputierten Fluglärmgegner versuchen Abstürze zu verhindern, indem sie den Piloten mit Laserpointern und Blendscheinwerfern den Weg weisen…

 

Aber vielleicht freuen sich die Piloten auch über die Hilfe vom Boden, denn sie sind ja nicht besonders versiert. Vor allem nicht jene aus Singapore. Aus völligem Mangel an Professionalität weigerten sich diese offenbar ihre Boeing 777 auf die mit 2500 Metern viel zu kurze Piste 28 zu würgen und verlangten statt dessen eine längere Piste. Weil die Piste 28, dank dem Widerstand der Flughafengegner, wohl nie verlängert wird, entschloss sich der Controller offenbar die Singapore Maschine, statt sie bis zum St. Nimmerleinstag warten oder abstürzen zu lassen, auf die Piste 34 zu lotsen. Was für ein Skandal! So viel Sicherheitsbewusstsein kann der mit dem Handling seiner Riesenmeise völlig überforderte Verstand eines Schneiser-Experten natürlich nicht fassen!

 

Abschliessend wage ich es noch die Frage aufzuwerfen, ob die Flugplatzgegner es wohl auch schaffen würden ihre Klientel an einem kalten, nebligen Mittwoch Morgen in aller Herrgottsfrühe zu Tausenden zu mobilisieren, um an den Flughafen zu pilgern…

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Er kommt. Freude herrscht.

19. Januar 2010

Er kommt. Der grösste Passagierflieger der Welt. Er kommt hier in die Provinz. Er kommt zu uns. Er kommt nach Zürich. Freude herrscht.

Disclaimer:

Bevor jemand weiter liest, muss er wissen, dass der Schreibende ein kleingeistiger, neidischer, verbitterter und von Minderwertigkeitskomplexen geplagter A340 Pilot ist. Nach dem Aussterben der Jumbo Jets hier in Downtown Switzerland waren die A340 Kutscher die „Big Kids on the Block“. Das ist nun vorbei. Alles hier geschriebene ist deshalb subjektiv, tendenziös, lausig recherchiert und politisch gefärbt. Mit anderen Worten nicht besser als ein Zeitungsartikel. Wer’s trotzdem liest, tut es auf eigene Verantwortung.

Er kommt. Welch Balsam für das geschundene Schweizer Selbstverständnis! Trotz Bankenkrise, Minarettverbot, Bananenrepublik und unfähigem Bundesrat kommt er zu uns und nicht zu Qadhafi. Freude herrscht.

Er kommt und alle sind begeistert. Flughafen, Passagiere, Presse, Fliegerfans, Gaffer und sogar die armen, geplagten Kreuzritter aus der Südschneise. Auf deren Homepage (diesen Link müsst Ihr schon selber suchen) steht der Beitrag des Tagesanzeigers über die Aufnahme des Linienbetriebes der Singapore Airlines mit der A380 neben dem Beitrag über immer mehr deutsche Piloten in den Swiss Cockpits. Offenbar fanden die Schneiser endlich den Blick fürs Wesentliche. Freude herrscht.

Wie auch immer. Er kommt und alle freuen sich. Vor allem die Passagiere. 471 haben Platz. Gut doppelt so viele wie in einer A340. Sie können sich auf ein ganz besonderes Erlebnis freuen. Gemäss Strömungslehre kann die doppelte Menge nur in der gleichen Zeit durch eine gegebene Anzahl Öffnungen in ein Gefäss fliessen, wenn die Geschwindigkeit verdoppelt oder die Masse komprimiert wird. Beides ist zwar für die Passagiere mit gewissen Komforteinbussen verbunden, aber die Alternative wäre eine doppelt so lange Abfüllzeit. Also bitte Helm und Ellbogenschoner montieren oder eine Stunde früher einchecken. Freude herrscht.

Natürlich gelten die Gesetze der Strömungslehre nur für reibungsfreie Medien. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass bei knapp 500 Passagieren alles reibungslos abläuft. Doppelt so viele Passagiere, welche nicht aufkreuzen und deren Gepäck deshalb gesucht und ausgeladen werden muss. Doppelt so viele verspätete Anschlusspassagiere, auf die noch gewartet werden muss. Doppelt so viele Spezialwünsche, doppelt so viele Problemfälle. Doppelt so viele unruly Pax und doppelt so viele medizinische Notfälle an Bord. Doppelt so viele Verspätungen mit doppelt so vielen Passagieren ergibt viermal so viel verpasste Anschlüsse. Freude herrscht.

Aber selbst ein Miesepeter muss die Fortschritte anerkennen. 20% weniger Treibstoffverbrauch pro Passagier. Oder anders ausgedrückt: Doppelte Transportkapazität bei nur 60% höherem Treibstoffverbrauch. Freude herrscht.

Vor allem wenn die Kiste voll ist. Halbvoll ist der Verbrauch allerdings etwa 30% schlechter aus, als bei einer mit gleich vielen Passagieren voll beladenen A340. Mit Statistiken lässt sich eben alles beweisen. Gesucht werden also ab dem 28. März täglich knapp 200 zusätzliche Leute, die nach Singapore fliegen. Sonst steht es schlecht um die Ökobilanz unseres neuen Lieblingsgiganten.

Save the planet!

Deshalb hier der dringende Aufruf an alle Schweizer:

Bitte in Zukunft Ferien ausschliesslich in Singapore verbringen.

Die Umwelt und Singapore Airlines bedanken sich.

Unruly PAX

15. Januar 2010

Manchmal haben unsere Sponsoren nicht nur ein Brett vor dem Kopf, sondern, was auf einem Flug nach China wiederum nicht sonderlich erstaunen sollte, eine ganze chinesische Mauer.

Genau. Zur Zeit und zur Abwechslung sitze ich wieder einmal in Shanghai. Diesmal starteten wir in Zürich aber bereits mit einer Stunde Verspätung, da wir auf knapp 20 Passagiere eines Anschlussfluges warten mussten.

In solchen Fällen ist es immer spannend, wenn man aus dem Cockpit dem Treiben der verspäteten Passagiere zuschauen kann. Da gibt es jene, die von der Angst, den Flug doch noch zu verpassen, getrieben, schweisstriefend den Jetty herunter hetzen. Natürlich ist uns diese Gruppe die liebste. Nicht weil sie während des Fluges besonders gut riecht, aber sie strengen sich redlich an den Schaden für die Wartenden möglichst klein zu halten.

Leider werden diese Bemühungen meist von der zweiten, weniger bemühten, dafür wesentlich bemühenderen Gruppe zunichte gemacht. Diese Leute sind es offensichtlich gewohnt, dass die ganze Welt nur auf sie wartet und schlendern betont langsam Richtung Flugzeug. Von nichts und niemandem lassen sie sich aus der Ruhe bringen und wer glaubt, diese Zeitgenossen zeigten sich wenigstens ein Bisschen dankbar, dass man auf sie gewartet hat, der täuscht sich gewaltig.

Mit zwei Vertreterinnen dieser unsympathischen Spezies hatte ich Gestern zu Beginn allerdings beinahe Mitleid. Zwei wohlbeleibte Damen wälzten sich im Schneckentempo durch den Passagierabfüllstutzen und ich konnte ihnen, angesichts ihres Leibesumfanges, die mangelnde Eile nicht einmal verübeln. Bald sollte sich aber herausstellen, dass an den beiden das einzig gemütliche ihr Tempo war.

Kurz nachdem wir unsere Reiseflughöhe erreicht hatten, tauchten diese Economy Passagierinnen nämlich in der Business Class auf und begannen sich dort häuslich einzurichten. Auf die Frage, was sie genau im Schilde führten, wurde unserem Flight Attendant mitgeteilt, dass es in der Eco Klasse viel zu eng sei und dass sie deshalb den Rest des Fluges in den geräumigen C-Class Sitzen verbringen würden. Von einer allfälligen Kostenpflicht eines solchen Vorhabens wollten die beiden Früchtchen natürlich nichts wissen, worauf sie die bequemen Sessel, unter Protest, wieder Richtung Holzklasse verlassen mussten.

Bald darauf bemerkte ein F/A, dass sich die Ladies eine andere Lösung für ihr Platzproblem hatten einfallen lassen. Während die eine sich quer über zwei Sitze räkelte, hatte die andere ihre Ruhestatt auf dem Boden zwischen den Sitzreihen aufgeschlagen. Dem Hinweis, dass dies aus Sicherheitsgründen verboten sei, wurde zwar knurrend Folge geleistet, als das F/A aber das nächste Mal bei den beengten Damen vorbei kam, befanden sie sich wieder in der gleichen Stellung.

Damit stand einem munteren Katz und Maus Spiel, das allerdings keinem der beteiligten so richtig Spass machte, nichts mehr im Wege und schliesslich gipfelte das Ganze in einer tätlichen Bedrohung unserer Maître Cabine. An diesem Punkt wurden auch wir im Cockpit ins Geschehen involviert.

Leider wurde mein Angebot, die beiden Ladies mit der Feueraxt ruhig zu stellen, dankend abgelehnt und auch mein Vorschlag sie bei einer Zwischenlandung mitten in Kazakhstan, bei minus 30°C, kurzerhand aus dem Flugzeug zu werfen, wurde nicht wirklich ernst genommen. Statt dessen liess man es bei einer schriftlichen Verwarnung mit Androhung von polizeilichen Konsequenzen bewenden. Offenbar hat aber diese Massnahme die gewünschte Wirkung entfaltet und die Damen haben sich danach vor Freundlichkeit geradezu überschlagen.

Trotzdem finde ich es schade, dass es mir vergönnt blieb die Gesichter der beiden zu sehen, wenn sie in Atyrau, Aktjubinsk oder Astana erfahren hätten, dass ihre Reise hier zu Ende sei…

Platt gemacht

8. Januar 2010

Hier in Shanghai wird zur Zeit alles platt gemacht. Ganze Quartiere fallen der Abrissbirne zum Opfer. Die betroffene Bevölkerung wird kurzerhand umgesiedelt. Rücksicht wird dabei auf nichts und niemand genommen.

Selbst historischen Bauwerken ergeht es nicht besser. Aus alt mach neu lautet das Motto. Neu bauen geht schliesslich einfacher als renovieren. So werden auch ganze Tempelanlagen platt zerstört und in Disneyland Manier makel- und seelenlos wieder aufgestellt. Dabei wird selbst vor den Göttern nicht halt gemacht. In Ungnade gefallene Gottheiten werden kurzerhand entsorgt und durch modernere, beliebtere, genehmere oder fähigere ersetzt.

Die Chinesen sind da ganz pragmatisch und wir sollten uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Als Monotheisten könnten wir statt Götter unsere Manager und Politiker entsorgen!

Da ich als rückständiger, verknöcherter und uncooler Traditionalist das Original der Kopie jederzeit vorziehe, besuchte ich gestern einen der wenigen übrig gebliebenen alten Tempel. Lónghuá Sì. Obwohl dieser mit Taxi oder Metro bequem zu erreichen wäre, beschloss ich den Weg per Pedes zu erforschen.

Mit Stadtplan, Mütze und Handschuhen kämpfte ich mich so lange durch Strassen, Gassen und Baustellen, bis auch meine Füsse platt waren. Insgesamt brachte ich es auf knapp vier Stunden Fussmarsch – Tempelbesuch nicht eingerechnet. Was für Götter ich gesehen habe weis ich nicht mehr so genau, das spielt aber keine Rolle, da bis zu meinem nächsten Besuch wohl trotz martialischem Gehabe andere den Laden übernehmen werden…

Gott1 Gott2

Longhua Ta Longhua Ta 2

Am Abend ging es dann, welch Wunder, wieder in ein chinesisches Restaurant. Unter Führung unseres Bekannten war diesmal aber weniger scharf, dafür statt Schikimiki so richtig einheimisch angesagt. Es gab Hühnerfüsse, Qualle, Kröte und undefinierbares. Desinfiziert wurde alles mit als Reiswein getarntem Schnaps…

 Hühnerfüsse Qualle

Shanghaied

6. Januar 2010

Zum Jahresanfang wurde ich strafversetzt. Eine Woche Shanghai. Shanghaied eben. Entgegen der Beschreibung von Wikipedia, wurde ich aber nicht in einer Hafenkneipe aufgegriffen und nein, auch nicht in einem Bordell. Die Pressgang des 18. Jahrhunderts wurde nämlich mittlerweile automatisiert und in Preferential Bidding System oder eben Planungsroulette umgetauft. Diese Euphemismen tönten zwar zivilisierter, setzen aber dem zivilisierten Leben genauso brutal ein Ende.

Deshalb sitze ich also in Shanghai. Die Stadt meint es wahrlich nicht gut mit mir. Letzten Sommer wurde ich hier mit 40° C und gut doppelt so hoher Luftfeuchtigkeit dampfgegart und jetzt werde ich bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt schockgefroren.

Auch mit dem Chinesischen Essen habe ich ab und zu meine Mühe. Zwar wurde ich bisher von Delikatessen wie Rinderbandwürmern und ähnlichem verschont, aber die Köche lieferten schon mehrmals mehr Chilischoten als Fleisch, was selbst für meine abgebrühten Geschmacksnerven zu viel des Guten ist. Deshalb lehnten wir gestern die erste Empfehlung des Concierge dankend ab und verlangten explizit nach etwas weniger scharfem. Die Küche des Restaurants, das er uns schliesslich ans Herz legte, beschrieb er als „Shanghai Style, süss statt scharf“. Tatsächlich fand sich dann auf meinem Teller keine Spur von Chili…

Chili

Als der Schmerz im Mund langsam verebbte, erhielt der Kapitän via SMS eine Einladung von einem in Shanghai arbeitenden Schweizer: Er sei gerade auf dem Weg ins KTV und wir sollen doch auch noch kommen. Nach mehreren klärenden Nachfragen machten sich zwei Greenhörner auf den Weg ins besagte KTV – mitten im Nirgendwo, wo offenbar gesungen, gespielt und herumgealbert wurde.

Das erste mal gestaunt haben wir, als uns am Zielort in einer mit üppigen Plüschsesseln bestückten Lobby, der Zutritt verweigert wurde. Mehrere Telefonate später wurde uns dann doch noch Einlass gewährt und wir wurden in eine VIP Lounge geführt, wo wir von zwei Landsleuten und einem Chinesischen Geschäftsmann in empfangen wurden. Die drei hatten gerade ein Geschäft besiegelt und waren dies typisch asiatisch am feiern.

Die Lounge war mit einem Karaoke Soundsystem und diversen Damen bestückt. Ich war froh, dass wir bereits shanghaied waren, denn dieses  KTV entsprach recht genau den offenbar auch von Pressgangs bevorzugten Etablissements…

Honi soit qui mal y pense. Wir haben gesungen, herumgealbert und in bester chinesischer Tradition gewürfelt. Das Wichtigste war schnell gelernt: Gewürfelt wurde mit Bechern und der Verlierer musste bechern…