Archive for Juni 2010

auto mode

30. Juni 2010

Die Situation ist jedem Langstreckenpiloten bestens bekannt. Mitten im circadianen Tiefpunkt schaukelt man irgendwo über der gottverlassensten Gegend der Welt  durch die unendlichen Weiten der schwärzesten Nacht. Die halbnackte Dame im Blick hat man längst gesehen, den Tagesanzeiger vollständig gelesen und die NZZ ist zu dieser vorgerückten Stunde schlicht zu kompliziert. Das Gespräch mit dem Kollegen nebenan ist vor geraumer Zeit eingeschlafen. Irgendwann ist alles gesagt. Man ist froh das letzte Sudoku bereits vor Stunden gelöst zu haben, denn niemand mag zu dieser Unzeit noch Zahlen wälzen! Während man auf den nächsten Fuel Check oder Funkspruch wartet, macht irgend so ein Idiot auf der Pilot-to-Pilot Frequenz nicht wirklich komische Geräusche. Die Zeit dehnt sich zu einer tranigen Zeitlupe, die selbst Einstein nicht erklären könnte und der Autopilot frisst unendlich langsam den grünen Strich auf dem Navigationsbildschirm auf. Auto Mode…

Zum Glück blieb mir dies wenigstens auf dem Hinflug nach Los Angeles erspart. Der Tagflug führte über Grönland, als ein Wolkenloch den Blick auf die Gegend nördlich von Nuuk, wo riesige Gletscherzungen an der Davisstrasse lecken, frei gab.

  

Die türkisblauen Schmelzwasserseen auf den Gletscherrücken, die verschieden grünen Schattierungen der Küstengewässer und die beinahe surrealen Linienmuster der Gletschermoränen sorgten für Grossandrang im Cockpit.

 

Danach ging es Richtung Iqualit und über die Hudson Bay nach Churchill, wo für mich Feierabend war. Ich verkroch mich im wie immer viel zu kurzen Crewbunk und wurde gerade rechtzeitig geweckt um den Anflug auf Los Angeles vom dritten Cockpitsitz aus mitzuerleben.  

 

Über der schier endlosen Stadt der Engel fragte sich mein noch immer schlaftrunkenes Hirn ob es im äusserst dicht besiedelten Anflugsektor auf L.A. International wohl auch so etwas wie „Schneiser“ gibt. Dann könnte man vielleicht mal ein Austauschjahr organisieren. Das wär doch ein KLAX…

 

Als wir nach der Landung alle Passagiere verabschiedet hatten, war die einzige Hürde zwischen uns und dem Feierabendbier die amerikanische Einwanderungsbehörde. In der Warteschlange vor dem Crew Schalter machte ich den Kapitän auf die äusserst gelangweilt wirkende Beamtin aufmerksam: „Die sieht etwa gleich fit aus wie wir nach 8 Stunden Nachtflug! Das passt so gar nicht zum Plakat mit dem Motto „We are the face of the nation“, das vorne am Schalter hängt.“

Endlich war ich an der Reihe und überreichte der Dame meinen Pass. Schläfrig suchte sie nach dem Visum und fragte: „What’s your reason for coming to the states?“ Ich zeigte provokativ auf meine Uniformstreifen und antwortete: „Take an educated guess!“

Plötzlich hellwach richtete sich die Dame in ihrem Stuhl auf und meinte: „Sorry, somtimes I just switch to auto mode!“ Nun konnte ich mir ein breites Grinsen nicht mehr verklemmen und ich erklärte ihr, dass mir als Langstreckenpilot diese Situation bestens bekannt sei: Mitten im circadianen Tiefpunkt schaukelt man irgendwo über der gottverlassensten Gegend der Welt durch die unendlichen Weiten der schwärzesten Nacht…

…danach entwickelte sich doch tatsächlich zu ersten Mal in meiner Karriere ein freundliches Gespräch mit einer amerikanischen Einwanderungsbeamtin.

Freude herrscht!

26. Juni 2010

…denn es läuft wieder.

Das mit den Kommentaren, nicht im Schweizer Fussball. Die Schweizer Nati fliegt vielmehr. Nach Hause.

Obwohl ich gut verstehen kann, dass die Schweizer Nationalmannschaft es kaum erwarten konnte wieder einmal mit SWISS zu fliegen, hätten sie von mir aus noch etwas länger bleiben dürfen…  😦

Einbahn

24. Juni 2010

Einbahn ist langweilig. Jederzeit und Überall.

Im Fussball schläft man vor dem Fernseher ein und selbst der grösste Fan des vorwärts spielenden Teams kümmert sich bald mehr um seine Bratwurst – Bier Kombination als um die langweiligen Ballkombinationen auf dem Rasen.

Auch in der Fliegerei gibt es Einbahnverkehr. So wird über dem Nordatlantik zwischen FL290 und FL390 am Nachmittag ausschliesslich in westlicher Richtung geflogen. In der Nacht wechselt zwar die Richtung, aber Einbahn bleibt Einbahn. Weil sich der Funkverkehr dank Datalink auf das absolute Minimum reduziert hat und die Aussicht – ausser wenn ein hübsches F/A zu Besuch kommt – nur zwischen unten blau/oben blau, unten weiss/oben blau und schwarz (ohne jede Möglichkeit unten und oben zu unterscheiden) variiert, ist diese Einbahn Fliegerei äusserst langweilig. Dass die erste Klasse zu Beginn einer Atlantiküberquerung meist schon leer gefressen ist, verschlimmert die Situation noch zusätzlich. Die Bratwurst – Bier Kombination ist in diesem Umfeld auch nicht wirklich gefragt und so hilft nur viel Espresso…

Seit einer Woche gibt kenne ich aber eine noch langweiligere Einbahn Situation. Der Einbahn Blog. Keine witzigen Kommentare und auch keine langweiligen. Niemand der mich in meiner Ansicht bestätigt. Keiner der mit widerspricht. Nicht einmal jemand der mir schreibt was für ein Depp ich bin oder wie inakzeptabel, arrogant und intolerant meine Beiträge daher kommen.

Ich schreie in die virtuelle Landschaft und zurück kommt: Nichts. Keine Rückmeldung, kein Echo, kein Kommentar. Schweigen. Nichts.

Der Grund dafür liegt in einer Denial of Service Attacke auf meinen Provider swissblog.ch. Das ist mies! Das ist fies! Das ist mühsam und das muss ein Ende haben!

He du scheiss Spammer: Es reicht!

Ich will wieder Kommentare zu meinen Blogs lesen können. Swissblog arbeitet daran und hofft in den nächsten 24 Stunden die Kommentare wieder aufschalten zu können.

0:1

21. Juni 2010

Schade.

Pech für die Schweiz.

Pech, genauso wie Pech für Deutschland.

Pech dass an der WM zwar die besten Mannschaften der Welt spielen, aber nicht die besten Schiedsrichter der Welt pfeiffen.

Sondern manchmal einfach nur die grössten Pfeiffen 😦

Aberzombie

18. Juni 2010

Am nächsten Wochenende bin ich zu einer Taufe eingeladen. Der Täufling ist allerdings, was doch eher ungewöhnlich ist, bereits ein Teenager. Als solcher muss man natürlich besonders darauf achten immer cool zu wirken – als Teenie meine ich, denn Täufling zu sein ist in diesem Alter wohl von Vornherein äusserst uncool. Da bei Teenies bereits der kleinste modische Fehltritt einem peinlichem Gesichtsverlust gleich kommt, ist Modebewusstsein ein absolutes Muss. So ist es nur logisch, dass sich der Teenie-Täufling als Geschenk von mir ein modisches T-Shirt wünscht.

Da trifft es sich natürlich äusserst günstig, dass ich ausgerechnet heute New York, die Hauptstadt der modernen Modewelt, im Einsatzplan habe. Ungünstig ist jedoch, dass ich mich bereits vor gut 20 Jahren, als ich selbst noch ein Teenie war, nie als grosser Mode Fan hervortat. So musste ich mich zuerst einmal schlau machen was heute in ist und was überhaupt nicht geht. Dabei fand ich sehr bald heraus: Abercrombie & Fitch muss es sein! Jung, hip und äusserst cool. Also machte ich mich sofort nach meiner Ankunft auf den Weg in den Shop an der mondänen 5th Avenue.

Am Eingang empfingen mich zwei adrette Jünglinge, die mich freundlich grinsend willkommen hiessen. Leicht irritiert trat ich in das ziemlich düstere Lokal. Kaum eingetreten wurde ich von ohrenbetäubenden House Beats zusammengestaucht. Eine zuckersüsse Duftwolke umhüllte mich und betäubte meine Sinne. Alles drehte sich. Ein Adrenalinstoss durchzuckte meine Adern, denn ein unheilverkündender Gedanke brannte sich in mein benebeltes Hirn: „Scheisse wie ich bin ich nur in diesen Schwulenclub geraten!“

Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten und ich an den Wänden des Etablissements schemenhaft einige Kleiderregale erkannte. Offenbar befand ich mich doch in einem Kleidergeschäft. Rund um mich erkannte ich jetzt immer mehr Leute. Allesamt jung, hip und äusserst cool. Einige begutachteten die feilgebotenen Textilien, während sich andere einfach nur zu amüsieren schienen und die „most beautiful people“ in den bereit stehenden Lounge Sesseln chillten.

Unwillkürlich zog ich meinen Bauchansatz ein und reckte meine Brust. Jetzt bloss nicht mein Alter preisgeben oder sonst negativ auffallen! Ich begab mich zu einem der Kleiderregale und begann nach einem passenden T-Shirt zu stöbern, als sich ein weiterer adretter Jüngling zu mir gesellte um mir honigsüss ins Ohr säuselte: „May I assist you? Do you want me to measure your size?“

Vor Schreck liess ich meinem Bauchansatz wieder freien Auslauf und klemmte stattdessen meine Arschbacken zusammen. „No thanks, I know my size quite well!“ stammelte ich und steuerte auf das nächste Regal zu. Hier fand sich tatsächlich ein genügend cooles T-Shirt. Als ich allerdings das Preisschild sah, stellte sich plötzlich wieder das überwunden geglaubte Schwindelgefühl ein. Wer bezahlt bloss so viel für einen schlecht gemachten Fummel?

Angewidert schmiss ich das Textilteil zurück auf seinen Stapel. Der junge Adonis von vorhin stürzte aus dem Nichts herbei und flötete: „Let me put this away for you. But this size will not fit you.“ „Herrgott wo kommst du schon wieder her!“ entfuhr es mir. „I beg your pardon?“ schnurrte der Jüngling. „Me too.“ schnauzte ich zurück und flüchtete in den unteren Stock…

Hier packte ich das erstbeste, einigermassen bezahlbare T-Shirt und hetzte zum ebenfalls jungen, hübschen und übertrieben freundlich lächelnden Kassier. Dieser fragte: „Do you want to buy our perfume?“ „Is it the same you use to scent the shop with?“ wollte ich wissen. „Yes of course!“ strahlte der Kassier zurück. „Heaven forbid!“ grinste ich bösartig und machte mich schleunigst aus dem Staub.

Zurück auf der Strasse bemerkte ich, dass ich roch wie ein orientalisches Puff. Ich brauchte dringend eine Dusche. Andererseits brauchte ich ebenso dringend ein Bier! Unentschlossen machte ich mich auf den Weg Richtung Hotel, als die Heartland Brewery wie eine Fata Morgana vor meinen Augen erschien. Schnell war die Dusche vergessen und während ich meine geschundenen Nerven an einem kühlen Hopfentee labte und schaudernd das Erlebte rekapitulierte, hoffte ich dass der Täufling das coole T-Shirt zu schätzen weiss, welches ich ihm unter Einsatz meines Lebens zwischen all den warmen Aberzombies beschafft habe…

1:0

16. Juni 2010

1:0

1:0 nicht für Spanien.

1:0 man glaubt es kaum.

1:0 gegen Spanien.

1:0 für die Schweiz!

Wie konnte es so weit kommen?

Nur mit einem genialen Trick – ist ja klar:

San Francisco Bay Blues

11. Juni 2010

Kaum eine Woche im Streckennetz, darf ich schon nach San Francisco fliegen. Manch ein Kollege fragt sich wie ein normal sterblicher Kopilot zu einer solchen Ehre kommt. Bestechung der Einsatzplanerin?  Ein Virus im Planungsroulette?  Ein Pakt mit dem Teufel oder gar ein direkter Draht zu Gott? Viel einfacher! Er lässt sich von Chefpiloten den Line Check abnehmen.

Natürlich liess ich mir für einen San Francisco Trip gerne ein paar dumme – der Chef behauptet allerdings er kenne nur gescheite – Fragen stellen. Auch ein psychedelisch bemaltes Flugzeug nahm ich in Kauf. Wie allerdings all die Abziehbilder bewilligt wurden, wo doch mehr als ein Sticker auf unserem Crewbag verboten ist, wird mir Ewig ein Rätsel bleiben!

Ein Flug mit dem Chefpiloten hat übrigens ausser der garantiert schönen Destination noch einen weiteren Vorteil. Bei Sturm, Schnee oder Gewitter verkriecht sich ein guter Chef im Büro und lässt die Linienschweine das Schlamassel ausbaden. Wagt sich der Chef einmal selbst ins Cockpit, dann herrscht bestimmt schönstes Wetter – Chefpilotenwetter eben. Da meine Qualifikation noch nicht geschrieben ist höre ich nun aber mit dem Chefpiloten Bashing auf…

Die Wettergarantie ist jedoch, wie sich gestern beim spektakulären Anflug über die San Francisco Bay zeigte, von unschätzbarem Vorteil, auch wenn das permanente Fotografieren die Fliegerei ungemein erschwerte:

  

 

Scheissjob. Warum glaubt mir das keiner?!?

Da ich San Francisco das letzte Mal vor mehr als zehn Jahren besuchte, mussten natürlich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von neuem abgeklappert werden. Im Gegensatz zu meinem damaligen Privattrip, war ich aber heute nicht motorisiert. Deshalb entschloss ich mich, zusammen mit einem Flight Attendant, dem Weg von unserem Hotel via Fisherman‘s Warf und über die Golden Gate Bridge nach Sausalito mit dem Fahrrad in Angriff zu nehmen.

So ging es um zehn Uhr morgens munter Richtung grosse rote Brücke, welche natürlich aus allen Blickwinkeln abgelichtet sein wollte.

 

 

Leider entpuppten sich sowohl der Kopilot, wie auch das F/A, als äusserst unstete Naturen, die sich immer wieder vom rechten Weg abbringen liessen. Kurz vor der Überquerung der Brücke drehten sie deshalb Richtung Baker Beach ab, von wo aus sie weiter in den Golden Gate Park radelten. Weil dort der Eintritt in den Japanese Tea Garden als zu teuer eingestuft wurde, beschlossen sie diesen Besuch auf den nächsten Tokyo Flug zu verschieben und strampelten weiter Richtung Alamo Square, wo vor den Painted Ladies ein Picknick veranstaltet wurde, bevor man, frisch gestärkt, via Presidio und Fort Point zurück zur roten Brücke fuhr.

  

Jeder der San Francisco auch nur ein kleines Bisschen kennt weiss, dass was hier so locker tönt nur eines bedeuten kann: Berg auf, Berg ab, Berg auf, Berg ab, Berg auf,…

 So quälten sich schliesslich kurz vor halb vier Uhr nachmittags zwei ziemlich ausgepumpte Radler doch noch über die rote Brücke am goldigen Tor. Die Steigung zum eigentlich obligatorischen Aussichtspunkt nördlich der Brücke liessen sie allerdings schnöde links liegen, um stattdessen gemächlich nach Sausalito hinunter zu rollen. Dort bestiegen sie die Fähre zurück nach San Francisco, wo sie ihre Drahtesel, denen sie keine Träne nachweinten, dem Vermieter retournierten.

Ein solcher Tag bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Muskulatur und deshalb habe ich beschlossen auch morgen wieder einer typischen Tätigkeit der Einheimischen nachzugehen:

 

Vive la France

9. Juni 2010

Die Franzosen sind unglaublich!

Kochen können sie nicht,

Käse produzieren können sie nicht,

und von Nachspeisen haben sie keine Ahnung!

Zudem sind die Bed & Brakefast hässlich,

die Schlösser mickrig,

schlecht gelegen

oder aus einem Märchen

oder einem Comic geklaut.

Die Blumen sind ungepflegt

und die Gemüsegärten winzig.

Wie kann man nur auf die Idee kommen nach Frankreich in die Ferien zu fahren? Und warum meinte meine Ärztin gestern am jährlichen Medical Check ich müsste besser auf mein Gewicht achten?

Wenigstens waren die Leberwerte in Ordnung. Kein Wunder, schliesslich ist ja auch der Wein ungeniessbar… 😉