Archive for Mai 2010

Behütet

28. Mai 2010

Ich gehöre zu den Glücklichen, die eine behütete Kindheit verbringen durften. Als ich aber mit 19 Jahren in die Rekrutenschule der Schweizer Armee einrückte, war es vorbei mit der Bemutterung. Zum Glück wurde ich dort jedoch mit diversen Mützen und Hüten ausgerüstet und so ging ich fortan behutet statt behütet durchs Leben.

Nach viel zu viel Militär besuchte ich die Uni. Da ich dort aber weder behutet noch behütet war, zog es mich schon bald zurück – nein nicht zur Mutter, sondern zu Uniform und Hut oder anders gesagt zur Fliegerei. Da wurde ich, der geneigte Leser erinnert sich vielleicht noch an den Beitrag, Ende letzten Jahres in eine neue Uniform gesteckt. Dabei musste ich zu meinem grossen Bedauern feststellen, dass mein Nullachtfünfzehn-Schädel nicht in die Standardhutgrössen passte. Grösse 57 war zu klein und Grösse 58 zu gross.

Also musste zuerst eine Grösse 57 ½ erfunden werden. Diese nicht ganz einfache Aufgabe wurde natürlich sofort in Angriff genommen. Vulkanasche-Krisenstäbe, Schweinegrippe, explodierende Fahrwerke, randalierende Passagiere und andere Unwägbarkeiten nahmen aber alsbald so viele personelle Ressourcen in Anspruch, dass die Task Force Hutgrösse 57 ½ einfach nicht vom Fleck kam.

So litt ich im letzten halben Jahr unbehutete Höllenqualen und rechtfertigte mich stundenlang vor diversen Kapitänen wegen meiner unvollständigen Uniform. Zudem hatte ich keine Ahnung wo ich ausser Dienst den Kleinkram meiner Uniform verstauen sollte.

 

Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als ich kürzlich per E-Mail informiert wurde, mein neuer Hut sei auf dem Büro des Chefpiloten abholbereit. Heureka!

Heute war nun der grosse Tag. Als ich nach fünfzehnminütigem Suchen das Büro des Chefpiloten endlich gefunden hatte (peinlich, aber verständlich, da jeder Pilot mit einem letzten Rest an gesundem Menschenverstand diesen Ort tunlichst meidet), wurde mir feierlich mein neuer Hut überreicht. Zum Erstaunen der anwesenden Schaulustigen passte dieser sogar auf meinen Kopf.

Ich zog meine neue Kopfbedeckung wieder aus und betrachtete sie Stolz. Dabei fiel mir die schäbige Fertigungsqualität der am Hut prangenden „Pilot-Wings“ ins Auge: „Warum sind denn die Wings so hässlich gefertigt? Jene auf dem Kittel sind viel schöner!“

Nach kurzer Kontrolle meinte der Chef: „Stimmt. Aber aus der Distanz sieht es gut aus.“

„Na dann passt es zur Firma!“ antwortete ich augenzwinkenrnd.

Plötzlich herrschte eisiges Schweigen und ich bemerkte betretene Blicke. Ooops, da hätte ich wohl besser nichts gesagt! Warum kann ich auch nie die Schnauze halten?

Humor ist wenn man trotzdem lacht. Also habe ich nochmals ein breites Grinsen aufgesetzt und schnell einen taktischen Rückzug angetreten. Hoffentlich hat niemand bemerkt wie ich, als die Lifttüren sich hinter mir schlossen, in schallendes Gelächter ausbrach.

Der Chefpilot wird es wohl überleben und ich versuche etwas Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen – im Blog darüber zu schreiben ist sicher die beste Strategie. Dass ich nächste Woche Ferien habe kommt mir ebenfalls sehr gelegen, denn danach habe ich meinen jährlichen Checkflug. Mit wem? Natürlich mit dem Chefpiloten…

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Moods

20. Mai 2010

Pilot zu sein hat seine Vorteile. Diesen Frühling war ich jeweils besonders froh, wenn ich mich ab und zu in sonnigere Gefielde absetzen konnte. Ein ganzer Monat Regen kann ganz schön aufs Gemüt schlagen!

Mitten in der düstersten Stimmung zeigt die Natur aber manchmal ihre schönsten Seiten. Nach einem traurigen, trüben und verregneten Tag brach kurz vor dem Eindunkeln die Sonne durch ein Wolkenloch und tröstete die darbende Seele mit einem wunderschönen Regenbogen und einem flammenden Wolkenhimmel:

 

Gruppendynamik

3. Mai 2010

Bereits früh in ihrer Ausbildung werden Piloten mit Crew Ressource Management konfrontiert. Mittlerweile ist diese Ausbildung für jeden Linienpiloten obligatorisch und auch regelmässige Weiterbildung ist Pflicht. Ein Teil der Theorie und einige angewandte Übungen befassen sich dabei mit Gruppendynamik. Deshalb sollte eigentlich jeder Pilot bestens für den Umgang mit seinen Berufskolleginnen und Kollegen gerüstet sein. Leider erweist sich aber manchmal eine Gruppe schlicht als zu dynamisch, weshalb selbst hervorragend ausgebildete Profis ab und zu von den Ereignissen überrollt werden.

Eine solche Episode ereignete sich gestern in Hong Kong. Nach dem Flug trifft sich dort normalerweise derjenige Teil der Besatzung, der nicht sofort dem Shoppingrausch verfällt, im nahe dem Hotel gelegenen Pub, wo zu dieser Tageszeit, dank Happy Hour, zwei Drinks zum Preis von einem feilgeboten werden. Auch gestern wurde abgemacht, dass man sich, nach einer kurzen Dusche, am gewohnten Ort einfinde.

So trafen sich um 19 Uhr, etwa eine halbe Stunde nach Ankunft im Hotel, ein Kapitän und ein durstiger Kopilot und bestellten je ein Bier. Während der nächsten halben Stunde tröpfelten weitere sechs Besatzungsmitglieder ein, so dass sich der durstige Kopilot, mittlerweile an seinem zweien Bier nippend, Gedanken über die unterschiedlichen Duschverhalten machte.

Schnell entstand eine angeregte Diskussion über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten. Die Zeit verrann wie im Fluge und um 20 Uhr bemerkte der durstige Kopilot, wie der Durst langsam vom Hunger abgelöst wurde. Da auch sein zweites Bier mittlerweile verdunstet war, verlagerte er das Thema geschickt auf die Restaurantauswahl. Der Kapitän, dessen zweites Bier ebenfalls zur Neige ging, machte einen Vorschlag, dem alle am Tisch zustimmten.

Zum Erstaunen der beiden Flieger fühlte sich anschliessend jedoch niemand gemüssigt die Tränke Richtung Futtertrog zu verlassen. Stattdessen wurde weiter über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten getratscht. Angesichts der Tatsache, dass das ausgewählte Restaurant um 21 Uhr 30 seine Pforten schliesst, wollten die beiden Piloten die Rechnung zu verlangen, was zu lautem Protest führte. Offenbar hatten diverse Damen und Herren ihr zweites Getränk noch nicht einmal bestellt. Dies wurde nun zwar nachgeholt, doch der Konsum der Drinks verlief weiterhin schleppend.

Um 20 Uhr 30 wurde beschlossen, dass die Zeit nicht mehr reiche um ohne Stress im vorgeschlagenen Restaurant zu speisen. Von den Langsam Trinkern wurde eine andere „Location“ ins Spiel gebracht: „Die Strasse wo all die Italiener sind. Die haben länger geöffnet.“ Danach wurde weiter über Gott, die Welt und andere Belanglosigkeiten getratscht.

Um gut 21 Uhr, als der knurrende Magen des Kopiloten schliesslich jegliche zivilisierte Konversation verunmöglichte, setzte sich der Tross in Bewegung. Nach kurzem Fussmarsch, während dessen die beiden hungrigen Flieger mehrmals zu gemächlicherem Tempo ermahnt wurden, gelangte man zur Knutsford Terrace. Trotz Grossandrang ergatterten die bereits wieder vorauseilenden Piloten bei einem Italiener die letzten zwei Tische im Freien. Als jedoch auch der langsamste Nachzügler eintraf, wurde zum Erstaunen unserer beiden bedauernswerten Helden verkündet, dass man in Hong Kong nicht Italienisch zu essen gedenke.

Der Copi fragte was denn eher den Wünschen der Gruppe entspreche und nahm verdutzt die gleichzeitig auf ihn einprasselnden Antworten zur Kenntnis: „Asiatisch“, „Nicht Chinesisch“, „Kein Fisch und kein Seafood“, „Veggie“, „Hauptsache draussen“. Nach kurzem Überlegen fragte der Copi hoffnungsfroh: „Oookey. Wie wär’s mit dem Inder nebenan?“ Die Antwort brachte ihn vollends zur Verzweiflung: „Indisch? Wir sind doch nicht in Bombay!“

Nach minutenlangem Palaver beschloss man zuerst einmal alle Möglichkeiten der Gegend abzuklappern. Dies führte zur ernüchternden Erkenntnis, dass alle Tische im Freien belegt waren. Deshalb wollte man nun doch mit dem zuvor verschmähten Italiener vorlieb zu nehmen, aber die beiden Tische waren mittlerweile natürlich ebenfalls vergeben.

Es folgte ein weiteres Palaver, dessen Gruppendynamik völlig am mittlerweile an akuter Unterzuckerung leidenden Kopiloten vorbeiging. Schliesslich fand man zu einem Vietnamesen im dritten Stock.

Mit der Speisekarte in der Hand schöpfte der darbende Kopilot neuen Lebensmut. Doch leider schaffte es der Kellner nicht die quasselnde Gruppe zu einer Bestellung zu bewegen. „Wollen wir alle etwas bestellen und dann teilen?“ – „Was nimmst Du?“ – „Wie wär’s mit einer gemeinsamen Vorspeise“ – „Ich nehme die Frühlingsrollen – aber die Satay Spiesschen tönen auch gut!“ – „Gibt es das Curry auch Veggie – ohne Hähnchen?“ …

Mit flehendem Blick drängte der verzweifelte Kopilot den Kapitän zu einem einsamen, aber nötigen Führungsentscheid. Dieser verstand den Wink und schritt, ohne Rücksicht auf die sich noch im vollen Gange befindende Diskussion, zur Bestellung. Die Wirkung dieses mutigen Schrittes war erstaunlich, denn schon bald hatte jeder seine Bestellung abgegeben und kurz darauf wurden die sehnlichst erwarteten Vorspeisen serviert.

Nach dem Hauptgang wurde die Dessertkarte als den Ansprüchen nicht genügend taxiert und deshalb wurde die Rechnung geordert. „Am besten rechnet jeder seine Schuld selber ab!“ – „Nein, der Copi soll rechnen“ – „Ich hatte die Satay Spiesschen, das Red Curry und ein Bier. Was macht das?“ – „Ist das inklusive Trinkgeld?“ – „Hey Copi, kannst du mir 50$ herausgeben?“ – „Ich habe nur 1000$.“ – „Ich möchte mit der Kreditkarte bezahlen.“ …

Nachdem jeder seinen Obolus erbracht und der Kopilot die Amuse-Bouche, die nie bestellt, aber trotzdem verrechnet wurden, aus dem eigenen Sack berappt hatte, verlagerte sich die Gruppe wieder nach draussen. Die frisch gestärkten Piloten wagten den Vorschlag man könnte den Abend in einer Kneipe mit Livemusik ausklingen zu lassen. „Was wird denn dort gespielt?“ – „Ich mag keinen Hardrock.“ – „Und ich keinen Jazz!“ – „Ist es dort sehr laut?“…

Die beiden Piloten verdrehten kurz die Augen und wechselten einen vielsagenden Blick. Dies genügte bereits um einen gemeinsamen Entschluss zu fassen und so machten sich die beiden wortlos auf den Weg ins „Sticky Finger“. Als sie am Ende der Strasse um die Ecke bogen, blickten sie kurz zurück und sahen wie die Zurückgelassenen gerade ein weiteres Palaver abhielten.

Was dabei genau beschlossen wurde interessierte unsere Helden nicht mehr, denn sie widmeten sich, bei Livemusik und einigen Bierchen, ungestört dem Studium des Balzverhaltens der leichteren Damen des Hongkonger Nachtlebens…