Archive for Juni 2011

Der Sonne entgegen

29. Juni 2011

Irgendwo über dem Nordatlantik. Mit vor Übermüdung geröteten Augen sitze ich im Cockpit und starre abwechselnd auf die Instrumente oder in die Nacht hinaus. Mit dem Kapitän habe ich längst das letzte interessante Thema ausdiskutiert. Der Rest ist Schweigen. Ab und zu unterbricht ein Funkspruch oder ein Fuelcheck die Monotonie. Sonst stört nur das Rauschen der Motoren die meditative Stille.

Vor mir hellt sich der Horizont etwas auf. Anfänglich kaum erkennbar, dann immer mehr. Aus schwarz wird allmählich blau. Schliesslich ist der Erdschatten deutlich zu erkennen, der die hinter uns herrschende Nacht vom vor uns liegenden, neuen Tag trennt.

Die Sterne sind längst verschwunden und auch die brillante Venus hat kapituliert. Der Horizont hat sich orange verfärbt. Die Farbschattierungen sind unglaublich. Über ein paar Wolkenbänken steigt die dünne Mondsichel auf, die genauso rasch verblasst, wie sie höher steigt. Bald ist Neumond.

Jetzt beginnen die Wolkenränder zu glühen. Immer heller wird das Feuer, bis schliesslich die Sonne mit strahlender Helligkeit durchbricht. Schnell ist die romantische Stimmung verflogen. Ich klappe alle Sonnenblenden herunter und setzte die Sonnenbrille auf. Trotzdem schmerzt das gleissende Licht in den müden Augen. Ich verkrieche mich im Schatten der Mittelstrebe der Windschutzscheiben und starre mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster.

600 Meter unter uns entdecke ich eine 777. Sie fliegt knapp über der nun schräg von oben beleuchteten und deshalb wieder dunklen Wolkenschicht Richtung Europa. Die hohe Luftfeuchtigkeit an der Wolkenobergrenze führt zu einem ungewöhnlich starken Kondensstreifen, in dem das Flugzeug beinahe verschwindet. Das Licht der noch tief stehenden Sonne wird von den Eiskristallen im Kondensstreifen gebrochen, so dass dieser in allen Farben des Regebogens schillert.

Da die 777 schneller fliegt als wir, ist der Spuk bald vorbei und nach dem kurzen Intermezzo fliegen wir wieder einsam der Sonne entgegen Richtung Heimat und Feierabend am Morgen…

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Supernova im Whirlpool

27. Juni 2011

Der Sternenhimmel ist, entgegen dem gestressten Geist unserer Zeit, praktisch zeitlos. Seit Äonen sehen alle Menschen, die nachts den Blick zum Himmel wenden praktisch das Gleiche, so dass weder unsere Grossväter, noch die alten Griechen oder die Steinzeitmenschen einen Unterschied zwischen dem heutigen Sternhimmel und jenem ihrer Zeit erkennen könnten. Ausser, dass heute wegen der Lichtverschmutzung vielerorts die Sterne kaum mehr zu erkennen sind. Aber das ist hausgemacht und hat keinen astronomischen Grund…

Umso interessanter sind Phänomene, bei denen am Himmel endlich einmal etwas passiert! Jeder kennt natürlich die Mondphasen, aber auch Sonnen- und Mondfinsternisse oder Kometen interessieren die breiten Massen. Die letzte Mondfinsternis hat aber Petrus, zumindest in der Schweiz, gründlich verbockt.

Aber zum Glück geht in der „Whirlpool Galaxie“ M51 zurzeit viel Kolossaleres vor: Einem Stern ist sozusagen der Sprit ausgegangen. Deshalb konnte dieser Stern seiner eigenen Schwerkraft nicht mehr widerstehen und ist innert Sekunden implodiert. Der dadurch verursachte, ungeheure Druck führte schliesslich zu einer gigantischen Explosion, die selbst auf der 31 Millionen Lichtjahre entfernten Erde noch zu sehen ist.

Natürlich liess ich es mir nicht nehmen dieser kürzlich von einem Amateurastronomen entdeckten Supernova SN 2011dh  persönlich einen Besuch abzustatten.

Da die Supernova etwa 300 Mal zu wenig Leuchtkraft besitzt um aus der riesigen Entfernung mit dem blossen Auge gesehen zu werden, musste ich auf mein Teleskop zurückgreifen. M51 habe ich bereits am 6. Mai 2011 fotografiert. Deshalb konnte ich mit den Bildern meiner gestrigen Beobachtung eine kleine Animation erstellen, auf der die Supernova gut zu erkennen ist.

Es ist zwar nur ein kleiner Lichtpunkt, aber dahinter verbergen sich der Todesschrei eines Sterns und das Ende eines ganzen Sonnensystems…

Babystress

14. Juni 2011

Lange nichts mehr geschrieben! Der Grund? Nun ich war im Babystress. Ein Wunschkind war es zwar nicht gerade, aber ich habe mich, als ich davon erfuhr, auch nicht dagegen gesträubt. Bringt ja nichts…

Eigentlich habe ich mich sogar auf die bevorstehende Aufgabe gefreut. Allerdings brauchte ich, um für das Baby bereit zu sein, einiges an Vorbereitung. Wissen, das bereits vor Jahren als nie wieder mehr benötigt deklariert wurde, wollte wieder ausgegraben und ein ganzer Wust an spezialisierter Fachliteratur musste gesichtet werden. So studierte ich Anleitungen, Leitfäden, Ratgeber und Fragensammlungen, bis mir der Kopf schwirrte. Danach rief ich mir in Erinnerung, wie ich früher meine Babys pflegte und daraus erstellte ich ein Konzept zur Babybetreuung.

Am grossen Tag fuhr ich zum Flugplatz und nahm, nachdem ich den letzten Parkplatz im chronisch überfüllten Parkhaus gefunden hatte, mein Baby im Operationszentrum in Empfang. Es war ein Junge! Er schien zwar etwas nervös, aber sonst machte das Kerlchen einen ganz aufgeweckten Eindruck auf mich. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie man sich korrekt zum Dienst anmeldet begaben wir uns zum Planungsraum, wo wir zuerst einmal die Wetterberichte und die restlichen Planungsunterlagen besorgten.

Während der nächsten 45 Minuten führten wir eine Trockenplanung durch, damit die echte Planung dann etwas flotter von statten gehen konnte. Als der Kapitän schliesslich 90 Minuten vor Abflug erschien, hatten wir den gesamten Flug bereits im allen Aspekten vorwärts und rückwärts analysiert. Trotzdem bleib nach dem Kabinenbriefing noch viel zu besprechen und dank der üblichen, schier endlosen Kolonne an der Sicherheitskontrolle trafen wir gerade mal eine halbe Stunde vor Abflug im Cockpit ein. Stress pur für mein Baby und ehe es wusste, wie ihm geschah, zog es am Sidestick und riss zum ersten Mal in seinem Leben eine A330 mit Passagieren in die Luft.

Unterwegs nach Dubai diskutierten wir über „Flight Level 100 Päckli“, Fuel Checks, Eventualplanung, Terrain Awareness, Flight Follow-up, Descent Planning, Approach Briefings, Landeablauf und Bremsstrategie, während das arme Baby mit Köstlichkeiten aus der First Class vollgestopft wurde.

Kaum in Dubai gelandet ging der Stress von vorne los. Die Landung wollte kurz analysiert sein und danach musste das Flugzeug in 30 Minuten betankt und für den Weiterflug vorbereitet werden. Danach kam der Hüpfer nach Muscat. Ein Burj Khalifa, zwei FL 100 Päckli, ein Approach Briefing, ein Sandwich, ein Decent Planning und ein Anflug später landeten wir nach 40 Minuten im Oman.

Wieder mussten Checklisten gemacht und Papierkram erledigt werden. Dann wurde erneut die Landung analysiert, bevor wir uns mit unserem Baby ins wohlverdiente Bier begaben.

Anderntags stand eine kulinarische Einführung in die arabische Kultur und ein Überlebenstraining bei 46°C im Schatten statt, bevor ich mein Baby während drei Stunden mit Workflows, Takeoff und Approach Briefings, Flugplanung, Descent Strategien und weiteren Weisheiten aus dem Fliegerleben plagte, bis selbst ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand.

Nach etwas Sport, noch mehr arabischer Küche und einem Powernap, ging es dann via Dubai zurück nach Zürich. Dass sich dabei die Diskussion um Fuel Checks, Eventualplanung, Terrain Awareness, Flight Follow-up, Descent Planning, Approach Briefings, Landeablauf und Bremsstrategie drehte, dürfte mittlerweile jedem letzten klar sein.

Nachdem in Zürich auch die letzte Landung analysiert und der Papierkram eingeworfen war, verabschiedete ich mich von meinem Baby. Auf den Heimweg kreisten meine müden Gedanken um die Erkenntnis, dass sich ein verdammt grosser Haufen Wissen in einem kleinen Pilotenhirn versteckt und ich war heilfroh den beinahe allwissenden Instruktor spielen zu können, statt als junger Babypilot den ganzen Wissensberg noch verdauen zu müssen…