Archive for November 2009

Doppelmoral, Minarette und Keksdosen

30. November 2009

Kaum verlässt man die Schweiz einmal für ein paar Tage, werden Entscheide gefällt, die man als liberaler Denker nur schwer nachvollziehen kann. So wurde letzten Sonntag, während ich zwecks Filet- und Weinvernichtung durch Abwesenheit glänzte, die Initiative für ein Bauverbot für Minarette vom Schweizer Volk angenommen.

Deshalb geht nun ein Entrüstungssturm durch den heimischen Blätterwald und auch in der muslimischen Welt werden Proteste wohl nicht ausbleiben. Als jemand der liberale Werte hoch hält, ist auch mir dieses Abstimmungsresultat ein Gräuel. In das Protestgeheul mag ich allerdings nicht einstimmen.

Was mir nämlich mindestens so sehr auf den Geist geht, wie der für mich unverständliche Schweizer Volksentscheid, ist die Doppelmoral der arabisch-muslimischen Welt. Schon die Anschläge von 9/11 wurden nur halbherzig verurteilt und der grösste Teil aller Terroranschläge geht auf das Konto islamistischer Gruppierungen. Die Empörung der muslimischen Welt hält sich dabei noch immer sehr in Grenzen.

Regelmässig profilieren sich zudem islamische Staaten, wie Nigeria, Saudi-Arabien und Iran, als die intolerantesten dieser Welt. Proteste aus arabischen oder anderen muslimischen Ländern bleiben dabei aus. An das Einhalten der Grundsätze, auf deren Basis der Schweizer Volksentscheid (zurecht) kritisiert wird, denkt man in diesen Staaten zudem meist nicht einmal im Traum. Religionsfreiheit ist selbst in relativ gemässigten Staaten wie Ägypten ein Fremdwort. Zur Veranschaulichung hier ein Link.

Mit solcher Doppelmoral vergeben sich die Länder mit Führungsanspruch in der muslimischen Welt leider nicht nur jegliche moralische Grundlage das Schweizer Minarettverbot zu kritisieren, sondern sie müssen sich den Vorwurf gefallen lassen die besten Wahlhelfer der nationalistischen Volksverhetzer Europas zu sein.

Despoten wie Omar al-Baschir im Sudan oder Qadhafi in Libyen müssen sich ebenfalls nicht vor Kritik aus ihren muslimischen Bruderstaaten fürchten, denn ihr eigener Machterhalt geht den absolutistischen Herrschern der muslimischen Welt weit über ethische Grundsätze. Oder anders ausgedrückt: Ohne Qadhafis menschenverachtendes, völkerrechtswidriges und absolut idiotisches Benehmen wäre diese Abstimmung wohl anders verlaufen. Die Schweizer Muslime dürfen sich also bei Herrn Qadhafi für die Einschränkung ihrer Rechte bedanken!

Das soll keine Entschuldigung sein und fair ist es auch nicht. In der Sache ist aber wohl auch noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn der neue Verfassungsartikel wird ziemlich sicher am Bundesgericht und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angefochten. Dort entscheidet sich dann, ob das Minarettverbot rechtens ist oder nicht. Ich vertraue darauf, dass sich die Schweiz, falls nötig, diesem Urteil beugen wird.

Ganz sicher wird durch den Volksentscheid auch kein einziges Problem gelöst. Wie sollte es auch – die Initiative kam ja aus SVP Kreisen. Allerdings werden, sogar für Leute, mit selbst nach SVP Massstäben unverdächtiger Herkunft und Religion, unvorhergesehene Rechtsfragen entstehen. Ich jedenfalls warte nur darauf von einem übereifrigen Staatsbürger verklagt zu werden, weil er denkt, dass meine mit weihnachtlichem Kerzenschmuck verzierte Keksdose gegen das neu eingeführte Minarettverbot verstösst…

Minarette

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Ende November, mit Echo statt November

28. November 2009

Johannesburg. Joburg. JNB. Immer das selbe. So dachte ich zumindest, als ich gestern Nachmittag unser neues Online Planungsprogramm anwarf, auf das zur Zeit nur der erlauchte Kreis der Instruktoren zugriff hat. Ich konnte aber auch mit diesem neuen Geniestreich unserer Firmendatenbank nichts erkennen, was uns am Abend vom Fliegen abhalten würde.

So stellte ich mich auf die übliche lange Nacht über dem schwarzen Kontinent ein, während der ich Brazzaville auf dem Kurzwellenfunk nicht erreichen, Kinshasa mehr schlecht als recht verstehen und sowohl Qadhafiland, als auch die Gewitter der innertropischen Konvergenzzone weiträumig umfliegen würde.

Bei der Planung stellten wir fest, dass ein Flugzeugwechsel vorgenommen wurde. Statt der HB-JMN, sollte uns neu die HB-JME nach Südafrika transportieren. Offenbar kamen beide Maschinen aus der Wartung und wurden im Verlauf des Tages mehrmals gegenseitig ausgetauscht. Nun aber war die ursprünglich für uns vorgesehene Mike-November den neben uns planenden Kollegen, für den Flug nach Sao Paulo zugeteilt. Dank dem niedrigeren Treibstoffverbrauch unserer Mike-Echo, konnten wir die Betankung noch um 1,5 Tonnen nach unten korrigieren, dann war unsere Planung abgeschlossen. 

Auf dem Weg zum Flugzeug diskutierten wir die alte Fliegerweisheit, dass nichts so gefährlich ist, wie ein Flugzeug, das aus der Wartung kommt. Für gewöhnlich stehen dann selbst die Schalter, die man in den letzten fünf Jahren nie anrühren musste, in der falschen Stellung und meist funktionieren einige Systeme schlechter als je zuvor. Jeder Pilot kann das bestätigen, genauso wie jeder Mechaniker behauptet, das sei eine haltlose Unterstellung…

Diesmal waren die falschen Schalterstellungen allerdings rasch gefunden. Just als ich bereit zum Zurückstossen meldete, stellten wir aber fest, dass sich die Notrutsche einer Türe nicht armieren liess. Also mussten nochmals die Mechaniker aufgeboten werden und da sich das Problem als nicht völlig trivial erwies, dauerte die Reparatur etwa 30 Minuten. Als besonders bitter empfand ich, dass sich, während noch an der Türe gewerkelt wurde, „unsere“ Mike-November in die Luft erhob und Kurs auf Sao Paulo nahm.

Wenige Minuten später wendete sich aber das Glück. Am Funk hörte ich, dass bei unseren Kollegen nach dem Start die Vorflügel blockiert hatten, was sofern das Problem nicht behoben werden konnte, einen Weiterflug verunmöglichte. Als wir dann schliesslich zur Startbahn rollten, entschieden die Kollegen ihren Flug abzubrechen und umzukehren. Da ihr Flugzeug aber viel zu schwer für die Landung war und da sich zudem mit den blockierten Vorflügeln Anfluggeschwindigkeit und Landedistanz massiv erhöhen, würde es weit nach Mitternacht werden, bis sie genug Treibstoff abgelassen hatten, um den anspruchsvollen Anflug in Angriff zu nehmen. Da waren wir zufrieden mit nur 30 Minuten Verspätung, Kaffee schlürfend, mit den misslichen Funkvehältnissen Afrikas kämpfen zu dürfen…

Nach einer langen Nacht wurde es dann noch einmal spannend. In der dünnen Luft des hoch gelegenen Johannesburg und mit gut 50 Kilometern Seitenwind, bei recht starker Thermik über der Piste, war die Landung alles andere als einfach. Der Kapitän meisterte die Aufgabe aber mit Bravour.

Bei der Passkontrolle freute ich mich darüber, dass es noch ein Land gibt, in dem wir als Besatzung unkontrolliert durchmarschieren dürfen. Um so erstaunter war ich, als bei der Gepäckausgabe ein Zollbeamter mit Spürhund auftauchte und als dessen Spürnase gleich bei mehreren Gepäckstücken unserer Besatzung Alarm schlug, konnte ich meine Verwirrung nicht mehr verbergen.

Die verdächtigen Gepäckstücke mussten geöffnet werden und man kann sich meine Belustigung vorstellen, als den verdutzten Kollegen mit ernster Mine erklärt wurde, dass das Einführen eines Apfels verboten sei.

apple-logoIch war für einmal froh, dass sich in meiner Schlepptop Tasche, statt eines Apfels, eine Windose befand und zog breit grinsend von dannen…

Drama in drei Akten

25. November 2009

Selbst mich als Kulturbanausen verschlägt es ab und zu ins Theater. Die Aufführung, die ich kürzlich miterleben durfte, ein Drama, erweckte in mir aber den Eindruck im falschen Film zu sein:

Der erste Akt bestand aus einer düsteren Inszenierung der Apokalypse. Vor dem aktuellen Hintergrund einer am Abgrund stehenden Weltwirtschaft, wurde ein beängstigendes Katastrophenszenario aufgebaut. Panikmache, Seuchenangst,  drohender Weltuntergang und Jüngstes Gericht. Erst kurz bevor der Vorhang zum ersten Mal fiel, erschien ein Silberstreifen am Horizont: Ein Gerücht es existiere ein mythischer Held, der die drohende Apokalypse in der letzten Minute abwenden könne.

Die erste Pause fand ich extrem befremdend. Statt über die düsteren Szenarien zu diskutieren, betrieben unbeeindruckte Zuschauer den üblichen Smalltalk. Genüsslich wurde Klatsch und Tratsch ausgetauscht und als das Theater seine Fortsetzung fand, wusste kaum mehr jemand um was es im ersten überhaupt Akt ging.

Der zweite Akt war schrecklich langweilig. Eigentlich war er eine doppelte Kopie von Samuel Becketts „Waiting for Godot“. Einerseits wartete man auf den Beginn der drohenden Apokalypse, andererseits auf das Erscheinen des sagenumwobenen Helden. Beide wurden zwar immer wieder angekündigt, tauchten aber nie auf. Zum Schluss wusste man nicht recht ob Weltuntergang und Superheld einfach nur unpünktlich seien oder sich als Schimären erweisen würden.

Allgemeine Ratlosigkeit dominierte die zweite Pause. Einige zweifelten an der Existenz des Helden und andere hinterfragten zumindest seine Fähigkeiten. Zudem verbreitete sich das Gefühl die ganze Apokalypse werde sich schliesslich als Sturm im Wasserglas erweisen. Eine kleine Gruppe war gar überzeugt bewusst zum Narren gehalten zu werden und sprach von Verarschung. Trotz des zwiespältigen Eindrucks, den die ersten beiden Akte hinterlassen hatten, war man gespannt auf das Finale.

Zur allgemeinen Überraschung trat gleich zu Beginn des dritten Aufzugs der bis dahin imaginäre Held auf den Plan. Die merkwürdige Kreuzung zwischen Asterix, Obelix und Miraculix kam allerdings beim Publikum nicht sonderlich gut an. Erste buh Rufe ertönten und ich musste mir das Lachen verkneifen. Der unglückliche Weltretter war zwar redlich bemüht sich in Szene zu setzten, was ihm wegen mangelnder Unterstützung durch Mitspieler und Publikum aber eher schlecht als recht gelang. Da sich zudem der angekündigte Weltuntergang, wie zuletzt geahnt, als Rohrkrepierer entpuppte, wurde der bedauernswerte Held sogar überflüssig. Als sich schliesslich alle fragten, ob diese tragische Figur nicht mehr Schaden als Nutzen anrichten würde, fiel der Vorhang zum letzten Mal.

pandemrixDer tragische Held heisst übrigens Pandemrix und obwohl kaum jemand erpicht darauf ist, wird gemunkelt, dass eine Fortsetzung dieses Dramas mit dem Titel H1N1 in Vorbereitung sei.

Coming soon to a theater near you…

Rückenprobleme

24. November 2009

Rückenschmerzen sind bei Piloten eine typische Berufskrankheit. Pilot sei halt ein Sitzberuf, hört man. Da sei es klar, dass mit der Zeit Rückenprobleme auftreten. Zur Stärkung der Rückenmuskulatur wird sportliche Betätigung empfohlen und nicht wenige meiner Kollegen pilgern an exotischen Destinationen zur Massage – meist für den Rücken, manchmal vermutlich auch für anderes…

In letzter Zeit musste ich aber feststellen, dass die Gründe für die verbreiteten Rückenschmerzen doch wesentlich vielschichtiger sind als gemeinhin angenommen und dass das viele Sitzen nur teilweise für verkrampfte Muskulatur und verschobene Wirbel verantwortlich ist.

Genauso schlimm ist der erbärmliche Zustand einiger Landebahnen. Die Schläge die wir Swiss Piloten auf unserer Heimbasis während der Erneuerung der Piste 16 einstecken mussten, hätten alleine schon für einen mittleren Bandscheibenvorfall gereicht. Zum Glück war diese Holperei nur vorübergehender Natur und die Rückenschäden wären mittlerweile sogar wieder verheilt, wenn da nicht Pisten wie die 23R in Kairo wären. „Kartoffelacker“ ist noch zu schmeichelhaft für diese Aneinanderreihung von Schlaglöchern. Beim Starten und Landen auf diesem Schandfleck der Luftfahrt, bemitleide ich einzig das Fahrwerk mehr als meinen Rücken!

Noch eine grössere Schande als diese Rumpelpisten, sind die Zustände auf den Luftstrassen. Dort ist die Situation heute so desolat, dass für die Schlaglöcher ein eigener Euphemismus erfunden wurde: CAT. Clear Air Turbulence. Was der arme Pilotenrücken dort, jeweils ohne Vorankündigung, einstecken muss, spottet jeder Beschreibung.

Ganz tragisch wird es beim Durchfliegen solcher Klarluft Turbulenzen im Crew Bunk. Um sich in die zu kurze und mit wachsender Abnutzung oft bedrohlich schiefe Koje zu quetschen, wird die Wirbelsäule in allen vier Dimensionen der Raumzeit verdreht, gekrümmt und gestaucht, dass selbst Einstein den Überblick verlöre. Wenn dann dieses verwundene Rückgrat, CAT bedingt, auf die steinharte, durchgelegene Unterlage geschmettert wird, kracht es lauter als eine zugeknallte Cockpittüre und das Krachen wird nur noch vom automatisch darauf folgenden Schmerzensschrei übertönt.

Apropos automatisch: Automatisch Gut – so lautet das Motto des Herstellers meiner Jalousien. Leider gilt dies nicht für Flugzeuge. Da wir aber Herbst haben und da, wie in der Aviatik scheinbar üblich, der Flughafen Zürich im grössten Nebelloch der Region gebaut wurde, landet der Automat zur Zeit besonders oft. Letzten Samstag, anlässlich meiner Rückkehr aus Sao Paulo, zeigte der Computerkollege wieder einmal sein ganzes Können und legte einen solchen Knaller auf die Piste, dass sich nicht nur die Passagiere bekreuzigten, sondern dass mich auch jeder meiner 24 Wirbel während zwei Tagen permanent und schmerzlich an das fliegerische Unvermögen unseres Autopiloten erinnerte. Von Kreuz- und Steissbein will ich gar nicht sprechen.

Als ob dies noch nicht gereicht hätte, versuchte ich in einem Anfall von Charme die Koffer der Kabinenbesatzung in den Crewbus zu hieven. Wozu die zierlichen Damen im Ausland Hanteln kaufen und in ihrem Gepäck nach Hause führen, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben! Meinem Rücken jedenfalls gaben diese Schwergewichte den Rest.

Wer nun aber glaubt, dass sich die Damen wenigstens dafür bedankt hätten, dass ich mir für sie den Rücken ruiniert habe, der irrt gewaltig. Das Einzige was ich zu hören bekam waren dumme Sprüche über die verpfuschte Landung. Die Beteuerung, dass der Automat diesen Aufschlag verbrochen habe, wurde dabei mit vielsagenden Seitenblicken und Hohn quittiert. So muss ich nun in meinen Freitagen nicht nur meinen kaputten Rücken, sondern auch noch mein verletztes Ego wieder aufpäppeln…

Strapazen

20. November 2009

Manche Leute denken das Pilotenleben komme permanenten Ferien gleich. Dem ist natürlich überhaupt nicht so. Manchmal artet die Arbeit und der anschliessende Aufenthalt sogar regelrecht in Strapazen aus.

In aktuellen Fall haben wir zum Beispiel schon im Briefing erfahren, dass wir die Landung in Sao Paulo unmöglich zur geplanten Zeit schaffen würden. Die Flugzeit war wieder einmal genau so lang wie die publizierte Reisedauer, womit uns exakt null Minuten fürs Rollen, das Umfliegen von Gewittern und das Warten wegen starkem Anflugverkehr blieben. Von allfälligen Verzögerungen wegen drohendem Nebel bei der Landung ganz zu schweigen.

Zu allem Überfluss konnten wir nur das Minimum an Treibstoff tanken, da wir sowohl bezüglich des strukturellen Startgewichts, als auch von der Startleistung her, hart am Limit waren. Dennoch konnten wir, nach Ausreizen aller Kniffs bei der Flugplanung und der Startberechnung, unsere Reise mit nur 15 Minuten Verspätung antreten.

Sao Paulo erreichten wir schliesslich mit 30 Minuten Verspätung. Dort jedoch war unsere Reise noch nicht zu Ende. Ich hatte nämlich mit dem zweiten Kopiloten abgemacht, den langen Aufenthalt für einen Abstecher zu den Iguaçu Fällen zu nutzen. So kam es, dass wir uns, statt nach der Landung mit dem Rest der Besatzung ins Hotel zu fahren, noch auf dem Flughafen in Zivilkleider stürzten. Für den Hopfensaft und das Filetto Aperitivo mussten wir uns mit dem Flughafenrestaurant begnügen, bevor wir, nach etwa vier Stunden, den Weiterflug nach Foz do Iguaçu antraten.  

Im Hotel das Cataratas angekommen, waren wir bereits 36 Stunden auf den Beinen, was uns aber nicht davon abhielt die Fotoausrüstung anzuschnallen und an die Wasserfälle zu stürzen um den Sonnenuntergang zu Fotografieren.

sunset

Nach dem anschliessenden Nachtessen kollabierten zwei abgekämpfte Piloten völlig erschöpft in die Federn…

Nur knapp sieben Stunden später wurden wir gnadenlos aus den Träumen gerissen. Der Wecker verkündete es sei bald Sonnenaufgang und es hiess wieder die Kamera zu packen. Auf die Morgendusche konnten wir getrost verzichten, denn dafür sorgten, wie wir am Vortag erfahren mussten, die Wasserfälle auf völlig natürliche Art.

sunrise 

Wer denkt, wir hätten es danach gemütlich angehen lassen, verkennt unsere Fotomanie. Den Rest des Tages verbrachten wir nämlich auf der argentinischen Seite der Fälle. Dabei lautete der Drill wie Folgt: Kamera hoch. Knips. Zoom einstellen. Knips. Stativ aufstellen. Knips. Linsenwechsel. Knips. Positionswechsel. Knips…

sky cascade

Forest step

Nach einer weiteren kurzen Nacht und der zweiten von den Wasserfällen gesponsorten Morgendusche, traten wir schliesslich ziemlich erschöpft den Rückflug nach Sao Paulo an, wo heute, nach nur einer Nacht Erholung von den erlittenen Strapazen, der Rückflug in die Schweiz ansteht…

Zum Glück verläuft nicht jede Rotation so streng, denn sonst wären in Kürze nicht nur unsere Fotokameras überstrapaziert, sondern auch wir Piloten wären bald nicht mehr Einsatzfähig…

circle

lizard

Standby

11. November 2009

Standby heisst Bereitschaft. Standby heisst warten. Standby braucht Energie. Standby ist unbeliebt. Hierzu schreibt Wikipedia:

Leerlaufverlust bezeichnet den Energieverbrauch … im Bereitschafts- oder Standby-Betrieb (auch Wartebetrieb). In solchen Zuständen ist die Nutzfunktion vorübergehend deaktiviert, aber jederzeit und ohne Vorbereitungen oder längere Wartezeiten wieder aktivierbar. Es wird dabei, im Vergleich zur vollen Nutzung, nur minimale Energie verbraucht.

Es existiert sogar ein Ratgeber Stopp Standby. Dort heisst es:

Standby ist der unnötige Energieverlust im Bereitschafts-, Warte- und im Aus-Zustand…

In der einschlägigen Literatur wird vom Gebrauch des Standby abgeraten. Es werden Abschalthilfen empfohlen und es sei darauf zu achten, dass der Standby Verbrauch möglichst gering ist.

Was hat dies nun aber mit mir zu tun? Nun, ich bin auf Standby gesetzt worden. Dies obwohl ich bei der Crew Dispo moniert habe, dass Standby unökologisch, unethisch und verpönt sei. Statt wie geplant in Johannesburg Rindsfilet und Rotwein zu vernichten, muss ich also zu Hause auf meine Aktivierung warten.

Meine Standby Duty dauert bis 17 Uhr heute Abend. Bis zu diesem Zeitpunkt muss ich jederzeit und ohne Vorbereitung für einen Langstreckenflug einsatzfähig sein. Deshalb soll ich nur minimale Energie verbrauchen. Möglichst wenig Leerlaufverlust.

Obwohl ich genügend Zeit hätte um den Haushalt zu erledigen, sollte ich dies also, zwecks Minimierung des Energieverlusts, unterlassen. Ebenso ist die Gartenarbeit tabu und sogar die Rudermaschine im Keller dürfte ich eigentlich nicht anrühren.

Allerdings verkommt so ein Tag ohne Nutzfunktion und mit möglichst tiefem Leerlaufverlust zum völligen Leerlauf. Warten auf Godot – nur Samuel Beckett hätte Freude daran.

Natürlich gäbe es da noch eine Alternative: Die erwähnten Abschalthilfen. Aber die sind in meinem Beruf nun wirklich nicht zu empfehlen:

Deshalb werde ich wohl doch auf Haushalt und Rudermaschine ausweichen. Das ist sowohl für mich, wie für meine potentiellen Passagiere gesünder. Und für den Hausfrieden sowieso…

Domino Days

4. November 2009

Wie der geneigte Leser meines letzten Blogs weis, bin ich zur Zeit in Delhi statt in Muscat. Tempel statt Minarett. Turban statt Tschador. Vishnu statt Allah. Curry statt Humus.

Man könnte denken dies sei nicht weiter dramatisch, denn schliesslich hat es an beiden Orten einen Flughafen und geographisch liegen beide Städte etwa in der selben Himmelsrichtung. Zudem sollte ich ja froh sein, nicht in den Oman fliegen zu müssen, da mir letzten Montag eindrücklich vor Augen geführt wurde, was auf dem kurzen Hüpfer von Dubai nach Muscat alles schief laufen kann.

Und überhaupt, bin ich bekanntlich einem feinen Curry nicht abgeneigt…

Leider sieht die Realität ganz anders aus. Um dies zu verstehen muss man wissen, dass ich, wie alle Swiss Crew Members, jeweils im Morgengrauen des 23. eines jeden Monats, gespannt ins Intranet einsteige, um zu erfahren, wohin mich das Planungsroulette im nächsten Monat verfrachtet.

Was mit einer unguten Vorahnung beginnt, mündet dann leider allzu oft in eine heftige Fluchtirade, bevor ich mich mit meinem Schicksal arrangiere. Schliesslich wollen noch unzählige private Termine in die spärliche Freizeit gepackt werden und wenn sich sogar noch Platz für ein paar soziale Kontakte findet, dann ist die Welt schon fast wieder in Ordnung.

Zumindest bis das Telefon klingelt. So wie es Tage gibt, an denen man besser nicht zur Arbeit gegangen wäre, gibt es Anrufe, die man besser nicht entgegen genommen hätte. Mit so einem Anruf wurde ich am späten Montag Abend beglückt:

„Grüezi Herr Skypointer*, Crew Dispo Müller*, wir haben da ein Problem mit dem 146er. Wir müssen Ihnen den Muscat wegnehmen. Wir haben leider keine andere Möglichkeit. Den einzigen Copi, der sonst noch einspringen könnte, erreichen wir nicht.“

146er…LX146?…Bombay??…Schanghai???…Wovon spricht die Dame eigentlich?

 „146, OoooK. Wohin fliegt der LX146 schon wieder?“

 Delhi. Sie kommen Freitag nach Hause. Dadurch gibt es einen Tag mehr frei. Deshalb haben Sie nächste Woche noch etwas Reserve vor ihrem Jokerwunsch.“

Mehr frei tönt gut, aber Moment mal – Freitag zurück? Statt Donnerstag Morgen?!? Aber ich sollte nächsten Freitag doch nach Norditalien fahren. Scheisse!

„Äh, wissen Sie, nächsten Freitag habe ich einen Termin in…“

„Kein Problem, Sie sind ja Freitag Morgen um 6 Uhr 30 zurück.“

„…Italien.“

Oh doch, das ist ein Problem!

Wissen Sie, ich muss am Freitag mit dem Auto nach Norditalien.“

Wie soll ich nach einer Freinacht noch 3 Stunden Auto fahren? Es gibt einen Unterschied zwischen todmüde und lebensmüde…

„Tut mir leid. Wir werden natürlich weiter versuchen Ihren Kollegen zu erreichen. Aber Sie wissen ja… Ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Rotation.“

Ganz genau, ich weis. Der Kollege ist offensichtlich intelligenter als ich. Er wird sich weiterhin hüten das Telefon abzunehmen, wenn die Nummer der Crew Dispo im Display erscheint! Verflu#*@%….

Das ganze Ausmass des Schlamassels erkannte ich allerdings erst, als ich am Computer meinen neuen Einsatz kontrollierte. Der Freitag am Freitag ist nun ein Arbeitstag. Die Johannesburg Rotation von Montag bis Donnerstag wurde durch drei Tage Reserve ab Mittwoch ersetzt. Diese Reserve zerstört mir also weitere Freitage. Domino Days, die durch einen kleinen Schubser der Crew Dispo reihenweise flach fallen. Mitsamt allen geplanten Terminen.

Die erste Hälfte, der auf dieses Telefonat folgenden Nacht, versuchte ich mich nicht aufzuregen und die zweite Hälfte verbrachte ich damit mich wieder abzuregen. Am nächsten Morgen musste ich noch die Trümmer meines Privatlebens in Ordnung bringen, meine Termine verschieben und den Koffer umpacken, bevor ich mich auf den Weg nach Indien machte.

Und nun sitze ich in Delhi und spüre beim schreiben dieser Zeilen ein leichtes Magenbrennen. Am Ärger liegt es nicht – der ist mittlerweile etwas verflogen. Aber das Curry war einfach zu gut und liegt mir bleischwer im Magen.

Wieder einmal fasse ich den Vorsatz an meinem Charakter zu arbeiten. So kann ich das nächste Mal vielleicht widerstehen, wenn es am Büffet fünf verschiedene Arten Curry gibt. Oder wenn beim Telefon eine ominöse Nummer im Display erscheint…

 

* Namen der Redaktion bekannt.

One of these days

3. November 2009

Es gibt Tage, an denen spürt man, dass einfach alles schief laufen wird. An solchen Tagen würde man besser zu Hause bleiben, aber dann müsste man ja akzeptieren, dass die Zukunft irgendwie vorhersehbar ist. Da dies mit meinem Weltbild völlig unvereinbar ist, sass ich also im Cockpit und bereitete den Flug von Dubai nach Muscat vor.

Was nach dem Flug von Zürich nach Dubai, eigentlich nur ein kleiner Hüpfer in den Wohlverdienten Feierabend sein sollte, würde, das spürte ich in meinem innersten deutlich, nicht ohne Probleme ablaufen. Deshalb nahm ich es mit der Vorbereitung besonders genau. Jede Schalterstellung überprüfte ich zweimal und auch die Startberechnung führte ich mehrmals durch. Als ich mich vergewissert hatte, dass alle Systeme einwandfrei funktionierten, unterdrückte ich mein Bauchgefühl und wir machten uns auf den Weg zur Startbahn 30 links. In meinem Hinterkopf allerdings, beharrte eine Stimme darauf, dass etwas nicht so war wie es sein sollte…

Der Start verlief reibungslos und wir drehten in einer weiten Rechtskurve, am Burj Dubai vorbei, Richtung Osten. Die Aussicht auf das höchste Gebäude der Welt konnten wir allerdings nicht geniessen, denn als wir auf 500 Meter Höhe die Klimaanlagen, die wir beim Start zur Schonung der Triebwerke abgestellt hatten, wieder einschalteten, ertönte eine Warnung. Das Hauptventil einer der beiden Kühlaggregate klemmte. Dies würde uns zwar nicht am Weiterflug hindern, dennoch versuchten wir natürlich das Problem zu beheben.

Unsere Lösungssuche wurde allerdings von der künstlichen Stimme des Kollisionwarnsystems jäh unterbrochen. Mit dem in unzähligen Simulatorübungen gelernten Drill reagierte ich auf die Ausweichempfehlungen des Systems und konnte so die Kollision mit dem entgegenkommenden, unidentifizierten Geisterflieger knapp verhindern. ACAS sein Dank. Schwein gehabt!

Als wir uns vom ersten Schrecken erholt und beschlossen hatten trotz der defekten Klimaanlage weiter Richtung unserer Destination Muscat zu fliegen, ertönte die nächste Warnmeldung. Jetzt hatte offenbar auch noch eine der drei Navigationsplattformen den Geist aufgegeben. Ich wusste, dass dies ein Scheissflug wird!

Obwohl der Flug mit den zwei verbleibenden Plattformen problemlos fortgesetzt werden konnte, mussten wir uns nun Gedanken darüber machen, ob das Flugzeug mit diesem Defekt nach der Landung wieder starten darf. Falls nicht, wäre es wohl besser nach Dubai umzukehren, da dort schneller ein Ersatz für die defekte Plattform zu finden wäre als in Muscat.

Noch während wir in der sogenannten Minimum Equipment List die Antwort auf diese Frage suchten, wurde uns die Entscheidung abgenommen. Der Fluglotse teilte uns scheinbar emotionslos mit, dass soeben eine Bombendrohung für unseren Flug eingetroffen sei und wollte wissen was wir nun zu tun gedenken.

Diese Entscheidung war schnell gefällt. Während ich einen Notfall deklarierte, eine Umkehrkurve Richtung Dubai flog und eine schnellstmögliche Landung in Dubai verlangte, orientierte der Kapitän die Kabinenbesatzung und wies sie an den Service abzubrechen und sich auf eine allfällige Notlandung vorzubereiten.

Kaum war dies geschehen wurden wir von einem heftigen Knall durchgerüttelt. Gleichzeitig bemerkten wir einen Kabinendruckabfall, was mich zwang die Sauerstoffmaske anzuziehen und einen Notfallmässigen Sinkflug einzuleiten. Offensichtlich war die Bombe explodiert und hatte die Flugzeugstruktur beschädigt!

Zum Glück hatte die Explosion die Steuerung nicht beeinträchtigt. Wir meldeten dem Lotsen die veränderte Situation und wurden informiert, dass wir Landepriorität auf der Piste 30 links hätten. Gerade als wir mit den Anflugvorbereitungen beginnen wollten, schrillten wieder die Warnsysteme. Zu allem Überfluss verabschiedeten sich nun die beiden Fahrwerkscomputer und nochmals eine Navigationsplattform. Dadurch war die Steuerung nun doch eingeschränkt und ich würde den Anflug ohne Unterstützung des Autopiloten und nur mit Rohdaten durchführen müssen. Zudem liess sich das Fahrwerk statt hydraulisch nur noch mittels Schwerkraft ausfahren und die Bugradsteuerung am Boden würde ebenfalls nicht mehr funktionieren…

Ein solcher Anflug muss natürlich seriös vorbereitet werden. Dennoch konnten wir nicht allzu viel Zeit für die Vorbereitungen verschwenden, da wir nicht wussten wie stark die Flugzeugstruktur durch die Explosion beschädigt wurde oder welche Systeme als nächstes ausfallen würden. In diesem Spannungsfeld beschränkten wir uns auf das Nötigste und entschieden und für einen Direktanflug.

Voll konzentriert steuerte ich unser angeschlagenes Flugzeug dem Leitstrahl entlang und setzte es so fein ich konnte auf die Landebahn auf. Erleichtert stellte ich fest, dass wenigstens die Bremsen heute den Dienst nicht versagten. Da wir ohne Bugradsteuerung am Boden nicht manövrieren konnten, stoppten wir auf der Piste und warteten auf den Schlepptraktor.

Mein Kapitän wollte diese Zeit nutzen um endlich unsere Passagiere vollständig zu informieren, doch er wurde von unserem Instruktor mit der Mitteilung unterbrochen, dass die Simulatorübung hier zu Ende sei.

Nach zwei weiteren Katastrophenszenarien und einem eingehenden Debriefing wurden wir in den Feierabend entlassen. Viel Zeit zur Erholung hatte ich allerdings nicht, denn ich musste noch meinen Koffer packen. Heute soll’s nach Muscat gehen…

…oder sollte, denn soeben wurde mir eine Einsatzänderung mitgeteilt. Neu heisst das Ziel Delhi. Aber davon ein anderes Mal, denn ich muss jetzt umpacken.