Archive for März 2014

Downgrading

29. März 2014

Genau so wie ich es Jahrelang gewohnt war, schmeisse ich mein Crewbag neben den Kopilotensitz und beginne das Cockpit für den Flug nach Hamburg vorzubereiten. Während ich die Systeme hochfahre und den Navigationsrechner programmiere, macht der Kapitän den Aussencheck und die anderen Arbeiten, welche nun gut ein Jahr mein Alltag waren. Meine Abläufe funktionieren nicht mehr so routiniert wie früher, aber irgendwie kommt die Erinnerung langsam zurück. Als ich den Navigationsbildschirm des Kapitäns einschalte, bleibt dieser schwarz. Ein Reset scheitert und ich entscheide, dass wir einen Mechaniker brauchen. Doch halt – ich bin ja nur noch Kopilot – der Entscheid ist Sache des Kapitäns…

Als dieser vom Aussencheck zurückkehrt, telefoniert er mit der Maintenance und bis das Problem gelöst ist verstreicht so viel Zeit, dass seine Abläufe tüchtig im Verzug sind. Ich kann mir ein grinsen auf den Stockzähnen nicht verkneifen: Der Herr Kapitän ist im Stress, während der Kopi längst all seine Arbeiten erledigt hat und eine ruhige Kugel schiebt. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Soll ich für mich eine Zeitung bestellen? Na, das wäre dann wohl doch etwas zu provokativ…

Als endlich alles bereit ist, darf ich zum ersten Mal seit über einem Jahr die Triebwerke starten und die Rollfreigabe zur Startbahn einholen. Kurz danach befinden wir uns auf der Piste und beschleunigen für den Start. Ich muss mir die relevanten Informationen mühsam auf den Bildschirmen zusammensuchen, obwohl diese exakt gleich aussehen wie jene auf der Kapitänsseite. Wenigstens funktioniert das Steuern mit dem Sidestick noch immer wie gewohnt. Knapp 18 Jahre Praxis sind offenbar doch nicht ganz spurlos verschwunden.

Im Flug muss ich aufpassen, dass ich die Knöpfe nicht in die falsche Richtung drehe. Es ist mir ein Rätsel, aber offenbar dreht mein Hirn alles um, bloss weil ich auf der falschen Seite sitze. Das war schon während meinem Upgrading zum Kapitän so und läuft nun bei meinem Downgrading zum Kopiloten wiederum gleich ab. Intelligenz ist offenbar direkt proportional zur Angewöhnung an die Sitzposition. Echt mühsam.

Die Landung in Hamburg verläuft problemlos. Steuern von rechts ist wirklich das kleinste Problem und nach drei weiteren Flügen fühle ich mich schon fast wieder wohl auf dem rechten Sitz. Aber was soll der Spuk? Zu wenig Kopiloten bei der SWISS? Kaum. Strafaktion für das Nein zum GAV? Auch nicht. Sonst strafversetzt oder gar degradiert? Nun ganz so schlimm ist es nicht: Either Seat Qualification heisst das Ganze auf Neudeutsch oder kurz ESQ. Verständlich ausgedrückt ging es darum, mich für das Fliegen vom rechten Sitz aus zu qualifizieren.

Nach fast 18 Jahren als Kopilot rechts, durfte ich bekanntlich Anfang letztes Jahr als Upgrader endlich das Flugzeug mit der linken Hand steuern. Erstaunlich bald fühlte sich das nicht mehr linkisch, sondern völlig natürlich an und ebenso schnell hatte sich die rechte Hand ans Schub Regulieren gewöhnt und das Steuern vergessen. Nach einer Simulator Übung letzten Samstag und dem heutigen Tag darf ich nun wieder von rechts fliegen und meine Kollegen auf ihrem grossen Schritt vom Kopiloten zum Kapitän als Instruktor begleiten. Eine spannende Aufgabe, auf die ich mich jetzt schon freue…

Allein auf weiter Flur

27. März 2014

Frankfurt early Bird. Was normalerweise, dank dem frühen Feierabend, Anlass zur Freude ist, bereitete mir heute im Vorfeld eher Bauchweh, denn in unseren Planungsunterlagen stand ein unheilverkündender Paragraph:

27MAR14

DUE TO INDUSTRIAL ACTION EXTREMLY HIGH DLA AND SEV DISCONTINUATION OF HANDLING EXP. AIRLINES HANDLED BY FRAPORT GROUNDHANDLING (BVD) URGENTLY RECOMMENDED TO CNL FLT FM 0230 UTC TO 1330 UTC.

Zudem verbreitete mein Autoradio auf der Fahrt zum Flughafen Untergangsstimmung: Unsere Mutti habe über 300 Flüge gestrichen. Meine erste Tat nach dem Check-in war deshalb der Besuch unserer Einsatzleitstelle, um nähere Informationen einzuholen, was uns in bestreikten Frankfurt erwartet.

Dort nahm man die Sache eher gelassen: „Das Ganze sollte Euch nicht allzu sehr betreffen. Die Stationsleiterin ist schon seit Tagen daran die Operation zu organisieren und unser Groundhandling streikt nicht.“

Aha. Die Worte hör ich wohl, allein… „Wie steht es mit der Betankung? Gibt es Kerosin?“

„Sollte kein Problem sein.“

So, so. sollte… „Und die Passagierbrücken, werden die bedient?“

„Ihr kriegt wahrscheinlich einen Hardstand.“

Aha. Ein Aussenplatz. „Und da gibt es dann eine Treppe?“

Wir denken schon.“

Das beruhigt mich ungemein. „Und sonstige Probleme?“

„Es könnte natürlich Engpässe an der Sicherheitskontrolle geben, so dass Die Passagiere es nicht aufs Flugzeug schaffen. Oder das Gepäck kommt nicht zum Flieger. Dann müsst ihr halt schauen…“

„Super danke. Dann gehen wir mal schauen…“

Die Planung ist schnell gemacht: Schönstes Wetter und dank den gestrichenen Flügen der Lufti wohl fast kein Verkehr. Da es ja Treibstoff geben sollte, braucht es nicht viel mehr als das legale Minimum plus etwas für die wohl nötige Enteisung vor dem Start.

Im Kabinenbriefing einigen wir uns darauf das Unerwartete zu erwarten und nach einem kurzen Kaffee geht es mit dem Crewbus Richtung Flugzeug. Während der Fahrt sage ich, dass es mein Traum wäre etwa 4 Stunden mit den Passagieren an Bord zu warten, weil alle Fahrer der Treppen streiken. Die Kabinenbesatzung schaut mich skeptisch an und fragt, ob mir so etwas schon passiert sei. „Noch nicht.“ – wenigstens nicht wegen einer fehlenden Treppe, aber das ist eine andere (lange) Geschichte…

Anschliessend an ein problemloses Boarding und nachdem wir die Flügel und das Heck vom Raureif befreit haben, starten wir den Flug ins Ungewisse. Schon bald werden uns die ersten Abkürzungen angeboten und kurz nach dem Bodensee werden bereits angewiesen direkt auf einen Punkt im Endanflug für die Landebahn 07R in Frankfurt zu fliegen. Der Anflugcontroller in Frankfurt überlässt uns die Wahl, welche Piste wir anfliegen wollen und da die Rollweg von der 07L zu den Aussenstandplätzen etwas kürzer ist, entscheiden wir uns für einen Pistenwechsel.

Auf dem Standplatz angekommen, fehlt zwar der Strom vom Boden, aber dank unserem Hilfsaggregat sind wir davon unabhängig. Nach dem Abstellen der Triebwerke bemerke ich, dass sich, obwohl diverse Treppen herumstehen, niemand anschickt eine solche zu unserer Türe zu fahren. Der Passagierbus ist zwar da, fährt nun aber auch wieder weg. Shit.

„Sehr verehrte Fluggäste. Hier spricht nochmals Ihr Kapitän. Wir sind zwar pünktlich hier in Frankfurt angekommen, aber leider ist zurzeit niemand hier, der uns die Treppe zum Aussteigen bringt. Wir sind in Kontakt mit unserer Station, aber wegen dem Streik kann ich Ihnen noch nicht sagen wie lange es dauern wird, bis Sie das Flugzeug verlassen können. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld…“

Eine Dame mit einer Swiss Leuchtveste erscheint unter dem Flugzeug. Ich öffne das Fenster und sie ruft mir zu sie habe bereits telefoniert. Hoffentlich hilft‘s. Meine Kabinenchefin schaut ins Cockpit und meint „Du hast es im Crewbus verschrien.“ Tja. Warten wir’s ab.

Nach ein paar Minuten meint die Dame am Boden die Treppe sei unterwegs. Ich mache eine zweite Ansage und verspreche unseren Gästen, dass sie in etwa 5 Minuten aussteigen können. Keep your fingers crossed… Tatsächlich erscheinen kurz danach eine Treppe und ein weiterer Passagierbus, so dass wir den Hinflug erfolgreich abschliessen können.

Die hilfsbereite Dame vom Boden erweist sich als die Swiss-Stationschefin in Frankfurt, bei der alle Fäden für die ungewöhnliche Operation zusammenlaufen. Sie erklärt uns kurz die Lage: Der Terminal 1, von welchem aus wir normalerweise operieren, ist völlig lahmgelegt. Da sie dies aber Vorhergesehen habe, habe sie für heute die ganze SWISS Operation ins Terminal 2 verlegt und dort laufe der Betrieb tatsächlich einigermassen reibungslos. Das Gepäck sei bereits am Flieger und die Betankung könne auch gleich beginnen. Mit sichtlichem Stolz meint sie: „Die Lufthansa hat sämtliche Flüge gestrichen, aber alle Swiss Flüge finden statt!“

Annuliert

Tatsächlich klappt nun alles wie am Schnürchen und nach nur 30 Minuten sind wir pünktlich bereit für den Rückflug. Sofort erhalten wir die Freigabe zum Triebwerkstart und zwischen parkierten Lufthansamaschinen rollen zur Startbahn 18. Erst jetzt bemerke ich, dass wir das einzige Flugzeug sind, das sich auf dem riesigen Flughafen Frankfurt bewegt. Was für eine Spitzenleistung unseres Stationspersonals!

Nach der pünktlichen Landung in Zürich und der Verabschiedung unserer Passagiere gehe ich mit meinem Kopiloten einig: Wir fliegen nur noch nach Frankfurt, wenn dort gestreikt wird. Nochmals herzlichen Dank an die Station Frankfurt für die super Arbeit.

Nix passiert?

6. März 2014

Ein Monat ohne Blogschreiben. Ist schon wieder ein Monat vergangen? Hoppla.  Habe ich in der Zeit nichts erlebt? Doch eigentlich schon…

Da kommt mir spontan der Flug nach Kiev am Tag nach Janukowitschs Flucht in den Sinn. Was bei mir zuerst Bedenken hervorrief und mich sogar veranlasste Kontakt mit unserer Security-Abteilung aufzunehmen, verlief dann aber völlig problemlos. Das Hochgefühl, welches damals in Kiev herrschte, dürfte mittlerweile jedoch einer gewissen Ernüchterung gewichen sein.

Zuvor war ich noch beim Hauptwidersacher der Ukrainer zu Besuch. Die Stimmung in Putingrad war damals schon äusserst frostig. Allerdings mehr wegen der Temperatur von -30°C, welche den Moskauer Aussencheck in aller Herrgottsfrühe zur reinen Qual werden liess. Mit schmerzenden Lungen zurück im warmen Flugzeug, war ich dann aber wenigstens wach.

Auch in Berlin war ich. Nach einem gemütlichen Ausflug in die Stadt, ging es auf dem Heimweg plötzlich heiss her. Eine politische Diskussion führte zu allerlei Emotionen. Ein Junges Flight-Attendant und der alte Herr Kapitän waren sich gar nicht einig, obwohl dieser sich eigentlich als sehr liberal einschätzt. Die Themen waren Fremdenfeindlichkeit und Rosinenpickerei der Schweizer, sowie der Sinn oder Unsinn der Schweizer Armee. Die Lebensberechtigung letzterer stellte die junge Dame in Abrede und meinte, wir würden vom umliegenden Ausland eh nicht angegriffen. Als der Hauptmann a.D. sie darauf aufmerksam machte, dass es wohl die allergrösste der von ihr so verachteten Rosinenpickereien wäre, vom Ausland zu erwarten für unsere Sicherheit zu sorgen, während wir unsere eigene Armee aus Sparwut, Geiz, Faulheit, Feigheit oder was auch immer abschaffen, lautete die Antwort in Europa werde es bestimmt nie wieder einen Krieg geben. Meine Erwiderung darauf fiel wohl etwas schroff aus. Ich nannte die Meinung der Dame sträflich naiv, da es auf diesem Kontinent seit Menschengedenken noch nie ein Jahrhundert ohne Krieg gegeben habe. Also sei die Frage nicht ob es in Europa wieder einmal eine kriegerische Auseinandersetzung geben werde, sondern nur wann. Über diese Aussage äusserte dann sogar mein Kopilot Unverständnis, obwohl er sich bis dahin vornehm zurückgehalten hatte. Selbst ich hätte am Vorabend zu unserem Kiev Flug aber nicht gedacht, dass meine Prophezeiung so schnell zur Realität zu werden droht, wie es mit dem Säbelgerassel auf der Krim nun leider aussieht…

Aber weg von der Politik, zurück zur Fliegerei – und damit wieder zur Politik: Wir Swiss Piloten stimmen diese Tage nämlich über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag ab. Ohne meine Leser allzu sehr mit den Details langweilen zu wollen, kann ich sagen, dass ich im letzten Monat zu diesem Thema mit einer wahren (elektronischen) Papierflut überschwemmt wurde. Allein das Studium der 60 (!) Seiten Abstimmungskommentare meiner Kollegen kommt einer kleinen Doktorarbeit gleich. Zudem habe ich mir tatsächlich die Mühe genommen das Vertragswerk durchzulesen. Das schwierigste am ganzen Abstimmungskampf aber war im Operationszentrum, nach der Flugplanung oder zwischen zwei Flügen, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, ohne sich von einem Manager erklären zu lassen, warum man den Vertrag unbedingt annehmen müsse.

Trotzdem – oder unter anderem deshalb? – wird meines Erachtens der Vertrag massiv verworfen werden. Schon wieder eine apokalyptische Prophezeiung. Ein allfälliger Wunsch der Arbeitnehmerschaft, dass gültige Verträge nicht fast 3 Jahre vor deren Ablauf massiv verschlechtert werden, ist gemäss einem Schreiben unseres CEO offenbar ein Grund die Sozialpartnerschaft zu beenden. Ich verstehe das als nur schlecht verklausulierte Kriegsdrohung, aber vielleicht habe ich auch hier etwas nicht richtig begriffen.

Was also tun in so stürmischen Zeiten? Ab in die Skiferien. Offenbar ist das Wetter in den Bergen nächste Woche besonders ruhig und vielleicht haben sich ja die Trümmer bis zu meiner Rückkehr schon etwas gelegt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.