Archive for August 2009

Intermezzo

27. August 2009

Da ich mir keine Zeit zum schreiben nehmen will, folgen einige Impressionen aus Italien. Wer will kann daraus ein Bilderrätsel für fortgeschrittene Italienkenner machen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Endlich Ferien

17. August 2009

Was kriegt der Planungsroulette geplagte Kopilot seltener als eine Hong Kong Rotation? Was braucht mehr Vorbereitung als ein Check/Refresher? Was ist anstrengender als drei Nordatlantik Flüge in Folge? Was löst bei jedem Piloten mehr Hektik aus als ein Wechsel der Landebahn im Final Intercept? Und was ist teurer als Shopping am Rodeo Drive? Genau:

 

Ferien!

 

Es gibt also gute Gründe, warum unsere Firma versucht seine Piloten, wenn immer möglich, vor solcher Unbill zu bewahren. Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig, es komme ab und zu vor, dass ein Kollege eines Kollegen, dessen Name natürlich niemand kennt, Ferien erhalten haben soll.

 

Als Zeitgenosse, der sich einbildet den Realitätssinn noch nicht vollständig verloren zu haben, verwies ich solche Behauptungen bisher ins Reich der Hirngespinste. Dorthin also wo Elvis lebt und wo die Mondlandung erst in Zukunft stattfindet.

 

Und jetzt das! Jetzt bin ich der Kollege des Kollegen und ich kenne sogar meinen Namen! Anfänglich stand es zwar nur hellgrau auf weiss und damit gemäss unserer Firmennomenklatur nur preliminary, also nicht wirklich real. Imaginär sozusagen oder mathematisch korrekt i-Ferien. Aber am 27. Juli wurde mein Weltbild arg erschüttert! Seither steht es nämlich schwarz auf weiss in meinem Einsatz:

 

Ferien!

 

Ferien? Schon beginnen für den Ungeübten die Schwierigkeiten. Was macht man denn damit? Ah genau, man fliegt irgendwo hin wo es besonders schön ist. Doch Moment mal! Zu Hause ist es doch am schönsten. Und überhaupt: Fliegen? Wohl kaum. Wer nicht aus eigener Erfahrung weis, dass das Fliegen als Passagier dem Piloten schlecht bekommt, der kann beim Kollegen nff nachlesen warum dies so ist…

 

Nach einer mehrstufigen Entscheidungsfindung nach SPORDEC wurde schliesslich die alle befriedigende Lösung gefunden. Viel Sonne und Strand, viel Geschichte und Kunst, guter Wein und köstliches Essen, schöne Klamotten und chice Sonnenbrillen, beautiful People und nette Leute, Verwandte und Bekannte. Italianità.

 

Ferien.

 

PS: Wer nicht damit leben kann, dass mein Blog etwa drei Wochen Pause einlegt, dem lege ich die neuste Ausgabe des NNZ Folio ans Herz.

 

 

In der elektronischen Hölle

13. August 2009

Ganz alleine mit fünf Windosen und zwölf Bildschirmen in einer fensterlosen, zehn Quadratmeter grossen Folterkammer während ebenso vielen Stunden eingesperrt. Schummerlicht und Elektrosmog. Ab und zu unterbricht das Bimmeln einer Warnmeldung das monotone surren der Ventilatoren.

 

Davon kriegt der abgebrühteste Kopilot Kopfschmerzen. Warum sitze ich nur in dieser stickigen Hölle, statt irgendwo auf der Welt, am Strand oder im Biergarten, einen Limetten- oder Hopfensaft zu geniessen?

 

Es sei die Strafe für meinen schlechten Charakter, meinte kürzlich ein Kapitän. Ich konnte nämlich wieder einmal nicht nein sagen, als ich gefragt wurde, ob ich mithelfen würde das Programm für den Refresher Tag vom nächsten Jahr auszuarbeiten.

 

Also sitze ich nun hier, im sogenannten integrierten Verfahrenstrainer und kämpfe mich durch die Listen mit den Möglichkeiten, was auf einem modernen Verkehrsflugzeug alles kaputt gehen oder ausfallen kann. Das Ziel ist daraus ein dreistündiges Programm zu zimmern.

 

Meine Kollegen werden damit ab nächstem Dezember ein Jahr lang geplagt und sie werden sich dann fragen warum sie in dieser stickigen Hölle sitzen, statt irgendwo auf der Welt, am Strand oder im Biergarten, einen Limetten- oder Hopfensaft zu geniessen…

 

Bella Italia

8. August 2009

Airline Crews eignen sich vortrefflich als ethnologische Studienobjekte. Heute war dies am Frühstücksbüffet wieder einmal besonders augenfällig. Während die Schweizer Piloten in ihren artspezifischen karierten Hemden Kaffee schlürfend ihr Birchermüesli verzehrten und darauf warteten, dass die gestern eingetroffene Kabinenbesatzung zehn Minuten vor Torschluss noch ans Büffet stürmt, um sich für den Rest des Tages mit Joghurt, Äpfeln und Bananen auszurüsten, veranstalteten mehrere Alitalia Besatzungen zwischen Brotkörben, Früchteplatten und Kaffeespender eine bunte Modeschau.

 

Ciao Bella! Sei ance qui?“ hallte es vom braungebrannten Steward quer durch den Saal zur perfekt gestylten, mit Stöckelschuhen und Foulard bewaffneten Stewardess, die gerade im Frühstücksraum einschwebte. Wie er seine Kollegin, hinter seiner überdimensionierten Sonnenbrille, im Schummerlicht der Hotellobby erkennen konnte, bleibt wohl ewig ein Rätsel.

 

Die ganze Besatzung erhob sich laut schnatternd und man knutschte sich während etwa zehn Minuten gegenseitig ab, bevor man sich, mit ebenso viel Dezibel, wieder an den Esstischen ausbreitete.

 

Danach kam der grosse Auftritt das Kopiloten. Jedenfalls bestanden die beiden Raubkatzen am Tisch darauf, dass es sich bei diesem italienischen Prachtexemplar nur um den Kopiloten handeln könne. Er erschien etwa 30 Minuten vor Torschluss zum Frühstück, gesellte sich aber nicht etwa zu seinen Kolleginnen und Kollegen, sondern posierte zentral am engsten Durchgang, so dass er sicher sein konnte, dass jeder anwesende Gast seine makellos gebräunte Ausnahmeerscheinung würdigen konnte und dass alle Damen die noch eine Frucht oder ein Croissant am Büffet holen wollten, mit ihm auf Tuchfühlung gehen mussten.

 

Von den neuesten Armani Klamotten kündeten die unübersehbaren Aufschriften am T-Shirt und die cool über die Augenbrauen geklemmte Sonnenbrille mit übergrossen Bvlgari Signet strahlte nicht nur sportliche Eleganz aus, ohne die Sicht auf die versammelte Weiblichkeit zu behindern, sondern eignete sich auch perfekt dazu die knapp schulterlangen, schon leicht graumelierten Haare soweit zu zähmen, dass nur ein paar akkurat drapierte Strähnen lässig ins Gesicht fielen.

 

Von so viel geballter Männlichkeit angetan, bildete sich natürlich bald eine Traube von Bewunderinnen um den südländischen Adonis, was dazu führte, dass dem völlig ignorierten schweizerischen Pendant zum italienischen Fliegerhelden der Weg zum Kaffeenachschub vollständig abgeschnitten wurde und er von Koffeinmangel geplagt, seine Unterlegenheit neidvoll anerkennend, von dannen zog…

Mit Raubkatzen in Brasilien

7. August 2009

Nach zwei Monaten Fernost hat es mich wieder einmal nach Südamerika verschlagen. In Sao Paulo wurden wir zwar von unserer Kabinenbesatzung schon am ersten Tag wieder verlassen, dafür wurden wir während unseres Aufenthalts von zwei treuen Schweizer Luchsen, die sich, als bengalische Raubkatzen getarnt, auf unseren Flug geschlichen hatten, begleitet.

 

Da Grosskatzen gehörig Auslauf benötigen, betätigte ich mich am ersten Tag als Reiseführer und zeigte den beiden Büsis die Brasilianische Metropole. In der Betonwüste Sao Paulos muss man sich die Sehenswürdigkeiten allerdings mühsam zusammensuchen und dabei das angrenzende Chaos gezielt ausblenden.

 

 

 

Apropos Chaos, die Stadtführung begann ich in der Rua 25 de Março. In dieser Marktgasse für Einheimische herrscht jeweils ein Durcheinander, welches sogar jenes vom Samstagmorgen in der Migros übertrifft. Die Strasse ist gesäumt von Läden in denen allerlei Ramsch verscherbelt wird. Schuhe, Kleider in riesigen Wühlkisten, Modeschmuck und Elektroschrott wollen an den Mann oder die Frau gebracht werden. Auf der Strasse wird dieses an sich schon umfassende Angebot noch von fliegenden Strassenhändlern ergänzt, von denen jeder den bedauernswerten Touristen von seiner absolut einmaligen Wahre überzeugen will. Zwischen knatternden elektrischen Fliegentötern, surrenden Massagestäben und dem vorbei flitzenden Ball eines neuen Strandspiels, zwischen Rolex Uhren, Gucci Taschen und Ray Ban Sonnenbrillen, die selbst für einen Piloten veraltet aussehen, dröhnt Musik aus Lautsprechern und soll den Passanten dazu animieren, statt Lieder oder Software selber vom Internet zu klauen, frisch auf CD gebrannt zu kaufen. Auch die Freunde des Films kommen nicht zu kurz. Von Ice Age 3 über den neusten Harry Potter bis zur brasilianischen Billigproduktion, bei der offenbar selbst das Geld für die Kleider der Schauspielerinnen gefehlt hat, lässt sich hier alles erstehen.

 

Aus dem Chaos retteten wir uns in den Mercado Municipal, wo in einer wesentlich gepflegteren Atmosphäre von der Ananas über Baccalà, Fleisch und Gewürze bis zur Zitrone alles denkbare fürs leibliche Wohl angeboten wird. Danach ging es über den alten Bahnhof Estação da Luz und die Catedral da Sé auf das Edificio Itália von dessen Dachterrasse aus wir den Ausblick auf die Betonwüste genossen.

 

 

 

 

 

Nach diesem Stadtmarathon schritten wir zur Fütterung der Raubtiere, was dank der karnivoren Veranlagung der Einheimischen keine grösseren Probleme bereitete. Dass dabei Raubkatzen ganze Berge von Fleisch verzehren, war mir von Beginn weg klar. Dass sie danach aber auch mit Bioethanol gestreckte Limettensäftli zu schätzen wissen, war für mich eher überraschend. Ich hoffe die beiden Katzen kriegen davon keinen Kater…

 

Vom Regen in die Traufe

3. August 2009

Eigentlich hatte ich mir nach meinem Ausflug ans Taj Mahal ja geschworen, mich nicht mehr voreilig ins Verkehrschaos zu stürzen. Dennoch befand ich mich schon wenige Tage später wieder mitten in einem Superstau.

 

Diesmal standen zwar keine Kühe auf der Strasse, dafür versperrten unzählige Verkaufsstände die Durchfahrt. Dazwischen zwängten Fahrer ihre überladenen Gefährte unter Ausnutzung jedes freien Millimeters durch das Gewusel. Gestresste Männer fluchten, genervte Frauen keiften und gelangweilte Kinder schrien. Unbeeindruckt von diesem Durcheinander wurden Früchte und Gemüse feilgeboten und als der Verkehrsfluss vollständig zum erliegen kam, wollte mich eine Marktfrau davon überzeugen, dass ich unbedingt und unentgeltlich von ihren unvergleichlichen Produkten probieren sollte.

 

Da mich meine Indienerfahrung gelehrt hat, dass es im Leben nichts gratis gibt und da mir das Chaos arg auf den Appetit geschlagen hatte, lehnte ich dankend ab und zwängte meinen Wagen weiter durch den Verkehrskollaps. Allmählich stellte ich fest, dass irgend eine gute Seele oder eine furchtlose Behörde versuchte Ordnung ins Chaos zu bringen, denn als ich mich umschaute, stellte ich fest, dass die mich einkesselnden Fahrzeuge sich von meinem Leihwagen nur in der Beladung unterschieden, ansonsten aber absolut baugleich waren. Die ganze Normierung verfehlte ihren Zweck allerdings total, denn es wurde schonungslos gedrückt, gezwängt, gedrängelt und gerempelt.

 

Gerade als ich um eine besonders unübersichtliche Ecke bog, kollidierte das Fahrzeug vor mir mit einem mitten in der Durchfahrt abgestellten, völlig überladenen Wagen. Dessen Besitzerin kam wutentbrannt heran gestürmt und zwischen ihr und dem Unfallenker entstand ein wüstes Wortgefecht, welches schon bald drohte in Tätlichkeiten auszuarten.

 

Als Augenzeuge fühlte ich mich verpflichtet die Situation zu entschärfen. Ich wies die Kontrahenten darauf hin, dass ausser einigen Kratzern an den Leihwagen und der verrutschen Ladung kein nennenswerter Schaden entstanden sei und dass sich in Zukunft solche Vorfälle, mit etwas zuvorkommender und vorausschauender Fahrweise, vermeiden liessen. Zudem wäre es schön, wenn die Durchfahrt wieder für den Verkehr freigemacht würde.

 

Mein Schlichtungsversuch war ein voller Erfolg, denn statt weiter aufeinander loszugehen, setzten sich die beiden Streithähne gemeinsam gegen die freche Einmischung eines unbeteiligten zur Wehr. Zum Glück öffnete sich in diesem Augenblick eine kleine Lücke im Stau und ich nutzte die Gelegenheit zur Flucht in eine Seitengasse.

 

Hier änderte die Szenerie schlagartig. Der Verkehr war etwas weniger dicht und statt Lebensmittel wurden diverse Haushaltsartikel angeboten. Dennoch beschloss ich den Ort des Grauens möglichst schnell zu verlassen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn als ich mich bereits kurz vor dem Ziel wähnte, fuhr ich auf den Stau vor der Bezahlstelle auf.

 

Nochmals musste ich zwanzig Minuten zwischen fluchenden Männern, keifenden Frauen und schreienden Kindern ausharren, bevor auch ich meinen Obolus entrichten durfte und auf die obligate Frage „Cumuluskarte? Tierbildli?“ mit dem ebenso standardmässigen „Hab ich nicht. Brauch ich nicht.“ antworten konnte.

 

Nach dem Zurückbringen meines Einkaufswagens fragte ich mich ernsthaft was schlimmer für meine Nerven ist: Zehn Stunden Autofahrt in Indien oder eine Stunde im Einkaufszentrum vor einem verlängerten Wochenende in der Schweiz…