Archive for Mai 2012

Rauchpause

30. Mai 2012

5 hours 30 minutes into the mission. Nach vier Stunden im Crewbunk, fliege ich nun seit einer Stunde als Pilot in Command auf dem linken Sessel Richtung Los Angeles. Grönland liegt hinter uns und in gut knapp 10 Minuten werden wir unseren Ausweichflugplatz Iqualit überfliegen.

Gut ausgeruht und mit mittlerweile gefülltem Magen lehne ich mich in meinem Sitz zurück. Ein Kaffee ist alles, was zu meinem Glück noch fehlt. Ich schaue den Kollegen zu meiner rechten an und sage: „Etwa hier entwickelte auf meinem letzten L.A. Flug ein Passagier medizinische Probleme, was uns den Flug ziemlich versaut hat…“

Mein Blick schweift über das EFB, welches wieder einmal nur einen schwarzen Bildschirm zeigt. „Zum Glück werden die Scheissdinger nun endlich ersetzt. Die waren schon vor vier Jahren unbrauchbar und da waren sie noch neu.“ knurre ich vor mich hin und versuche das Stück Sondermüll neu zu starten.

Ein mir wohlbekannter Duft steigt in meine Nase. Mein Kaffee? Nein, genauso stank vor drei Tagen mein Fernseher, als er das Zeitliche segnete! „Scheisse! Electrical Smell“ sage ich zu meinem Kollegen „Riechst Du das auch?“ „Nein“

„Ist etwa das EFB durchgeschmort?“ frage ich mich. Ich beuge mich über den schwarzen Bildschirm und tatsächlich verstärkt sich der Gestank. Sofort reisse ich die Stromversorgung raus, drehe das EFB auf den Kopf und entferne die Batterie. Mein Kollege schaut mich fragend an und ich reiche ihm das nun stromlose Gerät mit der Frage: „Das stinkt doch, oder?“

„Das Paceblade nicht, aber jetzt rieche ich auch… He da qualmt doch etwas links neben Dir.“ Ich drehe den Kopf und sehe ein dünnes Räuchlein aus der Aufbewahrungsbox für die Notfallchecklisten aufsteigen. „Das Netzteil des EFB!“ schiesst es mir durch den Kopf. Ich reisse das Stromkabel aus der Steckdose und das Netzteil aus der Box. Tatsächlich qualmt Kabel im 12 Volt Bereich nach dem Netzteil noch kurz vor sich hin, dann ist der Spuk vorbei.

„Uff. Zum Glück war es nichts Schlimmeres.“ Wir untersuchen das Kabel und bemerken, dass es an der Stelle, wo es schmorte, gebrochen ist und die blanken Drähte einen Kurzschluss verursacht haben.

Fazit: Eine Minute Puls auf hundert, eine Stunde diverse Rapporte ausfüllen, die nicht wirklich neue Erkenntnis, dass elektronische Geräte im Flugzeug eine oft unterschätze Gefahrenquelle darstellen…

…und dass ich nun endlich diesen Kaffee brauche!

Advertisements

Memories

24. Mai 2012

Nach einem nicht enden wollenden Anflug, während dessen wir schon 80 Kilometer vom Flugplatz entfernt mit 220 Knoten auf 7000 Fuss herumgedümpelt sind, landen wir mitten in einem Regenschauer auf unserem Zielflugplatz, der gehörig provinziellen Mief verströmt.

Die Hälfte der Rollwege ist gesperrt und der Rest so eng, dass es dem Widebody-Piloten angst und bange wird. Dafür hat es wenig Verkehr und so erreichen wir innert weniger Minuten unsere Parkposition. Zum Glück sind auch im Terminal die Wege kurz und da sich ausser uns und unseren Passagieren niemand hierher verirrt zu haben scheint, ist auch die Einreisekontrolle bald absolviert und wir fahren im Crewbus Richtung Hotel.

Links und rechts der Autobahn ziehen Lagerhallen und Industriezonen vorbei. Ich greife nach dem Informationsblatt, welches wir von unserer Station erhalten haben. Dort lese ich: „Although the area may seem dismal and dark upon your arrival, the area is quite safe.“ Trostlos und dunkel – ja das trifft die Stimmung recht genau. Und die Gegend sei ziemlich sicher. Was das heisst wird mit einer Statistik erläutert, gemäss der ich heute wohl nicht ermordet oder vergewaltigt werde. Höchstens ein kleiner Raubüberfall oder ein sonstiger Angriff muss ich befürchten, falls ich das Hotel verlasse. Das kann mir aber, wird sofort betont, auch in jeder anderen Stadt passieren…

Ein weiterer schöner Satz auf dem Pamphlet lautet: „There are many construction projects ongoing to bring the area up to a standard of any city in the New York metropolitan area.”  Falls ich auch nur ein Bisschen Englisch verstehe, rangiert die Gegend zurzeit also noch unter dem Standard jeder anderen Stadt in dieser Gegend. Nun bin ich beruhigt…

Mittlerweile sind wir in unserem Hotel angekommen und nachdem ein Reisebus voll Jugendlicher vor uns eingecheckt hat, erhalten schliesslich auch wir unsere Zimmerschlüssel. Wir beschliessen das Risiko eines Raubüberfalls zu minimieren, indem wir uns nach einem kurzen Bier an der Hotelbar auf unsere Zimmer zurückziehen.

Das Zimmer lässt Erinnerungen in mir hochsteigen. Der Mensch erinnert sich ja bekanntlich noch nach Jahren an Gerüche und der abgestandene Mief nach kaltem Rauch in meinem Nichtraucherzimmer löst in mir sofort ein Déjà-vu Erlebnis aus. Welcome to Newark! Auch an den Teppich erinnere ich mich noch genau, obwohl der Zahn der Zeit nach in den letzten zehn Jahren tüchtig an ihm genagt hat.

  

Ein Blick in den Spiegel zeigt, dass derselbe Zahn auch bei mir genagt hat. Schockiert wende ich mich ab und schaue aus dem Fenster. Wenigstens ist die Aussicht sehenswert. In der Ferne funkeln die Lichter der grossen Stadt. Trotz der vorgerückten Stunde muss ich deshalb noch die Kamera hervorkramen und die Skyline ablichten.

Am anderen Morgen beschliesse ich Manhattan links liegen zu lassen und stattdessen die Gegend zu erkunden. Bald bemerke ich, dass New Jersey nicht für Fussgänger gebaut wurde. Gehsteige sind Mangelware und auch Fussgängerstreifen sucht man meist vergeblich. Obwohl man mir an der Rezeption versichert hat, dass das nahe Outlet Shopping Gebiet „no way“ in Gehdistanz liege, erreiche ich dieses nach einigen lebensgefährlichen Strassenquerungen innert 15 Minuten per Pedes. Verkehrstote waren in der Statistik auf unserer Stationsinformation nicht aufgeführt. Ich weiss nun warum!

Leider sind über die Hälfte der Läden geschlossen. Die Wirtschaftskrise hat hier brutal zugeschlagen. Das ganze Gebiet wirkt auch bei Tageslicht trostlos und heruntergekommen. Nach kurzer Zeit trete ich den Rückweg an. Diesmal wähle ich eine andere Route und ich bekomme einen Eindruck von New Jerseys Suburbia. Hier lebt die amerikanische Mittelklasse. Hier könnte „Desperate Housewives“ gedreht worden sein. Eva Longoria lässt sich aber nicht blicken. Schade…

Zurück im Hotel lichte ich, diesmal bei Tageslicht, nochmals die Aussicht von meinem Zimmerfenster ab, bevor ich mich zum Vorschlafen aufs Ohr haue. Es wartet noch der Rückflug und eine lange Nacht auf uns…

Wo sind die Throttles?

8. Mai 2012

Beim Zappen durch die Bilder einer meiner Lieblingswebsites, bin ich kürzlich auf das folgende Cockpitfoto gestossen.

Natürlich fragte ich mich sofort, was für eine Maschine das ist. Beim genaueren Betrachten vermisste ich aber etwas Essentielles: die Gashebel! Wer baut denn ein Flugzeug ohne Throttles? Auf dies Idee ist ja noch nicht einmal Airbus Industries gekommen…

Natürlich war das die NASA. Das Bild stammt aus dem Space Shuttle Endavour, welches 1991 gebaut und von 2003 bis 2005 überholt und mit einem modernen Glascockpit ausgerüstet wurde, so dass das Cockpit fast wie bei einem Airliner aussieht. Aber eben nur fast.

Ihren Letztflug absolvierte die Endavour 2011 und noch in diesem Jahr wird sie in das California Science Center in Los Angeles überflogen.

Dann werden sicher nochmals ähnliche Bilder wie der Überführung der brühmten Enterprise nach New York, wo die weitgereiste Dame auf der Intrepid ausgestellt wird, zu sehen sein:

Das wird dann in etwa so aussehen:

Im Ernst: Die Shuttles haben mich mein ganzes Leben lang fasziniert und nun werden sie ausgemustert. Deshalb hier, besser spät als nie, ein paar – zugegeben – zusammengeklaute Bilder von der Landung der Enterprise in New York und der Überführung der Discovery nach Washington:

Discovery over Washington DC

Discovery & Washington Memorial

Discovery & Capitol

Wo sind die Velos?

1. Mai 2012

Katie Melua singt „There are nine million bicycles in Beijing. That’s a fact; it’s a thing we can’t deny…”

Nun ich widerspreche ja nur ungern einer hübschen Dame, aber offensichtlich muss Fräulein Melua, wenn überhaupt, vor langer Zeit das letzte Mal in Peking gewesen sein. Mir hat jedenfalls unser Kurzaufenthalt von einem Tag und einer halben Nacht gereicht um zu erkennen, dass es heute in Peking weniger Fahrräder gibt, als Oasen in der nahe gelegenen Wüste Gobi. Ob es in Peking stattdessen 9 Millionen Automobile gibt, konnte ich in der kurzen Zeit nicht eruieren, aber wenn man die Luftqualität als Massstab nimmt, dann sind es mindestens so viele…

Trotzdem wagte ich mich, nachdem ich mich am Mittag aus dem Bett gequält hatte, aus dem Hotel. Mein junger Copi Kollege glänzte trotz gegenteiligem Versprechen durch Abwesenheit. Die Langstrecke forderte das erste Mal Tribut von dem jungen Mann. Die heutige Jugend ist einfach nicht mehr leidensfähig…

So fuhr ich, wenn man von einer geschätzten halben Million Chinesen absieht, Mutter Seelen alleine mit der U-Bahn zum Tian’anmen Platz, wo ich mein erstes Rendezvous mit der Geschichte hatte. Das 1421 erbaute, im Boxeraufstand zerstörte und mittlerweile restaurierte Zhengyang-Tor und der Bogenschützen-Turm wollten besucht und fotografiert sein.

 

Etwas weniger schön, aber ebenso unverkennbar, sind die Bauwerke der derzeitigen Machthaber in China.

 

Ich zog es vor statt der kommunistischen Prachtbauten die verbotene Stadt zu besuchen und so führte mich der Weg, vorbei am Fahrrad eines Touristen und dem grossen Portrait des Stuhlmannes am Nordende des Platzes des Himmlischen Friedens, durch mehrere prächtige Tore zum Eingang des Palastes der Kaiser von China.

 

Der Palast ist alles andere als schlicht, aber schlicht zu Gross um hier auch nur annähernd einen Überblick zu bieten. Stattdessen zeige ich einige Impressionen, die ich auf meinem zweistündigen Spurt durch das Gelände eingefangen habe.

 

 

 

 

 

Ein Wassergraben umringt den Palast und dahinter befindet sich ein Hügel mit einem Tempel und einer grandiosen Aussicht auf die Verbotene und den Rest der Stadt.

  

 

 

Danach entkam ich knapp der Verhaftung durch die Volksarmee, als ich einen strammen Wachmann der selbigen ablichtete. Der Herr war offensichtlich wenig begeistert vom westlichen Hobbyfotografen, der ihn ins Visier nahm und wandte sich demonstrativ ab. Ich hatte allerdings mehr Geduld und verharrte etwa zwei Minuten in der Kauerstellung. Als der Soldat sich schliesslich wieder umdrehte, um sich davon zu überzeugen, dass die Nervensäge endlich von dannen gezogen sei, empfing ihn mein Blitzlicht.

Darauf machte ich flugs einen Abflug Richtung Hotel…