Archive for Februar 2009

Alles heisse Luft

23. Februar 2009

Andere Länder, andere Sitten. OK, für diese Erkenntnis braucht man nicht unbedingt meinen Blog zu lesen. Trotzdem haben wir wieder einmal die Jahreszeit, in welcher sich der im zwinglianischen Zürich aufgewachsene Schreibende verwundert seine Augen reibt. Während in Luzern seltsame Gestalten ihr Unwesen treiben und, zumindest für meine Ohren, disharmonische Musik geschmettert wird, werden hier in Brasilien, wo ich nun zum dritten mal diesen Monat weilen darf, andere Traditionen gelebt.

 

In den Strassen des nahen Rio de Janeiro scheinen sich, so man den hierzulande ausgestrahlten Fernsehbildern glauben darf, zur Zeit tausende halbnackte Schönheiten in Trance zu tanzen. Da ich solchem Treiben natürlich gänzlich abgeneigt bin, bin ich meinem Brötligeber unendlich dankbar, dass er Rio bereits vor Jahren aus dem Streckennetz gekippt und durch Sao Paulo ersetzt hat.

 

Hier in Sao Paulo geht es nämlich wesentlich gesitteter zu. Keine Spur von laszivem Verhalten! Statt dessen macht sich die Bevölkerung hier zu jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit einen Spass daraus selbst gebastelte Heissluftballone in den Himmel steigen zu lassen. Da lässt man sich natürlich zur närrischen Zeit, nota bene in dem Land in dem sich selbst Präsident Lula ab und an durch die Verbreitung heisser Luft profiliert, vom Verbot dieser Montgolfieren nicht den Spass verderben!

 

 

Während die zum Teil riesigen, beflaggten Ballone schon für erdgebundene Zeitgenossen ein Spektakel darstellen, hatten wir heute Morgen einen besonderen Logenplatz. Im Anflug auf Sao Paulo Guarulhos durften wir nämlich etwa zwei Dutzend bunt verzierte Luftschiffchen zum Teil aus nächster Nähe betrachten. Zum Glück war das Wetter ausnahmsweise einmal so gut, dass wir einerseits das Spektakel so richtig geniessen und andrerseits durch Ausweichmanöver einer Kollision mit den unbemannten Flugobjekten vorbeugen konnten. Besonders hilfreich war in diesem Zusammenhang auch die Warnung des Anflug Controllers: „Caution hot air balloons reported in the approach.“ Natürlich hatten wir Schweizer, als frisch gebackene Weltmeister im Riesenslalom, gegenüber den bedauernswerten Piloten anderer Nationen gewisse Vorteile.

 

Das einzige was mich etwas befremdet, ist die Tatsache, dass sich, ausgerechnet in dem Land, in dem sich die Massen über eine fingierte Attacke auf eine Landsfrau im Ausland massiv empören können, kein Schwein darüber aufzuregen scheint, dass hunderte von Flugpassagieren durch das eigene verantwortungslose Verhalten massiv gefährdet werden. Aber eben – offenbar hat man hierzulande eine gewisse Affinität für die Verbreitung von heisser Luft…

Höhen und Tiefen

18. Februar 2009

Da unser Planungsrechner, nachdem er mich monatelang in die USA geschickt hat, nun offenbar beschlossen hat, dass ich plötzlich zum Brasilien Fan mutiert bin, fliege ich diesen Monat exklusiv oder anders gesagt ausschliesslich nach Sao Paulo. Natürlich besteht da, obwohl sich die brasilianischen Rachegelüste gegenüber Schweizer Staatsbürgern, sofern man unserer Presse ausnahmsweise einmal glauben darf, mittlerweile wieder gelegt haben sollen, die akute Gefahr, dass ich diesen Monat nicht ohne körperliche Schäden überstehen werde. Durch das abtragen von hohen Fleischbergen und zu tiefes in Glas schauen bei der Vernichtung der obligaten Caipirinha, besteht nämlich die akute Gefahr von Fleischvergiftungen und Leberzirrhosen. Mein Kampf dagegen soll aber hier nicht das Thema sein, auch wenn ich meine geplante Abspeckkur wohl oder übel um einen Monat aufschieben muss – mein Fliegerarzt wird es mir hoffentlich verzeihen!

 

Als positiven Nebeneffekt meines Exils in Brasilien, durfte ich, kurz vor dessen Abschaffung und zum ersten mal in meiner Karriere, den Verlängerungsflug nach Santiago de Chile, mit seiner spektakulären Andenüberquerung, durchführen.

 

Meine Enttäuschung darüber, dass wir windbedingt die nördlichste der zur Auswahl stehenden Routen nehmen sollten und damit den mit 6.962 m höchsten Berg Südamerikas, den Aconcagua nur aus der Ferne sehen sollten, wurde durch die Erkenntnis aufgehoben, dass unser Flugweg genau über die berühmten Iguaçu Fälle führen würde. Ich konnte also sozusagen in einem einzigen Flug die Höhen und Tiefen des südamerikanischen Kontinentes ausloten!

 

Der Flug begann allerdings mit einem weiteren Tiefschlag: Da die Crew, welche das Flugzeug nach Sao Paulo brachte, wegen Schneegestöbers in Zürich etwa 45 Minuten zu spät abflog und da kurz vor unserem Abflug ein Gewitter über dem Flugplatz einen kurzfristigen Pistenwechsel nötig machte, war die Verspätung zu gross, als dass es in Santiago noch für einen Besuch im Taxfree Shop reichen würde. Mein Weinkeller würde also auf eine Verstärkung durch selbst eingeflogenen chilenischen Wein verzichten müssen. Das Leben ist schon hart…

 

Der Flug war allerdings spektakulär. Als wir langsam in die Nähe der Iguaçu Fälle kamen befanden wir uns über einem grossen vom Iguaçu Fluss durchschnittenen Waldgebiet, an dessen westlichem Ende die Rauchsäule eines kleineren Waldbrandes zu sehen war. Erst beim näherkommen erkannte ich, dass es sich statt um Rauch um die Gischt der gesuchten Wasserfälle handelte!

 

 

 

Später überflogen wir den Zusammenfluss des blauen Paranà und des durch Schwemmstoffe braunen Paraguay. Hier konnte man deutlich sehen wie lang es dauert, bis sich das Wasser der beiden Flüsse durchmischt hat. Es folgten fast surreal aussehende, von meandrierenden Flüssen geprägte Gegenden, die dann durch die schier endlose argentinische Pampas abgelöst wurden.

  

   

 

Kurz vor San Juan konnten wir dann die Anden erblicken, wo zu meinem erstaunen nur die höchsten Gipfel schneebedeckt waren. Der Rest des Gebirges war knochentrocken und erinnerte mich, mit seinen von Erosion zersetzten und in allen Farbschattierungen schillernden Gebirgskämmen, an NASA oder ESA Bilder vom Mars. Dank einer Abkürzung konnten wir im Sinkflug auch noch den Aconcagua aus der Nähe sehen und so kann ich nun in Zukunft, gegenüber den weniger glücklichen, die diesen nicht mehr erleben werden, ebenfalls vom grossartigen Santiago Turnaround schwärmen.

 

 

Besetzt

4. Februar 2009

An sich ist der Crewbunk ja eine geniale Erfindung, kann doch der überarbeitete Pilot dort seine müden Glieder strecken und für ein paar Stunden etwas Ruhe finden, um beim Aussteigen am Zielflughafen nicht sofort als Zombie verhaftet zu werden.

 

Leider hat diese Kammer aber ein paar Designmängel, von denen jeder Pilot ein Lied singen kann. So ist schon die Lage zwischen Galley und Cockpit eher suboptimal, da dauernd Trolleys gegen die papierdünne Trennwand zur Küche donnern und die dadurch hervorgerufenen Erschütterungen den im Halbschlaf verharrenden Piloten aus seiner Koje zu werfen drohen. Ebenfalls kriegt der schlaftrunkene Luftfahrer, jedes mal wenn die Panzertüre zum Cockpit geöffnet wird, einen dem herbeigesehnten Schlaf ziemlich abträglichen Adrenalinstoss, da der Öffnungsmechanismus der Cockpittüre verdächtig nach einem Schuss aus einer Kleinkaliberwaffe tönt! Wehe wenn dann die Türe, statt sanft ins Schloss gedrückt zu werden, einfach zugeknallt wird, dann kann man sich nach der Ankunft direkt zum Ohrenarzt begeben um das erlittene Knalltrauma behandeln zu lassen…

 

Natürlich sind die Bunks auch zu schmal und, zumindest in der Kanadischen und Österreichischen Ausführung, viel zu kurz. Wer sich ein genaueres Bild davon machen möchte, kann bei meinem Kollegen nachlesen.

 

Das grösste Problem mit dem Crewbunk liegt allerdings nicht in seiner Konstruktion, sondern ist viel subtiler, nämlich tiefenpsychologischer Natur. So scheint, aus bisher unerforschten Gründen, die Engnis der Pilotenruhekammer bei den ansonsten unerschrockenen potentiellen Luftfahrthelden, eine Art unterbewusste Urangst auszulösen, die sich in einer akuten Inkontinenz manifestiert. Vermutlich handelt es sich hier um ein ähnliches Zusammenspiel wie zwischen Skilift und Blasenschwäche bei Frauen, welches zwar wohlbekannt, aber meines Wissens auch nicht näher erforscht ist.

 

Jedenfalls kann der durchschnittliche Pilot, auch wenn er sonst nicht an einer schwachen Blase leidet, kaum mehr als eine Stunde im Crewbunk verbringen, bevor sich langsam ein unangenehmer Druck anstaut. Erschütterungen, ob sie nun von leichten Turbulenzen oder von gegen die Bunkwand donnernden Trolleys stammen, versetzten die Blase dann in resonante Schwingungen, die nach einer weiteren halben Stunde Kampf gegen das frühzeitige Aufsuchen der Toilette, zur unvermeidlichen Kapitulation führen.

 

Das richtig perfide am Crewbunk ist nun aber, dass es dort, im Gegensatz zum Cockpit, keine Anzeige gibt, ob die Toilette besetzt ist oder nicht.  Natürlich ist  jedes mal, wenn der geplagte Pilot sich schliesslich entschieden hat endlich Druck abzulassen, um sich danach möglichst rasch wieder dem wohlverdienten Schlaf zuzuwenden, die Toilette mit einem Passagier besetzt. Nicht irgend ein Passagier – nein einer von der Sorte, die das stille Örtchen etwa 20 Minuten für sich monopolisiert!

 

Was kann man eigentlich so lange auf einer Flugzeugtoilette treiben? Alleine natürlich! Die Zeitung hat man schon Stunden zuvor das zweite Mal gelesen und so richtig gemütlich ist es ja in dem engen und stinkigen Kämmerchen auch nicht. Grosses Geschäft? Ok, 5 Minuten. Rasieren oder Schminken? Weitere 5 Minuten. Und dann??? Haben diese Leute eigentlich weder Mitleid noch Skrupel? Schliesslich soll der berühmte Astronom Tycho Brahe bereits 1601 elend an einem Blasenriss zu Grunde gegangen sein! Ich jedenfalls fordere eine Beslotung der Flugzeugtoiletten oder falls dies unmöglich sein sollte, wenigstens eine maximale Verweilzeit…