Alles nur Routine

Ja, ich fliege noch. Eigentlich mehr denn je. Vieles ist Routine und gibt zum Schreiben nicht viel her. Anderes ist nicht Routine, aber fürs Bloggen ungeeignet. Deshalb war es hier in der letzten Zeit ruhig – sehr ruhig.

Heute habe ich wieder einmal Zeit. Ich sitze in Genf. Unfreiwillig – what else. Eigentlich sollte ich mit meiner Familie zu Hause sitzen. Geplant waren gestern und heute zwei Morgen-Turnarounds mit freien Nachmittagen. So wie ich es mir gewünscht habe.

Aber das Unheil nahm schon am Freitag seinen Anfang, als der erste Turnaround wegen einem Wechsel auf den Avro durch Standby-Duty ersetzt wurde. Daraus wurde dann am Samstagmorgen eine Genf Rotation. Die schönen Seiten des Pilotenlebens. Wenigstens hatte der Genf Flug mit technischem Delay schon einmal gut begonnen, so dass es uns nicht langweilig wurde…

Heute stand Doppel-London auf dem Programm. Routine. Die ersten beiden Flüge liefen dann auch wie am Schnürchen und die M/C wunderte sich, wie glatt alles lief. „Das ist bei mir normal. Du fliegst einfach zu wenig mit mir“ bemerkte ich lakonisch.

Damit habe ich es wohl verschrien: Beim nächsten Boarding stieg, während ich im Cockpit beschäftigt war, ein stark alkoholisierter Passagier ein, welcher beinahe sämtliche einsteigenden Passagiere belästigte. Als meine Kabinenchefin mir dies mitteilte, wies ich den Kerl scharf zurecht, worauf er mir versprach sich ab sofort zu benehmen.

Funktioniert hat das natürlich nicht, so dass ich ihn wenige Minuten später auffordern musste mein Flugzeug zu verlassen. Die Nettigkeiten die dabei zu hören bekam gebe ich hier lieber nicht wieder. Als ich den Herrn schliesslich aus dem Flugzeug spediert hatte, durfte sich ausser mir auch mein Boden-Koordinator beleidigen lassen. Da das Verhalten unseres neuen Freundes auch sonst immer renitenter wurde, liess ich ihn schliesslich von der Polizei abführen.

Bei uns kehrte wieder Ruhe ein. Nachdem auch das Gepäck des Trinkers das Flugzeug verlassen hatte, konnten wir mit 10 Minuten Verspätung unser drittes Leg beginnen. Unterwegs verfasste ich einen Rapport zum Vorgefallenen und dann war es schon wieder Zeit für den Sinkflug. Trotz allem landeten wir pünktlich in London, was bei so einem hervorragenden Kapitän natürlich nicht anders zu erwarten war.

Darüber war unsere Station in London aber offenbar nicht informiert, so dass wir an unserem Parkplatz etwa 10 Minuten warten mussten, bis die Fluggastbrücke positioniert wurde und unsere Passagiere endlich aussteigen konnten.

Mittlerweile hatten wir aber bereits die nächsten Probleme. Ein Steward der mit unserem Flug als Passagier nach London positioniert wurde, fühlte sich plötzlich sehr schlecht. Noch während die Passagiere ausstiegen, organisierten wir deshalb mit der Crew Disposition in Zürich, dass er wieder zurück nach Hause fliegen konnte und dass sein Gepäck separat umgeladen wurde.

Zudem hatten wir einen extrem schlechten Takeoff Slot. Parallel mit der obigen Umorganisation wurde mit unserem Flight Dispatch deshalb eine Ausweichroute vereinbart, welche zwar eine um 15 Minuten längere Flugzeit bedeutete, dafür aber keine Restriktionen bezüglich Startzeit mehr verursachte. Während die Passagiere wieder einstiegen wurde deshalb noch mehr Treibstoff getankt und die neue Route in die Navigationsrechner programmiert. Multitasking soll gemäss Lehrmeinung in der Fliegerei möglichst vermieden werden. Leider konnte mir bis heute noch niemand erklären, wie das funktionieren soll… Nach hektischen 50 Minuten und dem Austausch von 2 Mal 160 Passagieren waren wir schliesslich wieder startbereit. Allerdings hatte es mittlerweile sehr viel Abflugverkehr, so dass es nochmals 30 Minuten dauerte, bis wir schliesslich Vollgas geben konnten.

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten, welche sich durch unser ständiges Betteln nach Abkürzungen und einem weiteren kleineren technischen Problem durchaus kurzweilig gestalteten, landeten wir schliesslich mit nur 15 Minuten Verspätung in Genf. Natürlich hat die Station uns nicht so früh erwartet, so dass sich die Passagiere noch einige Minuten gedulden mussten, bevor sie das Flugzeug verlassen konnten…

Ach ja, das Flugzeug haben wir natürlich auch noch gesteuert – aber das darf man von Piloten wohl erwarten!

Und morgen? Morgen wünsche ich mir einen ruhigen Tag und einen pünktlichen Feierabend. Routine eben…

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6 Antworten to “Alles nur Routine”

  1. FourGfeens Says:

    Ohje, LHR at it’s best…

  2. Peter Says:

    Hi Skypointer,
    ja – war lange still bei Dir !
    Aber bei den anderen Bloggern -die ich kenne- ist es auch sehr, sehr ruhig geworden in letzter Zeit !
    Um so schöner wieder mal eine nette Geschichte aus dem Leben zu lesen. . .
    Vielen Dnak für Deine Inspiration, wieder zu schreiben 🙂
    Gruß
    Peter

  3. Richi Says:

    Ein einziger „stark alkoholisierter Passagier“ aus England:
    Geht noch.

    Zum Glück musst Du keine „Hooligans“ transportieren, und in Deinem Flieger wird kein Tränengas versprüht;-)

  4. Rainer Götze Says:

    Ich schaue immer gerne wieder in den Blog und möchte nur einmal mitteilen, dass es mir jedes mal große Freude bereitet, die Routine eines Berufspiloten widergespiegelt zu bekommen.
    Es ist wie in allen Berufen: höhen und Tiefen wechseln sich ab , wie Ebbe und Flut. 🙂
    Nur: es kommt auf die Warte an und aus dem Cockpit, über den Wolken, ist diese Seite ungleich schöner, als in den meisten anderen Jobs. Ich bin schon gespannt, was wir als nächstes zu lesen oder zu sehen bekommen. Die Bilder sind oft im Kontext das Highlight. Gutes Auge!
    Grüße aus Berlin
    Rainer

  5. Richi Says:

    A „vast routine“,
    after all,
    verglichen mit weniger weiten Feldern der Beschäftigung, da unten in der Fabrik;-)

  6. Reinhold Baldauf Says:

    Guten Morgen.
    Nachdem ich aufgrund der für uns Norddeutsche ungewohnten Hitze nicht mehr schlafen konnte, habe ich mir Flugvideos angesehen. Ich muss jetzt mal meine Bewunderung für die Damen und Herren im Cockpit ausdrücken. Landungen mit extremen Seitenwinden, Vogelschlag etc. Es ist einfach fantastisch, wie sie alle ihren „Job“ machen mit der Verantwortung für hunderte von Menschen. Danke.
    Ebenso gilt dieser Dank natürlich auch allen anderen, die Menschen helfen, retten, ins Leben zurückholen. Krankenschwestern und Ärzte, Hubschrauberpiloten und Feuerwehrleute …
    Ich danke euch allen und habe höchsten Respekt vor eurer Tätigkeit.

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