Archive for Juli 2011

Debile Bettflucht

29. Juli 2011

Nein, nicht weil ich wieder einmal bis zum Morgengrauen in den dubiosen Bars Hong Kongs rumgehangen bin. Ganz im Gegenteil! Top seriös bin ich um halb zwölf ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen. Eigentlich ein typischer Anfängerfehler, denn der erfahrene Langstreckenflieger weiss, dass er in Fernost bis weit nach Mitternacht durchseuchen muss, um nicht morgens um drei hellwach im Bett zu sitzen.

In einem solchen Fall hilft nur eins: Licht an, Flimmerkiste einschalten und, in der Hoffnung bald wieder einzuschlafen, irgendeinen langweiligen Unsinn reinziehen. Bei mir war es ESPN mit dem Baseballmatch Seattle Mariners gegen New York Yankees. Obwohl ich die Regeln einigermassen durchschaue, ist mir keine langweiligere Sportart als Baseball bekannt. Besser als jede Schlaftablette! Trotzdem wollten die Augen nicht mehr zufallen und so quälte ich mich auch noch durch das American Football Spiel San Francisco 49ers gegen weiss der Geier wen…

Als auch das nichts nützte, löschte ich wieder das Licht und nervte mich über meine Schlaflosigkeit, bis ich um halb sechs Uhr den ersten Lichtschein hinter den Vorhängen bemerkte. Freudig stürzte ich ans Fenster und riss die Vorhänge auf. Tatsächlich herrschte draussen eine wunderschöne Morgenstimmung. Schnell packte ich die Kamera und konstruierte auf dem Schreibtisch ein improvisiertes Stativ, um das Schauspiel festzuhalten.

 

Nun war ich wieder einigermassen versöhnt mit der Welt. Nach einer Dusche trieb es mich auf der Suche nach einer ersten Ration Kaffee nach draussen. Leider erbarmte sich aber weder Sternbocks noch eine der diversen anderen Koffeinquellen des rotäugigen, übernächtigten Kopiloten, so dass ich mich eine halbe Stunde später, mit einer undefinierbaren Brühe aus einem 7/Eleven, auf meinem Zimmer wiederfand.

Eigentlich hätte ich gerne die Sektionen 5 und 6 des Hong Kong Trail abmarschiert. Angesichts von Tagestemperaturen um 35°C schien dies aber trotz Kaiserwetter keine gute Idee. Durch meine debile Bettflucht präsentierte sich die Lage nun aber neu. Um nicht in Depressionen zu verfallen schüttete ich deshalb die braune Brühe in den Ausguss, packte meine Fotokamera und begab mich wieder nach draussen. Mit einem Taxi fuhr ich zum Wong Nai Chung Gap und von dort ging es zu Fuss, 45 Minuten steil den Berg hinauf, zum Jardine’s Lookout. Obwohl es noch immer verdammt früh war, brannte die Sonne schon gnadenlos und die Luft fühlte sich bei unglaublich feuchten 27°C zum Schneiden schwer an. Triefend nass und laut keuchend erreichte ich schliesslich den 433 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt. Gierig trank ich das mitgebrachte Wasser und als ich mich nach einigen Minuten ein bisschen erholt hatte, zückte ich die Kamera und knipste ein paar hart erarbeitete Bilder Hong Kongs aus ungewohnter Perspektive.

  

Da ich nun zwar einer Fussmassage nicht abgeneigt gewesen wäre, aber eine Herzmassage unbedingt verhindern wollte, trieb mich der Koffeinmangel zügigen Schrittes den Berg hinunter und zurück ins Hotel. Nach ausgiebiger Dusche und dringend benötigtem Kleiderwechsel, traf ich, noch immer mit hochrotem Kopf und aus allen Poren triefend, beim Frühstück auf meine eben aus den Federn gekrochenen Crewkollegen, die meine früh morgendlichen Abwege kopfschüttelnd zur Kenntnis nahmen…

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Erleuchtung

26. Juli 2011

Zurück aus den Wolken wollte noch das touristische Standardprogramm abgespult werden. Zumindest die etwas erhöhten Orte, die sich mit dem Auto viel lockerer erreichen lassen, als zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Der erste Pflichtbesuch galt deshalb dem Hawk Hill, von wo aus sich ein einzigartiger Blick auf die Golden Gate Bridge entfaltet.

 

 

Dann ging es weiter zum Twin Peak, wo das nächste Panorama fotografiert werden wollte.

 

Nach der Rückgabe des Mietwagens und dem verputzen eines Hamburgers, musste der Koffer gepackt werden und nach ein paar Stunden Vorschlafen, traten wir den Rückflug an. Nochmals ging es vorbei an den Twin Peaks und der Golden Gate Bridge, bevor wir über die Innenstadt von San Francisco Richtung Osten abdrehten.

  

 

Über dem Lake Tahoe liessen wir die Sierra Nevada mit den letzten Sonnenstrahlen hinter uns zurück.

 

Vor uns lagen noch gut zehn Stunden Flug und da ich das letzte Drittel davon im Crew Bunk verbringen würde, erwartete ich zwar einen langen Kampf gegen die Müdigkeit, aber sicher keine Highlights mehr. Doch weit gefehlt. Über dem Nordatlantik, kurz vor Sonnenaufgang, zog sich ein Nordlicht in langem Bogen über den gesamten Nachthimmel. Die erleuchtende „Lightshow“ bildete schliesslich den Höhepunkt des Rückflugs, was bei dem Bilderbuchstart in San Francisco eine wahre Meisterleistung war…

 

PS: Wie ein solches Nordlicht aus dem Weltraum aussieht, zeigt ein von der Internationalen Raumstation am 25. Mai über der Antarktis aufgenommenes Bild einer Aurora Australis (Südlicht):

Aurora Australis from Space

Clouds Rest

24. Juli 2011

Cloud Rest – was für ein poetischer Name für die Schlafkoje der Cockpitcrew! „Crew Bunk“ oder die offizielle Bezeichnung „Flight Crew Rest Compartment“, kurz FCRC, tönen dagegen so profan, dass es schon fast schmerzt.

Auch für den Akt selbst eignet sich der Ausdruck hervorragend. Statt sich zum Inflight Rest zurückzuziehen, sollte der ermattete Pilot zum Cloud Rest entschwinden. In wolkenweiche Watte eingehüllt ist die Erholung im himmlischen Traumreich garantiert und am Ende des Cloud Rest entspringt der Himmelsstürmer dem Jungbrunnen und kann im Vollbesitz seiner Kräfte selbst den wütendsten Elementen eine perfekte Landung abtrotzen…

Leider ist das alles nur Wunschdenken und so wand ich mich, nach gut vierstündigem hin und her Wälzen, alles andere als erholt aus dem Crew Bunk und trat meine achtstündige Schicht auf dem Flug nach San Francisco an. Der Flug war bis auf einige Turbulenzen beim Auffahren auf die Kanadische Ostküste so ereignislos, wie wir Piloten uns das wünschen. Auch der Anflug in San Francisco war etwas weniger spektakulär als auch schon. Die Golden Gate Brücke versteckte sich im Nebel und nur die Spitze eines Pfeilers lugte kurz heraus um zu prüfen, ob wir auch pünktlich seien…

Nach der Landung verabschiedeten sich die beiden Kopiloten vom Rest der Besatzung, fassten einen Mietwagen und begaben sich, nach einem zehnminütigen Boxenstopp im Crewhotel, auf den Weg in den Yosemite National Park. Dort stand, nach einer kurzen Nacht irgendwo im Nirgendwo, am anderen Morgen eine ausgewachsene Bergtour auf dem Programm. Natürlich bestiegen wir nicht einen beliebigen Hügel, sondern wir hatten uns einen für zwei Langstreckenpiloten passenden Berg ausgesucht:  den 3025 Meter hohen Clouds Rest

Kaum abmarschiert, standen wir allerdings schon nach wenigen Metern vor dem ersten Hindernis. Ein etwa 20 Meter breiter, gut knietiefer Bach versperrte uns den Weg zum himmlischen Ziel. In Ermangelung eines Kanus blieb uns nichts anderes übrig als, trotz der grimmigen Attacken von tausenden von Moskitos, die erst gerade sorgfältig geschnürten Wanderschuhe wieder auszuziehen, die Hosen hochzukrempeln und durch das Wasser zu waten.

Am anderen Ufer führte unser Weg steil bergauf. Weg ist allerdings ein grosses Wort, denn immer wieder verdeckten Schneefelder die Sicht auf den Pfad, so dass wir uns mehr oder weniger querfeldein durch den Wald kämpften, bis wir schliesslich ein hübsches Hochplateau erreichten. Zwischen umgestürzten Bäumen ging es über kleine Bächlein und vorbei an Bergseen und Waldwiesen weiter Richtung Ziel.

  

 

Am Ende des Plateaus folgte der nächst Anstieg. Langsam lichtete sich der Wald und gab die Aussicht auf die uns umgebende Bergwelt frei.

  

Zwischen interessanten Felsformationen kraxelten wir weiter zum Gipfel, der uns nach knapp vierstündigem Aufstieg mit einem grandiosen Panorama belohnte.

Das Yosemite Valley zu Füssen und mit freiem Blick auf den berühmten Half Dome wurde die Verpflegung zum Augenschmaus, dem nicht einmal die Tierwelt widerstehen konnte.

  

Es folgte ein flotter, dreistündiger Abstieg und als wir schliesslich zurück bei unserem fahrbaren Untersatz waren, schmerzten unsere müden Knochen genauso, wie wenn wir gerade einen siebenstündigen Cloud Rest im Crew Bunk hinter uns hätten…

Mehr Information zur Wanderung: http://www.everytrail.com/guide/clouds-rest

Festgenagelt

8. Juli 2011

Bloggende Piloten scheinen eine besondere Vorliebe für ein bestimmtes schwedisches Einrichtungshaus zu haben. Dass dies zu echten Problemen führen kann, hat mein Kollege schon vor einiger Zeit eindrücklich beschrieben. Aber in der Fliegerei zieht man ja Lehren aus den Fehlern anderer, so dass ich sicher sein konnte, dass mir ähnliches nicht widerfahren konnte…

Zudem musste ich keinen Schrank aufstellen, sondern nur ein im Magazin des schwedischen Möbelhauses für 4.95 Franken erstandenes Abtropfgestell für Geschirr reparieren. Obwohl wir das edle Stück, das sinnigerweise auf den Namen Magasin hört, immer besonders vorsichtig behandelt haben, zeigte es nach 4,95 Gebrauchsjahren nicht nur Gebrauchsspuren, sondern eine besorgniserregende Tendenz auseinanderzufallen. Die Nägel, welche das Gestell im Innersten zusammenhalten, lösten sich nämlich allesamt ausgeleiert aus ihren Löchern und mussten dringend ersetzt werden.

Natürlich hätte ich auch einfach ein neues Magasin kaufen können, aber mit meinem schmalen Kopiloten Salär erschien eine Reparatur viel einladender. Zudem schrieb schon der grosse Schiller:

Den schlechten Mann muß man verachten,

Der nie bedacht, was er vollbringt.

Das ist’s ja, was den Menschen zieret,

Und dazu ward ihm der Verstand,

Daß er im Herzen spüret,

Was er erschaffen mit seiner Hand.

Eine richtige Männerarbeit also. So zog ich mich mit dem Magasin und einigen tausend Nägeln, welche ich von der Täfelung meines Weinkellers übrig hatte, in den Bastelraum zurück. Mit einer eleganten Handbewegung schob ich die Näharbeiten meiner Frau zur Seite und schaffte auf der Werkbank Platz für mein Reparaturprojekt. Zuerst musste der Rahmen verstärkt werden. Natürlich durften die Nägel nicht zu lang sein, da sie sonst hinten herausstehen würden. So ein Anfängerfehler konnte mir nicht unterlaufen. Nach einem kurzen Nachmessen mit der Schublehre waren die passenden Stahlstifte gefunden.

Bum, Bum, Bum. Kurze Kontrolle. Perfekt. Hämmer, Hämmer, Hämmer. Nochmals kontrollieren. Sehr schön. Bum, Bum, Bum. Hämmer, Hämmer, Hämmer. Autsch mein Finger! Aber ein echter Heimwerker kennt keinen Schmerz. Weiter geht‘s. Bum, Hämmer, Bum. So ist‘s recht. Hämmer, Bum, Hämmer. Hoppla ein Sprung in der Leiste, aber sie hält trotzdem. Nicht schön, aber dauerhaft.

„Was treibst Du eigentlich?“ ruft meine Frau von oben. „Männerarbeit!“ lautet meine knappe Antwort. Meine Frau kennt mich gut genug, um nicht nachzuhaken. Der Rahmen ist mittlerweile stabiler als neu. Der schwierigste Teil ist geschafft…

Jetzt müssen nur noch die Querleisten neu fixiert werden. Ich drehe das Abtropfgestell um, damit die Leisten nicht hohl liegen. Ab jetzt ist die Arbeit unproblematisch.

Schwingt den Hammer, schwingt

Innert Kürze werden die Nägel in die Querleisten getrieben und mit jedem Nagel merke ich, wie sich das Abtropfgestell stabiler anfühlt. 24 Nägel später betrachte ich mein Werk mit Stolz geblähter Brust. Besser als neu! Also zurück damit in die Küche. Aber halt! Warum kann ich das Gestell nicht von der Werkbank lösen? Ach du Schande: die Querleisten sind ja wesentlich dünner als jene des Rahmes.

Festgenagelt auf der Werkbank

Liegt das Gestell von Ikea gekauft

Nach ein paar markigen Kommentaren zu meinen eigenen intellektuellen Fähigkeiten greife ich zur Beisszange und mache mein Gesellenstück rückgängig. Danach werden 24 kürzere Nägel ins Holz geschlagen, bevor ich mit roten Ohren und ohne Stolz das mittlerweile arg zerlöcherte Magasin meiner Frau überreiche, die zwar schief grinst, sich aber taktvoll jeglichen Kommentars enthält…