Archive for August 2010

Dutch roll

19. August 2010

Dutch Roll ist ein aerodynamisches Phänomen, das bei Flugzeugen mit gepfeilten Flügeln besonders ausgeprägt ist.

Eilt ein Flügel eines Flugzeugs mit Pfeilflügeln etwas voraus (yaw), so hat er relativ zur Luftströmung eine grössere aerodynamische Spannweite. Der damit verbundene, grössere Auftrieb hebt diesen Flügel an, bewirkt also eine Bewegung in der Längsachse (roll). Der grössere Auftrieb führt aber auch zu grösserem induziertem Widerstand am vorauseilenden Flügel, was diesen wieder nach hinten zieht.

  

Diese Rückwärtsbewegung führt schliesslich zu einer Oszillation in die entgegengesetzte Richtung, so dass das Flugzeug sowohl um die  Längs-, als auch um die Hochachse schwingt. Die Dutch Roll besteht also aus einer endlosen Überlagerung der Roll- und Gierbewegungen, die durch Klicken auf das animierte GIF (oben rechts) gesehen werden können.

Da alle modernen Passagierjets gepfeilte Flügel besitzen, haben sie auch die Tendenz zur Dutch Roll. Diese Schwingungen sind nicht nur unangenehm für Passagiere, sondern sie können sich so sehr aufschaukeln, dass das Flugzeug unkontrollierbar wird. Deshalb haben alle modernen Jets sogenannte Yaw Damper, die die Dutch Roll, mit automatischen Gegenbewegungen am Seitenruder, im Keime ersticken.

Viel spannender als den aerodynamischen Hintergrund finde ich aber die Namensgebung dieses Phänomens: „Holländische Rolle“. Zum ersten Mal benutzt wurde der Ausdruck, nach meinen Informationen, 1916 in einem Papier des Luftfahrtingenieurs Jerome C. Hunsaker, welches das folgende Zitat enthielt: “Dutch roll – the third element in the motion is a yawing to the right and left, combined with rolling. The motion is oscillatory of period for 5 to 12 seconds which may or may not be damped.”

Glaubt man Wikipedia so ist der Begriff aus Assoziation an eine gleich lautende Bezeichnung, aus den Anfängen des Schlittschuhlaufens im 19. Jahrhundert, für den ähnliche Körperbewegungen bewirkenden Schlittschuhschritt entstanden. Warum aber der Schlittschuhschritt so genannt wurde, darüber gibt Wikipedia keinen Aufschluss.

Als zweite mögliche Erklärung vermutet Wikipedia den englischen Ausdruck „Dutch courage“, ein Idiom für angetrunkenen Mut und mutmasst, dass darauf angespielt werden sollte, dass ein Flugzeug mit den Pendelbewegungen der Dutch Roll aussehe, als ob es von betrunkenen Piloten gesteuert würde.

Für mich tönt die zweite Variante wenig überzeugend, während die erste schlicht nicht zu Ende gedacht scheint. Was hat es also mit dieser Holländischen Rolle wirklich auf sich?

Wie  die Bezeichnung Cockpit ist wohl auch die Dutch Roll auf den Slang der Seemänner während der Zeit der Segelschifffahrt zurückzuführen. Viele der Fachchinesischen Ausdrücke der Seemänner dieser Zeit fanden Eingang ins Englische und andere Sprachen, obwohl der nautische Laie den wahren Ursprung der Ausdrücke oft nicht begriff. Redewendungen wie „brace up“, „cut and run“ oder „by and large“ stammen eindeutig aus der Seemannssprache. Der Ausdruck „die Katze aus dem Sack lassen“ stammt von der Bestrafung mit der neunschwänzigen Katze, die in der Royal Navy jeweils unmittelbar vor der Züchtigung aus einem roten Sack geholt wurde.

Doch zurück zur Dutch Roll. Die Seeleute der Royal Navy waren (wohl zu Recht) davon überzeugt, dass ihre Seemannskünste weltweit unübertroffen seien. Seeleute anderer Nationen, die übrigens auch auf britischen Kriegsschiffen recht zahlreich anzutreffen waren, wurden entsprechend gefoppt. So zum Beispiel die Iren: Ein Loch in einem Segel war ein „Paddy’s reef“ und eine Flaute ein „Irish hurricane“.

Auch die Holländer bekamen ihr Fett weg: Ein Schiff mit schlecht getrimmten Segeln wurde als „jogging along, Dutch fashion“ bezeichnet und auch der Begriff „Dutch courage“ dürfte in dieser Zeit entstanden sein. Die sehr breit gebauten, mit pausbäckigem Bug versehenen holländischen Handelsschiffe waren der Grund dafür, dass die pummeligen Vertreterinnen des Weiblichen Geschlechts damals als „Dutch built“ verspottet wurden.

Vor diesem Hintergrund wird auch der Ursprung der Dutch Roll klar. Eben diese holländischen Handelsschiffe waren durch ihre rundliche Bauweise mit wenig Kiel schwer zu steuern und vollführten ständig Roll- und Gierbewegungen:

Dutch Roll.

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Rendezvous mit der Geschichte

11. August 2010

Wie eine Jungfrau zum Kind bin ich zu einem Bangkok Flug gekommen. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass ich diesen Monat den Flug ausnahmsweise einmal nicht gewünscht habe. Oder es liegt am Monsun, der zurzeit das Klima hier nicht gerade angenehm macht? Oder am ebenso unangenehmen politischen Klima, das immer wieder für eine Bombenstimmung sorgt?

Wie auch immer, ich habe die Sache nicht lange hinterfragt und die Anfrage der Crew Dispo auf meinem Telefonbeantworter, ob es mir eventuell gelegen käme auf einen Freitag und die lange Bangkok Rotation zu verzichten, schlicht ignoriert. Bereits am Samstag nach Tel Aviv oder New York statt am Sonntag nach Bangkok? Für wie blöd halten die mich?!

Der Flug begann völlig routinemassig und als wir im Steigflug 3000 Meter passierten, verkroch ich mich im Crewbunk. Natürlich liessen die Turbulenzen nicht lange auf sich warten und so trat ich irgendwo über Turkmenistan gut geschüttelt, aber etwas weniger gut ausgeruht, meinen Dienst im Cockpit an.

Nachdem ich mich in meinem Sitz installiert, meinen inneren Kompass aufgerichtet, den ersten Kaffee runtergewürgt und mich über die gleissend hell aufgehende Sonne genervt hatte, bemerkte ich ein eine seltsame Struktur am Boden.

Schnell kramte ich meine Fotokamera aus dem Crewbag und hielt das seltsame Gebilde und seine Koordinaten fotografisch fest. Das Ding schien hervorragend in meine wachsende Sammlung von Minen und Erdlöchern passen, auch wenn ich mir auf die Art in der hier der Aushub abgelagert wurde keinen Reim machen konnte. Gross war meine Überraschung, als ich bei meinen nachdienstlichen Nachforschungen feststellen durfte, dass im Turkmenischen Mary nicht etwa Bergbau betrieben wird, sondern dass ich das 30 Kilometer entfernte Unesco Weltkulturerbe Merw überflog, von dessen Existenz ich in meiner grenzenlosen Unwissenheit bisher nicht einmal Kenntnis hatte!

Merw war eine Oasenstadt an der Seidenstrasse, in der sich im Laufe der Geschichte Griechen, Prather, Sassaniden, Araber, Mongolen, Usbeken, Perser, Russen und Turkmenen die Klinke in die Hand gaben. Oder besser gesagt sie raubten sich die Klinke unter blutigem Gemetzel und Völkermord.

Unglaublich wie viele menschliche Schicksale an diesem Ort ihr tragisches Ende fanden. Unglaublich wie viele Herrscher hier Macht erlangten und wie viele ihre Macht hier verloren. Unglaublich wie viel Einfluss dieser Ort auf die Weltgeschichte hatte! Und heute fliegt ein Pilot, der von sich denkt er habe eine einigermassen gute Allgemeinbildung, über diese mit Blut von tausenden Generationen getränkten Gemäuer und hält sie für einen Steinbruch…

Weil ich von all dem noch nichts wusste, fiel es mir leicht mich von diesem antiken Kriegsschauplatz loszureissen. Afghanistan lag vor uns und sowohl die Kommunikation mit dem amerikanischen AWACS Fluglotsen, der für den Luftraum über diesem modernen Kriegsgebiet zuständig ist, als auch die Verfahren für eventuelle Notfälle über dem hohen Gelände Afghanistans wollten vorbereitet sein.

Bald befanden wir uns in der Nähe der Stadt Ghazni, welche ebenfalls schon Schauplatz blutiger Schlachten war. Allerdings nicht im aktuellen Krieg, sondern während des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges. Insgesamt gab es seit 1837 drei solche Anglo-Afghanische Kriege – den aktuellen nicht eingerechnet! Immer erlebten die Briten dabei, nach der anfänglich erfolgreichen Eroberung Afghanistans, zahlreiche blutige Schlappen, die zum unvermeidlichen Rückzug führten.

Warum man sich trotzdem auf ein neues Afghanistan Abenteuer eingelassen hat, ist mir ein Rätsel. Haben die Angelsachsen nichts aus der Geschichte gelernt oder haben sie diese ebenso vergessen, wie der ahnungslose Pilot das Schicksal von Merw, obwohl die Britische Ostindien-Kompanie bereits 1842 zu dem Schluss gekommen war, dass die fortgesetzte Besetzung Afghanistans zu riskant und kostspielig sei…

Politik und Militär – eine Mischung, bei der die Bevölkerung für gewöhnlich auf der Strecke bleibt. So auch in Burma, wo wir auf unserer sicheren Reiseflughöhe riesige überschwemmte Gebiete überflogen. Ob die Not dort genauso gross ist wie in den Hochwassergebieten Pakistans, die wir zwar ebenfalls überflogen, die aber unter dicken Regenwolken versteckt blieben, weiss kein Mensch, da das Burmesische Militärregime zu paranoid und stolz ist um im Ausland Hilfe anzufordern…

Angesichts all dieser Kriege und Krisen und des damit verbundenen menschlichen Leids, war ich froh, dass das bedrohlichste, was ich nach unserer Landung in Bangkok erkennen konnte, die Wolkenbänke über der Stadt waren.

Hoffentlich bin ich nicht wieder zu naiv was ich sehe richtig zu deuten…

Im Trüben…

6. August 2010

Nach den ketzerischen Gedanken zum Schweizer Expo Auftritt, brauchte ich etwas Ablenkung und so machte ich mich anderntags auf zum neu eröffneten Bund. Dies ist die Uferpromenade von Shanghai, die einen atemberaubenden Blick auf die von Wolkenkratzern strotzende Skyline von Pudong erlaubt. Leider verhinderten in den letzten Jahren hohe Bauabschrankungen jeglichen Durchblick und  deshalb freute ich mich auf einige Schnappschüsse ohne die Störenden Bretterwände.

Am Bund angekommen stellte ich fest, dass ich zwar kein Brett mehr vor dem Kopf hatte, dafür war die Aussicht völlig vernebelt, denn leider hatte ich meine Rechnung ohne den Shanghaier Smog gemacht.

Um die Wolkenkratzer etwas klarer zu sehen musste ich also auf die andere Flussseite wechseln. Doch auch in Pudong war die Stimmung eher trüb. Selbst als die Sonne einmal in unheilverkündendem Orangerot durch die Abgasgeschwängerte Luft drang wurde die Stimmung nicht besser, denn der Smog kratzte in den Lungen.

 

Wie ein Hohn erschienen mir die Expo Plakate, die mich aus von jeder Hauswand mit dem Shangaier Wahlspruch anlachten: Better City – Better Life. Na ja. Denser Traffic – Denser Smog wäre wohl treffender…

Mich jedenfalls zog es ins Grüne und so machte ich mich auf Richtung Yuyuan Garten. Dieser wurde 1559 von einem hohen Beamten der Ming Dynastie erbaut und gilt als einer der schönsten Chinesischen Gärten Chinas. Offenbar waren die Beamten schon damals überbezahlt und unterbeschäftigt…

Leider liegt der Eingang zum Garten in der Fussgängerzone der Altstadt, die mir mit ihren zahllosen Souvenirshops und fein säuberlich herausgeputzten Häuserreihen jeweils den Eindruck vermittelt ich hätte mich in einen Themenpark von Disneyland verirrt. Nach diesem Gewusel ist die plötzliche Ruhe nach dem Eintritt in den Garten dafür aber umso beeindruckender. Als ich den Kopf in eine der Gartenlauben steckte, winkte mich ein freundlicher Herr zu sich herein und bot mir eine Teezeremonie an. Natürlich konnte ich nicht widerstehen.

  

Schnell wurde mir erklärt, dass ausschliesslich Tees mit medizinischer Wirkung aufgebrüht würden und mein Vorurteil, dass in China gegen jedes Leiden ein Kraut wächst, das man am besten dreimal täglich als Tee geniesst, bestätigte sich. Deshalb kann es nicht überraschen, dass auch alle pilotenspezifischen Leiden problemlos mit Tee behandelt werden können und so probierte ich in der Folge Tees gegen Fettleibigkeit, Schlafmangel, Faltenbildung, Strahlenbelastung und Leberzirrhose…

Frisch dem Junkbrunnen entsprungen machte ich mich danach auf den Rückweg ins Hotel. Ich hatte nämlich um 18 Uhr einen Termin für die nächste Teezeremonie: Hopfentee mit dem Rest meiner Crew.

Auf dem Weg zur Metrostation durchquerte ich den Stadtpark. Dort entdeckte ich einen Fischer mit seiner Tochter, der im sprichwörtlichen Trüben fischte: Vor Smogverhangenen Wolkenkratzern fing er mit seinem zur Angelrute umfunktionierten Regenschirm kleine Goldfische und Krebse aus dem Betonbecken des Parkteiches.  

Welcome to China!

Exposed

4. August 2010

Es geschah irgendwo über dem Kaukasus. Während ich in der Dämmerung nach dem höchsten Berg Europas suchte – ok, man kann lange streiten, ob dies nun der Mont Blanc oder der Elbrus ist – quälte sich ein Zwetschgolid namens Mond sich langsam über den farbigen Horizont. Gleichzeitig rissen in der Kabine verdächtige Gestalten mit schwarzen Schlapphüten ihre grossen Taschen aus den Hatracks und brachten daraus lange Röhren ans Dämmerlicht.

  

Kurz darauf erschallten gespenstisch tiefe Töne in unserer Alu Röhre und jedermann im Flugzeug erhielt die Kugel, denn das Alphorn Ensemble Engadina, das mit uns nach Shanghai flog, um im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Konzerte abzuhalten, entschloss sich kurzerhand im Flugzeug eine Kostprobe ihres Könnens zu geben und der Sponsor der Bläser, ein bekannter Schweizer Schokoladehersteller, verteilte dazu seine berühmten Lindor-Kugeln. Nach diesem erfreulichen Abendkonzert verging die Zeit wie im Fluge und etwa acht Stunden später landeten wir in Shanghai.

  

Während unseres Aufenthaltes in der Expo Stadt mussten wir natürlich wohl oder übel die Weltausstellung besuchen und so fand ich mich noch am selben Tag in einer riesigem Warteschlange wieder. Einmal ins Expo Gelände eingelassen widerholte sich die Warterei vor jedem Pavillon aufs Neue. So beschränkten wir uns meist darauf die protzigen Tempel der nationalen Selbstdarstellung von aussen zu betrachten. Die wenigen Ausnahmen die wir betraten bestätigten uns dabei in unserer Ansicht, dass sich das Anstehen nur beschränkt lohnt.

  

Als Schweizer durften wir beim Schweizer Pavillon die Warteschlange links liegen lassen und den VIP Eingang benützen. Das Bauwerk hätte uns zwar nie erahnen lassen, dass einer der Weltgrössten Betonhersteller der Hauptsponsor war, aber sonst wurde die Schweiz absolut treffend repräsentiert.

Als deutliches Symbol dafür, dass in der Schweiz zurzeit einiges nicht so läuft wie es sollte, läuft auch die Hauptattraktion, die Sesselbahn auf dem Dach, seit mehreren Wochen nicht. Wegen einem defekten Tragseil. Swiss Quality – Made in China.

Zum Trost wurde ein IMax Film mit schönen Bildern der Schweizer Bergwelt gezeigt. Leider sah ich aus der zehnten Reihe des ausschliesslich mit Stehplätzen versehenen, sehr engen Kinos nur die halbe Leinwand. Ich könnte mir kaum eine bessere Veranschaulichung der beengten Platzverhältnisse in der Schweiz vorstellen!

Weil ich also vom Film nichts sah wendete ich mich den lustigen Figuren im Foyer des Kinos zu. Ein gutes Dutzend Bilder von Politikern, Wissenschaftlern und Prominenten in Lebensgrösse liessen hier, sobald sich ihnen ein Besucher gegenüberstellte, einen Wortschwall vom Stapel, der mich stark an die letztjährige Parlamentsdebatte über das Importverbot von Brasilianischen Rinderdärmen zur Cervelat Herstellung erinnerte. Auch damit hat die Ausstellungsleitung wieder einen Volltreffer gelandet, denn die Schweizer Politiker haben bekanntlich seit Monaten nichts Gescheites mehr von sich gegeben. Zum Glück konnte man hier die Pappkameraden mundtot machen indem man einfach davonlief…

Als ich den Schweizer Pavillon verliess, begegnete ich der letzten Installation. Etwa zwanzig Feldstecher die, wenn man hineinblickte, plastische Bilder einer modernen, ökologisch sauberen Schweiz zeigten. Leider interessierte sich ausser mir niemand dafür! Das lag wohl daran, dass Ausländer gar nicht auf die Idee kamen in diese „Ein Mann Fernseher“ hineinzuschauen. Stattdessen hielten sie diese für eine perfekte Parabel für die eigenbrötlerischen Schweizer mit ihrem arg eingeschränkten Blickfeld und fehlenden Durchblick.

In mir löste die ganze Szenerie solches Heimweh aus, dass ich mich schnurstracks ins Schweizer Restaurant des Pavillons begab und mir mein erstes – und wohl letztes – Raclette auf Chinesischem Staatsgebiet gönnte…