Archive for Oktober 2010

Wasserflieger

22. Oktober 2010

Früher war die Welt noch in Ordnung. Damals landeten die Flugzeuge noch auf dem Wasser und die Passagiere wurden mit Booten ans Land übergesetzt. Die Piloten waren noch richtige Helden und konnten nach getaner Arbeit locker zu Fuss übers Wasser ans Ufer laufen…

Heute wird auf dem Festland gelandet und die Passagiere verlassen das Flugzeug über einen Passagierabfüllstutzen namens Jetty. Nach getaner Arbeit müssen die Piloten die vom Shopping überladenen Koffer der Kabinenbesatzung in den überfüllten Crewbus hieven und auf der Fahrt ins Operations Center hoffen, dass sie nicht von herunterstürzenden Gepäckstücken erschlagen werden.

Doch noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Es besteht die Möglichkeit, dass die Entwicklung wieder zurück in Richtung der gloriosen Zeiten der Wasserflieger geht. Ein Indiz dafür ist Jeppesen. Der weltweit grösste Hersteller von Navigationskarten hat nämlich eine Anflugkarte für die Wasserlandung des derzeit wohl berühmtesten Fliegerhelden publiziert:

Fachchinesisch

15. Oktober 2010

Eher schlecht als recht ausgeschlafen habe ich in Shanghai den Dienst angetreten. Als zweitfliegender Copilot anerbot ich meinem Kollegen die Computer zu programmieren und die Startberechnungen zu machen. Dafür benötigte ich die aktuellen Wetterangaben, die auf dem ATIS (Automatic Terminal Information Service) erhältlich sind.

Heute können diese Daten auf immer mehr Flughäfen statt per Funk abgehört, auch per Datalink bezogen werden. Dies erleichtert die Arbeit, weil der Pilot Zeit spart und Missverständnisse wegen schlechter Funkqualität oder undeutlicher Aussprach des ATIS Sprechers vermieden werden.

Leider funktioniert dieser Datalink in Shanghai zurzeit noch nicht, weshalb ich mir die Kopfhörer umgeschnallt habe um das Wetter nach alter Väter Sitte zu notieren. Was ich dabei allerdings hörte kam mir irgendwie Chinesisch vor:

Shanghai ATIS

Natürlich wird das ATIS abwechselnd Englisch und Chinesisch ausgestrahlt. Aber wehe dem, der ein paar Datan verpasst! Der arme Kerl muss sich dann die ganze Chinesische Litanei erneut abhören, bevor er das Englische Wetter zu zweiten Mal vorgespielt erhält…

Schlaflos in …

14. Oktober 2010

Ich fahre aus dem Schlaf hoch. Scheisstraum! Was ist los? Bin ich wirklich wegen einer Einsatzänderung nicht nach Muscat geflogen oder hab ich das nur geträumt? Ich liege in einem finsteren Zimmer und habe keine Ahnung wo ich bin!

Muscat ist es nicht. Dafür arbeitet die Klimaanlage auf zu tiefem Niveau.

New York kann es auch nicht sein. Keine Sirenen, kein Verkehrslärm, keine klappernde Klimaanlage, keine abgestandene Luft und kein dröhnender Fernseher im Nebenzimmer.

Wie spät ist es eigentlich? Die Zeiger meiner billigen Fossil Uhr leuchten wie immer viel zu schwach um etwas zu erkennen. Na ja, man kann nicht alles haben… Wo ist der Lichtschalter? Blind taste ich neben dem Bett rum und finde zwar die Lampe auf dem Nachttisch, aber keinen Schalter. Plötzlich stösst meine Hand gegen etwas Hartes und kurz darauf scheppert es fürchterlich. Scheisse, nun ist auch noch das verfluchte Telefon abgestürzt! Vorsichtig ziehe ich meine Hand zurück. Ich will ja nicht auch noch die Tischlampe umstossen…

Ich bemerke, dass mein Kopf dröhnt und meine Zunge klebt im Mund als ob ich die ganze Nacht an einer Kupfermünze gelutscht hätte. Was habe ich nur seltsames gegessen! Knoblauchbrot? Indisch? TexMex? Thai? Churrascaria? Teppanyaki? Zwiebelsuppe? Chinesisch? Egal, ich brauche dringend einen Schluck Wasser!

Wo ist nur der verdammte Lichtschalter? Diesmal taste ich die Wand ab und finde eine ganze Batterie Knöpfe. Nachdem ich den erstbesten gedrückt habe, werde ich mit gedämpftem Licht belohnt. Neben mir auf dem Nachttisch steht eine Flasche Wasser. Wie konnte ich die vorhin nur verfehlen? Gierig schütte ich das kühle Nass in meine trockene Kehle und blicke mich wieder um.

Gepackter Koffer und Crewbag. Flat Screen, braun-beiger Teppich, Schreibtisch, Sessel. Modern und unpersönlich. Sieht aus wie überall – ausser natürlich in den USA, dort wäre alles etwas schmuddeliger. Auf der anderen Seite des Zimmers befindet sich hinter einer Glaswand ein schmuckes Bad. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Asien! Nicht dass die Zimmereinrichtung dies vermuten liesse, aber nur dort logieren wir in so schönen Hotels.

Also mal scharf nachdenken. Indien ist es nicht, das riecht man. Bangkok kann ich auch ausschliessen, denn da darf ich eh nie hinfliegen. Tokio kommt auch nicht Frage, weil auf dem Schreibtisch die obligatorische instant Nudelsuppe fehlt. Hong Kong? Nein, der Flat Screen weist keine von Helikopterabstürzen verursachten Kratzer auf…

Bleibt noch? Shanghai! Logisch. Die Erinnerung kommt zurück. Die Einsatzänderung war doch kein Traum. Shanghai statt Muscat und deshalb wird auch New York flach fallen. Das Essen, das den hässlichen Geschmack im Mund hinterliess war Szechuan. Wie konnte ich  nur all den Chilli, den Knoblauch und Zwiebeln vergessen!

Mittlerweile bin ich hellwach. Wie spät ist es? 02:30. Super. Morgen ist bereits Rückflug. Wenigstens habe ich den Koffer bereits gepackt. Crew Call um 05:30. Das bedeutet noch drei Stunden im Bett rumwälzen und vergeblich nach Schlaf suchen, bevor ich dann zehn Minuten vor dem Weckruf nochmals einschlafen werde.

Eindeutig Ostasien…

Hauling down the flag

7. Oktober 2010

Gestern war es wieder einmal so weit. Ich musste zum dritten Mal in meiner militärischen Karriere zusehen, wie meine Einheit ihre Standarte zurückgegeben hat. Nach dem Infanterie Bataillon 34 und der Artillerie Abteilung 19, wurde heute die Artillerie Abteilung 36 verabschiedet. Nicht dass ich mit besonders viel Herzblut an diesem Verband gehangen bin – dafür waren die 2(!) Tage die ich darin Dienst verrichten durfte schlicht zu kurz – trotzdem stimmte es mich nachdenklich, in welchem Tempo sich die Schweizer Armee selbst abschafft. Was die Armeegegner um die Gruppe Schweiz ohne Armee bisher vergeblich angestrebt haben, schafft die Schweizer Regierung und ihre Generalität mittlerweile locker selbst.

Während der kurzen, aber würdigen Zeremonie wurde mir bewusst, dass nicht nur die drei oben erwähnten Verbände nicht mehr existieren, sondern auch die Rekrutenschule, in der ich meine Sporen als Soldat und Unteroffizier abverdient habe und die Offiziersschule, in der mir mein Offizierspatent verliehen wurde, nicht mehr existieren. Ja selbst die Waffengattung, in der ich militärisch aufwuchs, wurde bereits vor Jahren abgeschafft.

Militärisch gesehen bin ich mittlerweile also völlig heimatlos. Da ich aber meine Dienstpflicht noch nicht erfüllet habe, werde ich noch ein paar Jahre durch die verschiedenen Truppenkörper zigeunern und bin deshalb auf Asyl bei anderen Waffengattungen angewiesen.

Die letzten, die mich freundlich und – welch Überraschung – ohne Waffendünkel in ihrer Mitte aufgenommen habe, waren die Artilleristen. Leider haben sie dabei nicht beachtet, dass meiner Einteilung in ihre Einheiten deren Auflösung auf dem Fusse folgt! Offenbar ist aber alles noch viel schlimmer: Gemäss dem jüngsten Interview mit unserem Armeeabschaffungsminister werde ich es wohl noch erleben dass auch die Artillerie aufgelöst wird und, da die Panzerbrigade 11 das Unglück hatte die gestern aufgelöste Artillerie Abteilung zu befehligen, ist es auch um die Zukunft der Panzertruppen schlecht bestellt…

Was bleibt also in ein paar Jahren von der Schweizer Armee? Keine Kampftruppen und nur ein Häuflein schlecht ausgebildete Hilfsscheriffs? Man braucht kein Strategieexperte zu sein um zu wissen dass dies nicht funktionieren kann!

Zwar ist es vernünftig, dass man die Armee auf die wahrscheinlichste Bedrohung ausrichtet, aber jeder, der einmal eine militärische Weiterbildung genoss weiss, dass man vor allem auf die gefährlichste Bedrohung  vorbereitet sein muss! Ich stimme mit dem Armeebericht überein, dass zurzeit keine konventionelle militärische Bedrohung der Schweiz auszumachen ist und folglich für den Aufwuchs der Verteidigungsfähigkeit einige Jahre zur Verfügung stehen. Leider zeigt aber ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher, dass der Beginn einer unheilvollen Entwicklung, die schliesslich dazu führte, dass die Armee benötigt wurde, immer erst nachträglich erkannt wurde, so dass nie rechtzeitig darauf reagiert werden konnte.

Zudem ist verlorenes Knowhow nicht mehr wettzumachen. Wenn also heute sämtliche mechanisierten Waffensysteme abgeschafft werden, dann können wir auch in Zukunft nicht mehr darauf zurückgreifen und eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit wird zur Illusion.

Den Verantwortlichen Politikern und Militärs empfehle ich einen Blick in die eigenen Reglemente FSO (Führung und Stabsorganisation) XXI, OF (Operative Führung) XXl, TF (Taktische Führung) XXl und sich an die dort beschriebenen, bewährten Prozesse zu halten:

  1. Problemerfassung
  2. Lagebeurteilung mit der gefährlichsten und weiteren Bedrohungen (FSO XXI 3.5.5 § 166) (dürfte mit dem Sicherheitpolitischen Bericht 2010 geschehen sein)
  3. Daraus muss Grundentschluss (TF XXI 3.5.5 § 190) für ein Militärstrategisches Leistungsprofil abgeleitet werden (OF XXI 3.3). Dieser Grundentschluss muss Angemessen, Machbar, Tragbar und Vollständig sein (FSO XXI 3.5.5 § 181)
  4. Aus diesem Grundentschluss müssen die benötigten Kräfte abgeleitet werden.  
  5. Die benötigten Mittel (kostet Geld!) müssen der Sicherheitsorganen zur Verfügung gestellt werden
  6. Die Umsetzung des Entschlusses muss kontrolliert werden (FSO XXI 3.6.4)

Stattdessen wird nun aber mit dem Armeebericht 2010 versucht das Leistungsprofil der Armee über die zur Verfügung stehenden (Finanz-)Mittel zu definieren, was offensichtlich kein vernünftiger Ansatz ist. Die Politik orientiert sich hier an Mark Twain:

„Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.

Leider lassen sich mit Sicherheitspolitik keine politischen Lorbeeren holen und eine glaubwürdige Armee kostet viel Geld. Allerdings verhält sich damit wie mit einer Diebstahlversicherung: Wer denkt er könne eine solche erst am Tag vor dem Schadensereignis abschliessen, dem wird früher oder später die Rechnung für seine Fehleinschätzung präsentiert!

Schwein gehabt

1. Oktober 2010

Nach den Ferien liess sich mein Arbeitgeber etwas ganz Besonderes einfallen. Ich durfte an meinem ersten Arbeitstag einen Refresher Tag instruieren. Dieser ist Teil des zweimal Jährlich stattfindenden Simulator Trainings, welches jeder Pilot durchlaufen muss. Dabei ist es unter anderem meine Aufgabe den beiden Trainees die neuesten Änderungen unserer Handbücher zu präsentieren.

Der Laie denkt sich nun vielleicht, dass in drei Wochen die Fliegerei kaum neu erfunden worden sei und dass ich einfach das Programm von vor den Ferien aus der Schublade ziehen und präsentieren konnte. Weit gefehlt! Kaum bin ich einmal nicht zur Stelle wurden sämtliche Handbücher revidiert und Airbus hat ein neues Verfahren publiziert wie sich Piloten bei einem Strömungsabriss zu verhalten haben. Gleichzeitig wurde ein zweites Verfahren erfunden, welches beschreibt was zu tun ist wenn die Warnung für Strömungsabriss nach dem Start fälschlicherweise ertönt, was zwar gemäss den technischen Handbüchern unmöglich ist, aber offenbar trotzdem schon stattgefunden hat…

Wie auch immer. Mein letzter Ferientag ging drauf um diese und noch viele andere Änderungen in eine einigermassen verständliche und präsentable Form zu bringen.

Nach zwei Refresher Tagen und einem „Türschletzer“ in Kairo (für alle nicht Schweizer: schletzen = zuknallen) stand dann endlich ein richtiger Flug auf dem Programm: Johannesburg. Natürlich wollte nach einer mittlerweile fast vierwöchigen Flugabstinenz das ganze Unterfangen seriös vorbereitet sein.

Dabei stolperte ich über eine interessant Meldung im NOTAM (NOtice To AirMen) unseres Ausweichflugplatzes:

„Presence of warthogs on the runway possible. Pilots use caution when landing.”

Hervorragend! Aber was wurde jetzt genau von den landenden Piloten erwartet? Den Warzenschweinen mit wilden Steuermanövern ausweichen? Langsamer anfliegen, damit für die possierlichen Tierchen genügend Zeit bleibt um sich vom Acker (oder besser von der Landebahn) zu machen? Oder vor der Landung die Piste mit einem Feldstecher absuchen und falls sich ein Warzenschwein blicken lässt durchstarten?

Oder war am Ende statt diesemdieses gemeint? Und was würde die Warnung dann bedeuten?

Da der Flug problemlos verlief werde ich wohl nie erfahren, ob auf der Piste unseres Ausweichplatzes wirklich Warzenschweine tummelten und was in diesem Fall von uns erwartet worden wäre…