Filmreif

Der Zustand der Aviatik gibt zunehmend Anlass zu Sorge. Obwohl die Kerosinpreise kontinuierlich steigen, kostet ein Flugticket bald weniger als die Bahnfahrt an den Flughafen. Die meisten Fluggesellschaften fliegen deshalb in den roten Zahlen und dies vor einem sich schnell eintrübenden Wirtschaftsumfeld. Den Kosten- und Margendruck versuchen viele Airlines über das Volumen zu kompensieren. Deshalb wird Wachstum gebolzt, obwohl viele Lufträume und Airports schon heute an der Belastungsgrenze sind und die Angestellten Überstunden leisten müssen, da weder Rekrutierung noch Ausbildung mit den ehrgeizigen Zielen der Manager mithalten können.

Auch die Militäraviatik befindet sich im Umbruch. Allerdings geht es dort in die andere Richtung: Krebsgang ist angesagt. Da den Staaten überall das Geld ausgeht, werden Luftwaffen verkleinert und Militärbasen geschlossen. In der Schweiz wurden bereits unzählige kleinere Militärflugplätze aufgehoben und zurzeit wird über die Zukunft des einst florierenden Flugplatzes Dübendorf gestritten. Welch tristes Bild solch eine untote Militärbasis aus der Luft abgibt, habe ich kürzlich über Frankreich gesehen: Strassenkreisel und Begrünungsflächen mitten auf der Startbahn – Leichenfledderung vom Übelsten!

So richtig eingefahren ist mir aber ein E-Mail, das ich zwei Tage vor meinem Chicago Flug erhalten habe. Für das SWISS Personalfest sollte ein Film von einem Cabin Briefing gedreht werden und meine Besatzung wurde dafür auserwählt. „Herrgott, wie tief sind wir gesunken, wenn ich der fotogenste Kopilot bin!“ schoss es mir durch den Kopf.

Um wenigstens einen einigermassen akzeptablen Eindruck zu hinterlassen, musste ich zuerst notfallmässig zum Friseur. Zudem tauschte ich meine ausgelatschten, aber bequemen Uniformschuhe gegen ein neues, aber entsprechend unbequemes Paar. So aufgebrezelt begab ich mich schliesslich zur Arbeit. Durch das filmbedingte, unanständig frühe Check-in, fand ich wenigstens einen Parkplatz im chronisch überfüllten Parkhaus…

Im Briefingraum herrschte schon hektische Aktivität. Im grellen Licht von drei riesigen Scheinwerfern wurde an den bereits anwesenden Flight Attendants herumgeschminkt. Foulards wurden ausgetauscht, Uniformen gerichtet und Schweissperlen weggepudert. Zu meiner Erleichterung wollte aber niemand an uns Piloten herumwerkeln. Ob wir schon perfekt geschniegelt waren oder ob bei uns jeder Effort hoffnungslose Zeitverschwendung gewesen wäre, wurde uns nicht mitgeteilt.

Danach folgten die Regieanweisungen. Es gehe darum den Firmen-Teamspirit im normalen Arbeitsumfeld einzufangen. Wir sollten ein ganz normales Cabin Briefing durchführen. Nichts Gekünsteltes sei gefragt, sondern das ganz normale Verhalten im Briefing. Das Filmteam wäre vor Allem an der Interaktion des Teams interessiert…

An dieser Stelle muss ich kurz erklären, wie ein solches Cabin Briefing normalerweise verläuft. Da ich jeweils nur in den 5 Minuten, in denen wir vom Cockpit das Cabin Briefing besuchen, anwesend bin, werde ich mich dabei auf diesen Teil beschränken:

Eine Stunde und 15 Minuten vor dem geplanten Abflug tritt die Cockpitbesatzung ins Briefing Zimmer, wo die Kabinenbesatzung, unter der Leitung des Maître Cabin, in den letzten 15 Minuten ihre Arbeit organisiert hat. Zuerst macht man die Runde und begrüsst die im Kreis herum sitzenden Flight Attendants per Handschlag. „Sali, Ich bin Skypointer“ „Sandra“ „Freut mich“ … „Guten Morgen, ich heisse Skypointer“ „Freut mich, Barbara“ „Gleichfalls“ … „Hallo Skypointer. Ich heisse Julia“ „Hallo und guten Morgen“ … „Hallo Heidi. Schön, dass wir wieder einmal zusammen fliegen…“ „Hallo Skypointer. Ich habe Deinen Namen gar nicht erkannt!“ „Ist ja auch ein 08-15 Namen ;-)“ …

Nachdem man sich nun kennt, gibt der Kapitän normalerweise kurz bekannt, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt und dass sich jedes F/A, das etwas möglicherweise Sicherheitsrelevantes bemerkt, dies sofort dem Cockpit melden soll. Nach dem Hinweis, dass Cockpit Besuche der Cabin Crew  jederzeit hochwillkommen seien, übergibt der Kapitän meist das Wort an den Kopiloten, der kurz die Flugzeit, die Route und das Wetter unterwegs und an der Destination bekannt gibt. Während dieses Frontalunterrichts lackiert Julia jeweils ihre Fingernägel, Barbara liest heimlich das letzte SMS von ihrem neuen Freund, Sandra nervt sich über die Laufmasche in ihren Strümpfen, die sie sich beim Spurt vom überfüllten Parkhaus ins OPS eingefangen hat und Heidi denkt, dass Skypointer noch immer nicht hat gelernt hat sich im Briefing kurz zu fassen, denn das einzige was sie interessiert sind die Flugzeit und ob Turbulenzen zu erwarten sind…

Danach kehrt die Flight Crew in die Flugplanung zurück, während hinter ihr die Cabin Crew aus dem Zimmer Richtung Raucherecke stürzt, um vor der Fahrt zum Flugzeug wenigstens noch eine halbe Zigarette zu inhalieren.

Wie der geneigte Leser nun also weiss, findet die von der Regie gewünschte Interaktion, ausser bei der Begrüssung, nicht statt. Genau darauf machte der Kapitän nun aufmerksam. Konsequenterweise wollte das Filmteam natürlich die Begrüssung filmen. Leider, so wurde uns mitgeteilt, sei es aber filmtechnisch nur schlecht möglich den Handschlag zwischen stehenden und sitzenden Crewmembers auf digitales Zelluloid zu bannen und deshalb sollte die Cabin Crew zur Begrüssung des Cockpits aufstehen. Obwohl in grauer Urzeit, als mir Anstand eingetrichtert wurde, alles andere als äusserst unhöflich galt, fanden unsere Kolleginnen dieses kollektive Erheben sehe allzu sehr nach Strammstehen vor der Flight Crew aus und folglich wurde, nach kurzer Diskussion, auf die gesamte, äusserst interaktive Begrüssungsszene verzichtet…

Als der Kapitän daraufhin seinen Pflichtteil absolvieren wollte, wurde er, noch bevor er den ersten Satz beendet hatte, vom Filmteam unterbrochen. Es gehe natürlich nicht dass wir vom Cockpit unsere Infos im Stehen vermitteln. Vielmehr sollen wir uns dafür doch bitte hinsetzen. Die Bemerkung, dass dies absolut unüblich sei und dass doch ein ganz normales Briefing gefilmt werden sollte, wurde mit weiteren filmtechnischen Argumenten gekontert, so dass wir uns schliesslich zwei Stühle schnappten und uns zum Kreis der Kabinenbesatzung gesellten.

Dann folgte der zweite Anlauf, der ebenso schnell unterbrochen wurde. Es wäre schön wenn die Cabin Crew mischreiben würde. „Mitschreiben?!?“ „Hä, was denn?“ „Warum? Die Flugzeit kann ich mir gerade noch merken und der Rest interessiert eh nicht!“ „Ich habe nichts zum Schreiben dabei.“ „Und ich kein Papier“ …

Der Kapitän beendete die Diskussion mit der Bemerkung, dass erstens ausser dem Maître Cabin nie jemand mitschreibe und zweitens die Zeit langsam knapp werde. Deshalb zog er nun im dritten Anlauf seine Ansprache durch und übergab mir das Wort. So spulte auch ich mein Sprüchlein herunter, was einigermassen Störungsfrei verlief, obwohl ich beim Zuruf ich solle doch zwischendurch meinen Blick auf die leere Ecke der Briefingraums richten, damit der Eindruck entstehe, dass auch dort jemand sitze, ein Auflachen unterdrücken musste.

Danach verabschiedeten wir uns vom Ort des Grauens und nahmen endlich in die Flugplanung in Angriff. Auf dem folgenden neuneinhalbstündigen Flug hatte ich genügend Zeit die ganze Affäre nochmals Revue passieren zu lassen. Dabei kam ich zu folgenden Schlüssen:

  1. Sollte irgendjemand diesen Film an der Staffparty sehen, dann weiss er wie ein Cabin Briefing nicht abläuft.
  2. Die wirklich aussagekräftigen Szenen zum Thema Teambildung spielten sich ab, als die Kamera nicht lief.
  3. Der Anflug in Chicago war wirklich filmreif, aber natürlich hat das Filmteam auch diesen verpasst.
  4. Für die Canon Profilinse auf der Filmkamera wüsste ich definitiv eine bessere Verwendung…

 

 

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4 Antworten to “Filmreif”

  1. G! Says:

    Herrlich!!! …und da jeder an der besagten Party den Ablauf eines besagten Briefings auch kennt,wüsste ich eine andere Verwendung für die Honorare der besagten Filmcrew…

  2. Okin Says:

    Super Beitrag!

    Genau so vermutet man es ja doch immer bei irgendwelchen Reportagen 😀

  3. maxiair Says:

    Gibts den tollen Film auch im Internet ?

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