Exposed

Es geschah irgendwo über dem Kaukasus. Während ich in der Dämmerung nach dem höchsten Berg Europas suchte – ok, man kann lange streiten, ob dies nun der Mont Blanc oder der Elbrus ist – quälte sich ein Zwetschgolid namens Mond sich langsam über den farbigen Horizont. Gleichzeitig rissen in der Kabine verdächtige Gestalten mit schwarzen Schlapphüten ihre grossen Taschen aus den Hatracks und brachten daraus lange Röhren ans Dämmerlicht.

  

Kurz darauf erschallten gespenstisch tiefe Töne in unserer Alu Röhre und jedermann im Flugzeug erhielt die Kugel, denn das Alphorn Ensemble Engadina, das mit uns nach Shanghai flog, um im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Konzerte abzuhalten, entschloss sich kurzerhand im Flugzeug eine Kostprobe ihres Könnens zu geben und der Sponsor der Bläser, ein bekannter Schweizer Schokoladehersteller, verteilte dazu seine berühmten Lindor-Kugeln. Nach diesem erfreulichen Abendkonzert verging die Zeit wie im Fluge und etwa acht Stunden später landeten wir in Shanghai.

  

Während unseres Aufenthaltes in der Expo Stadt mussten wir natürlich wohl oder übel die Weltausstellung besuchen und so fand ich mich noch am selben Tag in einer riesigem Warteschlange wieder. Einmal ins Expo Gelände eingelassen widerholte sich die Warterei vor jedem Pavillon aufs Neue. So beschränkten wir uns meist darauf die protzigen Tempel der nationalen Selbstdarstellung von aussen zu betrachten. Die wenigen Ausnahmen die wir betraten bestätigten uns dabei in unserer Ansicht, dass sich das Anstehen nur beschränkt lohnt.

  

Als Schweizer durften wir beim Schweizer Pavillon die Warteschlange links liegen lassen und den VIP Eingang benützen. Das Bauwerk hätte uns zwar nie erahnen lassen, dass einer der Weltgrössten Betonhersteller der Hauptsponsor war, aber sonst wurde die Schweiz absolut treffend repräsentiert.

Als deutliches Symbol dafür, dass in der Schweiz zurzeit einiges nicht so läuft wie es sollte, läuft auch die Hauptattraktion, die Sesselbahn auf dem Dach, seit mehreren Wochen nicht. Wegen einem defekten Tragseil. Swiss Quality – Made in China.

Zum Trost wurde ein IMax Film mit schönen Bildern der Schweizer Bergwelt gezeigt. Leider sah ich aus der zehnten Reihe des ausschliesslich mit Stehplätzen versehenen, sehr engen Kinos nur die halbe Leinwand. Ich könnte mir kaum eine bessere Veranschaulichung der beengten Platzverhältnisse in der Schweiz vorstellen!

Weil ich also vom Film nichts sah wendete ich mich den lustigen Figuren im Foyer des Kinos zu. Ein gutes Dutzend Bilder von Politikern, Wissenschaftlern und Prominenten in Lebensgrösse liessen hier, sobald sich ihnen ein Besucher gegenüberstellte, einen Wortschwall vom Stapel, der mich stark an die letztjährige Parlamentsdebatte über das Importverbot von Brasilianischen Rinderdärmen zur Cervelat Herstellung erinnerte. Auch damit hat die Ausstellungsleitung wieder einen Volltreffer gelandet, denn die Schweizer Politiker haben bekanntlich seit Monaten nichts Gescheites mehr von sich gegeben. Zum Glück konnte man hier die Pappkameraden mundtot machen indem man einfach davonlief…

Als ich den Schweizer Pavillon verliess, begegnete ich der letzten Installation. Etwa zwanzig Feldstecher die, wenn man hineinblickte, plastische Bilder einer modernen, ökologisch sauberen Schweiz zeigten. Leider interessierte sich ausser mir niemand dafür! Das lag wohl daran, dass Ausländer gar nicht auf die Idee kamen in diese „Ein Mann Fernseher“ hineinzuschauen. Stattdessen hielten sie diese für eine perfekte Parabel für die eigenbrötlerischen Schweizer mit ihrem arg eingeschränkten Blickfeld und fehlenden Durchblick.

In mir löste die ganze Szenerie solches Heimweh aus, dass ich mich schnurstracks ins Schweizer Restaurant des Pavillons begab und mir mein erstes – und wohl letztes – Raclette auf Chinesischem Staatsgebiet gönnte…

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Eine Antwort to “Exposed”

  1. Peter Says:

    Wieder ein genialer Text!! Bei mir lösts auch Heim(Fern-)weh aus…nicht das Raclette sondern Shanghai!
    航班好 – have a good flight (+- korrekt auf Chin.)
    Gruss Peter

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