Rendezvous mit der Geschichte

Wie eine Jungfrau zum Kind bin ich zu einem Bangkok Flug gekommen. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass ich diesen Monat den Flug ausnahmsweise einmal nicht gewünscht habe. Oder es liegt am Monsun, der zurzeit das Klima hier nicht gerade angenehm macht? Oder am ebenso unangenehmen politischen Klima, das immer wieder für eine Bombenstimmung sorgt?

Wie auch immer, ich habe die Sache nicht lange hinterfragt und die Anfrage der Crew Dispo auf meinem Telefonbeantworter, ob es mir eventuell gelegen käme auf einen Freitag und die lange Bangkok Rotation zu verzichten, schlicht ignoriert. Bereits am Samstag nach Tel Aviv oder New York statt am Sonntag nach Bangkok? Für wie blöd halten die mich?!

Der Flug begann völlig routinemassig und als wir im Steigflug 3000 Meter passierten, verkroch ich mich im Crewbunk. Natürlich liessen die Turbulenzen nicht lange auf sich warten und so trat ich irgendwo über Turkmenistan gut geschüttelt, aber etwas weniger gut ausgeruht, meinen Dienst im Cockpit an.

Nachdem ich mich in meinem Sitz installiert, meinen inneren Kompass aufgerichtet, den ersten Kaffee runtergewürgt und mich über die gleissend hell aufgehende Sonne genervt hatte, bemerkte ich ein eine seltsame Struktur am Boden.

Schnell kramte ich meine Fotokamera aus dem Crewbag und hielt das seltsame Gebilde und seine Koordinaten fotografisch fest. Das Ding schien hervorragend in meine wachsende Sammlung von Minen und Erdlöchern passen, auch wenn ich mir auf die Art in der hier der Aushub abgelagert wurde keinen Reim machen konnte. Gross war meine Überraschung, als ich bei meinen nachdienstlichen Nachforschungen feststellen durfte, dass im Turkmenischen Mary nicht etwa Bergbau betrieben wird, sondern dass ich das 30 Kilometer entfernte Unesco Weltkulturerbe Merw überflog, von dessen Existenz ich in meiner grenzenlosen Unwissenheit bisher nicht einmal Kenntnis hatte!

Merw war eine Oasenstadt an der Seidenstrasse, in der sich im Laufe der Geschichte Griechen, Prather, Sassaniden, Araber, Mongolen, Usbeken, Perser, Russen und Turkmenen die Klinke in die Hand gaben. Oder besser gesagt sie raubten sich die Klinke unter blutigem Gemetzel und Völkermord.

Unglaublich wie viele menschliche Schicksale an diesem Ort ihr tragisches Ende fanden. Unglaublich wie viele Herrscher hier Macht erlangten und wie viele ihre Macht hier verloren. Unglaublich wie viel Einfluss dieser Ort auf die Weltgeschichte hatte! Und heute fliegt ein Pilot, der von sich denkt er habe eine einigermassen gute Allgemeinbildung, über diese mit Blut von tausenden Generationen getränkten Gemäuer und hält sie für einen Steinbruch…

Weil ich von all dem noch nichts wusste, fiel es mir leicht mich von diesem antiken Kriegsschauplatz loszureissen. Afghanistan lag vor uns und sowohl die Kommunikation mit dem amerikanischen AWACS Fluglotsen, der für den Luftraum über diesem modernen Kriegsgebiet zuständig ist, als auch die Verfahren für eventuelle Notfälle über dem hohen Gelände Afghanistans wollten vorbereitet sein.

Bald befanden wir uns in der Nähe der Stadt Ghazni, welche ebenfalls schon Schauplatz blutiger Schlachten war. Allerdings nicht im aktuellen Krieg, sondern während des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges. Insgesamt gab es seit 1837 drei solche Anglo-Afghanische Kriege – den aktuellen nicht eingerechnet! Immer erlebten die Briten dabei, nach der anfänglich erfolgreichen Eroberung Afghanistans, zahlreiche blutige Schlappen, die zum unvermeidlichen Rückzug führten.

Warum man sich trotzdem auf ein neues Afghanistan Abenteuer eingelassen hat, ist mir ein Rätsel. Haben die Angelsachsen nichts aus der Geschichte gelernt oder haben sie diese ebenso vergessen, wie der ahnungslose Pilot das Schicksal von Merw, obwohl die Britische Ostindien-Kompanie bereits 1842 zu dem Schluss gekommen war, dass die fortgesetzte Besetzung Afghanistans zu riskant und kostspielig sei…

Politik und Militär – eine Mischung, bei der die Bevölkerung für gewöhnlich auf der Strecke bleibt. So auch in Burma, wo wir auf unserer sicheren Reiseflughöhe riesige überschwemmte Gebiete überflogen. Ob die Not dort genauso gross ist wie in den Hochwassergebieten Pakistans, die wir zwar ebenfalls überflogen, die aber unter dicken Regenwolken versteckt blieben, weiss kein Mensch, da das Burmesische Militärregime zu paranoid und stolz ist um im Ausland Hilfe anzufordern…

Angesichts all dieser Kriege und Krisen und des damit verbundenen menschlichen Leids, war ich froh, dass das bedrohlichste, was ich nach unserer Landung in Bangkok erkennen konnte, die Wolkenbänke über der Stadt waren.

Hoffentlich bin ich nicht wieder zu naiv was ich sehe richtig zu deuten…

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3 Antworten to “Rendezvous mit der Geschichte”

  1. ilse aus Minga Says:

    Da macht Fliegen noch mehr Spaß, wenn man weiß was für bescheidene, selbstkritische und gebildete Menschen vorne am Steuer sitzen. (not being ironic here, echt).

  2. skypointer Says:

    Da werde ich ja richtig verlegen!

    Dabei hab ich zu Thema Merw doch glatt vergessen zu erwähnen, dass hier mit dem Aufstand der Abbasiden gegen die Umayyaden das muslimische Schisma in Sunna und Schia einen seiner Anfänge hat! Ein vertriebener Prinz der Umayyaden gründete nach seiner erfolgreichen Flucht nach Andalusien das Kalifat Cordoba…

  3. ilse aus Minga Says:

    :-))

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