Alpenrundflug

Da stehe ich in Valencia und bin bereit für einen pünktlichen Abflug. Alle Passagiere sind an Bord, die Fracht ist geladen und für einmal konnte sogar das ganze angeschleppte Handgepäck irgendwie in der Kabine verstaut werden. Eine problemlose Operation – wäre da nicht dieser Slot…

Anfänglich war dieser eine halbe Stunde zu spät angesetzt, was bei Nebel in Zürich um die Mittagszeit durchaus als normal erachtet werden kann. Da wir einen Grossteil der Zeit auf dem Rückflug aufholen würden, liess uns dieser verspätete Abflug noch einigermassen kalt. Doch während dem Boarding trudelte ein neuer Slot ein und der war nun eine ganze Stunde zu spät. Das würde vor allem bei den Passagieren mit Anschluss Flügen keine Freude auslösen!

Nun denn: Türen zu, damit wir uns bei der Flugverkehrsleitung, mit der Bitte um eine bessere Startzeit, bereit melden konnten, Auftrag an den Copi mit unserem Dispatch in Zürich zu telefonieren und darum zu bitten unserer Bitte noch etwas mehr Nachdruck zu verleihen. Dann sind unsere Möglichkeiten ausgeschöpft.

Ich begebe mich in die Kabine, denn nun ist es an der Zeit den Passagieren die frohe Botschaft zu übermitteln: „Grüezi meine Damen und Herren. Ich bin ihr Kapitän… Blah blah… Wir haben alle Gäste an Bord und sind eigentlich bereit unser Reise anzutreten, haben aber diesen (Scheiss- denke ich nur) Slot wegen dem (Scheiss- denke ich nur) Nebel in Zürich. Natürlich sind wir in Kontakt mit den Fluglotsen um die Situation zu verbessern, wofür es aber keine Garantie gibt (weil alles bitten und betteln oftmals gar nichts bringt – denke ich nur). Zurzeit rechnen wir mit der Landung 40 Minuten zu spät (weitere, nicht voraussehbare Anflugverzögerungen nicht eingerechnet – denke ich nur). Natürlich sind wir uns bewusst, dass wir viele Passagiere mit Anschlussflügen an Bord haben, … blah blah… Besten Dank für Ihr Verständnis und Ihre Geduld (was wohl einige nicht haben werden – denke ich nur)…“ Dann folgt das gleiche In Englisch und Französisch, bevor ich im Cockpit in Deckung gehe und meine Kabinenbesatzung den angerichteten Schaden ausfressen lasse.

Mein Copi zuckt mit den Schultern und meldet, dass Zürich keine grosse Hoffnung für eine Slot Verbesserung hat. Welche Überraschung…

Eine Stunde später stehen wir drei Minuten vor Soltbeginn an der Pistenschwelle, doch der Tower Kontroller kennt keine Gnade. Als wir endlich gehen dürften, befindet sich noch eine (Scheiss- denke ich nur) Propellermaschine im Endanflug und versperrt uns den Weg. Ein paar endlose Minuten später kann ich endlich die Gashebel nach vorne Schieben „Take-off!“

Mittlerweile nähern wir uns dem Mont Blanc und sind in Kontakt mit den Genfer Fluglotsen. In der Ferne grüsst die Nebelsuppe des Schweizer Mittellandes, doch unter uns erstrahlen die Alpengipfel in voller Pracht.

Mont_Blanc

Wir sind im Sinkflug und mussten auf Anweisung der Zürcher Anflugkontrolle bereits die Geschwindigkeit reduzieren. Ich sage meinem Copi er soll ein Rerouting via den Navigationspunkt „CERVI“ verlangen. „CERVI?“ schaut mich mein (deutscher) Copi fragend an. „Genau. CERVI – Monte Cervino – Mont Cervin. Oder auf Deutsch Matterhorn.“ „Und das geht?“ „Wenn das Militär nicht fliegt, es eh Verspätung gibt und sonst noch keiner da rumkurvt, dann vielleicht ja.“

Einige Minuten später kann ich meinen Passagieren tatsächlich das Matterhorn aus der Nähe zeigen.

Matterhorn

Aber das geht natürlich noch näher…

Mont_Cervin

…näher…

Matterhorn2

…ganz nah:

Matterhorn3

Schon vorbei. Aber da ist ja noch das Monte Rosa Massiv:

Monte Rosa

Nun werden wir zum Zürcher Sektor geschickt. „Expect 25 Minutes Holding over GIOPL“ „Scheisse“ – denke ich nicht nur, sondern sage ich auch. Zeit mich von der Aussicht loszureissen und die Passagiere zu informieren: „Meine Damen und Herren, … blah blah, … weitere 25 Minuten Verzögerung, … blah blah… Ich danke ihnen weiterhin für ihr Verständnis und … äh … wenigstens ist die Aussicht schön…“ Dann das Ganze nochmals in Englisch und Französisch.

Ich hänge den Kochen (Public Address Mikro) wieder in die Halterung und grinse meinen Copi an: „Ich muss aufpassen, dass die PAXe nicht merken wie viel Spass mir das hier macht! – Schau da vorne ist der Aletschgletscher.“

Aletschgletscher

„Frag ob wir nach Sicht Richtung Jungfraujoch fliegen dürfen“ weise ich meinen Copi an. Ich ernte ein ungläubiges „Im Ernst?“ „Klar!“

„Maintain FL180 and stay over the Alps. Be over Gipol at 55” lautet die erfreuliche Antwort. „Yes! Siehst Du?“ höre ich mich sagen. Das bedeutet weitere 20 Minuten Alpenrundflug nach eigenem Gutdünken. Jackpot.

Jetzt geht es Richtung Konkordiaplatz…

Konkordiaplatz

…und dann über das Jungfraujoch mit dem Sphinx-Observatorium.

Sphinx

Dann umrunde ich Eiger Mönch und Jungfrau mit der eindrücklichen Eiger Nordwand…

Eiger_Moench_Jungfrau Eiger_Nordwand

Eiger_Aetschgletscher

…und die Sphinx wird aus allen Richtungen abgelichtet.

Mönch

Sphinx2

Jetzt geht es um das Finsteraarhorn, danach Richtung Gstaad. Vorbei an der Plaine Morte und über Leukerbad zurück in Wallis, dann ist es Zeit Richtung Anflug zu drehen…

Mit über einer Stunde Verspätung setzt der Autopilot schliesslich in Zürich auf. Am Gate verabschiede ich meine Passagiere. Die meisten steigen mit einer mehr oder weniger gemurmelten Verabschiedung aus. Einige sind sauer, weil sie ihren Anschlussflug verpasst haben. Fast am Schluss kommt eine amerikanische Familie. Der Vater fragt an wen er sich wenden müsse, da er seinen Weiterflug nach San Francisco verpasst habe. Nachdem mein Kabinenchef die Frage beantwortet hat, sage ich „I am sorry that you missed your flight.“ Der Ami schaut mich an und grinst: „No worries. The sightseeing was well worth it!“

Meine Rede – denke ich.

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9 Antworten to “Alpenrundflug”

  1. Gert Says:

    Einfach nur geil!!!!

  2. Flohnmobil Says:

    Phänomenal schön. Um so viele Gipfel und Gletscher zu sehen, brauchte ich in meiner besten Zeit als Bergsteigerin mehrere Wochen. 😉

  3. Urs Says:

    Gibts hier irgendwo einen Favoriten-Button? 🙂
    Im Ernst, vielen Dank für die wieder einmal super Unterhaltung!
    Ich wünsch allen die hier mitlesen frohe Weihnachten!

  4. richi Says:

    Jeder Nachteil hat auch einen Vorteil:

    Das bestätigt sich hier einmal mehr, und das hat wohl auch der San Francisco-Anschluss verpassende Ami erkannt
    .
    Tolles Sightsee-Holding; und als alles überflügelnde Pointe dazu, die entsprechende photographische Skypointer-Ausbeute!

  5. Adnan Says:

    Danke für die tollen Bilder! Schade war ich nicht auf diesem Flug..

  6. Severin Says:

    Krass, da hätte ich das eine oder andere mal im Cockpit vorbeischauen müssen. Zeit für den Service war ja genug 🙂
    Gekonnt das Beste aus miesen Bedingungen rausgeholt.

  7. Marcel Says:

    Tolle Story und atemberaubende Aussichten. Gibt es zufällig die Flugstrecke auf einer der Trackingplattformen (FR24, …) oder wird Flugnr und Tag aus Datenschutzgründen nicht verraten? Screenshot wäre auch schon interessant anzusehen.

  8. Marcel Says:

    Danke für die Infos! Wie war das gleich? Das Internet vergisst nie 😉
    Bei Flightaware als registrierter User bis zu 4 Monate einsehbar, hab mal zwei Screenshots gemacht.

    Nochmal vielen vielen Dank für den tollen Flug, auch als Leser irgendwie miterlebbar mit den klasse Fotos! Weiter so 🙂

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