Back to Longhaul

Ich sitze mit einer Matschbirne zu Hause und kämpfe gegen den Schlaf. Typisch für den ersten Tag nach einer Langstreckenrotation.

Am Anfang war es ja noch schön. Ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch, von blauviolett bis orange, begleitete uns auf unserem Weg. Danach umkurvten wir einige mächtige Gewitterzellen, die in der aufziehenden Dunkelheit mit ihren Blitzen eine eindrückliche „Lightshow“ hinlegten.

Nach diesem unterhaltsamen Einstieg war die Nacht aber vor Allem dunkel und scheinbar endlos lang. Erschwerend kam noch dazu, dass der Autothrust zwar funktionierte, der Autopilot aber partout nicht zugeschaltet werden konnte, weshalb wir die gesamte Strecke von Hand steuern  mussten. Ohne kurze Ruhephasen im Sitz, im Fachjargon „Organized Crew Rest“ genannt, wäre so eine Tortur gar nicht machbar und so war ich mächtig froh, dass ich mich, während ich kurz die Augen schloss, voll auf meine Copilotin verlassen konnte.

Auch unsere Passagiere fanden die Reise alles andere als erquickend und lamentierten die ganze Nacht über die mangelhafte Bordunterhaltung und die angeblich schlechte Bordverpflegung. Auch die immer wieder auftretenden Turbulenzen führten zu etlichen Reklamationen. Doch mit der Zeit war ich so müde, dass mir die ganze Quengelei ehrlich gesagt am Allerwertesten vorbei ging.

Nach zwölf Stunden Nachtschicht, nach zwölf Stunden voller Konzentration am Steuer, nach zwölf Stunden Passagiergemotze hatte ich nicht einmal mehr genug Kraft meinen Koffer aus dem Auto auszuladen. Ich bin total gerädert und brauche mindestens zwei Tage, bis ich mich wieder halbwegs menschlich fühle. Zum Glück habe ich nach der Rotation drei Tage frei, bevor es wieder weiterfliegt. Alles andere wäre ein Sicherheitsrisiko!

Aber was hat ein Kurzstrecken Kapitän überhaupt auf der Langstrecke zu suchen? Nun, das Ganze nennt sich Ferien und dient eigentlich der Erholung, aber nach 1362 Kilometern am Steuer von Süditalien nach Hause, brauche ich, trotz drei Wochen Layover am Strand, eigentlich gleich noch einmal Ferien…

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5 Antworten to “Back to Longhaul”

  1. Peter Says:

    Sehr schön geschriebene Geschichte mit einem überraschenden Ende !!! Wobei ich ehrlich bin und gestehe, dass ich beim lesen ein ganz anderes Szenario im Kopf hatte 🙂
    Aber so geschickt geschriebene Stories kommen ja von Dir doch öfter …..
    THX und herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit für den Blog nimmst

    Peter

  2. Nadine Says:

    Hehe, ein bekanntes Phänomen, wenn man Ferien von den Ferien braucht. Aber wieder eine schöne Geschichte und wie mein Vorredner schon sagte, mit einem überraschenden Ende 🙂
    Schön wieder einen neuen Blogeintrag bekommen zu haben, merci

  3. Michael Tourenfahrer Says:

    Sehr schön geschrieben, ich habe bis kurz vor Schluss gedacht daß tatsächlich ein Air-Bus pilotiert wird 😉

    Freut mich sehr, wieder etwas lesen zu dürfen !

  4. Richi Says:

    1362 Kilometer!
    Das nenne ich mal L a n g s t r e c k e !
    Bin kürzlich an die 100 Kilometer im Auto unterwegs gewesen und war froh, angekommen zu sein, an der final destination. Die verkehrsbedingt ewas umständliche Kurz/Mittel-Strecke hatte mich geschlaucht hinterlassen…

    1362 Kilometer: Fliegen ist vielleicht schöner:-)

  5. Michael Kirchmann Says:

    Sehr netter Plot-Twist 🙂 da musste ich die Story doch direkt 2 mal durchlesen 🙂

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