Allein auf weiter Flur

Frankfurt early Bird. Was normalerweise, dank dem frühen Feierabend, Anlass zur Freude ist, bereitete mir heute im Vorfeld eher Bauchweh, denn in unseren Planungsunterlagen stand ein unheilverkündender Paragraph:

27MAR14

DUE TO INDUSTRIAL ACTION EXTREMLY HIGH DLA AND SEV DISCONTINUATION OF HANDLING EXP. AIRLINES HANDLED BY FRAPORT GROUNDHANDLING (BVD) URGENTLY RECOMMENDED TO CNL FLT FM 0230 UTC TO 1330 UTC.

Zudem verbreitete mein Autoradio auf der Fahrt zum Flughafen Untergangsstimmung: Unsere Mutti habe über 300 Flüge gestrichen. Meine erste Tat nach dem Check-in war deshalb der Besuch unserer Einsatzleitstelle, um nähere Informationen einzuholen, was uns in bestreikten Frankfurt erwartet.

Dort nahm man die Sache eher gelassen: „Das Ganze sollte Euch nicht allzu sehr betreffen. Die Stationsleiterin ist schon seit Tagen daran die Operation zu organisieren und unser Groundhandling streikt nicht.“

Aha. Die Worte hör ich wohl, allein… „Wie steht es mit der Betankung? Gibt es Kerosin?“

„Sollte kein Problem sein.“

So, so. sollte… „Und die Passagierbrücken, werden die bedient?“

„Ihr kriegt wahrscheinlich einen Hardstand.“

Aha. Ein Aussenplatz. „Und da gibt es dann eine Treppe?“

Wir denken schon.“

Das beruhigt mich ungemein. „Und sonstige Probleme?“

„Es könnte natürlich Engpässe an der Sicherheitskontrolle geben, so dass Die Passagiere es nicht aufs Flugzeug schaffen. Oder das Gepäck kommt nicht zum Flieger. Dann müsst ihr halt schauen…“

„Super danke. Dann gehen wir mal schauen…“

Die Planung ist schnell gemacht: Schönstes Wetter und dank den gestrichenen Flügen der Lufti wohl fast kein Verkehr. Da es ja Treibstoff geben sollte, braucht es nicht viel mehr als das legale Minimum plus etwas für die wohl nötige Enteisung vor dem Start.

Im Kabinenbriefing einigen wir uns darauf das Unerwartete zu erwarten und nach einem kurzen Kaffee geht es mit dem Crewbus Richtung Flugzeug. Während der Fahrt sage ich, dass es mein Traum wäre etwa 4 Stunden mit den Passagieren an Bord zu warten, weil alle Fahrer der Treppen streiken. Die Kabinenbesatzung schaut mich skeptisch an und fragt, ob mir so etwas schon passiert sei. „Noch nicht.“ – wenigstens nicht wegen einer fehlenden Treppe, aber das ist eine andere (lange) Geschichte…

Anschliessend an ein problemloses Boarding und nachdem wir die Flügel und das Heck vom Raureif befreit haben, starten wir den Flug ins Ungewisse. Schon bald werden uns die ersten Abkürzungen angeboten und kurz nach dem Bodensee werden bereits angewiesen direkt auf einen Punkt im Endanflug für die Landebahn 07R in Frankfurt zu fliegen. Der Anflugcontroller in Frankfurt überlässt uns die Wahl, welche Piste wir anfliegen wollen und da die Rollweg von der 07L zu den Aussenstandplätzen etwas kürzer ist, entscheiden wir uns für einen Pistenwechsel.

Auf dem Standplatz angekommen, fehlt zwar der Strom vom Boden, aber dank unserem Hilfsaggregat sind wir davon unabhängig. Nach dem Abstellen der Triebwerke bemerke ich, dass sich, obwohl diverse Treppen herumstehen, niemand anschickt eine solche zu unserer Türe zu fahren. Der Passagierbus ist zwar da, fährt nun aber auch wieder weg. Shit.

„Sehr verehrte Fluggäste. Hier spricht nochmals Ihr Kapitän. Wir sind zwar pünktlich hier in Frankfurt angekommen, aber leider ist zurzeit niemand hier, der uns die Treppe zum Aussteigen bringt. Wir sind in Kontakt mit unserer Station, aber wegen dem Streik kann ich Ihnen noch nicht sagen wie lange es dauern wird, bis Sie das Flugzeug verlassen können. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld…“

Eine Dame mit einer Swiss Leuchtveste erscheint unter dem Flugzeug. Ich öffne das Fenster und sie ruft mir zu sie habe bereits telefoniert. Hoffentlich hilft‘s. Meine Kabinenchefin schaut ins Cockpit und meint „Du hast es im Crewbus verschrien.“ Tja. Warten wir’s ab.

Nach ein paar Minuten meint die Dame am Boden die Treppe sei unterwegs. Ich mache eine zweite Ansage und verspreche unseren Gästen, dass sie in etwa 5 Minuten aussteigen können. Keep your fingers crossed… Tatsächlich erscheinen kurz danach eine Treppe und ein weiterer Passagierbus, so dass wir den Hinflug erfolgreich abschliessen können.

Die hilfsbereite Dame vom Boden erweist sich als die Swiss-Stationschefin in Frankfurt, bei der alle Fäden für die ungewöhnliche Operation zusammenlaufen. Sie erklärt uns kurz die Lage: Der Terminal 1, von welchem aus wir normalerweise operieren, ist völlig lahmgelegt. Da sie dies aber Vorhergesehen habe, habe sie für heute die ganze SWISS Operation ins Terminal 2 verlegt und dort laufe der Betrieb tatsächlich einigermassen reibungslos. Das Gepäck sei bereits am Flieger und die Betankung könne auch gleich beginnen. Mit sichtlichem Stolz meint sie: „Die Lufthansa hat sämtliche Flüge gestrichen, aber alle Swiss Flüge finden statt!“

Annuliert

Tatsächlich klappt nun alles wie am Schnürchen und nach nur 30 Minuten sind wir pünktlich bereit für den Rückflug. Sofort erhalten wir die Freigabe zum Triebwerkstart und zwischen parkierten Lufthansamaschinen rollen zur Startbahn 18. Erst jetzt bemerke ich, dass wir das einzige Flugzeug sind, das sich auf dem riesigen Flughafen Frankfurt bewegt. Was für eine Spitzenleistung unseres Stationspersonals!

Nach der pünktlichen Landung in Zürich und der Verabschiedung unserer Passagiere gehe ich mit meinem Kopiloten einig: Wir fliegen nur noch nach Frankfurt, wenn dort gestreikt wird. Nochmals herzlichen Dank an die Station Frankfurt für die super Arbeit.

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3 Antworten to “Allein auf weiter Flur”

  1. Gert Says:

    des einen Leid, des anderen Freud 🙂 :-)))

  2. Severin Says:

    Grandiose Geschichte 😀 Sicher eindrücklich so ganz allein auf einem riesigen Flughafen rum zu tuckern.

  3. Lud38 Says:

    Das kannst du vielleicht schon diese Woche wieder ausprobieren (je nach Einsatzplan)!

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