Nix passiert?

Ein Monat ohne Blogschreiben. Ist schon wieder ein Monat vergangen? Hoppla.  Habe ich in der Zeit nichts erlebt? Doch eigentlich schon…

Da kommt mir spontan der Flug nach Kiev am Tag nach Janukowitschs Flucht in den Sinn. Was bei mir zuerst Bedenken hervorrief und mich sogar veranlasste Kontakt mit unserer Security-Abteilung aufzunehmen, verlief dann aber völlig problemlos. Das Hochgefühl, welches damals in Kiev herrschte, dürfte mittlerweile jedoch einer gewissen Ernüchterung gewichen sein.

Zuvor war ich noch beim Hauptwidersacher der Ukrainer zu Besuch. Die Stimmung in Putingrad war damals schon äusserst frostig. Allerdings mehr wegen der Temperatur von -30°C, welche den Moskauer Aussencheck in aller Herrgottsfrühe zur reinen Qual werden liess. Mit schmerzenden Lungen zurück im warmen Flugzeug, war ich dann aber wenigstens wach.

Auch in Berlin war ich. Nach einem gemütlichen Ausflug in die Stadt, ging es auf dem Heimweg plötzlich heiss her. Eine politische Diskussion führte zu allerlei Emotionen. Ein Junges Flight-Attendant und der alte Herr Kapitän waren sich gar nicht einig, obwohl dieser sich eigentlich als sehr liberal einschätzt. Die Themen waren Fremdenfeindlichkeit und Rosinenpickerei der Schweizer, sowie der Sinn oder Unsinn der Schweizer Armee. Die Lebensberechtigung letzterer stellte die junge Dame in Abrede und meinte, wir würden vom umliegenden Ausland eh nicht angegriffen. Als der Hauptmann a.D. sie darauf aufmerksam machte, dass es wohl die allergrösste der von ihr so verachteten Rosinenpickereien wäre, vom Ausland zu erwarten für unsere Sicherheit zu sorgen, während wir unsere eigene Armee aus Sparwut, Geiz, Faulheit, Feigheit oder was auch immer abschaffen, lautete die Antwort in Europa werde es bestimmt nie wieder einen Krieg geben. Meine Erwiderung darauf fiel wohl etwas schroff aus. Ich nannte die Meinung der Dame sträflich naiv, da es auf diesem Kontinent seit Menschengedenken noch nie ein Jahrhundert ohne Krieg gegeben habe. Also sei die Frage nicht ob es in Europa wieder einmal eine kriegerische Auseinandersetzung geben werde, sondern nur wann. Über diese Aussage äusserte dann sogar mein Kopilot Unverständnis, obwohl er sich bis dahin vornehm zurückgehalten hatte. Selbst ich hätte am Vorabend zu unserem Kiev Flug aber nicht gedacht, dass meine Prophezeiung so schnell zur Realität zu werden droht, wie es mit dem Säbelgerassel auf der Krim nun leider aussieht…

Aber weg von der Politik, zurück zur Fliegerei – und damit wieder zur Politik: Wir Swiss Piloten stimmen diese Tage nämlich über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag ab. Ohne meine Leser allzu sehr mit den Details langweilen zu wollen, kann ich sagen, dass ich im letzten Monat zu diesem Thema mit einer wahren (elektronischen) Papierflut überschwemmt wurde. Allein das Studium der 60 (!) Seiten Abstimmungskommentare meiner Kollegen kommt einer kleinen Doktorarbeit gleich. Zudem habe ich mir tatsächlich die Mühe genommen das Vertragswerk durchzulesen. Das schwierigste am ganzen Abstimmungskampf aber war im Operationszentrum, nach der Flugplanung oder zwischen zwei Flügen, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, ohne sich von einem Manager erklären zu lassen, warum man den Vertrag unbedingt annehmen müsse.

Trotzdem – oder unter anderem deshalb? – wird meines Erachtens der Vertrag massiv verworfen werden. Schon wieder eine apokalyptische Prophezeiung. Ein allfälliger Wunsch der Arbeitnehmerschaft, dass gültige Verträge nicht fast 3 Jahre vor deren Ablauf massiv verschlechtert werden, ist gemäss einem Schreiben unseres CEO offenbar ein Grund die Sozialpartnerschaft zu beenden. Ich verstehe das als nur schlecht verklausulierte Kriegsdrohung, aber vielleicht habe ich auch hier etwas nicht richtig begriffen.

Was also tun in so stürmischen Zeiten? Ab in die Skiferien. Offenbar ist das Wetter in den Bergen nächste Woche besonders ruhig und vielleicht haben sich ja die Trümmer bis zu meiner Rückkehr schon etwas gelegt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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2 Antworten to “Nix passiert?”

  1. Richi Says:

    Nix passiert?
    Einiges passiert, wie man liest.

    Lasst uns darauf anstossen:
    Mit einem Glas Krimsekt;-)

  2. Lud Says:

    Gute Erholung und viel Spass!

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