Ein Tag Kurzstrecke

11:00 Ich stehe im OPS und stelle fest, dass ich mich bei der Check-in Zeit verrechnet habe. Ich müsste erst in 40 Minuten hier sein. Da hilft nur Kaffee trinken und ein bisschen mit Kollegen schäkern.

11:20 Keine Kollegen mehr in Sicht und der Kaffee ist auch leer. Also nehme ich dem noch abwesenden Copi die Arbeit ab und beschaffe die Planungsunterlagen.

11:25 Der Copi trifft ein. Nach kurzem Smalltalk ist die Planung schnell gemacht.

11:38 Ich bemerke, dass unsere Maschine ausgetauscht wurde. Die Planung ist Makulatur. Zudem trifft die Maschine erst um 12:10 ein, obwohl wir schon um 12:40 Richtung Istanbul starten sollten.

11:40 Kabinenbriefing: Handshake, kurzer Smalltalk, Zahlen und Fakten. Bis später…

11:45 Beim Dispatch neue Flugpläne mit dem korrekten Flugzeug beschaffen.

11:50 Neue Flugplanung

11:55 Zeit totschlagen. Kaffee und mit Kollegen rumschäkern.

12:05 Security Kontrolle

12:10 Fahrt zum Flugzeug

12:15 Aussencheck. Alles sieht gut aus.

12:20 Im Cockpit. Copi rotiert. Die neue Startzeit wurde auf 12:50 festgelegt.

12:25 Die Passagiere kommen. Knapp 200 Mal Grüezi, Bonjour, Good afternoon…

12:48 Alle an Bord. Die Beladung des Gepäcks, so teilt mir der Lademeister mit, wird aber noch 5-7 Minuten dauern. Ich teile dies den Passagieren via Public Address mit. Die Ankunft in Istanbul ist immer noch zur flugplanmässigen Zeit vorgesehen. Freude herrscht…

12:50 Startzeit neu auf 12:55 festgelegt.

12:55 Startzeit neu auf 13:00 festgelegt.

13:00 Der Traktorfahrer meldet die Beladung sollte in 5-7 Minuten abgeschlossen sein. Meine leicht sarkastische Bemerkung, dies sei schon vor gut zehn Minuten so gewesen, versteht er verständlicher Weise nicht und so ist seine Reaktion leicht eingeschnappt. Ich entschärfe die Situation mit einem kleinen Witzchen.

13:05 Das erste Frachttor ist zu. Die letzten Gepäckstücke werden ins Bulk Compartment geladen. Ich weise den Copi an „fully ready“ zu melden. Eine haltlose Lüge, aber manchmal braucht es diese.

13:10 Die Pushback Clearance kommt zusammen mit dem endgültigen Ende der Beladung. Die Spekulation ist aufgegangen.

13:20 Beim Rollen Richtung Startbahn sehe ich 5 Langstreckenflieger vor uns. Mir schwant Böses.

13:25 Der Tower meldet unser Start sei in 15 Minuten vorgesehen. Scheisse. Public Address…

13:40 Take off. Eine Stunde zu spät…

Damit es uns nicht langweilig wird, hat Petrus die Flugroute nach Istanbul mit Gewittern versperrt.

Gewitter

16:09 Landung in Istanbul. Block on mit 34 Minuten Verspätung. Knapp 200 Mal Uf Wiedeseh, Au revoir, Good bye…

16:59 Nach einem ereignislosen Turnaround und rund 200 Mal Grüezi, Bonjour, Good afternoon endlich Pushback, Take Off und Zickzack um die Gewitter.

19:54 Block on in ZRH. 24 Minuten Verspätung. Knapp 200 Mal Uf Wiedeseh, Au revoir, Good bye. Übergabe des Flugzeugs an einen Fliegerschulkollegen: Alles läuft bestens. Viel Spass und einen guten Flug. Danach direkter Transfer auf das nächste Flugzeug für unseren Flug nach Paris.

20:10 Ein weiterer Fliegerschulkollege von mir rollt auf den Standplatz, wo wir bereits warten.

20:12 Kaum sind die Triebwerke ausgeschaltet, beginne ich mit dem Aussencheck.

20:15 Da tropft doch etwas aus dieser Klappe! Hydraulik Leak? Mein Copi und mein Kollege begutachten das Problem. Der Kollege entschuldigt sich, denn er muss weiter, der Copi bereitet trotzdem das Cockpit vor und ich bestelle die Technik und stoppe vorsorglich das Boarding der Passagiere.

20:20 Technik ist auf Platz. Auch der Mechaniker vermutet ein Hydraulikleck, aber es braucht noch weitere Abklärungen. Die Passagiere werden mit technischen Wartungsarbeiten vertröstet. Startzeit neu auf 21:00 festgelegt.

20:30 Cheftechniker auf Platz. Die Hydraulikverbindungen wurden neu festgeschraubt. Dichtigkeitstest.

20:35 Es leckt noch immer. Diese Maschine fliegt heute nirgends mehr hin!

20:40 Kontakt mit Einsatzleitstelle. Diese sucht ein Ersatzflugzeug. Etwas detailliertere Info der Kabinenbesatzung. Warten.

20:50 Die ELS meldet die Ersatzmaschine lande um 21:15. Ich werde mit der Crew Dispo verbunden. Vorgesehene Startzeit ist 21:50. Block on in Paris um ca. 23:15. Es riecht nach Overduty. Nach kurzer Rücksprache mit der Kabinenbesatzung erklären wir uns bereit dies zu akzeptieren. Die Crew Dispo bedankt sich.

20:55 Wir brauchen neue Flugpläne, da nun eine A321 statt der geplanten A320 vorgesehen ist.

21:00 Replanning. Übermitteln der neuen Treibstoffzahlen.

21:05 Ich organisiere, dass auch unser Gepäck auf den neuen Flieger umgeladen wird.

21:10 Transfer zum neuen Flieger.

21:15 Die Maschine ist da. Aussencheck. Diesmal tropft nichts.

21:25 Die Passagiere kommen. Diesmal habe ich keine Zeit für Grüezi, Bonsoir und Good evening!

21:40 Es fehlen zwei Passagiere.

21:45 Die Passagiere sind gefunden und an Board.

21:46 Kurze Public Address mit den Gründen für den Flugzeugwechsel und der Versicherung, dass die neue Maschine tipp topp funktioniere.

21:48 Push back

22:54 Block on in Paris. 59 Minuten Verspätung.

23:05 Ab ins Bier. Au revoir, Good Night.

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9 Antworten to “Ein Tag Kurzstrecke”

  1. Lud38 Says:

    Wieder einmal ein super spannender Blogeintrag! Besten Dank!

  2. Severin Says:

    Tage wie im Bilderbuch, auch wenn diese Tage kein Bilderbuch bringen würde… Santé, Prost, Cheers und Chin chin(überall ausser in Japan!)

    Grüsse,

    Severin

  3. Richi Says:

    11:00 bis 23:05: das war vielleicht ein langer Kurzstreckentag: Gute Nacht; Hallo Wach!
    Dazu jedes Mal 200 mal Grüezi und Adieu. Vielleicht ein Vorteil als Pilot einer Billig Airline – da bleibt auch das er-spart…

    Ihr musstet auf den Ersatz Airbus warten, wie ich hier entnehme. Könnte es sein, dass es schlicht und einfach zu teuer käme, einen Reserve Airbus einfach so auf dem Flugfeld rumstehen zu lassen, für solche Fälle?

    Was mich ebenfalls wunder nähme; wenn ihr im Zickzack die Gewitterfronten umfliegt: Auf „Flightradar24“ kann man sehen, wie ihr jeweils in „Einerkolonne“ hintereinander herfliegt. Wenn jetzt, wie auf dem tollen Foto bebildert, die Gewitter den Weg versperren: Könnt ihr es euch insofern einfacher machen, indem ihr dem Vordermann (oder der Vorderfrau, um politisch korrekt zu sein) hinterherfliegt im Zickzack-Kurs? Oder verändern sich die jeweiligen Begebenheiten zu schnell, um sozusagen im Windschatten dem Vorausfliegenden zu folgen?

    • skypointer Says:

      Wir haben nach meinen – nicht mehr allzu neuen – Informationen sogar zwei Reserveflugzeuge. Diese stehen aber nicht einfach rum. Meist ist mindestens ein Airbus in der Werft und zum Teil werden auch kurzfristige Charterflüge mit den Reservemaschinen geflogen. Zudem steht zurzeit, wie Du vielleicht in der Presse gelesen hast, eine ziemlich beschädigte A330 in Montreal. 😦 Auch deshalb fehlt wohl eine Reserve A320, welche z.B. an Stelle der üblichen A330 nach Tel Aviv fliegen könnte…

      Die Gewitter bewegen sich zwar, aber nicht allzu schnell. Wenn es Flugzeuge vor uns hat, welche etwa die gleiche Hòhe und die gleiche Route fliegen, dann schauen wir sicher auch wo die durchfliegen. Am Schluss entscheiden wir aber, basierend auf Wetterradar, Windrichtung und profanem Rausschauen, selber mit welcher Strategie wir ausweichen wollen. Der Vordermann (oder die Vorderfrau) ist uns letztlich egal, wir sind ja keine Lemminge… 😉

  4. Do Says:

    Der Tag hat „gerade mal“ 7 Blockstunden gebracht, on duty ward ihr aber 12… Heftig! Den Post sollten alle mal lesen, die den Beruf als so chillig bezeichnen, weil „ja gerade mal 80h im Monat“….

  5. Fourgreens Says:

    Sehr cool, so ein Tag „live“ mitlesen zu können. Freue mich jetzt schon darauf, auch wenns anstrengend klingt 🙂

  6. Patrik Says:

    sehr fein zu lesen!
    sag‘ mal, wird bei einem Flugzeugwechsel (dem geplanten…) die cabincrew mitgenommen oder bleibt diese jeweils einen Tag auf dem gleichen Flieger?

    • skypointer Says:

      Sorry für die späte Antwort, aber ich hatte 2 Wochen Ferien. 🙂

      Kabine macht den Flugzeugwechsel mit. Normalerweise bleit die Cockpit und Cabin Crew den ganzen Tag zusammen.

  7. Airborne. Says:

    Sehr schöner Eintrag, macht Freude auf Morgen. Soll ja schön warm werden… 34 Grad und im Cockpit schwitzen, da sind auch nur 5 Blockstunden zu viel.

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