20 Minutes Delay

Da ich schon fünf Tage gearbeitet hatte, standen am sechsten und letzten Tag nur noch Madrid und Frankfurt auf dem Programm. 10 Stunden 20 Minuten Flight Duty Time. Also nur knapp 2 Stunden länger als ein durchschnittlicher Schweizer Büroangestellter an einem Tag arbeitet – easy day.

Bei der Planung des Madrid-Fluges schwante mir angesichts der Windprognose ein erstes Mal böses. Der Wind war zwar nicht allzu stark, würde in der spanischen Hauptstadt aber wohl zu Anflügen aus Richtung Nord führen, was dort unweigerlich Anflugverzögerung bedeutet. Ein Schluck mehr Treibstoff schien mir also angezeigt.

Der Flug verlief dann einigermassen ereignislos. Wegen starken Gegenwinden und den erwarteten 15 Minuten Anflugverzögerung, kamen wir aber trotz pünktlichem Abflug in Zürich 20 Minuten zu spät in Madrid an. Mit den grosszügig berechneten 40 Minuten Bodenzeit, konnten wir, dank der guten Arbeit aller Beteiligten und trotz gut 130 ein- und aussteigender Fluggäste, ein paar Minuten Verspätung aufholen. Diese verloren wir aber gleich wieder in der Warteschlange vor der Startbahn und so landeten wir schliesslich mit denselben 20 Minuten Verspätung in Zürich.

Nach einem Flugzeugwechsel ging es nach Frankfurt. Obwohl auch unser neues Flugzeug zu spät in Zürich eintraf, waren wir rechtzeitig für einen pünktlichen Abflug bereit. Leider stimmte auch nach viermaligem Zählen verschiedener Cabin Crew Members die Passagierzahl nicht mit der vom Gate gemeldeten überein. Wir hatten einen Gast mehr an Bord als am Gate gezählt.

Trotz Abklärung eines „Double Seatings“, diverser „Last Minute Bookings“, eines „Last Minute Offloads“ und der freundlichen Mithilfe mehrerer Passagiere, konnte sich das Bodenpersonal die Differenz nicht erklären. Nach scheinbar endlosem, gemeinsamem Kopfkratzen, war noch immer keine Lösung in Sicht. Es war ein Führungsentscheid fällig und so entschloss ich mich, mit Zustimmung des Boden-Supervisors und meiner Besatzung, trotz der Differenz zu starten, da die Sicherheit mit einem Passagier mehr – im Gegensatz zum umgekehrten Fall – nicht tangiert ist. So starteten wir schliesslich mit 20 Minuten Delay und liessen das weiter über der rätselhaften Passagiervermehrung brütende Bodenpersonal am Boden zurück.

Dank relativ wenig Anflugverkehr betrug die Ankunftsverspätung in Frankfurt dann nur noch 10 Minuten. Mit zügiger Arbeit aller und einem unkonventionellen Boarding über zwei Türen hatten wir schliesslich auch diese 10 Minuten aufgeholt. Leider hatte nun aber das elektrische Beladesystem im Frachtraum den Geist aufgegeben und so mussten sämtliche Container, statt bequem und schnell elektrisch betreiben, mühsam und langsam mit Muskelkraft ein- und ausgeladen werden. Schliesslich verliessen wir Frankfurt mit 30 Minuten Verspätung.

Das hatte auch etwas Gutes. Zu dieser vorgerückten Stunde hat es in Zürich nämlich fast keinen Verkehr mehr und so kamen wir in den Genuss eines kurzen Anfluges und landeten schliesslich, der geneigte Leser wird es erraten, mit 20 Minuten Verspätung in Zürich.

Mittlerweile war die Müdigkeit auch beim Herrn Kapitän spürbar und so erstaunt es nicht, dass er wieder einmal seinen Hut im Cockpit vergessen hatte, weshalb er, nach der Verabschiedung seiner Besatzung, noch eine Ehrenrunde auf sein Flugzeug einlegen durfte, bevor er um 22:30 Uhr das Operations Center in Richtung wohlverdienter Feierabend verliess.

Irgendwie war es doch kein easy day geworden. What a surprise!

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3 Antworten to “20 Minutes Delay”

  1. Severin Says:

    Gnadenlose Stresspeaks lassen grüssen. Irgendwie vermisse ich das weniger… Die Passagiere scheinen immerhin gespurt zu haben. Schöne Frei!

    Severin

  2. Nff Says:

    Nix frei, der stand heute schon wieder auf der Matte, ich kann’s bezeugen!

  3. Richi Says:

    Wieder mal ein spannender Bericht; gespickt mit Einblicken in den ganz normalen 10+-Stunden Alltag beim fliegenden Personal.

    Cool diese 20 Minuten! Mal früher, mal später; Zeit mal aufgeholt, mal abgeholt…ähh, mal gewonnen, mal zerronnen: Die 20 Minuten bleiben haften.

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