Wer sein Flugzeug liebt…

Erstrotation. Das heisst der Kommandant in spe ist voll am Rotieren. Die Flugplanung ist zwar noch bekanntes Terrain, aber schon im Kabinenbriefing wird es ungewohnt. Danach geht es aufs Flugzeug. Aussencheck machen und an einem Wintertag wie diesem, muss ich entscheiden ob und falls ja, welche Art von Enteisung nötig ist.

Winter Ops

Nicht nur die Flügel sind voll Schnee, sondern auch bei den Triebwerken gibt es ein Problem. Hinter den Triebwerkschaufeln hat sich eine feine Eisschicht gebildet. Mit der Körperwärme meiner Hände lässt sich das Eis lösen und mit einem Putzlappen wische ich die Schaufeln anschliessend trocken. Wer sein Flugzeug liebt, der putzt…

Wer sein Flugzeug liebt...

…und der freundliche Instruktor ist mit dem Fotoapparat zur Stelle.

Dann geht es mit klammen Fingern hoch ins Flugzeug. Logbuch ausfüllen, im technischen Logbuch nachlesen, was alles für Kleinigkeiten nicht funktionieren und die Cabin Crew über die relevanten Einträge informieren, Computer hochfahren, prüfen ob die Betankung läuft…

„Ready for Passenger Boarding?“ Äh, ja die gibt es ja auch noch! Fuelling beendet? Kabinenbesatzung bereit? Ok, dann können die Gäste kommen. 5 Minuten „Grüezi“ sagen, dann verziehe ich mich wieder ins Cockpit. Checklisten wollen abgearbeitet sein und ein General Briefing (wer ist hier eigentlich der General und wer die Putzfrau?) muss gemacht werden. Da noch etwas Zeit bleibt wird noch das Abflugverfahren besprochen und das Take-off Briefing abgehandelt. Gemacht ist gemacht denn plötzlich kann es schnell gehen…

Dann stehe ich nochmals unter die Türe. Den letzten Mohikanern „Grüezi“ sagen. Gibt es irgendwelche Problemfälle unter den Passagieren? Nein? Umso besser!

Zurück im Cockpit trudelt die Ladeberechnung ein. Nun kann ich die Startberechnung mit dem Kopiloten überprüfen. Der Maître Cabin schaut zur Tür herein. 148 Passagiere. Stimmt mit meinen Daten überein. Headcount korrekt. Jetzt kommt der Coordinator ins Cockpit. Habt ihr das Loadsheet erhalten? Ja, aber das NOTOC (NOtice TO Captain – eine Liste mit dem Gefahrengut, den Tieren und Wertsachen im Frachtraum) fehlt noch. Ich kriege und checke das Dokument und unterschreibe für 100 Gramm brennbares Gas, ein Hund und 20kg Goldbarren…

Können wir die Türen schliessen? Äh ja natürlich. Ein fragender Blick zu meinem Copi „Haben wir eigentlich schon eine Startup Clearence?“ Er grinst zurück: „Ja klar“. Zum Glück sind alle um mich herum Profis! Ok, dann machen wir die „Before Engine Start“ Checkliste.

Nach dem Pushback und dem Triebwerkstart geht es zur Enteisung. Während das Flugzeug von Schnee und Eis befreit wird, finde ich endlich Zeit meine Gäste mit einer Ansage zu beglücken. Danach rollen wir zur Startpiste. „Before Take-off“ Checkliste. „Cabin Crew take-off in one minute“. Schon folgt die Startfreigabe. Wieder schaue ich meinen Copi an: „Ready?“ „Ja“

Na dann… Seat Belt Sign OFF/ON, all lights on, time check, Bremse gelöst, “Take off!” und Gashebel nach vorne schieben.

Während die Triebwerke hochfahren und das Flugzeug beschleunigt formiert sich in meinem Hinterkopf die Frage: Was habe ich wohl vergessen? „Take-off thrust set“ höre ich mich sagen. „Checked“ vom Copi. „One hundred” „checked“. „V1” Hand weg von den Gashebeln! „Rotate”…

Ich zeihe am Sidestick. Uff, es fliegt…

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9 Antworten to “Wer sein Flugzeug liebt…”

  1. Christian Waidele Says:

    Viel Spaß als Captain und natürlich Glückwunsch! Ich freue mich auf, hoffentlich, viele unterhaltsame Berichte. Gruß vom Bodensee Christian

  2. Severin Says:

    Super geschrieben, das mit dem dem Captain wird schon, muss eigentlich wenn einer so schreiben kann. Meiner einer hat heute Eine Prüfung in 1.5h hingeschmissen für die er 4h zur Verfügung gehabt hätte. Wie schlau das war weist sich im Februar aus. Da hab ich bei dir mehr Zuversicht. Toi toi toi und viel Vergnügen mit all der wertvollen Fracht die du in Zukunft unter deiner Verantwortung um die Welt fliegst.

    Grüsse,

    Severin

    • skypointer Says:

      Das wird schon werden mit der Prüfung. Manchmal braucht man Mut zur Lücke!

      Die Frach war heute besonders spannend. Das NOTOC wies 2 Kisten mit „Lion Cubs“ aus. Da kroch der Commander in spe persönlich in den Frachtraum und tatsächlich fauchten mich dort zwei Löwenbabies an. Soooo süss!

  3. Richi Says:

    Ich finde das Foto mit der Triebwerk Schaufel Reinigung inkl.Wischlappen gelungen:-)
    und auch die Notiz über 20kg Goldbarren „at the captain’s discretion“ ist amüsant, so wie der ganze Bereicht, und die Schilderung eines Amateurkapitäns links, in Gegenwart eines Profi Copiloten rechts fand ich ebensolustig:-))

  4. nff Says:

    Life is good!

    Bald werden die Check-Kapitäne noch älter und Du wirst den Karren auf der dritten Rotation so gut durch die Wirren Heathrows führen, dass nach getaner Arbeit ein oder auch zwei warme Pints den Bauch befeuchtet.

    Ach, wirst Du in ein paar Wochen denken, wie schön war doch die Zeit im Upgrading. Damals, als sich ein Monster von einem Mensch auf den kleinen Jumpseat zwängte und Dir das neuen Arbeitsgerät näher brachte. Die Pubs waren überheizt, im Bier mangelte es an Kohlensäure und die Fish & Chips liessen den Cholesterinspiegel vor Freude hüpfen.

    Dann der finale Ritterschlag! Vier Streifen auf der Schulter und Zaster ohne Ende!
    Erste Klasse nach Übersee und Ärmel voll von Gold.

    Doch plötzlich erscheinen im Einsatzplan wieder Buchstaben statt Zahlen und der Scheiss beginnt von vorn: Simulatorcheck!

    „I have a few questions…“, I heard him say,
    
As my mind began to drift away,

    To manuals, flow charts, systems and numbers,

    Limitations, procedures, V-speeds, and NUMBERS!

    So it began in that ice cold room,

    Cold as the grave, heavy with doom.

    I watched the clock as my mouth rattled on,
    
I’m frozen in night, longing for dawn.

    Soon I was walking on to „the box!“,
    
Time moved so slowly….what’s wrong with these clocks?
    
V1, VR, „Fire in number two!“

    Murphy you bastard! Now what do I do ?!?

    Then….it was over, and I in a haze,

    Emerged to the sunlight and one-eighty more days.
    
Till the next time, same place, different day,
    
“I have a few questions…“ I’ll hear him say.

    • skypointer Says:

      Life could be worse.

      Danke fürs Vertrauen. Auf den noch älteren Check Kapitän freue ich mich genauso wie auf das warme Bier. Auch „the box“ schreckt mich nicht besonders. Nach 185 Stunden in dieser Kiste im Jahr 2012, werden beim nächsten Besuch schon fast Heimatgefühle aufkommen…

      Das obige Gedicht zeigt mir aber, dass da jemand dringend wieder schreiben sollte. Und falls ich dies in Londons Pubs nicht erwirken kann, befürchte ich, dass viele meiner Leser meine Mission als gescheitert betrachten werden. Da kann ich so elegant durch die Wirren LHRs manövrieren wie ich will… 😉

  5. TWR Mädel Says:

    …solange es nur die Löwenbabies sind, die dich anfauchen bin ich nicht weiter beunruhigt… und auf deinen Bericht der dritten Rotation freue ich mich jetzt schon 😉

    Hoffentlich war bei euch heute nicht ganz so viel Sand im Getriebe wie bei gewissen anderen armen Schweinen…

    • skypointer Says:

      Wenn sich ein erfahrener Kapitän, mit wohl nicht zu knapper ATC-Unterstützung, von einem kleinen Upgrader auf seiner 2. Rotation und immerhin 20 Min Gatehold, sowie 48 Min Rollzeit derart ausbremsen lässt, dann muss tatsächlich tüchtig Sand im Getriebe gewesen sein. Oder war es Eis?

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