Fremdgehen

Lange nichts mehr geschrieben. Leider auch ebenso lange nicht mehr geflogen. Ferien? Schön wär’s! Die letzten vier Wochen habe ich im Simulator verbracht. Da sich immer mehr A340 Instruktoren-Kopiloten als frischgebackene Kapitäne Richtung Kurzstrecke verabschieden, ist meine Spezies akut vom Aussterben bedroht. Zurzeit existieren gerade mal noch elf Exemplare dieser Art und da jeder A340 Pilot einmal im Jahr bei uns zum SIM-Refresher antraben muss, bleibt für das kleine Grüppchen nicht mehr viel Zeit zum Fliegen. Der Nachwuchs soll zwar in der Pipeline sein, aber irgendwie scheint mir dieser Zufluss verstopft…

Trotzdem durfte ich nun wieder einmal an einem richtigen Flugzeug Hand anlegen und ich habe Honkong schliesslich gefunden, obwohl diverse Abläufe, mangels Praxis, nicht mehr so geschliffen funktionieren, wie es eigentlich sein sollte. Mangelnde Übung lässt sich zum Glück, wenigstens teilweise, mit Erfahrung kompensieren, denn gewisse Dinge ändern sich, auch in der stets im Umbruch begriffenen Fliegerei, nie.

Dazu gehört auch das Essverhalten der Besatzungen. Crews lieben exotisches Essen. Da trifft es sich natürlich gut, dass wir an unseren exotischen Destinationen sozusagen an der Quelle sind und die kulinarischen Besonderheiten im Original geniessen können. Oder könnten. Crews sind nämlich notorische Fremdgeher. Die Standardbesatzung trifft man typischerweise in China beim Thai, in Thailand beim Japaner, in Japan beim Brasilianer, in Brasilien beim Inder und Indien beim Italiener. Zudem handelt es sich beim Crewmember, der Laie wird es kaum für möglich halten, um ein äusserst ortstreues Gewächs, so dass man vom Crewhotel aus nur den gut ausgetretenen Pfaden folgen muss, um sich unweigerlich in einem der maximal drei Standardrestaurants der jeweiligen Destination wiederzufinden.

So kann es nicht weiter erstaunen, dass wir uns beim Nepalesen in Hong Kong, kaum hatten wir es uns gemütlich gemacht, von einer lärmenden Bande am Nebentisch gestört fühlten, die von unseren geübten Augen unschwer als Lufthansa Besatzung identifiziert wurde. Nach ein paar abschätzigen Bemerkungen über unangenehm auffallende Deutsche, die getuschelt wurden, als sich unser aus Deutschland stammende zweite Copi auf der Toilette befand, fiel die Schweizer Besatzung ebenso unangenehm auf, was den Vorteil hatte, dass sie sich von der Lufti Crew nicht mehr gestört fühlte.

Gut verpflegt verschob sich unsere heitere Gesellschaft anschliessend für einen Strawberry Daiquiri in die Federboa-Bar, wo wir bemerken mussten, dass die Lufti uns schon wieder zuvorgekommen war. Angesichts der beengten Platzverhältnisse im Lokal, liess sich nun der direkte Kontakt mit den deutschen Kollegen nicht mehr verhindern und so mussten wir feststellen, dass die beiden deutschen Copis in Wahrheit Schweizer waren, während ja mein Kollege Deutscher war. Für Gesprächsstoff war also gesorgt und so fielen in der Folge die Swiss und Lufthansa Besatzungen gemeinsam negativ auf.

Nachdem die Swiss Copis ihre etwas in die Jahre gekommene Cabin Crew ins Bett geschickt hatten, verlagerte der Rest sich gemeinsam weiter nach Lan Kwei Fong ins Insomnia, wo die Daiquiris durch Bier ersetzt wurden und die Musik so laut und die Gästeschar so angeheitert war, dass wir nicht mehr weiter negativ auffallen konnten. Dachten wir zumindest. Nach einer Weile erkannte ich in der Nähe eine weitere Swiss Besatzung und natürlich ging ich sofort zu meinen Kollegen und begrüsste sie. Nach ein paar netten Floskeln kam dann die Frage die kommen musste: „Du bist dort doch bei einer Lufti Besatzung, oder?

Da wurde ich doch tatsächlich beim Fremdgehen erwischt und lief nicht einmal rot an! Ich beruhigte, die beiden deutschen Copis seien Schweizer, worauf sich die Stimmung meiner Kollegen merklich aufhellte. Natürlich verschwieg ich, dass einer der Deutschen ein Schweizer Copi war, denn ich wollte das Nervenkostüm meiner Kollegen nicht allzu sehr strapazieren!

Zurück bei der nicht mit Berührungsängsten gestraften Lufti ging der gemütliche Abend weiter. Nach dem Insomnia folgte eine Verschiebung nach Wanchai, wo der konzerninterne, interkulturelle Austausch in den frühen Morgenstunden im Amazonia schliesslich mit der Bemerkung „Wir hören uns morgen Nacht am Funk!“ sein Ende nahm…

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2 Antworten to “Fremdgehen”

  1. Severin Says:

    Hong Kong standartisierter gehts kaum. Aber wieso Neues suchen wenn sich Altes soo bewährt hat! Ich hoffe ihr habt den besten Kebab von Hong Kong auf dem Heimweg, gegenüber vom Insomnia nicht verpasst!

    Grüsse, Sevo

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