Smelly Business

Nach langer Absenz vom Langstrecken fliegen, wozu ich Kairo definitiv nicht zähle, durfte ich endlich wieder einmal einen richtig langen Flug machen. Los Angeles stand in meinem Einsatzplan.

„Skypointer und L.A. – wenn das nur gut kommt!“, wird sich der Eine oder Andere denken. Aber da ich mit Aberglauben nichts am Hut habe, waren mir solche Gedanken fremd. Tatsächlich verliefen Planung und Start auch völlig problemlos.

Im Steigflug, in der Region von Reims, meldete uns die Kabinenchefin dann, dass in einem bestimmten Bereich der Business Klasse ein ungewohnter Geruch herrsche. Dieser sei nicht dramatisch, werde aber von mehreren Flight Attendants eindeutig als nicht normal eingestuft.

Nun können solche Geruchsimmissionen natürlich aus verschiedensten Quellen stammen. Von Käsefüssen eines Passagiers, die grundsätzlich harmlos sind, bis zu einem Schwelbrand, der in einer Katastrophe enden kann, kommt alles in Frage.

Wir mussten der Sache also auf den Grund gehen. Deshalb liessen wir den dritten Kopiloten, der sich kurz vorher in den Crewbunk zurückgezogen hatte, wieder aus seiner Koje klopfen und schickten ihn auf Erkundungstour. Auch er bestätigte, dass es im erwähnten Bereich seltsam rieche. Genau konnte er den Geruch aber auch nicht definieren. Am ehesten ähnle er verschmortem Plastik.

Nun ist „verschmort“ auf einem Flugzeug natürlich gar nicht gut und so ging nun der Kapitän auf Erkundung. Während dieser Zeit diskutierte ich mit meinem Kollegen mögliche Ursachen für den Geruch. Einen nach Schweiss stinkenden Passagier schlossen wir aus, da der betroffene Bereich zu gross war. Ebenso konnten meines Erachtens die beiden Klimaanlagen als Geruchsquelle ausgeschlossen werden, das sonst die ganze Kabine betroffen gewesen wäre. Es blieben noch folgende Möglichkeiten:

Schmorbrand im Bordunterhaltungssystem oder in den Sitzen

 Dämpfe eines nicht deklarierten Gefahrengutes eines Passagiers

 Technische Ursache im Lüftungssystem, welche nur diesen kleinen Bereich betraf

Mittlerweile hatten wir auch das technische Logbuch konsultiert und festgestellt, dass vor einigen Tagen ein Ventil, welches Heissluft in den Luftstrom aus den Klimaanlagen zumischt, um die Temperatur in den verschiedenen Kabinenzonen individuell zu regulieren, mehrmals nicht korrekt funktioniert hatte. Da dieses Ventil die Temperatur in genau jenem Bereich steuert, in dem der Geruch auftrat, schlich sich bei mir der Verdacht ein, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte.

Als der Kapitän mit der Kabinenchefin zurückkam, berichtete er, dass auch er den Geruch bemerkt habe, die Ursache aber auch nicht genauer definieren könne. Die Kabinenchefin schlug vor die Stromversorgung in den Sitzen zu unterbrechen und zu schauen, ob sich die Situation verbessere. Mein Copi-Kollege und ich votierten dafür die Heissluftzufuhr Nummer 2 abzuschalten, welche das oben erwähnte Ventil speist.

Da mit diesen beiden Vorschlägen die gefährlichste und die wahrscheinlichste mögliche Ursache abgedeckt wurden, setzten wir beide gleichzeitig um und wurden kurz darauf mit der Meldung belohnt, der Geruch sei am Verschwinden. Jetzt stellte sich natürlich die Frage welche der beiden Aktionen nun den Erfolg gebracht hatte. Wir entschlossen uns deshalb die Heissluft wieder zuzuschalten, was sofort zu neuer Geruchsentwicklung führte. Somit hatten wir die Ursache eindeutig identifiziert und konnten die Stromversorgung in den Sitzen wieder zuschalten.

Leider wurde es nun, durch das Ausschalten der Heissluftzufuhr in der Business Klasse und im Cockpit, empfindlich kühl, was bald zu Reklamationen aus der Kabine führte. Wir hatten nun folgende Optionen:

1.       Flug weiterführen und frieren

2.       Flug weiterführen und den Geruch in Kauf nehmen

3.       Flug abbrechen

Mittlerweile hatten wir auch die Maintenance in Zürich über unser Problem und unsere Erkenntnisse informiert. Als Antwort wurde uns mitgeteilt, dass das fragliche Ventil vor unserem Flug ausgewechselt worden sei und dass der Geruch von Schmiermittelrückständen im neuen Ventil stammen könnte. Diese sollten sich aber mit der Zeit verflüchtigen.

So entschlossen wir uns für Option 2, schalteten die Heissluftzufuhr wieder ein und setzten den Flug im Bewusstsein, dass über Europa noch diverse Landemöglichkeiten existierten, vorerst fort. Sofort tauchte der Geruch wieder auf, verringerte er sich in der folgenden halben Stunde aber deutlich und war schliesslich nicht mehr zu riechen.

Nun mussten wir noch diverse Rapporte ausfüllen, bevor  irgendwo über dem Nordatlantik, auch bei uns im Cockpit wieder die Normalität zurückkehrte…

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2 Antworten to “Smelly Business”

  1. TWR Mädel Says:

    …solange LX40 das einzige callsign ist, mit dem du auf Kriegsfuss stehst, bin ich nicht weiter beunruhigt…

  2. C. Says:

    Wow, ein FORDEC wie aus dem Lehrbuch (bzw noch „besser“).

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