Politikum

Sie hat über die verschiedenen Betriebskonzepte des Zürcher Flughafens geschrieben. Eigentlich bestimmen in einer vernünftigen Welt Wind und Wetter welche Piste angeflogen wird. Leider ist die Welt im Allgemeinen und Zürich im Speziellen ziemlich unvernünftig. In Zürich bestimmt die Politik wann, wie, wo und wie viel angeflogen und gestartet wird. Das führt dazu, dass wir Piloten gefühlte 90% aller Starts und Landungen mit Rückenwind durchführen müssen, obwohl dies der Sicherheit nicht gerade zuträglich ist.

Der Grund dafür hat einen Namen: Noise Abatement. Lärmschutz also. Natürlich ist dies ein berechtigtes Anliegen und muss ernst genommen werden. Allerdings darf Lärmschutz nicht die Sicherheit gefährden und auch wenn jeder als Lärmgeschädigt gilt, der ein Flugzeug sieht, geht das Ganze zu weit.

Es braucht also Regeln und für solche ist in der Luftfahrt die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO (International Civil Aviation Organization) zuständig. Es erstaunt deshalb nicht, dass die ICAO klare Regeln definiert hat, bis zu welchen Wetterverhältnissen Lärmschutz das Pistenkonzept bestimmen darf. Der bestimmende Paragraph lautet:

5. Selection of runway in use

5.1       Specific procedures for noise abatement purposes in the selection of runway in use have been developed. In all instances, a pilot-in-command, prompted by safety concerns, can refuse a runway offered for noise preferential reasons. Noise abatement shall not be a determining factor under the following circumstances:

  • for both landing and departing aircraft:
    • if the runway surface is adversely affected (e.g. by snow, slush, ice, water, mud, rubber, oil or other substances)
    • when wind shear has been reported or forecast or when thunderstorms are expected to affect the approach or departure
    • when the crosswind component, including gusts, exceeds 28 km/h (15 kt), or the tailwind component, including gusts, exceeds 9 km/h (5 kt)
  • for landing aircraft:
    • when the ceiling is lower than 150 m (500 ft) above the aerodrome elevation or the visibility is less than 1900 m and
    • when the approach minima are greater than 100 m (300 ft) above the aerodrome elevation and
      • the ceiling is lower than 240 m (800 ft)
      • or
      • the visibility is less than 3000 m
  • for take-off:
    • when the visibility is less than 1900 m

Ich kenne zwar die Grenzwerte nicht, bei welchen in Zürich die Start- und Landepisten gewechselt werden, kann aber aus Erfahrung sagen, dass obige Werte klar nicht eingehalten werden, was ich aus pilotischer Sicht bedenklich finde. Das Argument, dass wir Piloten eine Piste gemäss §5.1 ja zurückweisen könnten, sticht nicht, da dies zu sehr grossen Verzögerungen führen würde, welche der Sicherheit noch abträglicher wären als ein Anflug unter den ICAO Sollwerten – von den ökonomischen Konsequenzen ganz zu schweigen. Es wäre stattdessen eindeutig die Aufgabe der Flughafenbetreiber dafür zu sorgen, dass die internationalen Richtlinien, die wohl kaum grundlos erstellt wurden, eingehalten werden, statt den schwarzen Peter den Piloten zuzuschieben!

In Zürich gibt es zusätzlich zu den hausgemachten Restriktionen noch die sogenannte Deutsche Verordnung (DVO), die von Deutschland einseitig ins Leben gerufen wurde und die süddeutsche Bevölkerung in den Tagesrandstunden und an Sonn- und Feiertagen vor Fluglärm schützen soll. Deshalb darf an Werktagen von 21:00 bis 07:00 und an Sonn- und (deutschen) Feiertagen von 20:00 bis 09:00 deutsches Staatgebiet nicht unter 12‘000 Fuss überflogen werden, was Anflüge auf die Pisten 14 und 16 verunmöglicht. Ausnahmebewilligungen gibt es nur, wenn die Wetterverhältnisse Anflüge auf die noch verbleibenden Pisten (34 und 28) verhindern. Dass dabei nicht die ICAO Richtwerte als Massstab genommen werden, dürfte dem Leser mittlerweile klar sein. Zusätzlich besteht Deutschland in seiner Verordnung darauf, die Anzahl jährlicher Überflüge über deutsches Staatsgebiet einzuschränken.

Die Schweiz ficht die DVO seit deren Inkrafttreten auf juristischem Weg (vor deutschen und europäischen Gerichten) an. Bisher allerdings ohne Erfolg. Gleichzeitig wird, bisher ebenso erfolglos, versucht auf dem Verhandlungsweg eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu finden. 2008 einigte man sich zwar darauf, mittels einer Studie objektive Zahlen zur Fluglärmbelastung der deutschen und schweizerischen Bevölkerung zu erheben. Am 29. Oktober 2009 wurden die gemeinsamen Lärmmessungen veröffentlicht. Die Lärmbelastungsdaten lieferten folgende, kumulierte Ergebnisse:

  • Lärmbetroffene Personen
    • Tagsüber: > 54 dB, Schweiz: 86.066 / Deutschland: 0
    • Tagsüber: > 45 dB, Schweiz: 490.547 / Deutschland: 24.292
    • Nachts: > 40 dB, Schweiz: 152.715 / Deutschland: 0
  • Lärmbetroffene Übernachtungen (Tourismus)
    • Tagsüber: > 54 dB, Schweiz: 678.539 / Deutschland: 0
    • Tagsüber: > 45 dB, Schweiz: 2.028.153 / Deutschland: 48.679
    • Nachts: > 40 dB, Schweiz: 670.301 / Deutschland: 0

Daraufhin verweigerte Deutschland die Verhandlungen, entgegen der vorherigen Vereinbarung, auf Basis dieser zwar objektiven, aber nun nicht genehmen Daten weiterzuführen und droht stattdessen seither die Restriktionen einseitig noch weiter zu verschärfen. Ich überlasse es dem Leser zu beurteilen, was von einem Staat zu halten ist, der sich seinem Nachbarn gegenüber so verhält, während er in Fragen der Steuerflucht seiner Bürger vom hohen moralischen Ross herunter argumentiert…

Es ist mir ein Rätsel, warum die Schweiz im juristischen Kampf gegen die Deutsche Verordnung den Weg über die Europäischen Gerichte gewählt hat, die meines Erachtens gar nicht zuständig sind. Wie selbst auf Wikipedia nachzulesen ist, bildet das Chicagoer Abkommen der ICAO die Basis für die Berechtigung ausländisches Staatsgebiet zu überfliegen. In diesem sowohl von Deutschland, als auch von der Schweiz unterzeichneten Abkommen steht gleich zu Anfang folgendes:

Article I

Section 1

Each contracting State grants to the other contracting States the following freedoms of the air in respect of scheduled international air services:

1. The privilege to fly across its territory without landing;

2. The privilege to land for non-traffic purposes.

The privileges of this section shall not be applicable with respect to airports utilized for military purposes to the exclusion of any scheduled international air services. In areas of active hostilities or of military occupation, and in time of war along the supply routes leading to such areas, the exercise of such privileges shall be subject to the approval of the competent military authorities.

Es fällt auf, dass hier nichts von einer Mindestflughöhe von 12’000 Fuss steht, weder Tagerandstunden, noch Sonn- und (deutsche) Feiertage erwähnt werden und auch nicht zwischen Überflügen im Allgemeinen und Landeanflügen im Speziellen, wie es Deutschland zur Rechtfertigung seiner DVO macht, unterschieden wird. Jedes (der englischen Sprache mächtige) Kind versteht, dass Deutschland mit seiner Verordnung das Chicagoer Abkommen (und damit internationales Völkerrecht) verletzt!

Was kann die Schweiz also tun? Eigentlich ist der Fall auch hier klar, denn dies ist im Artikel ll des Abkommens glasklar es beschrieben:

Article II

Section 1

A contracting State which deems that action by another contracting State under this Agreement is causing injustice or hardship to it, may request the Council to examine the situation. The Council shall thereupon inquire into the matter, and shall call the States concerned into consultation. Should such consultation fail to resolve the difficulty, the Council may make appropriate findings and recommendations to the contracting States concerned. If thereafter a contracting State concerned shall in the opinion of the Council unreasonably fail to take suitable corrective action, the Council may recommend to the Assembly of the above-mentioned Organization that such contracting State be suspended from its rights and privileges under this Agreement until such action has been taken. The Assembly by a two-thirds vote may so suspend such contracting State for such period of time as it may deem proper or until the Council shall find that corrective action has been taken by such State.

Ob dieses Vorgehen erfolgsversprechend wäre, kann ich nicht beurteilen. Dagegen spricht einerseits, dass Deutschland in der ICAO wohl mehr Gewicht hat als die kleine Schweiz und dass es daher, wenn es zu keiner Einigung kommt, schwer werden dürfte eine Zweidrittelmehrheit gegen Deutschland zusammenzukriegen. Auch nicht gut für die Schweiz ist wohl, dass sie sich, wie eingangs erwähnt, um andere ICAO Vorschriften foutiert. Ein starkes Argument für die schweizerische Position wäre allerdings, dass es sich der ICAO Rat zweimal überlegen sollte, ob er aus (macht-)politischen Gründen ein gefährliches Präjudiz schaffen will, welches das bewährte Chicagoer Abkommen in Frage stellt und weltweit zu massiven Einschränkungen bei allen grenznah gelegenen Flughäfen führen könnte.

Unabhängig davon, wie es im deutsch-schweizerischen Fluglärmstreit weitergeht, braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten um zu erkennen, dass Zürich-Kloten auch in Zukunft mehr Politikum Flughafen bleiben wird, welches Airlines und Flugsicherung und deren Angestellte – Piloten und Fluglotsen – auszufressen haben…

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10 Antworten to “Politikum”

  1. Bängbüx Says:

    Irgendwie kommt es mir vor, als ob wir von den deutschen uns ausnehmen lassen wie eine Weihnachtgans. Können wir da nicht irgendwie all diesen Mist stoppen? Das kostet die Airlines inklusive des Flughafen Zürich sicherlich Zweistellige Millionenbeträge.

    Freundliche Grüsse

    Bängbüx

  2. Rainer Says:

    Ich komme von der „anderen Seite“ (hab einige Zeit auch am Bodensee verbracht) und kann das ganze Hin und Her absolut nicht verstehen. Gut, ich mag die Fliegerei und repräsentiere bestimmt nicht den Durchschnittsbürger. Aber mir kommt es so vor, als würde es einem Gesichtsverlust der Politiker gleichkommen, wenn sie auch nur einen Deut von den Forderungen der DVO abweichen würden.
    Das Schärfste finde ich ja, dass der deutsche Südwesten von Zürich oder Basel in den Urlaub fliegt.

    Ich werde das Gefühl nicht los, als müsste man als Politiker den gesunden Menschenverstand abgeben…

    Ich hoffe auf noch viele interessante und spannende Blogeinträge!

    Rainer

  3. Richi Says:

    Ich glaube auch, dass ihr Piloten den Kopf herhalten müsst. So viel ich weiss. wurde der Crossair Absturz damals in Bassersdorf als so was wie der „erste Absturz aus Lärmschutzgründen“ eingestuft. Man hatte punkt 22 Uhr die Piste gewechselt, höchst ungünstiger Wetterverhältnisse zum Trotz. Die neue Vorschrift musste befolgt werden, und wurde befolgt, auf Punkt und Komma, die Crossair war um 22.05 Uhr unterwegs…oder 22.07…und musste bei Wind und Wetter auf einer ungünstigen Piste landen, wegen Lärmschutz.

    Ihr Piloten seid „Vorreiter“ (Riders on the Storm) im wahrsten Sinne des Wortes.

    Grenzenloses Wachstum?
    Die Gemeinschaft all der Flughafenausbau Gegner hat offenbar was dagegen. Flughafenausbau NEIN!
    Sei’s in München oder Züri, sei’s in Frankfurt oder Heathrow und so weiter… Ihr Piloten habt das auszubaden. Das ist ungerecht. Genauso ungerecht wie das Schicksal eines Flughafen Lärmgegners in China, z.B., der diese seine Meinung öffentlich kund tut und deswegen eingelocht wird in eine Strafanstalt, und somit als Zwangsarbeiter arbeiten muss um beizutragen zur alljährlichen 8% Bruttoinlandprodukt Wachstumsrate.

    Grenzenloses Wachstum?
    Auch ein Politikum. Mit all den Implikationen, nach meiner Meinung, IMHO.

    • skypointer Says:

      Auch ich finde grenzenloses Wachstum sinnlos. Es führt auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen schlicht in eine Sackgasse!

      Ressourcen sollten deshalb mit Verstand genutzt werden und unnötige Umwege fliegen gehört nicht gerade dazu…

      Für den Zwangsarbeiter in China kann ich wenig tun. Ausser vielleicht möglichst wenig Produkte mit dem Label „Made in China“ kaufen, was wahrscheinlich auch nicht hilft, aber wenigstens meiner Psychohygiene gut tut.

      Was ich aber tun kann ist gegen Sinnlosigkeiten in meinem Umfeld opponieren. Auch das ändert wohl nichts, aber tut meiner Psyche noch besser… 😉

      • Bängbüx Says:

        1952: 641,1 Mio. Tonnen Erdöl weltweit gefördert.
        2010: 3913,7 Mio.Tonnen Erdöl weltweit gefördert.
        (Quelle: Wikipedia)

        Greats Bängbüx

      • skypointer Says:

        Und trotzdem haben wir beim aktuellen Verbrauch noch fossile Brennstoffe für die nächsten 200 Jahre! Das ist wohl das grösste Problem. Klima Ade! Und wir bauen nächstens Gaskraftwerke… Hoch lebe die Politik!

  4. Wurst Says:

    Ohja, ich entschuldige mich für unsere Politiker, die ich nicht gewählt habe! Darf ich doch noch zu euch kommen? Eure Berge sind grandios, im Sommer und im Winter vor allem. Mit Geld kann ich nicht dienen 😉

    • skypointer Says:

      Ohja. Jederzeit herzlich willkommen! Das Geld kannst Du zu Hause abgeben. 😉

      Ich habe (wie die grosse Mehrheit der durchschnittlich intelligenten Schweizer) habe nichts gegen Deutsche, sondern etwas dagegen, wie wir von (gewissen) deutschen Politikern behandelt werden. Aber Ihr habt kein Monopol auf Idioten in der Politik. Leider…

    • Bängbüx Says:

      Wir werden eh schon bald andere Probleme bekommen. Die Meere sind jetzt schon praktisch leergefisch,Überbevölkerung… Die Natur wird sich ja bald dafür rächen…

      Bängbüx

  5. G! Says:

    Danke, Skypointer. Du hast den Nagel absolut auf den Kopf getroffen!

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