Memories

Nach einem nicht enden wollenden Anflug, während dessen wir schon 80 Kilometer vom Flugplatz entfernt mit 220 Knoten auf 7000 Fuss herumgedümpelt sind, landen wir mitten in einem Regenschauer auf unserem Zielflugplatz, der gehörig provinziellen Mief verströmt.

Die Hälfte der Rollwege ist gesperrt und der Rest so eng, dass es dem Widebody-Piloten angst und bange wird. Dafür hat es wenig Verkehr und so erreichen wir innert weniger Minuten unsere Parkposition. Zum Glück sind auch im Terminal die Wege kurz und da sich ausser uns und unseren Passagieren niemand hierher verirrt zu haben scheint, ist auch die Einreisekontrolle bald absolviert und wir fahren im Crewbus Richtung Hotel.

Links und rechts der Autobahn ziehen Lagerhallen und Industriezonen vorbei. Ich greife nach dem Informationsblatt, welches wir von unserer Station erhalten haben. Dort lese ich: „Although the area may seem dismal and dark upon your arrival, the area is quite safe.“ Trostlos und dunkel – ja das trifft die Stimmung recht genau. Und die Gegend sei ziemlich sicher. Was das heisst wird mit einer Statistik erläutert, gemäss der ich heute wohl nicht ermordet oder vergewaltigt werde. Höchstens ein kleiner Raubüberfall oder ein sonstiger Angriff muss ich befürchten, falls ich das Hotel verlasse. Das kann mir aber, wird sofort betont, auch in jeder anderen Stadt passieren…

Ein weiterer schöner Satz auf dem Pamphlet lautet: „There are many construction projects ongoing to bring the area up to a standard of any city in the New York metropolitan area.”  Falls ich auch nur ein Bisschen Englisch verstehe, rangiert die Gegend zurzeit also noch unter dem Standard jeder anderen Stadt in dieser Gegend. Nun bin ich beruhigt…

Mittlerweile sind wir in unserem Hotel angekommen und nachdem ein Reisebus voll Jugendlicher vor uns eingecheckt hat, erhalten schliesslich auch wir unsere Zimmerschlüssel. Wir beschliessen das Risiko eines Raubüberfalls zu minimieren, indem wir uns nach einem kurzen Bier an der Hotelbar auf unsere Zimmer zurückziehen.

Das Zimmer lässt Erinnerungen in mir hochsteigen. Der Mensch erinnert sich ja bekanntlich noch nach Jahren an Gerüche und der abgestandene Mief nach kaltem Rauch in meinem Nichtraucherzimmer löst in mir sofort ein Déjà-vu Erlebnis aus. Welcome to Newark! Auch an den Teppich erinnere ich mich noch genau, obwohl der Zahn der Zeit nach in den letzten zehn Jahren tüchtig an ihm genagt hat.

  

Ein Blick in den Spiegel zeigt, dass derselbe Zahn auch bei mir genagt hat. Schockiert wende ich mich ab und schaue aus dem Fenster. Wenigstens ist die Aussicht sehenswert. In der Ferne funkeln die Lichter der grossen Stadt. Trotz der vorgerückten Stunde muss ich deshalb noch die Kamera hervorkramen und die Skyline ablichten.

Am anderen Morgen beschliesse ich Manhattan links liegen zu lassen und stattdessen die Gegend zu erkunden. Bald bemerke ich, dass New Jersey nicht für Fussgänger gebaut wurde. Gehsteige sind Mangelware und auch Fussgängerstreifen sucht man meist vergeblich. Obwohl man mir an der Rezeption versichert hat, dass das nahe Outlet Shopping Gebiet „no way“ in Gehdistanz liege, erreiche ich dieses nach einigen lebensgefährlichen Strassenquerungen innert 15 Minuten per Pedes. Verkehrstote waren in der Statistik auf unserer Stationsinformation nicht aufgeführt. Ich weiss nun warum!

Leider sind über die Hälfte der Läden geschlossen. Die Wirtschaftskrise hat hier brutal zugeschlagen. Das ganze Gebiet wirkt auch bei Tageslicht trostlos und heruntergekommen. Nach kurzer Zeit trete ich den Rückweg an. Diesmal wähle ich eine andere Route und ich bekomme einen Eindruck von New Jerseys Suburbia. Hier lebt die amerikanische Mittelklasse. Hier könnte „Desperate Housewives“ gedreht worden sein. Eva Longoria lässt sich aber nicht blicken. Schade…

Zurück im Hotel lichte ich, diesmal bei Tageslicht, nochmals die Aussicht von meinem Zimmerfenster ab, bevor ich mich zum Vorschlafen aufs Ohr haue. Es wartet noch der Rückflug und eine lange Nacht auf uns…

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4 Antworten to “Memories”

  1. Bängbüx Says:

    Die letzten Worte eines Copiloten:

    …“Was meinst du mit «Ich habe vergessen zu tanken»?“

    :-)) Bängbüx

  2. Parrot Says:

    Haha, dieses Hotel kenne ich, vor allem die Aussicht! Wir waren im November dort. Die Aussicht macht den Eindruck, dass es vielleicht in einem der Zimmer neben dem ist, in dem wir waren.
    Die Gegend ist echt sicher und zum Glück fährt ein Bus vorne an der Hauptstraße in 20 min nach Manhattan.

  3. Manfred Says:

    Wie trostlos kann das schöne Amerika sein…….!

  4. Richi Says:

    New York Idlewild kennt man schon zur genüge.

    New York Newark, der Domestic Airport, hat mich schon immer Wunder genommen. Ein weisser Fleck auf meiner persönlichen Landkarte, geschweige dessen nähere Umgebung.
    Hiermit habe ich einen Eindruck bekommen.
    Thanks.

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