Riding Andrea

Bei knackigen -18°C ist jedes Mittel recht um sich warm zu halten. Besonders wenn dank dem Wind Chill Faktor die gefühlte Temperatur -35°C beträgt. Deshalb half selbst der Steward beim Kofferausladen. Die ganze Crew wollte möglichst schnell ins wärmere Gefilde des Flughafengebäudes. Der Wunsch nach wärmerem Wetter sollte allerdings schneller in Erfüllung gehen als uns lieb war.

Schon während der Cockpitvorbereitung erreichte eine Warmfront Montreal und die Temperatur stieg innert einer Stunde um knapp zehn Grad. Natürlich geht so etwas nicht ohne Schneefall vonstatten und so war bald klar, dass wir nicht um eine Enteisung herum kommen würden. Zum Glück wissen die Kanadier genau, wie man bei solchen Wetterverhältnissen reagiert und da zudem der Flugverkehr in der Provinz von Québec deutlich dünner ist als in der Weltmetropole Zürich, ging das ganze Procedere ohne Chaos über die Bühne.

Trotzdem hoben wir erst mit einer guten Stunde Verspätung Richtung Zürich ab. Allerdings war niemand wirklich unglücklich über die Verzögerung, denn die Flugzeit betrug trotz möglichst ökonomischer, sprich äusserst langsamer, Reisegeschwindigkeit nur 6 Stunden 15 Minuten. Verantwortlich dafür war ein durchschnittlicher Rückenwind von 180 km/h. Selbst ohne Enteisung hätten wir deshalb nicht früher starten können, da wir sonst in Zürich, wegen den Anflugbeschränkungen aus Lärmschutzgründen, nicht hätten landen dürfen.

Natürlich bewirkt so viel Wind meist auch unruhige Luft und so waren wir nicht überrascht, dass gemäss unseren Wetterkarten mehrere Zonen mit starken Turbulenzen auf unserer Route lagen. Bereits vor dem Abflug forderten wir deshalb die Cabin Crew auf den Service möglichst schnell abzuschliessen, da das grosse Geschüttel spätestens nach eineinhalb Stunden einsetzen würde.

Es kam wie es kommen musste: Der Service wurde im Eiltempo beendet, alle Küchen waren gesichert und das Anschnallzeichen eingeschaltet, die Cabin Crew sass angeschnallt auf ihren Sitzen und die ängstlicheren unter den Passagiere klammerten sich präventiv an ihre Kotztüten – nur die Turbulenzen blieben aus und 230 Passagiere fragten sich ob die Luftkutscher denn gar keine Ahnung von Meteorologie hätten…

Trotzdem ging es im Eilzugtempo Richtung Zürich. Bis 620 Knoten stieg unsere relative Geschwindigkeit gegenüber dem Boden. Auf unserem Ausweichflugplatz Dublin fegte der Sturm mit 80 km/h über den Platz während wir knapp 12‘000 Meter höher immer noch mit doppelt so viel Wind Richtung Feierabend geblasen wurden.

Auch in London und Paris war das Wetter nicht besser – und leider auch nicht in Zürich. Regen und Wind aus Südwest mit Böenspitzen von 70 km/h und Scherwinden im Anflug wurden angedroht. Bei solchen Verhältnissen entstehen in Zürich, bedingt durch das Terrain und die Gebäude südlich der Piste 28, heimtücksche Rotoren, welche den Anflug richtig unangenehm gestalten. Deshalb besprachen wir während der Anflugvorbereitung alle Eventualitäten, wie die Vor- und Nachteile der möglichen Landekonfigurationen, die Reaktion auf eine eventuelle Windshear Warnung, das normale Durchstartmanöver und vieles mehr, bis ins Detail.

Der Anflug gestaltete sich dann wie erwartet als Kampf gegen die wütenden Elemente. Der Flugweg führte zwischen grünen, gelben und violetten Farben des Wetterradars durch. Auf 1500 Meter über Grund wurden wir mit 100 km/h Wind und einem Driftwinkel von 30° auf den ILS Leitstrahl gespült. Im Endanflug fanden diesmal die Turbulenzen, Böen und Rotoren wirklich statt. Die dadurch hervorgerufene Querlage des Flugzeugs musste mehrmals mit Steuerausschlägen bis zum mechanischen Anschlag korrigiert werden. Trotzdem setzten wir schliesslich sanft und pünktlich in Zürich auf.

Beim Verlassen der Piste löste sich bei mir die Anspannung und ich gratulierte meinen Kollegen zum gelungenen Anflug und der schönen Landung. Trotzdem war ich heilfroh wieder am Boden zu sein, denn nichts ist für mich unangenehmer als bei schwierigen Wetterverhältnissen hilflos auf dem dritten Sitz im Cockpit zu sitzen und als Instruktor zuzuschauen wie die Kollegen, in diesem Fall der Kapitän und ein von mir betreuter „Baby-Kopilot“, gegen die Elemente kämpfen, ohne dass ich dabei irgendwie helfen kann…

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13 Antworten to “Riding Andrea”

  1. Severin Says:

    ja, heute brauchtet ihr Nerven aus Stahl! – Andere Sache, ist es wirklich immer noch so, dass Koffer ausladende Stewarts (ausgenommen der Herren ü 40 von denen weiss ichs) die Ausnahme sind? Besonders Freude hatte ich immer dann wenn die Damen auch noch mithalfen.

    Grüsse und gutes Entspannen!

    Severin

    PS: Kämpfe viermal täglich auf dem Velo gegen Andrea

    • skypointer Says:

      Na sagen wir es einmal so: die jungen Herren, die sich vordrängen sind definitv in der Unterzahl.

      Als Copi helfe ich gerne, aber ich finde es schon reichlich seltsam, wenn sich der 55 Jährige, gestandene Kapitän mit Koffer ein- und ausladen abmüht, während zwei gerade gut 20 Jährige Stewards daneben stehen und keinen Finger rühren. Leider kommt das noch immer sehr oft vor. Aber das Problem liegt wohl auch bei uns alten Säcken, denn schliesslich könnten wir ja in solchen Fällen intervenieren. Meist ist es nicht böser Wille, sondern die Herren kommen schlicht nicht einmal auf die Idee, dass ihre Hilfe gefragt sein könnte.

      Erziehung wäre da gefragt. Aber das ist uns oft zu mühsam und so machen wir die Faust im Sack und sagen nichts.

      Als Gentleman finde ich die Damen dürfen sich ruhig bedienen lassen. Schön wäre es allerdings, wenn diese sitzen blieben, bis die Arbeit getan ist. Das würde die Sache oft viel einfacher gestalten, als die schweren Dinger zwischen den herausdrängenden Ladies aus dem Bus zu manövrieren…

  2. Tweety Says:

    Wieder einer dieser Tage, wo man am liebsten im heimischen Bett gebliebeen wäre ,oder?

  3. wava Says:

    Alles klar, ab heute werde ich brav sitzenbleiben, wenn mir dieser nette Service von den lieben Piloten geboten wird 🙂
    Übrigens lese ich deinen Blog immer und sehr gerne.
    Ich wünsche dir schöne Freitage (bah, dieses 08/15-Gebrabbel immer) aber vor allem beglückwünsche ich dich dazu, dass du erst wieder fliegen musst, wenn sich Andrea abgeregt hat (wir kennen das alle: Frauen zicken. meist nur kurz, aber nie schmerzlos… )
    Liebe Grüsse von der anderen Seite der Tür 😉

  4. airoli Says:

    Da scheint es ja im Moment tatsächlich ziemlich zu pusten über dem Atlantik! Ich bin am Tag vor Dir in die andere Richtung gereist, und der Flug nach YUL dauerte deutlich länger als normalerweise. Immerhin: Turbulenzen gab es keine, so dass ich einfach etwas länger die warme Gastfreundschaft geniessen durfte, ehe es raus ins kalte Montréal ging… 🙂

  5. TWR Mädel Says:

    …es scheint fast, dass wir im Doppelpack spannendes Wetter anziehen… auch wenn du heute ein bisschen vor mir an der Reihe warst…

  6. skypointer Says:

    @wava
    Wird schon so sei, wenn das eine Frau sagt…

    @airoli
    Am Tag vorher? Am 3.1. hätte ich Dich chauffiert. Wenn Du am 4. geflogen bist, hast Du mehr Glück gehabt. 😉

    @TWR Mädel
    Als Du Arbeitsbeginn hattest quälte ich mich gerade wieder aus den Federn. So richtg grob kam es wohl erst am Abend als noch Blitz, Donner und Graupel dazu kamen…

  7. IVBANKER Says:

    Interessanter Titel…..

  8. skypointer Says:

    Kann Zufall sein – muss aber nicht. 🙂

  9. TWR Mädel Says:

    Mit dem Gewitter und den Graupelschauern war es tatsächlich nicht mehr wirklich lustig… ich werde meinen Dienstplan glaubs dahingehend optimieren müssen, dass ich frei habe, wenn du unterwegs bist, sonst ist das nächste Chaos bereits wieder vorprogrammiert…

  10. GR Says:

    Schöner Beitrag!

    Wir fliegen hier in der Schulung die Citation CJ1+ und letzte Woche hatte ich auf dem Weg von Köln nach Friedrichshafen in FL330 Rückenwind von 173kts. Das war schon beeindruckend, mit einer knapp 3t schweren Maschine eine GS von 568kts zu fliegen ;o)
    Interessantes Wetter zur Zeit…

  11. skypointer Says:

    @TWR Mädel
    Damit ich nie mehr in Genuss von Deinem hervorragenden Service komme? Das kann ichauf keinen Fall unterstützen!

    @GR
    Nur 50kts langsamer als wir, aber 200t leichter? Beim Spped/Gewicht Verhältnis kann ich tatsächlich nicht mithalten…

  12. TWR Mädel Says:

    Danke für die Blumen – in dem Fall auf ein Neues, mal schaun, was als nächstes auf uns beide zukommt… 😉

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