Debile Bettflucht

Nein, nicht weil ich wieder einmal bis zum Morgengrauen in den dubiosen Bars Hong Kongs rumgehangen bin. Ganz im Gegenteil! Top seriös bin ich um halb zwölf ins Bett gefallen und sofort eingeschlafen. Eigentlich ein typischer Anfängerfehler, denn der erfahrene Langstreckenflieger weiss, dass er in Fernost bis weit nach Mitternacht durchseuchen muss, um nicht morgens um drei hellwach im Bett zu sitzen.

In einem solchen Fall hilft nur eins: Licht an, Flimmerkiste einschalten und, in der Hoffnung bald wieder einzuschlafen, irgendeinen langweiligen Unsinn reinziehen. Bei mir war es ESPN mit dem Baseballmatch Seattle Mariners gegen New York Yankees. Obwohl ich die Regeln einigermassen durchschaue, ist mir keine langweiligere Sportart als Baseball bekannt. Besser als jede Schlaftablette! Trotzdem wollten die Augen nicht mehr zufallen und so quälte ich mich auch noch durch das American Football Spiel San Francisco 49ers gegen weiss der Geier wen…

Als auch das nichts nützte, löschte ich wieder das Licht und nervte mich über meine Schlaflosigkeit, bis ich um halb sechs Uhr den ersten Lichtschein hinter den Vorhängen bemerkte. Freudig stürzte ich ans Fenster und riss die Vorhänge auf. Tatsächlich herrschte draussen eine wunderschöne Morgenstimmung. Schnell packte ich die Kamera und konstruierte auf dem Schreibtisch ein improvisiertes Stativ, um das Schauspiel festzuhalten.

 

Nun war ich wieder einigermassen versöhnt mit der Welt. Nach einer Dusche trieb es mich auf der Suche nach einer ersten Ration Kaffee nach draussen. Leider erbarmte sich aber weder Sternbocks noch eine der diversen anderen Koffeinquellen des rotäugigen, übernächtigten Kopiloten, so dass ich mich eine halbe Stunde später, mit einer undefinierbaren Brühe aus einem 7/Eleven, auf meinem Zimmer wiederfand.

Eigentlich hätte ich gerne die Sektionen 5 und 6 des Hong Kong Trail abmarschiert. Angesichts von Tagestemperaturen um 35°C schien dies aber trotz Kaiserwetter keine gute Idee. Durch meine debile Bettflucht präsentierte sich die Lage nun aber neu. Um nicht in Depressionen zu verfallen schüttete ich deshalb die braune Brühe in den Ausguss, packte meine Fotokamera und begab mich wieder nach draussen. Mit einem Taxi fuhr ich zum Wong Nai Chung Gap und von dort ging es zu Fuss, 45 Minuten steil den Berg hinauf, zum Jardine’s Lookout. Obwohl es noch immer verdammt früh war, brannte die Sonne schon gnadenlos und die Luft fühlte sich bei unglaublich feuchten 27°C zum Schneiden schwer an. Triefend nass und laut keuchend erreichte ich schliesslich den 433 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt. Gierig trank ich das mitgebrachte Wasser und als ich mich nach einigen Minuten ein bisschen erholt hatte, zückte ich die Kamera und knipste ein paar hart erarbeitete Bilder Hong Kongs aus ungewohnter Perspektive.

  

Da ich nun zwar einer Fussmassage nicht abgeneigt gewesen wäre, aber eine Herzmassage unbedingt verhindern wollte, trieb mich der Koffeinmangel zügigen Schrittes den Berg hinunter und zurück ins Hotel. Nach ausgiebiger Dusche und dringend benötigtem Kleiderwechsel, traf ich, noch immer mit hochrotem Kopf und aus allen Poren triefend, beim Frühstück auf meine eben aus den Federn gekrochenen Crewkollegen, die meine früh morgendlichen Abwege kopfschüttelnd zur Kenntnis nahmen…

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10 Antworten to “Debile Bettflucht”

  1. Ilse Says:

    Für solche Fotos kann man doch gerne mal ein paar Nächte wach bleiben…to die for…
    Ich nehme Aconitum 30 und atme dann auf 4 mal ein….4 mal aus usw. Langweiliger geht’s nicht.

  2. parrot Says:

    Sehr interessante Stadt, da muss ich auch mal hin! Darf ich einen Tip für die Panoramas geben? Das Programm Autopano Giga macht unglaublich gute Panoramas, es gibt auch eine Test- oder Freeversion.

  3. Dide Says:

    Ich habe mich lange zurückgehalten, muss es jetzt aber trotzdem loswerden: Möglichwerweise hast du den Beruf verfehlt: Deine Fotos sind absolute Spitze! Möglichwerweise wärest du mit regelmässigem Arbeitsrhythmus auch deine Insomnien los…

    Gruss
    Dide

    • skypointer Says:

      Danke ich für das Kompliment, aber du kennst offenbar meine fliegerischen Leistungen nicht… 😉

      Zudem muss ein erfogreicher Landschaftsfotograf ebenfalls früh aus den Federn. Insomnia lässt grüssen. Auch zähle ich, wie der aufmerksame Leser (oder Betrachter) meines Blogs wohl schon bemerkt hat, die Personenfotografie nicht zu meinen Stärken.

      Also bleibe ich lieber bei der Fliegerei. Dort erlebe ich auch regelmässig etwas Schreibenswertes für den Blog und komme als Zugabe erst noch gartis an die schönen Orte dieser Welt…

  4. INNflight Says:

    Erst diese Yosemite Fotos, dann die Nordlichter inkl. kleinem sightseeing vectoring über SFO… und jetzt das!

    Hätte man im neuen GAV für Blogger ruhig einbauen können, dass verpflichtend zwei bis drei Einträge inkl. Fotos pro Woche zu posten sind….. :o)

  5. Nevz Says:

    Hi Skypointer

    Zwei Wochen mehr oder weniger sinnvoll genutzte Arbeitszeit habe ich gebraucht, um deinen Blog Post für Post durchzulesen. Oft habe ich gegrinst, stellenweise gelacht, was immer postwendend mit fragenden Blicken meines Chefs quittiert wurde…

    Kurz: Danke für den tollen Blog, ich freue mich auf weitere Posts!

    Gruss, ein wanna-be Pilot 😉

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