Festgenagelt

Bloggende Piloten scheinen eine besondere Vorliebe für ein bestimmtes schwedisches Einrichtungshaus zu haben. Dass dies zu echten Problemen führen kann, hat mein Kollege schon vor einiger Zeit eindrücklich beschrieben. Aber in der Fliegerei zieht man ja Lehren aus den Fehlern anderer, so dass ich sicher sein konnte, dass mir ähnliches nicht widerfahren konnte…

Zudem musste ich keinen Schrank aufstellen, sondern nur ein im Magazin des schwedischen Möbelhauses für 4.95 Franken erstandenes Abtropfgestell für Geschirr reparieren. Obwohl wir das edle Stück, das sinnigerweise auf den Namen Magasin hört, immer besonders vorsichtig behandelt haben, zeigte es nach 4,95 Gebrauchsjahren nicht nur Gebrauchsspuren, sondern eine besorgniserregende Tendenz auseinanderzufallen. Die Nägel, welche das Gestell im Innersten zusammenhalten, lösten sich nämlich allesamt ausgeleiert aus ihren Löchern und mussten dringend ersetzt werden.

Natürlich hätte ich auch einfach ein neues Magasin kaufen können, aber mit meinem schmalen Kopiloten Salär erschien eine Reparatur viel einladender. Zudem schrieb schon der grosse Schiller:

Den schlechten Mann muß man verachten,

Der nie bedacht, was er vollbringt.

Das ist’s ja, was den Menschen zieret,

Und dazu ward ihm der Verstand,

Daß er im Herzen spüret,

Was er erschaffen mit seiner Hand.

Eine richtige Männerarbeit also. So zog ich mich mit dem Magasin und einigen tausend Nägeln, welche ich von der Täfelung meines Weinkellers übrig hatte, in den Bastelraum zurück. Mit einer eleganten Handbewegung schob ich die Näharbeiten meiner Frau zur Seite und schaffte auf der Werkbank Platz für mein Reparaturprojekt. Zuerst musste der Rahmen verstärkt werden. Natürlich durften die Nägel nicht zu lang sein, da sie sonst hinten herausstehen würden. So ein Anfängerfehler konnte mir nicht unterlaufen. Nach einem kurzen Nachmessen mit der Schublehre waren die passenden Stahlstifte gefunden.

Bum, Bum, Bum. Kurze Kontrolle. Perfekt. Hämmer, Hämmer, Hämmer. Nochmals kontrollieren. Sehr schön. Bum, Bum, Bum. Hämmer, Hämmer, Hämmer. Autsch mein Finger! Aber ein echter Heimwerker kennt keinen Schmerz. Weiter geht‘s. Bum, Hämmer, Bum. So ist‘s recht. Hämmer, Bum, Hämmer. Hoppla ein Sprung in der Leiste, aber sie hält trotzdem. Nicht schön, aber dauerhaft.

„Was treibst Du eigentlich?“ ruft meine Frau von oben. „Männerarbeit!“ lautet meine knappe Antwort. Meine Frau kennt mich gut genug, um nicht nachzuhaken. Der Rahmen ist mittlerweile stabiler als neu. Der schwierigste Teil ist geschafft…

Jetzt müssen nur noch die Querleisten neu fixiert werden. Ich drehe das Abtropfgestell um, damit die Leisten nicht hohl liegen. Ab jetzt ist die Arbeit unproblematisch.

Schwingt den Hammer, schwingt

Innert Kürze werden die Nägel in die Querleisten getrieben und mit jedem Nagel merke ich, wie sich das Abtropfgestell stabiler anfühlt. 24 Nägel später betrachte ich mein Werk mit Stolz geblähter Brust. Besser als neu! Also zurück damit in die Küche. Aber halt! Warum kann ich das Gestell nicht von der Werkbank lösen? Ach du Schande: die Querleisten sind ja wesentlich dünner als jene des Rahmes.

Festgenagelt auf der Werkbank

Liegt das Gestell von Ikea gekauft

Nach ein paar markigen Kommentaren zu meinen eigenen intellektuellen Fähigkeiten greife ich zur Beisszange und mache mein Gesellenstück rückgängig. Danach werden 24 kürzere Nägel ins Holz geschlagen, bevor ich mit roten Ohren und ohne Stolz das mittlerweile arg zerlöcherte Magasin meiner Frau überreiche, die zwar schief grinst, sich aber taktvoll jeglichen Kommentars enthält…

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6 Antworten to “Festgenagelt”

  1. TWR Mädel Says:

    Zum Glück bist du Pilot und nicht Flugzeugmechaniker 😉

  2. Michael Says:

    Ich musste mir erstmal ein „Bild“ des armen Gegenstandes machen und konnte mir das Grinsen die nächste Stunde nicht mehr aus dem Gesicht zaubern…

    …aber am Montag ist dann alles wieder gut, Dienstag spätestens 😉

  3. Matze_BT Says:

    Tja, keine Checklisten an Bord gehabt? 🙂

  4. Bängbüx Says:

    Mit dem Hammer auf die Finger hauen geht ja noch…
    Aber wie kommt es dass du die Nägel nicht auf ihre Länge geprüft hast? „nichtmehrkönnvorlach“

    Vor dem Start gehst du doch auch immer die Check-List durch, oder?

  5. Capt MacGyver | Nur fliegen ist schöner Says:

    […] Heimwerkerkönig kommt mir in den Sinn. Könnte passen, wenn ich an meine Erfahrungen mit meinem Abtropfgestell denke… Oder besser nicht. „Captain MacGyver“ grinse ich zurück „I need your […]

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