Der Sonne entgegen

Irgendwo über dem Nordatlantik. Mit vor Übermüdung geröteten Augen sitze ich im Cockpit und starre abwechselnd auf die Instrumente oder in die Nacht hinaus. Mit dem Kapitän habe ich längst das letzte interessante Thema ausdiskutiert. Der Rest ist Schweigen. Ab und zu unterbricht ein Funkspruch oder ein Fuelcheck die Monotonie. Sonst stört nur das Rauschen der Motoren die meditative Stille.

Vor mir hellt sich der Horizont etwas auf. Anfänglich kaum erkennbar, dann immer mehr. Aus schwarz wird allmählich blau. Schliesslich ist der Erdschatten deutlich zu erkennen, der die hinter uns herrschende Nacht vom vor uns liegenden, neuen Tag trennt.

Die Sterne sind längst verschwunden und auch die brillante Venus hat kapituliert. Der Horizont hat sich orange verfärbt. Die Farbschattierungen sind unglaublich. Über ein paar Wolkenbänken steigt die dünne Mondsichel auf, die genauso rasch verblasst, wie sie höher steigt. Bald ist Neumond.

Jetzt beginnen die Wolkenränder zu glühen. Immer heller wird das Feuer, bis schliesslich die Sonne mit strahlender Helligkeit durchbricht. Schnell ist die romantische Stimmung verflogen. Ich klappe alle Sonnenblenden herunter und setzte die Sonnenbrille auf. Trotzdem schmerzt das gleissende Licht in den müden Augen. Ich verkrieche mich im Schatten der Mittelstrebe der Windschutzscheiben und starre mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster.

600 Meter unter uns entdecke ich eine 777. Sie fliegt knapp über der nun schräg von oben beleuchteten und deshalb wieder dunklen Wolkenschicht Richtung Europa. Die hohe Luftfeuchtigkeit an der Wolkenobergrenze führt zu einem ungewöhnlich starken Kondensstreifen, in dem das Flugzeug beinahe verschwindet. Das Licht der noch tief stehenden Sonne wird von den Eiskristallen im Kondensstreifen gebrochen, so dass dieser in allen Farben des Regebogens schillert.

Da die 777 schneller fliegt als wir, ist der Spuk bald vorbei und nach dem kurzen Intermezzo fliegen wir wieder einsam der Sonne entgegen Richtung Heimat und Feierabend am Morgen…

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8 Antworten to “Der Sonne entgegen”

  1. TWR Mädel Says:

    Wow, superschöne Bilder, danke vilmol!

  2. Young Pilot Says:

    Das Bild mit dem „Regenbogenkondenstreifen“, einfach nur toll! Oder analog dem Blogtitel: „Nur fliegen ist schöner“

  3. Richi Says:

    Wieder einmal ein Kompliment an den Fotografen!

    Hiesse er nicht bereits Skypointer, würde ich ihn Rainbow Rider nennen.

  4. mexgeschichten Says:

    Manchmal beneide ich Euch.
    Und ganz besonders finde ich, dass trotz der Verantwortung und der anstregenden Arbeit immer noch der Sinn für solche Momente geblieben ist und sie mit uns „Erdlingen“ geteil werden. Danke !

  5. skypointer Says:

    Wäre ja noch schöner, wenn man einen der schönsten Berufe ausüben würde und dabei den Blick für das Schöne verlieren würde… Gern geschehen

  6. Ewald Says:

    Der Kommentar eines „Welschen“:

    Lieber Pilot,

    Eine Frage:

    Handelt es sich bei dieser Filmsequenz wirklich um einen Contrail. Bist Du sicher, dass das nicht ein Chemtrail ist?

    Ich weiss zwar kaum was ein Chemtrail ist. Das Problem hat aber in unserer Familie schon früher Diskussionen ausgelöst.

    Ich wäre stolz, wenn es Dir gelänge einen nachweislich ECHTEN Chemtrail zu fotographieren. Ich werde dann Deine Antwort weiterleiten.

    • skypointer Says:

      Hallo Ewald

      Na das musste ja kommen…

      Also schön der Reihe nach:
      1. Was Chemtrails sind sein sollen, kannst du hier nachlesen: Wikipedia
      2. Diese Dinger sind imaginär, inexistent, hirnrissig, doof… Übrigens: die Mondlandung ist ein Fake, das World Trade Center wurde von den Amis gesprengt und Elvis lebt… – you get the picture. Aber natürlich verbreite ich nur Lügen, will in Wahrheit die Menschheit vernichten und produziere deshalb selber Chemtrails… ]:->
      3. Natürlich gibt es echte Chemtrails. Unbestritten, unkntrovers, spektakulär, tödlich giftig, tief fliegend, brotlos. Es gibt unzählige Fotos davon. Leider nicht von mir und auch nicht auf den einschlägigen Websites. Hier eine kleine Kostprobe: Link oder Link
      4. Für mehr Fotos einfach bei Google nach „crop duster“ suchen

      Hoffe das hilft 😉

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