Babystress

Lange nichts mehr geschrieben! Der Grund? Nun ich war im Babystress. Ein Wunschkind war es zwar nicht gerade, aber ich habe mich, als ich davon erfuhr, auch nicht dagegen gesträubt. Bringt ja nichts…

Eigentlich habe ich mich sogar auf die bevorstehende Aufgabe gefreut. Allerdings brauchte ich, um für das Baby bereit zu sein, einiges an Vorbereitung. Wissen, das bereits vor Jahren als nie wieder mehr benötigt deklariert wurde, wollte wieder ausgegraben und ein ganzer Wust an spezialisierter Fachliteratur musste gesichtet werden. So studierte ich Anleitungen, Leitfäden, Ratgeber und Fragensammlungen, bis mir der Kopf schwirrte. Danach rief ich mir in Erinnerung, wie ich früher meine Babys pflegte und daraus erstellte ich ein Konzept zur Babybetreuung.

Am grossen Tag fuhr ich zum Flugplatz und nahm, nachdem ich den letzten Parkplatz im chronisch überfüllten Parkhaus gefunden hatte, mein Baby im Operationszentrum in Empfang. Es war ein Junge! Er schien zwar etwas nervös, aber sonst machte das Kerlchen einen ganz aufgeweckten Eindruck auf mich. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie man sich korrekt zum Dienst anmeldet begaben wir uns zum Planungsraum, wo wir zuerst einmal die Wetterberichte und die restlichen Planungsunterlagen besorgten.

Während der nächsten 45 Minuten führten wir eine Trockenplanung durch, damit die echte Planung dann etwas flotter von statten gehen konnte. Als der Kapitän schliesslich 90 Minuten vor Abflug erschien, hatten wir den gesamten Flug bereits im allen Aspekten vorwärts und rückwärts analysiert. Trotzdem bleib nach dem Kabinenbriefing noch viel zu besprechen und dank der üblichen, schier endlosen Kolonne an der Sicherheitskontrolle trafen wir gerade mal eine halbe Stunde vor Abflug im Cockpit ein. Stress pur für mein Baby und ehe es wusste, wie ihm geschah, zog es am Sidestick und riss zum ersten Mal in seinem Leben eine A330 mit Passagieren in die Luft.

Unterwegs nach Dubai diskutierten wir über „Flight Level 100 Päckli“, Fuel Checks, Eventualplanung, Terrain Awareness, Flight Follow-up, Descent Planning, Approach Briefings, Landeablauf und Bremsstrategie, während das arme Baby mit Köstlichkeiten aus der First Class vollgestopft wurde.

Kaum in Dubai gelandet ging der Stress von vorne los. Die Landung wollte kurz analysiert sein und danach musste das Flugzeug in 30 Minuten betankt und für den Weiterflug vorbereitet werden. Danach kam der Hüpfer nach Muscat. Ein Burj Khalifa, zwei FL 100 Päckli, ein Approach Briefing, ein Sandwich, ein Decent Planning und ein Anflug später landeten wir nach 40 Minuten im Oman.

Wieder mussten Checklisten gemacht und Papierkram erledigt werden. Dann wurde erneut die Landung analysiert, bevor wir uns mit unserem Baby ins wohlverdiente Bier begaben.

Anderntags stand eine kulinarische Einführung in die arabische Kultur und ein Überlebenstraining bei 46°C im Schatten statt, bevor ich mein Baby während drei Stunden mit Workflows, Takeoff und Approach Briefings, Flugplanung, Descent Strategien und weiteren Weisheiten aus dem Fliegerleben plagte, bis selbst ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand.

Nach etwas Sport, noch mehr arabischer Küche und einem Powernap, ging es dann via Dubai zurück nach Zürich. Dass sich dabei die Diskussion um Fuel Checks, Eventualplanung, Terrain Awareness, Flight Follow-up, Descent Planning, Approach Briefings, Landeablauf und Bremsstrategie drehte, dürfte mittlerweile jedem letzten klar sein.

Nachdem in Zürich auch die letzte Landung analysiert und der Papierkram eingeworfen war, verabschiedete ich mich von meinem Baby. Auf den Heimweg kreisten meine müden Gedanken um die Erkenntnis, dass sich ein verdammt grosser Haufen Wissen in einem kleinen Pilotenhirn versteckt und ich war heilfroh den beinahe allwissenden Instruktor spielen zu können, statt als junger Babypilot den ganzen Wissensberg noch verdauen zu müssen…

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5 Antworten to “Babystress”

  1. nff Says:

    Und wieder ist ein artiger, geschäftiger, seriöser, netter Copilot an die verruchte Langstreckenflotte verloren!
    Schade…

  2. skypointer Says:

    Wenn ich mir vor Augen führe, wer heute alles Kurzstreckenkapitän wird, dann wundert mich der Exodus auf die Langstrecke nicht… 😉

  3. Nff Says:

    … 1:0 für dich 🙂

  4. Johanniskirche Says:

    „Bremsstrategie“ – find ich gut!

    Was verbirgt sich dahinter?

  5. skypointer Says:

    Mit zu hoher Bremstemperatur (>300°C) dürfen wir nicht mehr starten.

    Da unsere A330-343 über keinen Ventilator zur Bremskühlung verfügt und die Bodenzeit in Dubai nur 45 Minuten beträgt (inklusive Rollzeei von und zur Piste), können die Bremsen bei der kurzen Standzeit (~30 Min) und der hohen Aussentemperatur (~35°C) nicht abkühlen.

    Es ist deshalb wichtig das Flugzeug nach der Landung so abzubremsen, dass die Bremstemperatur möglichst tief bleibt. Dazu gibt es verschiedene Strategieen: Sofort nach der Landung vollen Umkehrschub setzen; möglichst kurz landen; möglichst spät von der Piste weg; möglichst spät, dafür akzentuiert bremsen; falls die Bremsen noch warm sind, frühes Ausfahren des Fahrwerks im Anflug, etc.

    Falls die Temperatur trotzdem zu hoch ansteigt, kann man am Standplatz die Bremsen mit klimatisierter Luft kühlen lassen. Diesen ökonomischen und ökologischen Unsinn versuchen wir aber möglichst zu vermeiden…

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