Home Run

Die Nacht war stockdunkel und viel zu lang. Über Afghanistan tummelten sich zu allem Übel noch mehrere Gewitterzellen auf der Luftstrasse und wollten umflogen werden. Weil dort zudem alle Flugzeuge auf derselben Frequenz schreien, herrschte ein heilloses Durcheinander und der amerikanische Militärkontroller tönte völlig entnervt. Er wünschte sich wohl das ganze Pilotenpack zu Osama.

Später, bei den klingenden Namen Ashgabad und Turkmenabad, wollten dann alle sofort auf ihre optimale Flughöhe steigen. Also ging das Gestürm am Funk weiter, obwohl ein kurzer Blick auf das Kollisionswarnsystem die Unmöglichkeit des Unterfangens eindrücklich vor Augen geführt hätte. Die Kontroller trugen es mit wesentlich mehr Fassung als ihr amerikanischer Kollege. Inschallah!

Über Rumänien, wo einige Luftstrassen zusammenmünden, kamen noch ein paar Flugzeuge dazu. Diesmal stürmten, aber nicht die Piloten, die nun entweder ihre gewünschte Höhe erkämpft oder aufgegeben hatten, sondern der Kontroller. „Are you able to climb to FL 400? “Negative, to heavy.“ “Can you increase to Mach decimal 83?” “Negative” Fünf Minuten später: “Can you accept FL 400?” “Negative. Wie oft willst du noch fragen?“ „Can you increase your Mach?” „Negative. Bin eh schon zu früh in Zürich!“ Kurz darauf: „Can you accept higher level?“ „Herrgott! Fahr doch zu Osama! Negative. Unable higher and unable faster. Lass mich endlich in Ruhe, ich bin müde und habe keine Nerven für diesen Scheiss.

Der Kapitän schaut mich etwas schief an. Ich grinse ebenso schief zurück und sage: „Ich brauche wohl einen Kaffee. Willst Du auch einen? Ok. Your voice!“ Als ich ein paar Minuten später, wesentlich besser gelaunt und mit zwei dampfenden Kaffees in den Händen, das Cockpit wieder betrete, geht hinter uns gerade die Sonne auf. Über das sich lichtende Firmament ist haufenweise Aluminium verteilt und zieht Kondensstreifen hinter sich her. Diese zeigen alle auf denselben Fluchtpunkt irgendwo mitten in Mitteleuropa. Das Ziel nächtlicher Fliegerträume: Home sweet home und das eigene Bett…

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6 Antworten to “Home Run”

  1. nff Says:

    …komm auf die Kurzstrecke! Da kannst du JEDE Nacht in einem Bett schlafen 🙂

  2. skypointer Says:

    Das dauert wohl mindestens nochmals zwei Jahre… 😉

  3. fabianfett Says:

    Was für ein Bild. Da bekommt jeder nicht übernächtigte Student Zweifel, ob er nicht doch die falsche Entscheidung nach dem Abi getroffen hat.

  4. nightyhawk Says:

    Dieses Bild und ein dampfender Kaffee….. himmlisch!

  5. Johanniskirche Says:

    Klasse Titel!

  6. Dide Says:

    Gewisse Restriktionen können schon zu schaffen machen: „…Bin eh schon zu früh in Zürich…“

    mit Homebase Abu Dhabi gibts kein „zu früh“ – nur ein „zu spät“….

    Aber eben, Pilot kann einfach nicht alles haben

    Gruss
    Dide

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