Schulreise

Gestern war es endlich soweit! Ich durfte bei der amerikanischen Botschaft für ein neues Einreisevisum vorsprechen. Natürlich war ich nach der Erfahrung mit der Online Anmeldung etwas nervös und so habe ich mich nach dem Motto PPPPP (Proper Preparation Prevents Poor Performance) akribisch auf den Anlass vorbreitet.

Da wollte die Bestätigung meines Arbeitgebers einpackt sein. Ebenso das extra für diesen Anlass erstellte Passfoto. Natürlich durfte mein aktueller Pass genauso wenig fehlen, wie mein abgelaufener, in dem sich das zurzeit noch gültige US-Visum befindet. Zudem durfte weder die Bestätigung der bezahlten Visagebühr, noch das Adressierte und frankierte Antwortcouvert vergessen gehen. Am wichtigsten aber war der Strichcode, den ich bei meiner Online Anmeldung erhalten hatte. Fast noch wichtiger schien aber, was ich alles nicht mitbringen durfte! Dass Getränke, elektronische Geräte, wie Computer oder Mobiltelefone, sowie jegliche Art von Mappen, Handtaschen oder Rucksäcken verboten seien, erfuhr ich ja bereits bei meiner telefonischen Terminvereinbarung. Da ich diese Liste allerdings schon längst wieder vergessen hatte, war ich äusserst dankbar, dass ich das Ganze auf meinem eigenen Blog nachlesen konnte…

Da ich danach schon im Internet war, besuchte ich zur Sicherheit auch nochmals die Homepage der amerikanischen Botschaft. Es war ja durchaus denkbar, dass die Vorschriften seit meiner Anmeldung vor einem Monat angepasst wurden. Obwohl der Obama mittlerweile den Osama erwischt hat, musste ich so erfahren, dass auch das Mitführen von Waffen untersagt sei! Murrend begann ich also Kalaschnikow, Flammenwerfer und Panzerfaust wieder auszupacken…

So völlig unbewaffnet fühlte ich mich aber nackt und mir wurde bewusst, dass ich die Reise nach Bern ohne psychischen Beistand kaum überstehen würde. Deshalb fragte ich meinen Vater, ob er Lust hätte mich auf meinem Ausflug zu begleiten. Obwohl als Rentner eigentlich nie abkömmlich, konnte er mir, dank diversen Terminverschiebungen, die gewünschte Unterstützung leisten und so sassen wir schon bald im Zug nach Bern.

Da man zu so einem wichtigen Termin immer verpflegt zu erscheinen hat, begaben wir uns, nach der Ankunft in Bern und dem Rekognoszieren des Botschaftsstandortes, zuerst ins alte Tramdepot beim Bärengraben. Hier konnte ich mich nicht nur für die bevorstehende Odyssee stärken, sondern das vor Ort gebraute Bier eignet sich auch hervorragend zum Antrinken von Mut! Danach ging es leicht angeheitert zurück Richtung Botschaft. Auf der Bundesterrasse, unmittelbar vor dem Schweizer Parlamentsgebäude, liess ich meinen Vater, zusammen mit meinem mit Getränken, Computern und Handys gefüllten Rucksack, auf einer Parkbank zurück. Ebenso deponierte ich das Sturmgewehr, den Minenwerfer und den Sprengstoffgürtel, bevor ich mich zur Höhle des Löwen begab.

Dort Angekommen erkannte ich zu meiner Erleichterung etwa 15 Firmenkolleginnen und Kollegen, die sich an der Türe zur Botschaft die Nase platt drückten. Nach einer kurzen Begrüssung und dem Austausch von einigen zynischen Bemerkungen zur allgemeinen Lage, warteten wir gemeinsam auf Einlass. Dieser wurde der ersten Kollegin um 14:10, also zehn Minuten nach meinem Termin, gewährt. Danach verschlang die Türe im Minutentakt weitere Wartende, bis ich um 14:20 ebenfalls eintreten durfte.

Als ich mich ans Schummerlicht gewöhnt hatte, erblickte mein Auge eine mir wohlbekannte Sicherheitskontrolle. Nachdem ich alle Taschen geleert, die Uhr und den Gurt abgelegt und alle subversiven Gedanken verdrängt hatte, trat ich durch den Metalldetektor. Obwohl dieser nicht pfiff, wurde ich danach nochmals von Hand abgetastet, bevor mir erklärt wurde, dass ich mich nun die Treppe hinunter und dann nach rechts zu begeben hätte. Als ich den Gürtel und die Uhr wieder anziehen wollte, wurde mir bedeutet ich solle damit noch warten, da ich gleich nochmals untersucht würde.

Unten angekommen fand ich tatsächlich einen weiteren Metalldetektor, den ich zur allgemeinen Überraschung ebenso problemlos passierte. Diesmal durfte ich Gürtel und Uhr wieder anziehen und dann wurde ich einen Korridor entlang gewiesen, an dessen Ende ich ein freudiges Wiedersehen mit meinen Kolleginnen und Kollegen feiern durfte. Sie standen in einer Warteschlange vor einem Schalter, hinter dem eine nette Dame, die Berndeutsch sprach, die Dokumente der Antragsteller auf Vollständigkeit prüfte. Während der Wartezeit schaute ich mich etwas im Korridor um. Ich entdeckte ein Poster mit einem Portrait von Martin Luther King, unter dem stand: „Freedom… at last!“ Ich schubste den vor mir stehenden Kollegen, zeigte auf das Poster und sagte „Sarkasmus habe ich den Amis gar nicht zugetraut!“

Als meine Dokumente am Schalter geprüft und für gut befunden wurden, stand ich erneut in einer Warteschlange hinter meinen Kollegen. Diesmal besass der Schalter eine dicke Panzerscheibe, was wohl der Grund dafür war, dass sich der dahinter arbeitende Amerikaner so nahe an die davor stehenden Ausländer wagte. Hier wurden mir, mit dem aus dem Einreiseverfahren in die USA wohlbekannten Scanner, die Fingerabdrücke genommen und danach wurde ich aufgefordert mich hinzusetzen und zu warten, bis mein Name aufgerufen würde.

Kaum hatte ich mich gesetzt, wurde ich schon an einen dritten, ebenfalls mit Panzerglas und Amerikaner bestückten Schalter gerufen. Hier musste ich mich zuerst mittels Fingerabdruck identifizieren, bevor ich gefragt wurde, ob ich Pilot oder Cabin Crew sei und wie lange ich schon bei Swiss arbeite. Danach wurde mir beschieden, dass ich am Donnerstag meinen Pass mit dem neuen Visum zurückerhalten würde.

Völlig verdattert verliess ich um 14:40, genau zwanzig Minuten nach meinem Eintritt, die US-Botschaft wieder. Während ich mich noch fragte, warum genau ich nun in Bern antraben musste, erreichte ich die Bundesterrasse, wo ich meinen wartenden Vater mit dem deponierten Material noch genauso vorfand, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Danach begaben wir uns zum Bahnhof und fanden uns alsbald im Zug nach Zürich wieder, wo wir auf dem Rückweg hinter einem Bier die aufwühlenden Erlebnisse unserer kleinen Schulreise Revue passieren liessen.

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6 Antworten to “Schulreise”

  1. Severin Says:

    Schwein gehabt! Als ich das Vergnügen hatte dauerte der ganze Zirkus gut und gerne 2h… Rekordverdächtig deine Zeit…

  2. Daniel Says:

    blöde Frage: Was macht ein Pilot ohne Pass? Alpenrundflüge?
    Es könnte ja auch mal länger als 2-3 Tage dauern…

  3. skypointer Says:

    @Severin
    Ich bin eben auch ein besonders pflegeleichter… 😉

    @Daniel
    Bei dummen wie mir ist das einfach: wir instruieren Simulator. Beim Rest plant die Firma den Visatermin am ersten Freitag nach einer Rotation. So hat der Pass noch 2-3 Tage Zeit einzutreffen.

  4. Tweety Says:

    Ich glaube ja, daß dieses Verfahren auf Dauer zu umständlich und teuer ist.
    Die nähere Zukunft wird wohl sein, daß ein Flugzeug zum terretorialen Gebiet seines Heimatstandortes erklärt wird und der Crew künftig untersagt wird, dieses bis zum Verlassen der USA zu verlassen!

    Längerfristig kommen dann die unbemannten Passagierdronen, der Backup-Pilot verbleibt zum Glück gleich in der Heimat. Dann allerdings stellt sich wider die Frage:Braucht dieser dann doch wieder ein Visum weil er sich ja via Datenfunkwellen virtuell im Gelobten Land aufhällt?

  5. skypointer Says:

    @Tweety
    Ich sehe Du hast den nötigen Weitblick! Das Flugzeug gilt übrigens schon heute als territoriales Gebiet des Landes seiner Immatrikulation. Zumindest ab dem Zeitpunkt des Türschliessens vor dem Abflug, bis zur Türöffnung an der Destination.

    Das Ganze ist also ganz einfach: Ohne Visum in die USA fliegen? Kein Problem! Man darf in New York, Boston, Chicago, Miami, San Francisco oder L.A. einfach die Türen nicht öffnen…

    Der Vorteil dabei ist, dass das Thema Visum gleichzeitig auch für alle mitgebrachten Passagiere gelöst ist. Genial!

    Der Backuppilot am Boden müsste dann allerdings Amerikaner sein…

  6. Tweety Says:

    Nur Amerikaner dürfen Flugdrohnen in den USA landen… Langsam durchblicke ich ihren großen Plan!

    Sie mögen dumm wie die Schafe sein, aber von Buissness verstehen sie was 🙂

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