Das gelobte Land

Im gelobten Land will man nicht jeden. Das ist ja auch verständlich. Touristen sind zwar willkommen ihr Geld auszugeben, spätestens nach drei Monaten sollen aber selbst die reichsten wieder ausreisen. Wenn jemand jedoch aus anderen Gründen ins gelobte Land reisen will, etwa in Ausübung seines Berufes, dann ist das höchst suspekt! Deshalb muss eine solche Person zuerst einmal beweisen, dass sie einen makellosen Leumund hat und im gelobten Land nichts Illegales im Schilde führt oder, bewahre Gott, sogar vor hat dort zu bleiben. Dass dieser Beweis nicht ganz einfach ist, dürfte jedem klar sein.

Aber um was geht es eigentlich? Um ein Visum natürlich und das gelobte Land ist weder das biblische noch das wahre – für Ahnungslose: das Appenzellerland – sondern das vermeintliche, das mit dem Namen United States of America oder kurz USA. Welch hohe Meinung Uncle Sam von sich selbst hat, lässt sich schon daran erkennen, dass die Amis die einzigen sind, die von Flugbesatzungen aus Europa ein Einreisevisum verlangen. Im ganzen Rest der zivilisierten und unzivilisierten Welt ist dies heutzutage nicht mehr nötig.

Ein solches Visum gilt zehn Jahre und mein aktuelles läuft bald aus. Also steht die Erneuerung an. Während es vor zehn Jahren noch reichte ein einseitiges Antragsformular, zusammen mit dem Pass, ans Amerikanische Konsulat in Zürich zu senden, wurde in der Zwischenzeit die Bürokratie perfektioniert. So umfasst heute die Anleitung meiner Firma, mit allen für einen reibungslosen Erneuerungsprozess unerlässlichen Punkten, sage und schreibe siebzehn A4 Seiten!

Nach dem Studium dieser Dokumentation und dem firmengesponserten Erstellen eines digitalen Passfotos, wagte ich mich gestern ans Ausfüllen des Online Antragsformulars. Dieses umfasst 8 Rubriken und der Antragsteller hat 20 Minuten Zeit diese auszufüllen, bevor er automatisch aus dem Antragssystem verbannt wird. Nichts für langsame Denker also. Natürlich bekommt man netterweise zu Beginn einen Einwahlcode, mit dem der einmal begonnene und automatisch beendete Antragsprozesses fortgesetzt werden kann. Alle vor der unfreiwilligen Verbannung beendeten Rubriken bleiben dabei erhalten, während die Eingaben, in der zum Zeitpunkt des Rausschmisses in Arbeit befindlichen Rubrik, verloren sind. Alles klar?

Meine Personalien konnte ich innerhalb der vorgegebenen Zeit eingeben und speichern. Danach kam die Frage nach Datum und Dauer meiner letzten fünf US Besuche. Während ich fieberhaft mein Flugbuch durchforstete, fiel zum ersten Mal die Zeitguillotine. Besser Vorbereitet trat ich zum zweiten Versuch an und konnte tatsächlich diese und die folgenden zwei Rubriken mit Erfolg abschliessen, bevor ich zum zweiten Mal aus dem System gekickt wurde…

Mittlerweile war ich in der Rubrik Work/Education/Training Information angelangt. Nachdem ich die Adresse meines Brötchengebers eingegeben hatte, musste ich Auskunft über alle höheren Schulabschlüsse und Weiterbildungen geben. Fachrichtung, Datum und Adressen der Institute waren da gefragt. Während ich diese Daten zusammentrug flog ich zum dritten Mal aus dem System.

Minutiös vorbereitet trat ich zum vierten Versuch an. Nochmals Brötchengeber eintippen, danach Kantonsschule, Uni und Pilotenschule. Uff. Geschafft. Sofort speichern! Oha, geht nicht. Aha die Rubrik geht noch weiter: „List all countries you have travelled to in the last five years“ – Was für eine Scheisse ist das denn? Hey, ich bin Pilot! Das sind bestimmt über fünfzig! Zudem ist es nicht möglich einfach „ganz Europa“ zu schreiben, da die Länder einzeln aus einer Liste angewählt werden müssen. Danach muss „add new“ gedrückt werden, bevor das nächste Land angeklickt werden kann…

Beim Buschstaben P, zwischen Polen und Portugal, fliege ich zum vierten Mal aus dem System. Mittlerweile echt genervt, wähle ich mich erneut ein. Brötchengeber, Kantonsschule, Uni, Pilotenschule eintippen. Danach die Länderliste: von A wie Argentinien bis, man glaubt es kaum, U wie die verfluchten United States of America. Endlich. Nun aber sofort speichern! Hä? Geht nicht? Was fehlt denn jetzt noch? Herrgott, die Militärische Erfahrung! Während ich noch mit meinem Schicksal hadere, fliege ich zu fünften Mal aus dem System!

Wieder steht Vorbereitung an: Das Dienstbüchlein hilft beim Eruieren von Daten und Einteilungen. Danach geht es erneut los: Brötchengeber, Kantonsschule, Uni, Pilotenschule. Kleine Weltkunde. Und nun zur militärischen Erfahrung: Waffengattung, Rang, Einteilung und Funktion. Sehr gut. Doch plötzlich stutze ich: „Do you have specialized training including nuclear, biological or chemical substances?” Mein Gott, ja. Ich habe doch soeben geschrieben, dass ich NBC Defense Officer bin. Na wofür steht „NBC“ wohl?! Wenn das nur keine Probleme gibt! Während ich noch nachdenke was ich nun schreiben soll, fliege ich zum sechsten Mal aus dem System…

Jetzt brauche ich zuerst einmal einen Kaffee. Danach wähle ich mich zum x-ten Mal ein. Brötchengeber, Kantonsschule, Uni, Pilotenschule, Geographielektion, Infanterie, Artillerie, Panzertruppen und, wahrheitsgetreu, NBC Abwehr. Sogar das Speichern funktioniert. Kurz danach fliege ich zum siebten Mal aus dem System. Aber das gröbste habe ich nun hinter mir. Nach erneutem Einwählen muss ich noch die üblichen hirnrissigen Fragen beantworten. Ob ich Kriegsverbrecher sei, jemals an Folter beteiligt gewesen sei, Drogenhandel betreibe oder Onkel Sam zur Prostitution verleiten wolle… Danach habe ich, nach knapp drei Stunden, das Antragsprocedere mit Erfolg hinter mich gebracht.

Klar, dass es mit einer so oberflächlichen Onlinebefragung nicht getan ist. Vielmehr muss jeder Antragsteller persönlich zu einem Interview in der amerikanischen Botschaft in Bern erscheinen. Der Termin dafür muss telefonisch über eine 0900 Nummer vereinbart werden. Zu Beginn des Anrufes wird mir mitgeteilt, dass der Anruf 2.50 Franken pro Minute kostet. Danach die Frage, ob ich trotzdem weitermachen wolle? Na was bleibt mir den anderes übrig??? Also weiter. Nun wird mir während der nächsten fünf Minuten der Online Fragebogen erklärt, den ich vorgängig auszufüllen hätte. Zu meiner Überraschung tönt das relativ einfach – ganz im Gegensatz zu meiner gerade durchlebten Erfahrung. Jetzt darf ich mir anhören, dass das Telefonat zwecks Qualitätsverbesserung aufgezeichnet wird, bevor sich eine nette Dame meldet und fragt ob ich wirklich sicher sei, dass ich den Onlinefragebogen ausgefüllt hätte. Man kann sich vorstellen, dass meine Antwort nicht besonders freundlich ausfällt…

Danach muss ich meinen Online Einwahlcode angeben, den ich ja mittlerweile auswendig kenne. Nachdem die Dame nun meine Personalien vor sich hat, fragt sie nach Name, Vorname, Geburtsdatum und Passnummer, kontrolliert alles und buchstabiert diese Angaben in vollendeter Gemütlichkeit zurück. Nun muss ich Telefonnummer und E-Mail Adresse bekanntgeben und ich werde über die zum Interview mitzubringenden Dokumente aufgeklärt. Zuletzt darf ich mir noch anhören, dass das Mitbringen von Getränken und elektronische Geräten, wie Computern oder Mobiltelefonen, sowie jeglicher Art von Mappen, Handtaschen oder Rucksäcken verboten sei. Nach etwa zehn Minuten und nachdem ich circa 25 Franken zur Sanierung des amerikanischen Staatsdefizits beigetragen habe, teilt mir die Dame schliesslich meinen Interviewtermin zu…

Nun freue ich mich auf das Plauderstündchen mit Onkel Sam und hoffe, dass mir nicht wegen meiner militärischen Ausbildung oder meiner in diesem Blogbeitrag zu Tage tretenden, subversiven Haltung das Visum verweigert wird…

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14 Antworten to “Das gelobte Land”

  1. Financial Michael Says:

    Ich lese den Blog sehr gerne, meistens ohne etwas zu kommentieren.

    Tja, die Amis haben anscheinend ziemlich interessante Ideen, besonders die, wie man die Staatskasse saniert.

    1) Man spart bei der Erstellung des Antragsformulars
    2) Kostenpflichtige Hotline.

    Guter Beitrag, hat mich (und meine Frau) sehr amüsiert.

  2. skypointer Says:

    Freut mich, wenn die Geschichte wenigstens noch einen positiven Effekt hat… 😀

  3. T-bor Says:

    Nimm dir nen Buch mit. (wenn das erlaubt ist)
    Vor 4 jahren musste meine Freundin auch nen Visum für die USA beantragen und es hat 5 stundengedauert für ne halbe Stunde Bürokratie.
    Aber ich hoffe für dich das das bei dir nicht so ablaufen wird.
    Gratulation auch zu deinem Blog. Ich lese ihn seit ca. 5 Monaten und freue mich immer wieder auf neue Berichte! (vielleicht mal mit nem paar Cockpit fotos)

    LG T-bor

  4. Severin Says:

    Als ich das Visum beantragen musste liess Swiss noch keinen müden Rappen springen für ein Passfoto. Insofern könnte man fast sagen dein Visum lauft in der richtigen Zeit aus, lucky you. Aber eben solch ein Visaprozedere sollte eigentlich niemandem zugemutet werden. Bücher brauchst du wohl kaum, da bestimmt an die 10 weitere Leidensgenossen der Firma anwesend sein und von ihrer Freizeit abgehalten werden… Und Gesprächsstoff hast du mit Beschwerden über die US-Botschaft genug.
    Freue mich auf die Beschreibung der geistreichen Fragen der noch geistreicheren US-Botschaft…

    Was wünscht man da? Ruhig Blut?

    Grüsse, Severin

  5. skypointer Says:

    Ein Buch. Genau! Aber welches? Hier ein zwei passende Vorschläge:

    American Privacy: The 400-Year History of Our Most Contested Right
    – “Frederick Lane’s timely and lucid history lays bare how attacks on privacy by government and industry threaten democracy itself.“

    Nothing to Hide: The False Tradeoff between Privacy and Security
    – „In this concise and accessible book, Solove exposes the fallacies of many pro-security arguments that have skewed law and policy to favor security at the expense of privacy.“

  6. Richi Says:

    Heiliger Brimborius!
    Freiheit! Demokratie – wie werden diese Werte doch hochgehalten in „God’s own country“.
    Die beiden vorgeschlagenen Bücher sind wohl genau der richtige Vorzimmer Lesestoff.
    Alle stehen wir unter Generalverdacht; jeder ist verdächtig – jeder wird wie ein Verbrecher behandelt! Insbesondere die Piloten, wie man dieser surrealen Lektüre entnimmt.

    Der Botschafter dürfte wohl im Zweifel für den Angeklagten entscheiden, wenn du ihm die Ehre erweist, auch wenn offenbar Onkel Sam himself in dubio nicht pro reo ist…

  7. GR Says:

    Die Kioskbesitzer in Frankfurt haben sich darauf spezialisiert, den Besuchern der Botschaft zumindest das Elektronikproblem abzunehmen – wer möchte gerne bei einer (Dienst)reise sein Handy zu Hause lassen?

    Und so zahlt man zwei Euro und die netten Kioskbesitzer verwahren unweit der Botschaft Telefon etc.

    –> Marktlücke gefunden 😉

  8. cirrus Says:

    Die seltsamen Gebaren der Perfektionisten des cholerischen Schwachsinns sind inzwischen global bekannt. Seltsam ist der merkwürdige Trieb der Masochisten, sich diesen Irrsinn immer noch anzutun. Ich glaube fast, dass selbst die Zwangssterilisation ohne Betäubung bei Einriese nicht ausreichen würde, um 100% Abschreckung zu erreichen.
    Was gibt es nur in diesem Land, das es immer noch so viele Menschen dorthin zieht? Zugegeben, für einen Piloten bringt es ggf. Probleme mit sich, wenn er nicht mehr die USA anfliegen darf, jedoch frage ich mich was denn passiert, wenn der Pilot dem Arbeitgeber erklärt, dass er aus unbekannter Ursache kein neues Visum bekommen hat, sei es nun, weil er sich diesen Schwachsinn nicht mehr antun wollte oder weil die Hirnkranken befürchten, dass sein Fußpilz ansteckend ist?
    Ich finde es wäre für die Welt das Beste, wenn sich die Deutschen und die Chinesen mit ihren Erfahrungen im Bau von sicheren Mauern zusammentäten und die Bekloppten einmauerten. Dann könnte sich die Dummheit nicht mehr weiter über den Planeten ausbreiten, sie könnten sich endlich wieder nur selber mit ihrem Kriegsspielzeug umbringen, was ein weiterer Beitrag zur globalen Hygiene wäre und es wäre gleich viel friedlicher auf diesem Planeten. Den Blöden selber würde es wahrscheinlich nicht mal auffallen. Immerhin sitzen eh schon 10% im Knast und in 20 Jahren würden sie die Mauer vermutlich anbeten, weil es da einzige Bauwerk ist, das nicht bei Windstärke 5 wieder zusammenfällt.

  9. skypointer Says:

    Wir wollen Mal nicht überteiben. 😉 Wir könnten ja damit beginnen in Europa die selben Visabedingungen für Amerikaner einzufüren, wie umgekehrt. Das würde sicher die mässigend auf die US Praxis wirken… Aber dafür fehlt Europa bestimmt der Mut 😦 Also wollen wir nicht mit Steinen werfen, wenn wir selber im Glashaus sitzten oder so…

  10. G! Says:

    Dass das Visum für Crews und die Einreiseformalitäten ich nenn es – diplomatisch ausgedrückt – einfach mal „mühsam“ ist, steht ausser Frage. Nichts desto trotz ist des eines der grossartigsten Länder, die wir anfliegen. Die Liste der (einreisemässig) mühsameren, gefährlicheren, weit weniger sehenswerteren etc. etc. etc. Länder [nicht nur in unserem Streckennetz] ist endlos lange!

    • cirrus Says:

      >> Nichts desto trotz ist des eines der grossartigsten Länder, die wir anfliegen..
      Gerechter Gott! Bei welcher Airline arbeitest Du? PAN Hell? Air Hades? 😉

  11. fred Says:

    das ist wirklich ungeheuerlich.
    es ist schon erstaunlich, mit welcher gelassenheit du das hinnimmst.
    am besten man boykottiert dieses mit abstand duemmste land der welt.
    ich bezahle gerne mehr, wenn ich z.b. nach suedamerika fliege, nur damit ich dort nicht landen muss…

  12. flup2 Says:

    Hi Skypointer,

    ich kenne die „unendliche Geschichte“ ja schon, aber beim Durchlesen, fragt man sich wirklich, ob die Amis noch bei Sinnen sind und vor allem, warum sich die restliche Welt eine solche Schikane bieten lässt und kaum darauf reagiert. Vielleicht solltest Du den Link dieses Beitrages mal der amerikanischen Botschaft zum Studium senden. Ihre Antwort darauf würde mich brennend interessieren.

    Gruss Flup

  13. Schulreise « Nur fliegen ist schöner Says:

    […] der amerikanischen Botschaft für ein neues Einreisevisum vorsprechen. Natürlich war ich nach der Erfahrung mit der Online Anmeldung etwas nervös und so habe ich mich nach dem Motto PPPPP (Proper Preparation Prevents Poor […]

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