Katastrophal

Erdbeben, Tsunami und Atomkrise in Japan. Politische Interessegruppen wittern Morgenluft und versuchen auf den tragischen Geschehnissen ihr eigenes Süppchen zu kochen.

So verlangen ein paar Genies vom Aargauer Verein «Gekröpfter Nordanflug Nein» eine Flugverbotszone über Atomanlagen. Natürlich hat das nichts damit zu tun, dass damit auch der Flugverkehr über dem eigenen Dach wegfiele. Ich bin jedenfalls froh, dass ich den lebensgefährlichen Überflug des Kernkraftwerks Leibstadt gestern überlebt habe!

 

Falls der Aargauer Vorstoss erfolgreich sein sollte, dürfte sich der Verein „Flugschneise Süd – NEIN“ wohl bald für den Bau eines neuen Kernkraftwerks in Gockhausen stark machen… Allerdings geht der Trend zurzeit wohl eher in die andere Richtung. Die Vorfälle in Fukushima liefern den langjährigen Kernkraftgegnern hervorragende Munition für ihren bisher vergeblichen Kampf. Auch die vereinte Presse stösst ins gleiche Horn hilft Panik schüren. In diesem Klima bleibt natürlich kein Platz für überlegtes Handeln. Da findet selbst im völlig ungefährdeten Europa ein kopfloser Run auf Jodtabletten statt.

„Stecker raus bei Mühleberg!“ wird gefordert. Schliesslich sei dieses Kernkraftwerk baugleich mit jenem in Fukushima und damit gefährlich. Das macht etwa gleich viel Sinn, wie wenn man nach dem Air-France Absturz 2009 im Südatlantik sofort sämtliche Airbus A330 stillgelegt und den Ausstieg aus der Luftfahrt vorbereitet hätte. In der Aviatik  hat man sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass man zuerst die Ursachen, welche zu einem Unfall führten, analysiert und danach daraus die richtigen Massnahmen ableitet und umsetzt. Die Reihenfolge ist dabei ebenso wesentlich, wie ein vertrauenswürdiges Kontrollorgan.

Vor dem Hintergrund, dass die Betreiberfirma von Fukushima mittlerweile zugegeben hat, dass sie bei der Wartung gepfuscht und Schadensberichte gefälscht hat, muss die Frage erlaubt sein, ob das Problem, statt in der Beherrschbarkeit der Kernenergie, nicht eher bei der mangelhaften Aufsicht über diese Technik besteht. Bevor man also das Kind mit dem Bad ausschüttet, sollten unsere Politiker besser überprüfen, ob die Kontrollorgane den Betreibern der Kernkraftwerke genügend auf die Finger schauen.

Aber das ist nicht sexy. Die Anti-Atom Lobby fordert lieber den sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft – ein Zug auf den aufgeschreckte, um ihre Wiederwahl fürchtende Politiker nur allzu gerne aufspringen. Wie 40% des schweizerischen Strombedarfes in Zukunft ohne Kernkraft abgedeckt werden sollen, bleibt dabei schleierhaft. Dieselben Kreise, die gegen die Kernkraft Stimmung machen, stemmen sich nämlich ebenso gegen den Ausbau der Wasserkraft und bekämpfen die Verschandelung der Landschaft mit Windturbinen. Stattdessen wollen unsere Politiker nun Gaskraftwerke bauen. Während der kleine Hausbesitzer angehalten wird seine Ölheizung durch eine klimaneutrale Wärmepumpe zu ersetzen, soll der Strom dafür mit CO2-schleudernden Gaskraftwerken produziert werden. Fairerweise muss man sagen, dass die Umweltverbände auch dagegen opponieren. Das ist löblich und auch kein Problem, denn schliesslich kommt der Strom ja aus der Steckdose…

 

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7 Antworten to “Katastrophal”

  1. Richi Says:

    By Richi, 26. März 2011 @ 21:15

    ja, stimmt schon; die Tendenz zu Überreaktionen ist gegeben.

    Trotzdem hätte ich da zwei Einwände:

    In Fukushima wurden offensichtlich Schadensberichte gefälscht und bei der Wartung wurde gepfuscht. Nur, in welchem Ausmass? Das ist die Frage:
    Denn wären diese Schadensberichte ungefälscht dokumentiert worden; wäre die Wartung “ohne Pfusch” verlaufen: Hätte das Atomkraftwerk dem Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami unbeschadet standgehalten?

    Der Vergleich mit dem im Atlantik abgestürzten Air France Airbus A330 ist bestimmt nicht schlecht, hinkt jedoch nach meinem Dafürhalten.
    Wieso?
    Weil dieser Absturz eine grosse Tragödie ist, mit entsprechendem Nachhall und grossem Echo in sämtlichen Kanälen, und weil diese Katastrophe heutzutags zu einer fernen Erinnerung verblasst ist: wie so manches Unglück von dem wir aus den Medien erfahren.
    Jedoch ein über Jahrzehnte verseuchtes Meer hat der gecrashte Airbus nicht hinterlassen, mit all den Halbwertszeiten, mit all den möglichen Folgen für die Nahrungskette. Die ruinösen Folgen eines GAU’s für eine ganze Volkswirtschaft wie sie sich in Japan abzuzeichnen drohen…

    Die Folgen des Air France Absturzes waren fatal, KATASTROPHAL, ohne Zweifel.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass in diesem Fall eher Äpfel mit Birnen verglichen werden.

  2. skypointer Says:

    Ich pflichte Dir bei beiden Einwänden voll bei!

    Die Frage, was ohne Pfusch und Fälscherei gewesen wäre, muss untersucht und beantwortet werden. Danach müssen die Konsequenzen abgeleitet und umgesetzt werden. Diese könnten von verschärften Kontrollen einer wirklich unabhängigen Stelle, über verschärfte Vorschriften, bis zum Verbot der Kernenergie in gewissen gefährdeten Gegenden reichen. Auch ein vollständiger Ausstieg aus der Kernenergie könnte natürlich die Konsequenz sein, der Ausgang einer solchen Untersuchung sollte aber bis zu deren Abschluss offen bleiben und ich wehre mich gegen die voreilige Verurteilung sämtlicher Kernenergieanlagen und Betreiber, die zurzeit im Gange ist!

    Im obigen Beitrag wollte ich nicht die Folgen des Air France Absturzes mit jenen von Fukushima vergleichen, sondern die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Presse auf diese Unfälle. Natürlich ist die Gefährdung, die von Fukushima ausgeht, gerade wegen der Grossräumigkeit und der Langlebigkeit der freigesetzten radioaktiven Elemente, ungemein grösser. Der Vergleich sollte nur zeigen, wie voreilig und unfundiert die zum Teil sehr emotional Reaktionen hierzulande sind und zu was für unsinnigen Forderungen diese führen. Zudem bildet der Vergleich den Aufhänger zur Erklärung, wie eine seriöse Unfalluntersuchung geführt werden sollte.

  3. Dr. Christian Schrader Says:

    Ich muß Richi zustimmen: Die Folgen eines Gaus sind ungleich gravierender und lang anhaltender, als die eines Flugzeugabsturzes.

    @Deckung des Energiebedarfs:

    In den fünziger Jahren soll der Bundeskanzler Adenauer den damaligen RWE-Chef im Bundestag als „Vaterlandsverräter“ beschimpft haben. Grund war, daß die RWE keine Atomkraftwerke bauen wollte.

    Meine Eltern bekamen Anfang der sechziger das Buch „Wetall-Erde-Mensch“ geschenkt. In diesem Buch waren allerlei Technik-Visionen der damaligen Zeit beschrieben; u.a. von Gezeitenkraftwerken und ähnlichen hübschen, heute „erneuerbar“ genannten, Energien. Die Vermutung liegt nahe, daß die politisch massiv gepuschte Atomkraft hier eine Entwicklung blockiert hat. Jetzt ist guter Rat teuer.

    Um weiter bei den Fakten zu bleiben: Die Entsorgungsfrage ist nach wie vor ungeklärt bei den Akw. Ich nehme mal an, daß bei einem Swiss-Flug vorher geklärt wird, wo und was man mit den während des Flugs anfallenden Abfällen und Abwässern macht. Genau dies ist aber bei den Akw noch nicht der Fall; in Deutschland sucht man noch heute ein Endlager!

    Wenn man sich mal anschaut, was eine harmlose Erdwärmebohrung in Staufen (Baden-Württemberg) ausgelöst hat, sollte man sich schon überlegen, ob die Risiken/Technik so beherrschbar ist, wie man gerne annimmt (Stichwort Co2-Verpressung/CCs-Tecnologie).

  4. skypointer Says:

    @Dr. Christian Schrader
    Im ersten Punkt sind wir uns völlig einig. Siehe mein Kommentar oben.

    @Deckung des Energiebedarfes
    Ich kenne mich in der Deutschen Energiepolitik nicht genügend gut aus um hier etwas brauchbares beizutragen. Schuldzuweisungen bringen aber heute niemanden weiter. Ob Science-Fiction aus den 60er Jahren die heutigen Probleme lösen könnte, wage ich übrigens zu bezweifeln, obwohl ich bekennender Fan von „2001: A Space Odyssey“ aus dem Jahre 1968 bin… 😉 In der Schweiz werden jedenfalls sicher nie Gezeitenkraftwerke gebaut. Bleibt Wasser, Wind, Sonne, Biogas oder fossile Brennstoffe. Mit Geothermie haben wir Schweizer in Basel, genau ihr in Baden-Württemberg ein Erdbeben verursacht. Scheint also nicht die beste Idee zu sein.

    @Entsorgung
    Meines Wissens wurde, zumindest im Geothermie-Versuch in Basel, unter hohem Druck Wasser in tiefe Erdschichten gepresst. Das ist also nicht direkt mit den Bedürfnissen für eine Endlagerstätte für radioaktives Material vergleichbar. Die radioaktive Endlagerung scheit heute technisch einigermassen gelöst (http://www.nagra.ch/g3.cms/s_page/77610/s_name/wieentsorgen). Das Ganze ist wohl eher ein politisches Problem. Aber ich bin vollkomen einverstanden, dass man die Forschungsergebnisse, die auf diesem Gebiet in den letzten Jahren gesammelt wurden, nach den Ereignissen in Japan nochmals kritisch überprüft. Eventuell muss da noch einiges revidiert werden. Da ich selber in einer der Regionen wohne, die in der Schweiz für eine mögliche Endlagerstätte ins Auge gefasst werden, ist diese Forderung natürlich nicht ganz uneigennützig.

    Das Problem mit den Abwässern und Abfällen ist in der Fiegerei übrigens tatsächlich einigermassen gelöst. Das mit den Abgasen allerdings nicht – die gehen einfach in die Luft… Ooops.

  5. Window In The Skies » Blog Archive » Sleepless Says:

    […] schrecklichen Ereignisse in Japan haben nicht nur politisch schwachsinnige Konsequenzen (Kollege Skypointer hat dazu alles gesagt, was gesagt werden muss), sondern auch meinen Einsatzplan leicht verändert: statt Sushi in NRT hiess es Standby in ZRH. […]

  6. ilse Says:

    Ein Beitrag wäre es, den Stromverbrauch zu drosseln, aber das hören ja nicht mal AKW-Gegner gern. Und wo die Möglichkeit des Pfuschs besteht, kann eben gepfuscht werden, auch in der Schweiz!

  7. skypointer Says:

    40% Strom einsparen? Daran glauben eben nicht einmal die grössten Optimisten…

    Beim Pfusch stimme ich Dir bei. Um so sicherer muss gebaut und um so eingehender muss überprüft werden, damit die Möglichkeit des Pfuschs möglichst ausgeschlossen wird.

    Genügend Sicherheitsbarrieren sind ebenfalls nötig. Denn nicht nur Pfusch, sondern auch menschliches Versagen kann nicht zu 100% ausgeschlossen werden.

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