Jungkapitän

Spätestens als mein Kapitän vor der Startbahn meinte ich sollte die Schubhebel beim Takeoff selber bedienen, hätte ich merken müssen, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Einen so eklatanten Verstoss gegen unsere Verfahren hatte ich in meiner ganzen Karriere noch nicht erlebt. Mit dem Hinweis, dass dies eindeutig die Pflicht des Kapitäns sei, weigerte ich mich diese Aufgabe auszuführen.

Schon die gesamte Flug- und Cockpitvorbereitung war eine Einmannshow meinerseits gewesen und hatte in mir den Eindruck erweckt, dass der Kollege auf dem linken Sitz nicht besonders gut über seine Aufgaben Bescheid wusste und völlig unvorbereitet zum Flugdienst angetreten war. Eine solche Arbeitshaltung war mir noch nie untergekommen! Zudem schien der Kerl eindeutig zu Jung um schon Kapitän zu sein. Wie hatte der nur sein Upgrading bestanden?

Der Start verlief normal. Wenigstens bis zur Rotationsgeschwindigkeit, als der Kommandant so stark am Sidestick riss, dass wir ohne meine Intervention mit dem Heck die Piste touchiert hätten. Da wir uns aber mittlerweile in der Luft befanden, war es natürlich zu spät den Stümper noch auszuladen. Mein Fehler, denn ich hatte am Boden, trotz der deutlichen Anzeichen für seine Unzulänglichkeit, nicht gegen den Kapitän gemeutert.

„Alles OK mit Dir? Geht es Dir gut? Soll ich übernehmen?“ fragte ich. „Ich hab‘s voll im Griff!“ meinte der Kapitän, während er ruppig am Steuerknüppel herumriss. Was für eine Selbstüberschätzung! „Wenn Du nicht ein bisschen feiner steuerst, werden bald alle Passagiere kotzen!“ bemerkte ich. „Ja so ist es besser!“

Zum Glück war heute nur ein Alpenrundflug vorgesehen. Es würde mit diesem Dilettanten am Steuer schon schwierig genug werden im schönsten Wetter wieder heil zu landen. Dem Kerl während einem Langstreckenflug stundenlang auf die Finger zu schauen oder mit ihm bei Sturm auf einen anspruchsvollen Platz anzufliegen, wäre definitiv zu viel für meine Nerven!

Der Flug führte über das Zürcher Seebecken und dann der Goldküste entlang bis zum Rapperswiler Seedamm, wo wir rechts Richtung Alpen abdrehten. „Ich werde ein bisschen tiefer fliegen, dann sehen wir mehr! Wo sind eigentlich die Sprungschanzen von Einsiedeln?“ meinte mein Kommandant. Ich wies ihn darauf hin, dass bald die Terrainwarnung ansprechen würde, falls wir noch tiefer flögen. „Dann schalte das System aus!“ „Ich weiss nicht…“ zögerte ich. „Kannst Du das etwa nicht?“ „Doch, natürlich, aber das ist nicht der Sinn und Zweck dieses Systems!“ „Angsthase! Na los, mach schon!“

Mit ausgeschaltetem GPWS flogen wir nun in halsbrecherischem Tempo zwischen den Alpengipfeln hindurch, bis mir das Ganze zu bunt wurde. Ultimativ verlangte ich zum Flughafen Zürich zurückzukehren. Der Kollege drehte daraufhin zwar nach Norden, aber es war eindeutig, dass er weder die Navigation, noch die Maschine im Griff hatte. Mehrmals musste ich Kursänderungen befehlen und auch auf alle nötigen Geschwindigkeits- und Konfigurationsänderungen musste ich ihn aufmerksam machen.

Obwohl der stümperhafte Jungkapitän nicht wusste wie ihm geschah, fanden wir uns schliesslich auf dem Leitstrahl zur Piste 16 wieder. Die Steuerführung war katastrophal, das Scannig der Instrumente Inexistent und das Korrekturverhalten der nackte Horror. Wir flogen in Schlangenlinie mehr oder weniger Richtung Piste, aber zu einer Landung würde es so nie kommen!

„My controls“ rief ich und übernahm die Kontrolle des Flugzeugs. Wenig überrascht stellte ich fest, dass mein Cockpitkollege trotzdem weiter an seinen Sidestick herumriss. Ich drückte also den Knopf, der meinem Sidestick priorisiert. „PRIORITY RIGHT“ ertönte eine künstliche Stimme. Sofort beruhigte sich die Fluglage und nach einigen Steuerausschlägen befanden wir uns wieder auf Kurs. Mit den Worten „Jetzt musst Du fast nichts mehr machen. Das Flugzeug hält den Vektor von selbst.“ übergab ich die Steuerführung wieder dem Jungkapitän.

Zum Glück wurde diesmal mein Rat befolgt und so näherten wir uns schön stabilisiert der Landebahn. Da ich dem Stümper auf dem linken Sitz mittlerweile nicht mehr viel zutraute sagte ich: „Vergiss nicht: Wenn der Radiohöhenmesser fifty ruft, dann musst Du am Sidestick ziehen und gleichzeitig die Gashebel in den Leerlauf nehmen!“ „Null Problemo!“ war die Antwort

Nun näherten wir uns der Pistenschwelle. Auf 50 Fuss Radiohöhe hob sich die Nase des Flugzeugs aber nur unmerklich und die Gashebel wurden gar nicht bewegt. „Ziehen!“ befahl ich und setzte die Gashebel selber in den Leerlauf. Nun reagierte der Jungkapitän und riss am Steuerknüppel. Allerdings zu spät und viel zu stark! Wir touchierten unsanft die Piste, um danach sofort weder 10 Meter abzuheben.

In solchen Fällen hilft eigentlich nur ein Durchstart. Mit einem solchen Dilettanten am Steuer wollte ich dieses Manöver aber nicht fliegen und so befahl ich „Jetzt etwas weniger am Stick ziehen und warten bis sich die Nase wieder senkt!“ Leider verstand mein Jungkapitän dies als Aufforderung am Sidestick zu stossen! Als fatale Folge dieser Aktion senkte sich die Flugzeugnase abrupt und obwohl ich meinen Sidestick sofort bis zum mechanischen Anschlag nach hinten riss und gleichzeitig die Gashebel nach vorne knallte, schlugen wir nach wenigen Augenblicken mit dem Bugrad auf der Piste auf…

…es folgte ein lautes Krachen, wir wurden unsanft in die Sitzgurten geschleudert und die Scheiben verfärbten sich rot. Mit unschuldigem lächeln fragte der Jungkapitän „Was ist los?“ „Na was wohl! Du hast soeben eine A340 zu Schrott geflogen! Zum Glück sitzen wir nur im Simulator…“ grinste ich meinen 12 Jährigen Patenjungen an. „Willst Du es nochmals probieren?“ „Klar es lief ja super! Aber kann man mit diesem Flugsimulator auch andere Flugzeuge abschiessen? Auf der Playstation geht das!“

Wie werde ich nur diese Simulator Führung überleben?

 

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6 Antworten to “Jungkapitän”

  1. Tweety Says:

    *brüll*

    Ich habe geahnt worauf das hinaus läuft.
    Hiermit oute ich mich auch als einen von diesen komischen Kauzen, die im Microsoft Flugsimulator Stunden zugebracht haben und noch zubringen.
    Und ich kenne auch aus diversen Internetforen jene Komiker, die glauben, sie könnten eine echte Maschine heil zu Boden bringen (so wie in den viertklassigen Filmen).
    Ich distanziere mich aber auf´s äußerste von diesem Irrglauben. Das ganze ist Spaß und auch etwas mehr als Spiel, ich nenne es “Edutainment”, man bekommt einen Einblick was Berufsfliegerei ausmacht, mehr sollte man sich aber nicht anmaßen (sicher ein Privileg meines reiferen Alters ).

    “Wenn einer, der mit Mühe kaum,
    geklettert ist auf einen Baum,
    schon glaubt, daß er ein Vogel wär,
    der irrt sich sehr”

    Aber Hauptsache der Kurze hatte Spaß und der Sim hat es überlebt.
    Er gehört ja schon zu den Privilegierten, so ein “echter” Simulator, das hat schon was.

  2. skypointer Says:

    Ob Microsoft Simulanten, Modellflieger, Privatpiloten oder völlig Unbelastete – ich hatte mit Vertretern jeder dieser Gruppen schon das Vergnügen etwas auf dem “echten” Simulator rumzuspielen.

    Diese Erfahrungen zeigen, dass jedes aviatische Wissen, egal woher, von Vorteil ist. Ein versierter PC-Simulant könnte, mit etwas Unterstützung am Funk, vielleicht eine automatische Landung unter optimalen Bedingungen hinkriegen. Bei Wind und Wetter von Hand zu landen ist jedoch ein anderes Kapitel. Von technischen Problemen wollen wir gar nicht sprechen…

  3. Young Pilot Says:

    Früh übt sich wer ins Cockpit will 🙂

  4. Tweety Says:

    Das ist das Problem, wann hat man schon mal ideale Bedingungen?
    Schon allein die Tatsache, daß sich der Simulant im Cockpit wiederfindet zeigt, daß irgendwas ganz und gar nicht ideal verlaufen ist :-).

    Es hat schon so seine Richtigkeit, daß ihr hunderte Stunden im Simulator “gegrillt” werdet, euch werde ich vertrauen, einen Simulanten werde ich verhauen bevor ich ihn vorne Platz nehmen lasse :-).

    Da lass ich lieber die Stewardessen ran… (parkieren kann dann ja ein anderer)

  5. skypointer Says:

    @Young Pilot
    Ganz genau

    @Tweety
    Gut gebrüllt 🙂

  6. Bängbüx Says:

    WOW!

    Erst 12 Jahre (jetzt 13 Jahre) und schon Captain…
    Ich will auch! :))

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