Schöne Bescherung

Mit einem zufriedenen Grunzen lehnte sich Santa zurück und faltete seine Hände über seinen runden Bauch. So ruhig war in den letzten tausend Jahren noch keine Weihnachtsvorbereitung gewesen. Anfangs hatte er sich fürchterlich geärgert, als Onkel Sam verlangte, auch Santa müsse sich vom neuartigen Nacktscanner durchleuchten lassen, bevor er ins gelobte Land hereingelassen würde. Der folgende, ziemlich gehässige Briefwechsel, führte schliesslich zum unsäglichen Einreiseverbot, durch welches die Kinder in Nordamerika dieses Jahr auf ihre Geschenke verzichten müssten.

Natürlich konnte sich Santa als Workaholic nicht einfach auf die faule Haut legen. Deshalb kontaktierte er, nachdem ihn Onkel Sam so stillos ausgeladen hatte, sofort das Christkind und bot ihm seine Hilfe an. Schliesslich hatte dieses letzten Sommer geklagt, die Europäische Geschenkeflut drohe ihm langsam über den Kopf zu wachsen. Das Christkind nahm das Angebot dankend an, bemerkte aber, dass in Europa einiges anders laufe als in Nordamerika. Santa machte sich darüber aber keine Sorgen, denn schliesslich verzichtete er nicht nur gerne auf den Nacktscanner, sondern auch das mühsame vorgängige Ausfüllen der Einreiseformulare via Internet und das Prüfen seiner Fingerabdrücke würde er nicht vermissen. Mit einem glücklichen Lächeln schlürfte Santa an seinem Glühwein und freute sich auf die bevorstehenden Festtage.

Auch im Himmel waren mittlerweile alle Vorbereitungen abgeschlossen. Trotzdem knabberte das Christkind unruhig an einem Weihnachtsplätzchen. Die Adventszeit war zwar dank Santas Hilfe ungewöhnlich ruhig verlaufen, denn viele Arbeiten konnten an den Nordpol ausgelagert werden. Aber im Himmel über Europa war es kurz vor Weihnachten noch aus einem ganz anderen Grund sehr ruhig und das bereitete dem Christkind Sorgen. Petrus üblicher Antrag für weisse Weihnachten war zum ersten Mal seit 2001 bewilligt worden. Bei allem Verständnis für seinen Eifer, fand das Christkind die weisse Pracht von Petrus doch etwas übertrieben. In halb Europa war es kälter als bei Santa am Nordpol und die gesamte Verkehrsinfrastruktur versank im Schnee. Auf den Flugplätzen lief aus Mangel an Enteiser Flüssigkeit nichts mehr und auf den Strassen herrschte wegen Salzmangel akute Glatteisgefahr.

Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Auslieferung der Geschenke und so hatten das Christkind und Santa am 23. noch kurzfristig eine Krisensitzung einberufenen. Dort äusserte Santa Bedenken, dass er in England, Deutschland oder Frankreich nach dem Verteilen der Geschenke nicht mehr starten könnte, da sein Schlitten ohne korrekte Enteisung nicht mehr flugtauglich wäre. So beschloss das Christkind die Bescherung in diesen Ländern selbst zu übernehmen, während Santa die Geschenke in Skandinavien und der Schweiz verteilen würde, wo man im Umgang mit Schnee und Eis mehr Erfahrung hatte und der Verkehr noch weitgehend normal lief.

Santa hatte mittlerweile seinen Glühwein ausgetrunken und steckte tief in der Routenplanung für die Geschenkeverteilung. Zum Glück kriegte Herr Meier aus Gockhausen von seinem Sohn ein neues Navigationsgerät geschenkt. Kurzerhand öffnete Santa dieses Päckchen und das darin enthaltene technische Wunderding erledigte die komplizierte Berechnung im Nu. Nachdem er das Navi wieder verpackt hatte, betrachtete Santa das Ergebnis der Berechnung: Zuerst würde er in aller Herrgottsfrühe die Schweiz beliefern, um dann den Rest des Tages kreuz und quer durch Skandinavien zu fliegen. Nun fütterte Santa zuerst Rudolph, danach machte er sich an die Startvorbereitungen und kurz nach Mitternacht hob er am Nordpol sanft in den Himmel ab. Die Navigation war kein Problem, denn alle Wege führten nach Süden. Nach einem ruhigen Überflug befand sich Santa pünktlich um 6 Uhr morgens im Anflug nach Zürich.

Zum gleichen Zeitpunkt stapfte Herr Meier in Gockhausen durch den knöcheltiefen Schnee in seinem Garten. Bereits vor einer halben Stunde war er von seinem Wecker aus dem Schlaf gerissen worden. Seit mittlerweile zwei Jahren nervte er sich über den morgendlichen Flugverkehr über seinem Einfamilienhaus. Damals konnte er das Bauland an schönster Aussichtslage günstig erwerben. Der Grund dafür war der Fluglärm, doch das hatte Herr Meier schon längst verdrängt. Mittlerweile kämpfte er an vorderster Front gegen den Grund, der es ihm erst ermöglicht hatte, trotz seines schmalen Budgets, sein Eigenheim an so schöner Lage zu errichten. Leider war der Kampf bisher nicht sehr erfolgreich und so flogen die Jets noch immer jeden Morgen über sein Dach. Nicht einmal an Weihnachten hatte man seine Ruhe! Doch das würde sich heute ändern! Heute war Herr Meiers grosser Tag.

Zufrieden justierte Santa nochmals seine Sitzposition, fuhr dann die Kufen seines Schlittens aus und fasste die Zügel, die zu Rudolphs Zaumzeug führten, etwas straffer. Alle Checklisten waren abgearbeitet und in drei Minuten würde er pünklich in Zürich aufsetzen.

Mit zittrigen Fingern kontrollierte Herr Meier schon zum zehnten Mal die Funktion seines Laserpointers. Das Zittern lag nicht an der Nervosität, sondern seine Finger waren klamm vor Kälte. Herr Meier fluchte leise vor sich hin. Warum nur hatte er vergessen Handschuhe anzuziehen? Plötzlich bemerkte er im Nachthimmel über sich eine geisterhafte Bewegung. Eigentlich war es nur ein geräuschloser Schatten der heranhuschte, aber das kümmerte Herr Meier nicht. Irgendein bloggender Pilot hatte einmal geschrieben Fluglärm sei, wenn man ein Flugzeug sehe. Was für ein Idiot! Herr Meier hatte sich furchtbar aufgeregt. Die Wut kochte auch jetzt wieder in ihm hoch und versorgte ihn mit wohliger Wärme. Nun denn, dachte Herr Meier, heute werde ich etwas gegen den Fluglärm unternehmen und vielleicht sitzt ja sogar der elende Blogger im Cockpit – das wäre doch ausgleichende Gerechtigkeit! Als Herr Meier den Laserpointer auf den heranrauschenden Schatten richtete waren seine Finger völlig ruhig…

Santa bemerkte einen kleinen grünen Punkt, der quer über den Schlitten huschte und wunderte sich über die seltsame Weihnachtsbeleuchtung in Europa. Dann bewegte sich der Leuchtpunkt weiter nach vorne. Er kitzelte Rudolphs Bauch und Hals und bewegte sich weiter Richtung Kopf. Für einige Sekunden leuchtete Rudolphs rote Nase in strahlendem Grün und Santa freute sich über die lustige Abwechslung. Doch als der Punkt Rudolphs rechtes Auge erreichte, stiess dieser plötzlich ein schmerzverzerrtes Grunzen aus und legte sich in eine Steilkurve. Santa stemmte sich mit aller Kraft in die Zügel, doch das nützte nichts. Die Steilkurve, kombiniert mit den verzweifelten Steuerausschlägen Santas, führte zu einem Strömungsabriss und Santa konnte gerade noch einen Hilferuf auf der internationalen Christkind Notfrequenz absetzen, bevor er mit Getöse auf dem Dach eines Einfamilienhauses aufschlug.

Von dort wurde der Schlitten auf den Balkon katapultiert und durchschlug dessen Geländer, an dem ein gelbes Spruchband befestigt war, auf dem etwas über den Stopp von Südanflügen stand. Das Spruchband verhedderte sich in Santas Bart und verdeckte ihm die Augen. Deshalb bemerkte Santa nicht, dass der Schlitten, als er schliesslich im Garten des Einfamilienhauses aufschlug, einen Mann mit einem Laserpointer in der Hand unter sich begrub.

Der Notruf erreichte das Christkind irgendwo über England. Schnell packte es den neuen Fernseher für Mr. Smith aus und schaltete auf BBC. Es lief eine Sondersendung über einen Absturz in Zürich. Die ausgestrahlten Bilder schockierten das Christkind. Im Garten eines schmucken Einfamilienhauses lagen überall zerbeulte Geschenke verstreut. Da lag ein zerstörtes Navigationsgerät und dort ein kaputtes Modellflugzeug. Santas Schlitten war völlig ramponiert und Rudolph irrte scheinbar blind durch die verschneiten Gartenbeete. Ein Augenzeuge, ein gewisser Herr Meier, gab gerade ein Interview. Offenbar war der arme Mann zum Zeitpunkt des Absturzes aus irgendeinem unerfindlichen Grund in seinem Garten gewesen und vom abstürzenden Schlitten erfasst worden. Er ereiferte sich, dass er schon immer darauf hingewiesen habe, dass die Südanflüge über das dichtbesiedelte Gebiet viel zu gefährlich seien und dass dieses illegale, menschenverachtende Anflugregime nun sofort untersagt werden müsse. Stattdessen solle über den Norden oder den Osten angeflogen werden.

Bevor sich das Christkind über diese seltsame Argumentation wundern konnte, wechselte die Berichterstattung das Thema. Mit schrecken musste das Christkind zusehen, wie Santa in Handschellen abgeführt wurde. Der Kommentator erklärte, dass ihm illegales Einreisen aus einem Non-Schengen Land, das Führen eines Fluggerätes unter Einfluss von Glühwein und das Überschreiten der Zollfreigrenze von 300 Franken pro Person vorgeworfen würden. Danach folgte wieder ein Interview. Diesmal mit einem Politiker, der meinte der Fall Santa sei ein Testfall, ob das neu verabschiedete Gesetz über die Ausschaffung krimineller Ausländer auch konsequent angewendet würde. Zudem sei der Herr äusserst suspekt. Sein Bart und seine Herkunft aus Myra in der heutigen Türkei beweise, dass er mit Islamisten sympathisiere und es gebe Anhaltspunkte, dass er in den Schmuggel von Minaretten verwickelt sei…

Das Christkind schaltete den Blödsinn ab und setzte schweren Herzens die Auslieferung der Geschenke fort. Nun drängte plötzlich die Zeit, denn nach Santas Verhaftung musste es auch noch Skandinavien und die Schweiz beliefern. Es würde ein langer Tag werden.

Viel später leitete ein müdes Christkind den Sinkflug Richtung Zürich ein. Alle Länder auf seiner Auslieferungsliste waren mittlerweile abgehakt. Auch Skandinavien wurde beliefert und es fehlte nur noch die Schweiz. Deshalb war es schon recht spät und das Christkind freute sich bereits auf den wohlverdienten Feierabend, als es sich bei der Anflugkontrolle in Zürich anmeldete. Zu seinem Staunen wurde ihm aber mitgeteilt, dass es aus Lärmschutzgründen zu dieser vorgerückten Stunde nicht mehr in Zürich landen dürfe. Das Christkind fragte ob es möglich sei eine Ausnahmebewilligung zu erhalten. Das wurde kategorisch verneint. Schliesslich seien im Dezember, wegen der vielen Schneefälle, bereits so viele Ausnahmen bewilligt worden, dass der Bürgerprotest Fluglärm Ost Beschwerde eingereicht habe. Deshalb könnten nun nur noch Notfälle akzeptiert werden und um einen solchen handle es sich beim Christkind eindeutig nicht.

Dem Christkind blieb nichts anderes übrig als unverrichteter Dinge seinen Ausweichplatz im Himmel anzusteuern. Die Kinder in der Schweiz würden dieses Jahr ohne Bescherung auskommen müssen. Auf dem Heimflug fragte sich das traurige Christkind, wie es das Debakel der diesjährigen Weihnacht in Zukunft verhindern könnte. Plötzlich hatte es eine Erleuchtung:

Statt Santa wird es nächstes Jahr St. Florian, den Schutzpatron der Zürcher Fluglärmgegner, in die Schweiz schicken.

Freuen wir uns also auf das Neue Jahr!

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7 Antworten to “Schöne Bescherung”

  1. Christoph Says:

    Grandiose Weihnachtsgeschichte

  2. Ilse Says:

    Riesiges ;-)))

  3. Philippe Says:

    Wahnsinns Geschichte. Gibt es eigentlich einen gegenverein zu den unsäglichen Himmelsrichtungsgegner? Würde gerne einen Verein gründen für mehr Fluglärm und Anflüge oder so.

    Danke für deine Texte, lese sie immer gerne.

  4. Richi Says:

    Tja, der Santa im Zeitalter der Hochtechnologie:
    Vom unfehlbaren Instinkt einer Brieftaube zum GPS.
    Das hat Kindheitserinnerungen geweckt. Erinnerungen an das Sandmännchen, welches im TV jeweils um 7 Uhr pm auf einer Wolke daherschwebte.
    Eines Tages hatte es umgesattelt. Von da an benutzte es einen Helikopter. Immerhin kam es noch ohne Flares gegen Lenkwaffen aus, und von Nacktscannern hatte auch noch niemand etwas gehört…

  5. TWR Mädel Says:

    Coole Geschichte 🙂

    Ob der arme Santa um diese Zeit noch hätte landen dürfen wage ich aber zu bezweifeln…

  6. skypointer Says:

    @Philippe
    Sorry für die späte Antwort – irgendwie ist Dein Kommentar im Spam gelandet. 😦

    Einen solchen Verein gibt es tatsächlich! Er heisst Komitee Weltoffenes Zürich und engagiert sich politisch korrekt natürlich nicht für mehr Fluglärm, sondern unter anderm für die Förderung des Flughafens Zürich:

    http://www.weltoffenes-zuerich.ch/web/index.aspx

    Rechtlich gesehen ist das Komitee ein Verein nach Art. 60 ff. ZGB.

    http://www.zrhwiki.ch/wiki/Komitee_weltoffenes_Z%C3%BCrich

  7. Alle Jahre wieder… « Nur fliegen ist schöner Says:

    […] Grauen erinnerte sich Santa an das Debakel vom Vorjahr mit dem Absturz in Zürich und seiner darauf folgenden Ausschaffungshaft, die bis weit in den […]

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