Kings and Vagabonds

Jedes Mal, wenn ich meinen Dauerwunsch Bangkok aus dem Planungsrechner lösche,  um einen anderen frommen Destinationswunsch zu platzieren, schickt mich unser Planungsroulette in die thailändische Hauptstadt. Ich will mich aber nicht beklagen, schliesslich gibt es schlimmere Orte, an die man unfreiwillig geschickt werden könnte. Da Bangkok eine der meistgewünschten Destinationen ist, frage ich mich in solchen Fällen jeweils, weshalb sonst niemand diesen Flug gewünscht hat. Natürlich wollten ganze Heerscharen genau diesen Flug an genau diesem Tag und haben ihn genau deshalb nicht erhalten. Trotzdem suchte ich, dank meiner angeborenen Paranoia, nach dem versteckten Haken an der Sache, konnte aber beim besten Willen keinen finden.

Nach einem unspektakulären Flug, wunderten wir uns, auf der Fahrt ins Hotel, über den aussergewöhnlich flüssigen Verkehr. Da aber niemand den sonst üblichen Stau vermisste, freuten sich alle über die schnelle Fahrt ins wohlverdiente Bier. Im Hotel angekommen traf man sich nach einer kurzen Dusche in der Hotellobby und bestieg ein Taxi, das uns in ein nahegelegenes Restaurant bringen sollte. Kaum losgefahren meinte der Taxifahrer, dass das Restaurant heute anlässlich des Geburtstags des Königs geschlossen sei. Äusserst hilfsbereit wollte er uns zu einem von ihm empfohlenen Lokal zu fahren, was ich aber dankend ablehnte. Ich konnte mir nämlich viel eher vorstellen, dass der freundliche Kerl uns übers Ohr hauen wollte, als dass der betagte König ausgerechnet in dem von uns ausgewählten, leicht schmuddeligen Lokal seinen 83. Geburtstag feiern würde…

Am Ziel angekommen, fuhr das Taxi in einen dunklen Hinterhof und der Fahrer meinte triumphierend: „You see, everything is closed here!“ Tatsächlich war kein offenes Restaurant in Sicht, zum Pech des Fahrers aber auch kein geschlossenes und so bestanden seine uneinsichtigen Passagiere darauf, trotz seiner heftigen Widerrede, aussteigen. Zu Fuss ging es dann eine Querstrasse weiter, wo wir nur mässig erstaunt feststellten, dass unser Restaurant sehr wohl geöffnet war.

Kaum hatten wir uns gesetzt, erhielten wir statt der Speiskarte eine Kerze in die Hände gedrückt und kurz darauf wurden alle Lichter gelöscht. Was ging da vor? Wurde ein Stromausfall erwartet? Und warum erhoben sich nun im Kerzenlicht alle Gäste?  Erwartete man etwa doch königlichen Besuch?

Natürlich wollten wir nicht negativ auffallen. Deshalb entzündeten auch wir unsere Kerzen und bezogen hinter unseren Stühlen Stellung. Jetzt dröhnten plötzlich fremdländische Klänge aus dem Lautsprecher und alle der thailändischen Sprache mächtigen sangen lauthals mit, während die Touristen sich dadurch verrieten, dass sie eiligst ihre Kameras hervorklaubten um das seltsame Happy Birthday elektronisch festzuhalten.

Zum Glück konzentrierten sich die Damen an meinem Tisch auf ihre Kameras oder darauf sich nicht mit Wachs zu bekleckern und so bemerkte im flackernden Kerzenlicht, ausser dem anwesenden Kopiloten, niemand die Ratte, deren Flucht vor dem dröhnenden Singsang ausgerechnet zwischen unseren Füssen hindurch führte…

Kurz darauf wurde das Licht wieder eingeschaltet und wir erhielten doch noch die Speisekarte gereicht. Gerade als ich mir dafür  gratulieren wollte, dass ich den Damen die Anwesenheit der Ratte verschwiegen hatte, fuhr mir der grösstmögliche Schrecken in die Glieder.

Ich wurde totenblass und meine Hände zitterten. Meine Kehle schnürte sich zusammen und fühlte sich plötzlich staubtrocken an. Kalter Schweiss lief mir den Rücken hinunter und das Lokal begann sich langsam um mich zu drehen. Nur mit allergrösster Mühe konnte ich den heftigen Fluchtreflex unterdrücken, der mich befallen hatte und ich brauchte meine ganze Selbstbeherrschung um nicht loszuschreien. Krampfhaft umklammerte ich die Speisekarte und starrte ungläubig auf den beigelegten Zettel. Schwarz auf weiss stand da in grossen Lettern: „Aus Anlass des Geburtstags seiner Königlichen Hoheit, werden heute keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt.“

Kein Bier! Ich wusste doch, dass an dieser Bangkok Rotation etwas faul ist! Nach elf Stunden Wasser saufen gibt es kein Bier! Und das bei knapp 30°C! Bitter enttäuscht von meinem Schicksal bestellte ich eine Cola und ein grünes Curry mit Shrimps…

Als das Essen schliesslich serviert wurde, hatte ich meine Fassung zurückerlangt. Ich erinnerte mich an die fliehende Ratte und ein kurzer Blick durch das Lokal bestätigte meinen Verdacht, dass das possierliche Tierchen wohl aus der Küche herangerannt kam. Nun begann ich mich zu fragen, ob die Ratte wirklich vom Singsang aufgescheucht wurde oder ob nicht viel eher der Koch hinter ihr her war. Die Chicken Curries meiner Kabinenkolleginnen sahen plötzlich wenig verlockend aus und der Gedanke, dass ich, angesichts meiner Shrimps, als einziger am Tisch sicher sein konnte, wirklich das Bestellte im Teller zu haben, versöhnte mich mit meinem bierlosen Schicksal…

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6 Antworten to “Kings and Vagabonds”

  1. Ilse Says:

    was für eine horror story! bin ich froh dass ich nie nie nie nach bangkok fliegen werden muss. Nie.

  2. TWR Mädel Says:

    ja kennen denn die kein Clausthaler!??

  3. hschmid Says:

    Vielen Dank fuer den schoenen Blog. Ich bin schon seit langem stiller Mitleser.

    Der Taxifahrer wollte Dich natuerlich in eines der auf Touristen “spezialisierten” Seafood Restaurants bringen, wo man keinen Thai sieht und am Ende bei der Rechnung eine boese Ueberraschung droht. Nach dem selben Muster wird schon seit 20 Jahren den Touristen vor dem Grand Palace erzaehlt, dass der Palast geschlossen ist. Am Ende geniessen die Touristen eine Rundfahrt durch die schoensten Juwelengeschaefte…

    Das Alkoholproblem bei einem hohen Feiertag wird allerdings fuer Auslaender ueblicherweise mit einer grossen Kanne “Kaffee” geloest, die unter dem Tisch plaziert wird. Beim naechsten Mal also “Kaffee” bestellen…

  4. Tweety Says:

    Die Ratte ist nicht vor dem Koch geflohen, die Ratte WAR DER KOCH! Hast du “Ratatuille” nicht gesehen?

    Warscheinlich musste sie nur kurz ein paar Besorgungen machen 😉

  5. skypointer Says:

    @hschmid
    Willkommen. Als Kaffeetrinker finde ich diesen Lösungsansatz besonders gut.

    @TWR Mädel
    Clausthaler ist sehr gesund: Man temperiere ein Clausthaler auf 28.5°C und mische einen Esslöffel Honig darunter. Danach schütte man das Gebräu in den Ausguss. Es ist exrtem Gesund, dass man das Ganze nicht trinken musste…

    @Tweety
    Die Ratte im Film war aber Gourmet Koch. So gut war das Curry nun auch wieder nicht!

  6. G! Says:

    und wieder was für Far East gelernt: Shrimps, da weiss man, was man hat! Danke!

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