Schneeelefanten

Südafrikareisende freuen sich auf schöne Landschaften, gutes Essen und noch besseren Wein. Viele reisen auch an die Südspitze Afrikas, um in den Nationalparks Löwen, Büffel, Nashörner, Giraffen, Zebras, Hippos und natürlich Elefanten zu sehen.

Da unser Zielflugplatz Johannesburg weit weg von den berühmten Nationalparks, in einer landschaftlich ziemlich unattraktiven Gegend liegt und vor allem weil unser Aufenthalt dort äusserst kurz bemessen ist, beschränke ich mich auf Joburg Rotationen meist auf die kulinarischen Genüsse des Landes. So freute ich mich auch diesmal auf ein Nachtessen mit einem guten Glas Wein und einem ehrlichen Stück Rindfleisch. Ich machte mir jedoch keinerlei Hoffnungen Löwen, Giraffen oder gar Elefanten zu sehen…

Schon als ich aus meinem nachmittäglichen Vorschlaf erwachte, schwante mir aber böses. Draussen tanzten munter die Schneeflocken, die Landschaft versank unter einer weissen Wattedecke und am Radio überschlugen sich Unfallmeldungen wegen prekären Strassenverhältnissen.  Zwar machte ich mir bezüglich meiner Fahrt an den Flughafen keine grossen Sorgen, ob wir aber von dort je abheben würden, erschien mir äusserst fraglich.

Der Grund dafür war eigentlich nicht der Schnee, sondern die Schweizer Politik, die kürzlich entschied den Interkontinentalflugplatz Zürich zur Provinz zu degradieren und pünktlich um 23:30 Uhr zu schliessen. Da unser Flugplan vorsah um 22:45 vom Gate zurückzustossen, blieben uns genau 45 Minuten um die Triebwerke zu starten, das Flugzeug zu enteisen und zur Startpiste zu rollen. Dies unter der Voraussetzung, dass alle Passagiere rechtzeitig eintreffen. Wenn man aber bedenkt, dass sich meist ein bis zwei Kunden, egal ob selbstverschuldet oder wegen verspäteten Anschlussflügen, einige Minuten verspäten, dann schrumpfen diese 45 Minuten auf eine gute halbe Stunde.

Zurück stossen und Triebwerke starten dauert, unter optimalen Bedingungen, etwa 5 Minuten. Für das Rollen zur Startbahn müssen weitere 10 Minuten eingerechnet werden und Enteisen nimmt knapp 20 Minuten in Anspruch. Letztlich standen den gut 30 Minuten zwischen voraussichtlichem Reiseantritt und spätestem Start also gut 30 Minuten Arbeit gegenüber. Das Ganze wurde zusätzlich noch dadurch erschwert, dass mit den gleichzeitig geplanten Abflügen nach Bangkok, Hong Kong, Sao Paulo und Tel Aviv vier weitere A340 um die begehrten Enteisungsplätze und Startfenster buhlen.

Auf dem Flugzeug angekommen bemerkte ich, dass auf einem Schaltpanel die Leuchtanzeigen nicht korrekt funktionierten. Nach diversen erfolglosen Resets beschlossen wir, zusammen mit unserem Mechaniker, das Panel auszutauschen.  Danach wurde bis 22:45 geschraubt, umgesteckt, getestet und Papierkrieg geführt…

Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als wir um 22:50, nachdem sich auch die letzten Passagiere eingefunden hatten, endlich unsere Afrikareise antreten konnten. Es schien als könnten wir den ambitiösen Zeitplan letztlich doch noch einhalten. Leider erschien unmittelbar nach dem Triebwerkstart eine Warnmeldung auf unseren Bildschirmen. Sofort war allen im Cockpit klar, dass wir mit diesem Problem unmöglich starten konnten. Per Funk fragte der Kapitän unsere Maintenance nach Rat. Die entmutigende Antwort lautete: „Rollen sie zurück zum Gate“.

Damit war unser Flug eigentlich schon gestorben. Während ich also der Vorfeldkontrolle mitteilte, dass wir ans Gate zurückrollen müssten, kam mir ein Geistesblitz, wie der Fehler eventuell zu beheben wäre. Schnell teilte ich dem Kapitän meine Gedanken mit und dieser führte, nach kurzem Überdenken meines Vorschlags, den Reset aus. Zusammen mit der angeforderten Rollfreigabe verschwand die Fehlermeldung. Während der Kapitän bei der Technik nachfragte, ob wir mit nun verschwundener Warnung starten dürften, erklärte ich der Vorfeldkontrolle wir müssten eventuell doch nicht zurück ans Gate.

Zu unserer Erleichterung teilte die Technik unsere Ansicht ohne Fehlermeldung stünde einem Start grundsätzlich nichts im Wege. Zur Sicherheit wurde das System aber mittels Telemetrie nochmals überprüft.

Schliesslich rollten wir also doch noch zum Deicing, wo wir bereits von zwei Elephanten erwartet wurden. Elefanten? In Zürich? Mitten auf dem Flugplatz? Halluzinationen? War ich zwischen Schneetreiben, politisch begründetem Zeitdruck und technischen Problemen übergeschnappt?

Keineswegs. Es warteten tatsächlich zwei grosse Elephanten darauf uns den Schnee vom Flugzeug zu pusten. Elephant ist nämlich der offizielle Name Markenname der Lastwagen zur Flugzeugenteisung. Diese Geräte sind ein wahres Wunderwerk der Technik. Sie können verschiedene Enteisungsmittel in beliebigen Konzentrationen mit heissem Wasser mischen. Mittels steuerbarer Hochdruckdüsen befreien sie das Flugzeug von Schnee und Eis und lassen sich dabei aus der Enteiser Kanzel vollständig steuern. Die Führerkabine des Lastwagens bleibt unbesetzt.

Schon bald wurden wir also von den beiden Elephanten gründlich von Schnee gesäubert. Das fand in zwei Schritten statt. Zuerst wurde mit einer Mischung aus Enteiser Flüssigkeit und heissem Wasser der Schnee  heruntergewaschen, danach eine Antieis Flüssigkeit aufgetragen, die verhindert, dass sich neuer Schnee festsetzen kann. Wie eine solche Enteisung aus dem Cockpit aussieht zeigt der folgende Film:

Um 23:26, vier Minuten vor der Deadline, starteten wir schliesslich, allen Widrigkeiten zum Trotz, doch noch Richtung Südafrika. Vier Minuten nach uns hörten wir, wie unsere Kollegen vom Bangkok Flug die Startfreigabe erhielten. Offenbar waren wir an diesem Abend nicht die letzten Mohikaner gewesen…

 

PS:

Mittlerweile sind politische Bestrebungen in Gange den Flugbetrieb in Zürich am Abend um eine weitere halbe Stunde und am Morgen um eine ganze Stunde zu kürzen. Wie zum Teufel man so noch einen vernünftigen Flugbetrieb aufrechterhalten kann ist mir ein absolutes Rätsel! Aber genau das ist ja das Ziel: Den Flugbetrieb in Zürich total abwürgen, damit man in der Region das Heidiland ausrufen kann, während die Wirtschaft und tausende Arbeitsplätze vor die Hunde gehen. Wann wird diesem Wahnsinn endlich Einhalt geboten?

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10 Antworten to “Schneeelefanten”

  1. G! Says:

    Jetzt, wo der Herr Ex-Bundesrat und seines Zeichens Chef-Flugverhinderer in der Luftfahrtsstifung UND im Implenia-VR sitzt, kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen: 24h Betrieb in Kloten und Parallelpisten…

  2. E:T Says:

    ach, du bist dnhug?!

    cool!

  3. Martin Says:

    Ich nehme an, Dir ist bekannt, dass die Flughafen Zürich AG selbst mit ihrem Gesuch für das vorläufige Betriebsreglement von Ende 2003 die verlängerte Nachtruhe beantragt hatte?

    Umso peinlicher ist aus meiner Sicht, dass Flughafen Zürich und Lufthansa/SWISS in den fast sieben Jahren bis zur Einführung nicht in der Lage waren, sich darauf einzustellen.

  4. Richi Says:

    Klingt nach “Backyard Syndrome”
    “Ja überall – nur nicht in meinem Hinterhof”

    Übersetzt so was wie:
    “Nachts zu günstigsten Konditionen nach Mallorca fliegen oder nach Cancun:…Ja, gerne! ich bin dabei; überall und jederzeit!..Nur die Emissionen und der Fluglärm: “Überall ja, gerne; überall, bloss nicht über MEINEM Dach! Bewahre!”

  5. skypointer Says:

    @E:T
    Ich muss Dich enttäuschen. Ich bin nicht dnhug. Ich habe den Film auf youtube gefunden.

    @Martin
    Wenn ich mich recht erinnere, sassen 2003 unter anderem die Herren Jeker und Ledergerber im VR des Flughafens. Zudem ist der aktuelle CEO ein alter Fluglärmgegner:

    http://sc.tagesanzeiger.ch/dyn/news/wirtschaft/816410.html

    Die Geschichte scheint also durchaus politisch zu sein. Der Flughafen beantragte die verlängerte Nachtruhe 2003 wohl kaum aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen, sondern wegen massivem politischem Druck.

    Zudem scheinst Du meinen Beitrag nicht ganz verstanden zu haben. Ich beschreibe die Probleme, die uns aus der verkürzten Nachtruhe entstehen. Dass ich darüber nicht besonders erfreut bin versteht sich wohl von selbst. Am Schluss sind es die Crews und die Bodenangestellten, die den aufgebrachten Passagieren erklären müssen warum ihr Flug wegen 5 Minuten zusätzlicher Verspätung nicht mehr stattfinden darf. Von den Herren Politikern, den Fluglärmgegnern oder von mir aus auch von den Flughafenmanagern lässt sich in diesen Situationen nie jemand blicken…

    Dem Flughafen können die Probleme, die aus der Einschränkung des Flugbetriebes entstehenden, einigermassen egal sein. Die Kosten fallen bei Swiss an. Verspätungen und Umbuchungen kosten viel Geld und jeder verärgerte Passagiere ist ein verlorener Kunde…

    Swiss hat sich entgegen Deiner Behauptung sehr wohl auf die Änderungen eingestellt. Viele betriebliche Abläufe wurden angepasst. Allerdings lassen sich die Abflüge nicht beliebig verschieben. Damit ein Langstreckenflug rentiert braucht es nämlich:

    1. Einen Flugplan, der sicherstellt, dass auch im Ausland Ankunft und Abflug zu einer einigermassen vernünftigen Zeit stattfinden. Morgens um drei fliegt niemand! Durch die Flugzeit und die Zeitverschiebung an den Destinationen schliessen sich gewisse Start- und Ankunftszeiten in Zürich ganz einfach aus.

    2. Es braucht Umsteigepassagiere. Weil der Heimmarkt zu klein ist, starten ohne diese in der Schweiz keine Langstrecken. Umsteigepassagiere müssen aber in einem koordinierten Wellensystem heran und weggeführt werden. Deshalb starten um 7 Uhr die Kurzstrecken. Sie bringen die nach 6 Uhr gelandeten Passagiere der Langstrecken an ihre Zielorte. Rechtzeitig vor Mittag sind sie dann mit neuen Passagieren für die Langstrecken Mittagswelle zurück. Danach bringen sie die Passagiere der zweiten Langstrecken Akunftwelle an ihr Ziel und sind rechtzeitig für die Abendwelle der Langstrecke wieder zurück…

    Folglich können Langstrecken Ankünfte nur am frühen Morgen und vor dem Mittag und die Abflüge nur nach dem Mittag und am späten Abend stattfinden. Anders funktioniert das nicht. Weitere Einschränkungen der Flugzeiten würden nun aber dieses System verunmöglichen und damit auch den für die Schweizer Volkswirtschaft unerlässlichen Langstreckenbetrieb. Deshalb meine klaren Worte gegen weitere Einschränkungen. Es geht nicht nur um die flugnahen Betriebe, sondern um die ganze Schweizer Wirtschaft. Es geht um unsere Arbeitsplätze.

    Dass Swiss weder den kleinen Heimmarkt, noch die Flugzeiten und schon gar nicht die Zeitzonen verändern kann, ist nicht peinlich, sondern schlicht logisch.

  6. TWR Mädel Says:

    Ich glaube mich erinnern zu können dass die verlängerte Nachtruhe nur ein Teil des Gesuchs war. Der andere Teil hätte eine flexiblere Nutzung des Pistensystems zu Randstunden ermöglichen sollen um Verspätungen zu minimieren / vermeiden und eben so die verlängerte Nachtruhe zu ermöglichen. Dieser Teil des Gesuchs wurde aber nicht bewilligt (wieso bloss wundert mich das nicht??)

    Diejenigen die sich jetzt so lauthals über Fluglärm und vereinzelte Ausnahmen zur Nachtsperre aufregen sind dann ja wahrscheinlich die ersten die nach einem Sozialplan schreien wenn der Flughafen ganz kaputtverpolitisiert worden ist und haufenweise Arbeitsplätze verloren gegangen sind.

    Ob solche Hetzereien wie oben beschrieben der Safety dienlich sind darf jeder gerne für sich selbst beantworten. Ich persönlich finde es höchst bedenklich, dass künstlich ein absolut unnötiger Druck erzeugt wird nur um irgendwelche Papiertiger zu befriedigen statt den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Wir von der ATC finden es nämlich auch nicht wirklich lustig die Piloten unter Druck zu setzen nur um sie noch raus zu bringen oder eben doch nicht mehr…

  7. skypointer Says:

    Merci für die Klarstellung zur fexiblen Pistennutzung. Du hast natürlich absolut recht.

    Dass ihr bei der ATC das Beste aus dem verkorksten System rauszuholen versucht, wissen wir zu schätzen – beinahe noch mehr als einen “speedy approach”… 😉

    Deine Bemerkungen zu Safety und Zeitdruck kann ich nur unterstützen. Um so peinlicher ist es, wenn Lärmgegener versuchen ihre Partikularinteressen mit Sicherheitbedenken zu stützen, obwohl sie selber die Verursacher der grössten Sicherheitsrisiken am Flughafen Zürich sind…

  8. dom hug Says:

    schön dass dir mein Vid gefallen hat, hab den ganzen blog gelesen!
    Man darf nicht vergessen, dass mitlerweile über 80% aller Flugbewegungen in Zürich von deutschen Unternehmen kommen.
    Alles gute euch allen, mfg,
    dom

  9. skypointer Says:

    @dom hug
    Ich hoffe mein Blog hat Dir auch ein bisschen gefallen.

    Mit den “deutschen Unternehmen” muss ich Dir allerdings widersprechen. Zwar gehört die Swiss zu 100% der Lufthansa, aber sie operiert mit einem Schweizer AOC (Air Operator Certificate), hat ihren Firmensitz in der Schweiz und zahlt in der Schweiz Steuern.

    Wäre die Swiss wirklich ein deutsches Unternehmen, würden wir zudem praktisch alle Streckenrechte ins Ausland verlieren, da die sogenannte 7.Freiheit des Luftverkehrs (das Recht, Verkehr zwischen Drittstaaten ohne Verbindung zum Heimatland zu betreiben) von fast keinem Staat gewährt wird.

    Zudem sind nach wie vor der grösste Teil der Swiss Mitarbeiter Schweizer und in der Schweiz wohnhaft. Nach unserem Selbstverständnis verkörpert die Swiss Schweizer Werte und wir sind der Schweizer Flagcarrier. Auch in der ganzen Welt werden wir so wahrgenommen!

    Die Swiss könnte ohne die Schweiz nicht existieren und auch die Schweizer Wirtschaft könnte in ihrer heutigen Form ohne die Swiss nicht existieren!

    Die Swiss ist also weder rechtlich noch nach anderen Kriterien ein “deutsches Unternehmen” – auch wenn sie eine deutsche Besitzerin hat, weil die früheren Schweizer Besitzer nicht willens und unfähig waren eine Airline zu führen und deshalb die Swiss de Facto an die Lufthansa verschenkt haben!

    Da die Swiss ein Schweizer Unternehmen ist und heute für über 50% der Flugbewegungen in Zürich verantwortlich zeichnet, können Deine postulierten 80% unmöglich stimmen.

    Du bist da leider einer oft gehörten, aber trotzden völlig falschen Polemik der Fluglärmgegner aufgesessen!

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