Gefährliche Mission

Aviatische Laien sind immer wieder erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, dass das Gefährlichste an meinem Beruf die Fahrt auf den Flughafen ist. Natürlich ist dies eine grobe Vereinfachung und deshalb nur zum Teil richtig. Der Pilotenberuf birgt sehr wohl einige Gefahren, die man aber normalerweise mit geeigneten Massnahmen gut unter Kontrolle halten kann. Zurzeit scheint es zum Beispiel ratsam keine Fracht aus dem Jemen herumzukutschieren. Eine andere gesunde Angewohnheit  ist das Schaffen von Reserven. Das Motto lautet: „Ein überlegener Pilot  nutzt seine  Überlegenheit um Situationen zu vermeiden, in denen er diese benötigen würde.“ Ok, auf Englisch tönt der Spruch besser…

Seit Jahren versuche ich mich, mehr oder weniger Erfolgreich, an obiges Motto zu halten. Offenbar reicht aber meine Überlegenheit nicht aus, um nicht doch ab und zu in die Gefährlichste aller denkbaren Situationen zu schlittern. Rauch im Cockpit? Treibstoffleck? Totaler Triebwerksaufall? Keineswegs. Es gibt etwas viel fataleres: Im Ausland Einkäufe für Verwandte und Bekannte tätigen!

Dass man dabei in Teufels Küche geraten kann, weiss jeder der meinen Blog über die Begegnung mit den Aberzombies gelesen hat. Meine ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet machte ich allerdings als blutjunger Langstreckencopilot. Ich versprach einer Bekannten ein in der Schweiz horrend teures Multivitaminpräparat von meinem ersten Amerikaflug mitzubringen. In Boston betrat ich deshalb einen GNC Vitaminshop. In meiner Naivität erschien mir dies die logische Anlaufstelle, werden in den Schaufenstern dieser Ladenkette doch diverse Vitamintabletten in Malereimern angeboten.

Arglos fragte ich die freundliche Verkäuferin nach dem von mir gesuchten Produkt, worauf diese sofort hysterisch zu kreischen begann: „You eat this shit?!?“ „Ähm, no actually not.“ „Don’t you know nothing about nutrition?“ „Yes I do. An apple a day keeps the doctor away.“ „This is dangerous!“ „Apples???“

Mit hochrotem Kopf drang die Dame mit den grössten Familienpackungen aller denkbaren Vitaminpräparate auf mich ein. Vehement stellte sie klar, ich hätte nicht mehr lange zu leben, wenn ich nicht sofort all diese hochdosierten Tabletten kaufen würde. Diese massiven Drohungen gegen mein Leben veranlassten mich den Laden fluchtartig zu verlassen und ich war heilfroh, dass die tollwütige Verkäuferin, durch die vielen Vitaminschachteln in ihren Armen, daran gehindert wurde die Verfolgung aufzunehmen.

Nach diesem traumatischen Erlebnis beschloss ich auf Rotation nur noch Einkäufe für den Eigengebrauch zu tätigen. Letzte Woche liess ich mich aber wegen einer herzzerreissenden Geschichte von diesem Grundsatz abbringen. Einer Bekannten schien mein Montréal Flug die ideale Gelegenheit zu sein, das von ihr verfärbte T-Shirt ihres Freundes zu ersetzen, stammte dieses doch von seinem kanadischen Lieblingshockeyclub. Da ich nicht schuld an einer Beziehungskrise sein wollte und da ich mich auf sicherem Terrain wähnte, weil ich in meiner Jugend selbst Eishockey gespielt habe, versprach ich ein solches Shirt zu besorgen.

„Kein Problem, schliesslich bin ich ja selbst ein Habs Fan. Da hilft man einem Kollegen doch gerne aus der Patsche. Von welchem Spieler soll es denn sein?“ „Habs?“ „Ja, so nennen die Einheimischen die Montréal Canadiens.“ „Nein, nicht von Montréal. Vom Club aus Calgary.“ „Die Flames?“ „Ja ich glaube so heissen die…“ Ach du Schande! Was hat für ein seltsamer Freund ist denn das!?! Zudem versuche man einmal in Lugano ein ZSC Trikot zu kaufen! Oder in Basel eines von GC. In Turin eines von Inter. In Hamburg eines von Bayern München… Lebensgefahr!

Nach der Landung in Montreal verbrachte ich deshalb eine schlaflose Nacht, in der ich mir einen Schlachtplan zurechtlegte. Geheimhaltung, beschloss ich, böte wohl die besten Chancen? Kurz nach Ladenöffnung schlich ich also in ein Sportgeschäft und stöberte, verstohlen über meine Schultern blickend, zwischen den Hockeytrikots herum. Leider fiel mein suspektes Verhalten sofort einem aufmerksamen Verkäufer auf. „Peux-je vous aider?“

Mein schön zurechtgelegter Plan war also nur noch Makulatur. „Je cherche un T-Shirt.“ antwortete ich um Zeit zu gewinnen. „Quel joueur?“ Was jetzt? Fliegender Wechsel zum Überraschungsangriff! „Iginla“ Das hatte gesessen! Die Verwirrung stand dem Verkäufer ins Gesicht geschrieben. „Iginla? Mais il joue à Calgary!“  „Exactement“ grinste ich. „A Montréal? Impossible!“ schüttelte er ungläubig den Kopf.

Ich wusste  genug und verliess das Sportgeschäft bevor der Verkäufer seine Fassung zurück erlangte. Die Szene wiederholte sich daraufhin noch in drei weiteren Sportgeschäften, bevor ich zu meiner eigenen Überraschung im vierten nicht nur ohne Nasenrümpfen bedient, sondern auch noch fündig wurde.

Nun befinden sich also zwei Flames T-Shirts und eine Flames Kappe in meinem Koffer und ich kann nur hoffen, dass heute Abend kein Habs Fan an der Sicherheitskontrolle sitzt, sonst gerate ich in akute Erklärungsnot…

GO HABS GO!

  

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2 Antworten to “Gefährliche Mission”

  1. Richi Says:

    Tja…diese Einkäufe. Ein Bekannter von mir musste Bio-Limetten einkaufen: Auf Wunsch seiner Frau – sie gab ihm einen Poschti-Zettel mit.
    Der Bekannte hat mit Bio nix am Hut – seine Frau schon. Der Einkaufzettel war undeutlich beschrieben.
    Der Mann las vom Zettel ab und verlangte im Reformhaus Bioletten.
    Die Reformhaus Verkäuferin konnte ihm auch nicht weiterhelfen.

  2. Dide Says:

    Cool. Diese Geschichte vereinigt ja so viele nicht zu unterschätzende Elemente unseres Berufes: endlose Einkaufstouren (meist für andere) in fremden Städten, schlaflose Nächte in Hotelzimmern dieser Welt, die praktische Anwendung mühsam erworbener Fremdsprachenkenntnisse oder die Angst des Fliegenden vor der Zollinspektion.

    Vor dem Hintergrund der Rivalität zwischen den Habs und den Flames bewundere ich deine Mission noch viel mehr lieber skypointer. Chapeau!

    Gruss Dide

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