Hauling down the flag

Gestern war es wieder einmal so weit. Ich musste zum dritten Mal in meiner militärischen Karriere zusehen, wie meine Einheit ihre Standarte zurückgegeben hat. Nach dem Infanterie Bataillon 34 und der Artillerie Abteilung 19, wurde heute die Artillerie Abteilung 36 verabschiedet. Nicht dass ich mit besonders viel Herzblut an diesem Verband gehangen bin – dafür waren die 2(!) Tage die ich darin Dienst verrichten durfte schlicht zu kurz – trotzdem stimmte es mich nachdenklich, in welchem Tempo sich die Schweizer Armee selbst abschafft. Was die Armeegegner um die Gruppe Schweiz ohne Armee bisher vergeblich angestrebt haben, schafft die Schweizer Regierung und ihre Generalität mittlerweile locker selbst.

Während der kurzen, aber würdigen Zeremonie wurde mir bewusst, dass nicht nur die drei oben erwähnten Verbände nicht mehr existieren, sondern auch die Rekrutenschule, in der ich meine Sporen als Soldat und Unteroffizier abverdient habe und die Offiziersschule, in der mir mein Offizierspatent verliehen wurde, nicht mehr existieren. Ja selbst die Waffengattung, in der ich militärisch aufwuchs, wurde bereits vor Jahren abgeschafft.

Militärisch gesehen bin ich mittlerweile also völlig heimatlos. Da ich aber meine Dienstpflicht noch nicht erfüllet habe, werde ich noch ein paar Jahre durch die verschiedenen Truppenkörper zigeunern und bin deshalb auf Asyl bei anderen Waffengattungen angewiesen.

Die letzten, die mich freundlich und – welch Überraschung – ohne Waffendünkel in ihrer Mitte aufgenommen habe, waren die Artilleristen. Leider haben sie dabei nicht beachtet, dass meiner Einteilung in ihre Einheiten deren Auflösung auf dem Fusse folgt! Offenbar ist aber alles noch viel schlimmer: Gemäss dem jüngsten Interview mit unserem Armeeabschaffungsminister werde ich es wohl noch erleben dass auch die Artillerie aufgelöst wird und, da die Panzerbrigade 11 das Unglück hatte die gestern aufgelöste Artillerie Abteilung zu befehligen, ist es auch um die Zukunft der Panzertruppen schlecht bestellt…

Was bleibt also in ein paar Jahren von der Schweizer Armee? Keine Kampftruppen und nur ein Häuflein schlecht ausgebildete Hilfsscheriffs? Man braucht kein Strategieexperte zu sein um zu wissen dass dies nicht funktionieren kann!

Zwar ist es vernünftig, dass man die Armee auf die wahrscheinlichste Bedrohung ausrichtet, aber jeder, der einmal eine militärische Weiterbildung genoss weiss, dass man vor allem auf die gefährlichste Bedrohung  vorbereitet sein muss! Ich stimme mit dem Armeebericht überein, dass zurzeit keine konventionelle militärische Bedrohung der Schweiz auszumachen ist und folglich für den Aufwuchs der Verteidigungsfähigkeit einige Jahre zur Verfügung stehen. Leider zeigt aber ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher, dass der Beginn einer unheilvollen Entwicklung, die schliesslich dazu führte, dass die Armee benötigt wurde, immer erst nachträglich erkannt wurde, so dass nie rechtzeitig darauf reagiert werden konnte.

Zudem ist verlorenes Knowhow nicht mehr wettzumachen. Wenn also heute sämtliche mechanisierten Waffensysteme abgeschafft werden, dann können wir auch in Zukunft nicht mehr darauf zurückgreifen und eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit wird zur Illusion.

Den Verantwortlichen Politikern und Militärs empfehle ich einen Blick in die eigenen Reglemente FSO (Führung und Stabsorganisation) XXI, OF (Operative Führung) XXl, TF (Taktische Führung) XXl und sich an die dort beschriebenen, bewährten Prozesse zu halten:

  1. Problemerfassung
  2. Lagebeurteilung mit der gefährlichsten und weiteren Bedrohungen (FSO XXI 3.5.5 § 166) (dürfte mit dem Sicherheitpolitischen Bericht 2010 geschehen sein)
  3. Daraus muss Grundentschluss (TF XXI 3.5.5 § 190) für ein Militärstrategisches Leistungsprofil abgeleitet werden (OF XXI 3.3). Dieser Grundentschluss muss Angemessen, Machbar, Tragbar und Vollständig sein (FSO XXI 3.5.5 § 181)
  4. Aus diesem Grundentschluss müssen die benötigten Kräfte abgeleitet werden.  
  5. Die benötigten Mittel (kostet Geld!) müssen der Sicherheitsorganen zur Verfügung gestellt werden
  6. Die Umsetzung des Entschlusses muss kontrolliert werden (FSO XXI 3.6.4)

Stattdessen wird nun aber mit dem Armeebericht 2010 versucht das Leistungsprofil der Armee über die zur Verfügung stehenden (Finanz-)Mittel zu definieren, was offensichtlich kein vernünftiger Ansatz ist. Die Politik orientiert sich hier an Mark Twain:

„Kaum verloren wir das Ziel aus den Augen, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.

Leider lassen sich mit Sicherheitspolitik keine politischen Lorbeeren holen und eine glaubwürdige Armee kostet viel Geld. Allerdings verhält sich damit wie mit einer Diebstahlversicherung: Wer denkt er könne eine solche erst am Tag vor dem Schadensereignis abschliessen, dem wird früher oder später die Rechnung für seine Fehleinschätzung präsentiert!

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5 Antworten to “Hauling down the flag”

  1. Marco Says:

    Sehr gutes Posting!
    Ich sehe das genau so. Die Argumentation, dass die Armee unser Land in einem Ernstfall sowieso nicht verteitidgen könnte, ist lückenhaft. Klar, gegen eine Grossmacht stünden unsere Chancen sehr schlecht (wenn wir tatsächlich alleine dastehen würden…). Nachdenklich stimmt mich aber der Fakt, dass in Griechendland Treibstofftransporter vom Militär eskortiert werden mussten, da man grosse Angst vor Überfällen hatte. Was passiert, wenn plötzlich eines unserer Nachbarländer wirtschaftlich derart am Abgrund steht, dass wir unsere Grenzen behaupten müssen?
    Wenn ich sehe, was andere Departemente für Kosten verursachen, ohne dass ständig über das Budget diskutiert wird, dann sehe ich nicht ein, wieso die Armee ständig günstiger und verkleinert werden soll. Meine Herren, hier geht es um die Landesverteidigung und nicht um eine Imagesache!

    Zusätzlich ist für mich eine allfällige Karriere in der Luftwaffe immer unsicherer. Wie viele Flugzeuge werden wir in fünf Jahren tatsächlich noch haben? Fünf oder sechs? Der Tigerteilersatz ist faktisch sowieso vom Tisch und auch die Hornets werden nicht jünger…

  2. G! Says:

    GROSSARTIG auf den Punkt gebracht! Danke für diesen Beitrag, du sprichst mir wortwörtlich aus der Seele, dem Verstand und dem Herz!

    Es ist tragisch und höchst bedenklich mitanzusehen, wie kurzfristig und leichtgläubig die Politik solche weitreichenden Entscheide fällt!

    Auf die Fliegerei bezogen würde dies bedeuten, dass wir auch die wichtigen Systeme nicht doppelt und dreifach führen müssen (wann fällt schon eines oder gar zwei Systeme aus?) und das Training im Simulator können wir streichen, denn es passiert ja eh nix.

    Lernt die Menschheit nie?

  3. Young Pilot Says:

    @G!

    Doch, die Menschheit lernt. Aber wenn die Ereignisse weiter zurückliegen und der Finanzbericht plötzlich vorliegt, dann vergisst der Mensch respektive der Politiker gern mal was früher passiert ist. Leider…

  4. Richi Says:

    Hauling down – tja, die Schweizer Fahne auf Halbmast kann schon Kopfzerbrechen bereiten.
    Ich habe jedenfalls alles aufmerksam durchgelesen.
    Meines Erachtens wurde unter den ganzen hier aufgeführten Szenarios künftiger Bedrohungen die eine vergessen:
    Vergessen wurde diese exorbitante, nicht enden wollende Staatsverschuldung! Wer weiss, vielleicht auch ein Grund, Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein SVP Bundesrat da so rabiat die Axt einsetzt. Und das in seinem very eigenen Verteidigungsressort! Ha ha – wer erinnert sich noch an den Dreher (der mit dem Flammenwerfer) und die Autopartei? Das ist als ob er, wäre er Verkehrsminister geworden, das Strassenbau Budget zusammengestrichen hätte…

    Bruno Kreisky, der österreichische Bundeskanzler von 1970-1983, verglich einst in einem Interview die Schweizer Armee mit der Oesterreichischen. Ausser ein paar fliegenden Saabs hatten die damals nicht viel aufzubieten. Oesterreich benötige die Armee einer Grossmacht, meinte Kreisky, zur Verteidigung seiner Grenzen – wollte sein Land mit der Schweiz gleichziehen. Sollten Oesterreichs Grenzen mit gleicher Dichte und ähnlichem Aufwand an Ressourcen verteidigt werden wie die Schweizer Grenze, müsste eine Grossmachtsarmee her…
    Vielleicht in Chinesischen Ausmassen. In all den Bedrohungsanalysen taucht das ominöse China immer öfter auf, von Jahr zu Jahr, wie man auch hier dem Sicherheitspolitischen Bericht entnehmen kann.
    Gibt’s wohl bald neue Swiss Destinationen und Direktverbindungen dorthin?
    China brummt und boomt;-)

  5. skypointer Says:

    Mal sehen. Irgendwohin müssen all die neuen Flugis, die die SWISS beschafft ja fliegen.

    Staatsverschuldung bremsen ist bestimmt eine gute Idee. Wenn da die Linke nur überall so konsequent wäre wie bei der Armee…

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