a pain in the ass

Schon auf der Busfahrt nach JFK schwante uns Böses. Bei einem Blick aus dem Fenster konnte man eine sich auftürmende Wolkenwand sehen. Zwar war das weiss schillernde Gebirge vom Boden betrachtet ganz hübsch, da aber jeder Pilot den Einflug in diese wabernde Masse tunlichst vermeidet, führen die dadurch verursachten Umwege im schon unter normalen Umständen notorisch überlasteten Luftraum mit Garantie zu gröberen Rückstaus. Natürlich wurde für solche Fälle vorgesorgt.

Severe Weather Avoidance Plan (SWAP) nennen das die Amerikaner mit ihrem Flair für Abkürzungen und politische Korrektheit. Viel treffender wäre allerdings der Ausdruck, der für die Bewältigung der durch Schneefall verursachten Störungen am Flughafen Zürich verwendet wird. CHAMAN oder auf gut Deutsch: Chaos Management.

Beim SWAP siegt das Chaos jeweils deutlich über das Management und so waren wir nicht sonderlich überrascht, als uns während der Flugplanung unser Dispatcher mitteilte, dass der frühe Zürich Flug vor dem Start 1 Stunde und 30 Minuten in der Warteschlange stand.

Das Einsteigen der Passagiere und die Beladung des Flugzeugs lief sehr zügig und so freuten wir uns nicht nur über die mit 6:50 Stunden äusserst kurze Flugzeit, sondern auch darüber, dass wir 10 Minuten vor der geplanten Zeit vom Gate zurückstossen konnten. Wenn da nur nicht die Gewitter und der SWAP wären…

Während ich rund vierzig Minuten später endlich die Triebwerke anwerfen durfte, wurden wir am Funk von unseren Kollegen vom Genf Flug aufgerufen. Sie sagten in leicht verzweifeltem Tonfall sie sässen mittlerweile schon eine Stunde vierzig im Stau fest und nichts bewege sich. „Autsch. Trotzdem guten Flug.“

Kurz darauf standen auch wir im berühmt-berüchtigten New Yorker „Queue“. Von den Gewittertürmen war nichts mehr zu sehen, denn inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Dafür durchzuckten östlich des Flugplatzes unzählige Blitze die Nacht und verbreiteten eine gespenstische Stimmung.

Als wir, nach fünfzig Minuten anstehen, die Nase endlich Richtung Osten drehen durften, zeigte der Wetterradar, dass die Gewitterfront genau auf unserem geplanten Flugweg lag. Deshalb mussten wir auf der Querpiste, in der „Penaltybox“ zuschauen wie wir Reihenweise von anderen Flugzeugen überholt wurden. Nach einer weiteren halben Stunde wurde uns eine neue Flugroute zugeteilt, so dass wir endlich weiterrollen konnten.

2 Stunden 45 Minuten nachdem wir das Gate verlassen hatten, durften endlich starten. Welche Erlösung! Die Gewitterfront hatte sich mittlerweile in Wohlgefallen aufgelöst. Genauso wie gut drei Tonnen Kerosin! Wenn ich diese sinnlose Treibstoffvernichtung mit der Zahl aller an diesem Abend mit uns im Stau festsitzenden Flugzeugen multipliziert hätte, dann wäre mir wohl schwindlig geworden!

Mittlerweile war ich aber bereits zu müde für solche Kopfrechnungen und so suhlte ich mich stattdessen lieber in Selbstmitleid, wegen meines bereits vor Beginn des Fluges schmerzenden Hinterteils. Zum Glück hatten wir die wohl beste Firstclass Kabine, die ich in meiner Karriere bisher erleben durfte und so wurde die lange Nacht, dank Cappuccino und wunderschön präsentiertem Essen, wenigstens einigermassen erträglich…

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8 Antworten to “a pain in the ass”

  1. TWR Mädel Says:

    …und bei uns wird schon gejammert wenn es mal 15 Minuten geht bis wir euch in die Luft bringen 😉

  2. skypointer Says:

    Na DER musste ja kommen.

    DISCLAIMER:
    Dieser Blog soll nicht als Ausrede dienen grössere Verspätungen in ZRH zu machen.

    Und Überhaupt: Wir jammern doch nie! Wir fluchen… 😉

  3. G! Says:

    Bei DEM Essen hat sich das Warten doch gelohnt…und lieber im Flieger in JFK am Boden als in NBO im Taxi warten (dann gehen irgendwann die Fluchwörter aus…)

    @TWR Mädel: Wenn ihr uns in ZRH so eine Skyline bietet, dann warte ich gerne 🙂

  4. TWR Mädel Says:

    WIR machen überhaupt nie Verspätungen – wenn schon sind die systemisch bedingt 😉 Genau genommen verwöhnen wir euch viel zu feste…

    @G! Wir haben leider zu wenig lange TWYs für sooo schöne Kolonnen.

  5. Echo Delta Lima Oscar Says:

    First Class Müsli.
    *grinsend den Kopf schüttel*

  6. Tweety Says:

    Mal eine Frage von einem interessierten Laien:

    Wenn ihr schon vorhersehbar eine Stunde und mehr im Stau steht, warum werden dann eigentlich nicht selektiv Triebwerke abgeschaltet?
    Bekommt man den 330 für einen Transatlantikflug betankt mit einem Triebwerk nicht mehr vom Fleck? Oder den 340 mit 2-3 Motoren?

  7. skypointer Says:

    Das selektive Abschalten von Triebwerken ist nur nach der Landung erlaubt. Vor dem Start ist das Gewicht tatsächlich zu hoch und man käme nicht oder nur mit sehr hohem Schub auf den laufenden Triebwerken vom Fleck. Der maximal erlaubte Schub während des Rollens ist auf 40% der Maximalleistung limitiert. Darüber besteht die Gefahr, dass die Triebwerke durch Ansaugen von Dreck und Staub beschädligt werden.

    Zudem kann es in engen Kurven – und davon gibt es in JFK endlos viele – mit abgestelltem Triebwerk sehr kritisch werden. Deshalb wäre das von Dir vorgeschlagene Abschalten einzelner Triebwerke selbst nach der Landung in JFK eine schlechte Idee.

    Erlaubt ist allerdings das völlige abschalten der Triebwerke wenn man sich mindestens 20 Minuten nicht bewegt. Dies wurde aber im beschriebenen Fall vom Tower mehrmals abgelehnt. Entweder weil die Kolonne alle 10 bis 15 Minuten um ein paar Meter vorrückte oder weil der Kontroller im ganzen Chaos schlicht selbst nicht wusste was in den nächsten 20 Minuten laufen würde…

  8. Tweety Says:

    Vielen Dank für die erhellende Antwort.

    Sieht also so aus, als müsste die Branche doch auf die elektrischen Antriebe im Fahrwerk warten.
    Ein Prototyp war ja z.B. auf der ILA Berlin zu besichtigen.
    Ich sehe schon Airbusse wie die Golfvehicel über sen Taxiway surren (in 20 Jahren 8-))

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