auto mode

Die Situation ist jedem Langstreckenpiloten bestens bekannt. Mitten im circadianen Tiefpunkt schaukelt man irgendwo über der gottverlassensten Gegend der Welt  durch die unendlichen Weiten der schwärzesten Nacht. Die halbnackte Dame im Blick hat man längst gesehen, den Tagesanzeiger vollständig gelesen und die NZZ ist zu dieser vorgerückten Stunde schlicht zu kompliziert. Das Gespräch mit dem Kollegen nebenan ist vor geraumer Zeit eingeschlafen. Irgendwann ist alles gesagt. Man ist froh das letzte Sudoku bereits vor Stunden gelöst zu haben, denn niemand mag zu dieser Unzeit noch Zahlen wälzen! Während man auf den nächsten Fuel Check oder Funkspruch wartet, macht irgend so ein Idiot auf der Pilot-to-Pilot Frequenz nicht wirklich komische Geräusche. Die Zeit dehnt sich zu einer tranigen Zeitlupe, die selbst Einstein nicht erklären könnte und der Autopilot frisst unendlich langsam den grünen Strich auf dem Navigationsbildschirm auf. Auto Mode…

Zum Glück blieb mir dies wenigstens auf dem Hinflug nach Los Angeles erspart. Der Tagflug führte über Grönland, als ein Wolkenloch den Blick auf die Gegend nördlich von Nuuk, wo riesige Gletscherzungen an der Davisstrasse lecken, frei gab.

  

Die türkisblauen Schmelzwasserseen auf den Gletscherrücken, die verschieden grünen Schattierungen der Küstengewässer und die beinahe surrealen Linienmuster der Gletschermoränen sorgten für Grossandrang im Cockpit.

 

Danach ging es Richtung Iqualit und über die Hudson Bay nach Churchill, wo für mich Feierabend war. Ich verkroch mich im wie immer viel zu kurzen Crewbunk und wurde gerade rechtzeitig geweckt um den Anflug auf Los Angeles vom dritten Cockpitsitz aus mitzuerleben.  

 

Über der schier endlosen Stadt der Engel fragte sich mein noch immer schlaftrunkenes Hirn ob es im äusserst dicht besiedelten Anflugsektor auf L.A. International wohl auch so etwas wie „Schneiser“ gibt. Dann könnte man vielleicht mal ein Austauschjahr organisieren. Das wär doch ein KLAX…

 

Als wir nach der Landung alle Passagiere verabschiedet hatten, war die einzige Hürde zwischen uns und dem Feierabendbier die amerikanische Einwanderungsbehörde. In der Warteschlange vor dem Crew Schalter machte ich den Kapitän auf die äusserst gelangweilt wirkende Beamtin aufmerksam: „Die sieht etwa gleich fit aus wie wir nach 8 Stunden Nachtflug! Das passt so gar nicht zum Plakat mit dem Motto „We are the face of the nation“, das vorne am Schalter hängt.“

Endlich war ich an der Reihe und überreichte der Dame meinen Pass. Schläfrig suchte sie nach dem Visum und fragte: „What’s your reason for coming to the states?“ Ich zeigte provokativ auf meine Uniformstreifen und antwortete: „Take an educated guess!“

Plötzlich hellwach richtete sich die Dame in ihrem Stuhl auf und meinte: „Sorry, somtimes I just switch to auto mode!“ Nun konnte ich mir ein breites Grinsen nicht mehr verklemmen und ich erklärte ihr, dass mir als Langstreckenpilot diese Situation bestens bekannt sei: Mitten im circadianen Tiefpunkt schaukelt man irgendwo über der gottverlassensten Gegend der Welt durch die unendlichen Weiten der schwärzesten Nacht…

…danach entwickelte sich doch tatsächlich zu ersten Mal in meiner Karriere ein freundliches Gespräch mit einer amerikanischen Einwanderungsbeamtin.

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10 Antworten to “auto mode”

  1. IVBANKER Says:

    … ;-)) Der mit dem KLAX ist wirklich gut… Organisieren wir doch einen Schneiseraustausch… wenn möglich in die Gegend von South Central….

  2. skypointer Says:

    Mein Vorschlag wäre Inglewood – irgendwo beim Schnittpunkt der verlängerten Centerline der Piste 24R mit dem San Diego Freeway. Wir wollen ja schliesslich eine verkehrsgünstige Lage bieten…

    …und es tönt fast so glamourös wie Hollywood. 😉

  3. Papa.Whiskey Says:

    Soo ein freundliches Hallo erstmal!
    Nachdem ich jetzt knapp 1 Woche gebraucht habe, um alle Berichte in deinem Blog aufzusaugen, hier mein Urteil: Top! Das steigert nocheinmal die Motivation sich auf die Einstellungsverfahren zur Ausbildung bei den diversen Airlines vorzubereiten!

    Etwas überrascht war ich allerdings, dass doch tatsächlich ein freundliches Gespräch mit einer Einwanderungsbeamtin wirklich möglich ist…ich war zwar erst einmal drüben, allerdings konnte ich mir danach nicht vorstellen, dass es tatsächlich freundliche Immigration Officers da gibt…

  4. skypointer Says:

    @Papa.Whiskey
    Willkommen auf meinem Blog. Freut mich dass es Dir gefällt und Dich motiviert. Ich hoffe es klappt mit der Selektion…

    …dann triffst Du vielleicht auch einmal einen freundlichen Immigration Officer. Bei mir dauerte es 11 Jahre und gefühlte 1000 USA Flüge (gezählt hab ich sie nicht). 🙂

  5. Papa.Whiskey Says:

    Das hoffe ich auch, leider ist das ja nicht so ganz einfach mit der Selektion!

    Aber mit den Immigration Officers habe ich eigentlich auch eine interessante Geschichte erlebt…nur als kurze Umriss: Auf dem Flug in die USA habe ich einen türkisch stämmigen Mittzwanziger kennengelernt, der sein Studium abgeschlossen hat und einfach mal in die USA wollte…ohne gebuchtes Hotel, ohne Rückflugticket…man kann sich vorstellen wie der Immigration Officer reagiert hat…leider musste ich direkt hinter dem Kollegen an dem Officer vorbei und hatte es dann auch nicht so ganz einfach…

  6. Tomy Says:

    Interessant, ich glaube, ich hätte den „Mumm“ nicht gehabt, eine schlaftrunkene Beamtin mit so einer Antwort zu wecken! Chapeau, und dann entwickelt sich auch noch ein gutes Gespräch daraus… Ist das etwa ein Sommermärchen? 😉

    Gruss,
    Tomy

  7. skypointer Says:

    Kein Märchen, nur eine vorlaute Schnauze. Manchmal ist das nicht besonders hilfreich, aber dieses Mal ging’s gut…

  8. TWR Mädel Says:

    Dein loses Mundwerk gefällt mir wirklich sehr gut 😉 So langsam aber sicher würde es mich wundernehmen wer denn da eigentlich dahintersteckt?? Ich hab mich ja sicher auch schon des öfteren mit dir rumgeschlagen…

  9. skypointer Says:

    Wundernase!

  10. TWR Mädel Says:

    Logo – TWR Mädel halt…

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