Aberzombie

Am nächsten Wochenende bin ich zu einer Taufe eingeladen. Der Täufling ist allerdings, was doch eher ungewöhnlich ist, bereits ein Teenager. Als solcher muss man natürlich besonders darauf achten immer cool zu wirken – als Teenie meine ich, denn Täufling zu sein ist in diesem Alter wohl von Vornherein äusserst uncool. Da bei Teenies bereits der kleinste modische Fehltritt einem peinlichem Gesichtsverlust gleich kommt, ist Modebewusstsein ein absolutes Muss. So ist es nur logisch, dass sich der Teenie-Täufling als Geschenk von mir ein modisches T-Shirt wünscht.

Da trifft es sich natürlich äusserst günstig, dass ich ausgerechnet heute New York, die Hauptstadt der modernen Modewelt, im Einsatzplan habe. Ungünstig ist jedoch, dass ich mich bereits vor gut 20 Jahren, als ich selbst noch ein Teenie war, nie als grosser Mode Fan hervortat. So musste ich mich zuerst einmal schlau machen was heute in ist und was überhaupt nicht geht. Dabei fand ich sehr bald heraus: Abercrombie & Fitch muss es sein! Jung, hip und äusserst cool. Also machte ich mich sofort nach meiner Ankunft auf den Weg in den Shop an der mondänen 5th Avenue.

Am Eingang empfingen mich zwei adrette Jünglinge, die mich freundlich grinsend willkommen hiessen. Leicht irritiert trat ich in das ziemlich düstere Lokal. Kaum eingetreten wurde ich von ohrenbetäubenden House Beats zusammengestaucht. Eine zuckersüsse Duftwolke umhüllte mich und betäubte meine Sinne. Alles drehte sich. Ein Adrenalinstoss durchzuckte meine Adern, denn ein unheilverkündender Gedanke brannte sich in mein benebeltes Hirn: „Scheisse wie ich bin ich nur in diesen Schwulenclub geraten!“

Man kann sich meine Erleichterung vorstellen, als sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten und ich an den Wänden des Etablissements schemenhaft einige Kleiderregale erkannte. Offenbar befand ich mich doch in einem Kleidergeschäft. Rund um mich erkannte ich jetzt immer mehr Leute. Allesamt jung, hip und äusserst cool. Einige begutachteten die feilgebotenen Textilien, während sich andere einfach nur zu amüsieren schienen und die „most beautiful people“ in den bereit stehenden Lounge Sesseln chillten.

Unwillkürlich zog ich meinen Bauchansatz ein und reckte meine Brust. Jetzt bloss nicht mein Alter preisgeben oder sonst negativ auffallen! Ich begab mich zu einem der Kleiderregale und begann nach einem passenden T-Shirt zu stöbern, als sich ein weiterer adretter Jüngling zu mir gesellte um mir honigsüss ins Ohr säuselte: „May I assist you? Do you want me to measure your size?“

Vor Schreck liess ich meinem Bauchansatz wieder freien Auslauf und klemmte stattdessen meine Arschbacken zusammen. „No thanks, I know my size quite well!“ stammelte ich und steuerte auf das nächste Regal zu. Hier fand sich tatsächlich ein genügend cooles T-Shirt. Als ich allerdings das Preisschild sah, stellte sich plötzlich wieder das überwunden geglaubte Schwindelgefühl ein. Wer bezahlt bloss so viel für einen schlecht gemachten Fummel?

Angewidert schmiss ich das Textilteil zurück auf seinen Stapel. Der junge Adonis von vorhin stürzte aus dem Nichts herbei und flötete: „Let me put this away for you. But this size will not fit you.“ „Herrgott wo kommst du schon wieder her!“ entfuhr es mir. „I beg your pardon?“ schnurrte der Jüngling. „Me too.“ schnauzte ich zurück und flüchtete in den unteren Stock…

Hier packte ich das erstbeste, einigermassen bezahlbare T-Shirt und hetzte zum ebenfalls jungen, hübschen und übertrieben freundlich lächelnden Kassier. Dieser fragte: „Do you want to buy our perfume?“ „Is it the same you use to scent the shop with?“ wollte ich wissen. „Yes of course!“ strahlte der Kassier zurück. „Heaven forbid!“ grinste ich bösartig und machte mich schleunigst aus dem Staub.

Zurück auf der Strasse bemerkte ich, dass ich roch wie ein orientalisches Puff. Ich brauchte dringend eine Dusche. Andererseits brauchte ich ebenso dringend ein Bier! Unentschlossen machte ich mich auf den Weg Richtung Hotel, als die Heartland Brewery wie eine Fata Morgana vor meinen Augen erschien. Schnell war die Dusche vergessen und während ich meine geschundenen Nerven an einem kühlen Hopfentee labte und schaudernd das Erlebte rekapitulierte, hoffte ich dass der Täufling das coole T-Shirt zu schätzen weiss, welches ich ihm unter Einsatz meines Lebens zwischen all den warmen Aberzombies beschafft habe…

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7 Antworten to “Aberzombie”

  1. skypointer Says:

    Offenbar besteht auf meinem Blog zur Zeit ein Problem mit den Kommentaren. Ich habe beim Betreiber interveniert und hoffe auf eine baldige Lösung.

    Ich hoffe natürlich, dass ihr Eure Gedanken, wenn das Kommentieren wieder möglich ist, doch noch zum Ausdruck bringt. 🙂

    Danke für Eure Geduld.

  2. G! Says:

    Eeeeendlich kann ich meinen Kommentar loswerden:

    Skypointer, was wir WIRKLICH sehen wollen, ist das Bild von dir mit den beiden knackigen Jünglingen am Eingang des „Schwulenclubs“… zeigen, zeigen, zeigen!

  3. skypointer Says:

    Ich fotografiere schon gerne, aber alles dann auch wieder nicht… 😉

  4. Flying German Says:

    Lustige Kolumne – ich kenne dein Alter nicht. Aber Du scheinst nicht mehr der Jüngste zu sein … Und Dein Eindruck von einem Schwulenclub ist auch lustig. Du scheinst auch in einem Hetero-Club schon gaaaanz laaaange nicht mehr gewesen zu sein. Könnte von meinem 80-jährigen Daddy kommen. 😉

  5. skypointer Says:

    Etwa halb so alt wie Dein Daddy…

  6. Hildis Says:

    Herrliche Schilderung dieses Einkaufserlebnisses, und sooo unterhaltend! Trifft jedoch den Nagel auf den Kopf. Shops in den US sind vielfach relativ dunkel und immer mit Musikberieselung; soll wohl zum Kauf animieren (vielleicht daher die Schwindelgefuehle!) Bin gespannt auf weitere Erlebnisberichte, vielen Dank!

  7. High Line « Nur fliegen ist schöner Says:

    […] schossen in mir unangenehme Assoziationen mit den Aberzombies durch den Kopf, doch der dadurch ausgelöste Fluchtreflex blieb ohne Effekt. Gnadenlos wurde ich in […]

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